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wenn gebärden stimmungen gebären

Gebärdernsprachdolmetscherin Laura M. Schwengber bei einer Konzertlesung von Samuel Koch auf dem Kirchentag 2017 - Foto © f1rstlife / Andrea Schöne

Sie übersetzt Musik

Gebärdendolmetscherin: Laura Schwengber wird bundesweit für Konzerte engagiert. Ein Schicksalsschlag brachte sie zur Taubstummen-Sprache

Als Laura Schwengber zwölf Jahre alt war, verlor ihr bester Freund Edi durch eine Erbkrankheit Augenlicht und Gehör. Doch Laura und Edi gaben nicht auf. „Wir waren sehr pragmatisch“, erzählt die heute 28-jährige Gebärdendolmetscherin bei einem Musikfestival in Nürnberg. Es war klar: Das Mädchen und der nun fast blinde und taube Junge mussten eine Zeichensprache erfinden, die über Berührungen funktionierte.

„Unsere erste Gebärde waren die Pikachu-Ohren“, erinnert sich Schwengber lachend. Denn am liebsten spielten die beiden Pokémon. Schließlich entwickelten sie auch Buchstaben: Mit dem Finger auf den Kopf tippen war das ’i’, für ein ’m’ berührte Laura mit dem Finger Edis Mund, für ein ’n’ seine Nase.

Während der Schulzeit träumte die Spreewälderin von einer Musikkarriere. Doch kurz vor dem Abitur beendete die Gesangslehrerin ihre Illusionen. „Sie hat einfach gesagt: Nein“, erinnert sich Schwengber heute.

Stattdessen studierte sie in Berlin „Deaf Studies“ („deaf“ ist englisch für „taub“), lernte verschiedene Gebärdensprachen, legte 2012 die staatliche Prüfung zur Gebärdendolmetscherin ab. Seitdem hilft sie gehörlosen Menschen etwa bei Arztbesuchen, Abiturprüfungen, Kindergeburtstagen oder Führungen durch den Bundestag. Doch Schwengber vergaß auch im Studium nie ihre zweite große Leidenschaft: die Musik.

Schwengber wird auch für klassische Konzerte engagiert

Eines Tages bekam sie eine Facebook-Nachricht von einer Volontärin des NDR: Die junge Journalistin wollte mit ihr ein Videoprojekt organisieren, Laura sollte Lieder in Gebärden dolmetschen. Sie war zunächst misstrauisch, schrieb dann aber doch zurück. Nach zwei Wochen hatte das Video 100.000 Klicks auf Youtube.

Heute arbeitet Laura Schwengber in ganz Deutschland als Gebärdendolmetscherin für Konzerte. Jahrelang ging sie mit der Ostrockband „Keimzeit“ auf Tournee. Seit 2016 reist sie jedes Jahr zum Eurovision Song Contest (ESC) und dolmetscht alle Songs mittlerweile live. Oft wird Schwengber auch für klassische Konzerte oder Musikfestivals engagiert.

Auf der Bühne: Die Gebärdendolmetscherin Laura Schwengber übersetzt mit Hilfe von Mimik, Gestik und Tanz die Live-Musik des Münchner Duos „Blind & Lame“. Foto: Giulia Iannicelli/epd



In Nürnberg steht sie unter anderem mit dem Münchner Duo „Blind & Lame“ auf der Bühne: Die blinde Mutter Gika spielt Gitarre, ihre im Rollstuhl sitzende Tochter Lucy singt. Laura Schwengber imitiert mit den Lippen den Gesang, hüpft im Rhythmus, tanzt, springt über die Bühne, gestikuliert ähnlich wie eine Rapperin. Zwischendurch singen Blind & Lame auch auf Spanisch und Türkisch,
was für die ESC-erprobte Laura Schwengber aber kein Problem ist.

„Ich glaube, dass auch wir Hörenden Musik sehr unterschiedlich erleben“, sagt die 28-Jährige auf die Frage, wie man Musik für Menschen ohne Gehör erlebbar macht. „Es geht nicht nur um die Töne, sondern um das Gesamtpaket: den Rhythmus, das Miteinander, den Flash. Jemand, der noch nie gehört hat, wird auch danach nicht wissen, wie eine Klarinette klingt. Aber ich glaube, er wird wissen, wie sie wirkt.“

Nach Konzerten bedankten sich oft gehörlose Besucher bei ihr, sagt sie und erzählt von 70-Jährigen,
die dank ihr zum ersten Mal ein Konzert miterleben konnten. Inzwischen hat sie es sich abgewöhnt, die Texte der Lieder, die sie dolmetschen soll, komplett auswendig zu lernen. „Ich weiß, worum es in den Liedern geht und wie jede Strophe anfängt, aber während des Konzerts reagiere ich lieber spontan“, sagt Schwengber. „Zum Beispiel falls der Sänger einen Blackout hat oder den
Text abändert.“

Natürlich passieren zwischendurch auch mal Fehler. Bei dem Song „So Perfekt“ von Casper verstand sie mal die Textzeile „Du kratzt, du beißt, Fastenzeit vorbei“ falsch. „Statt ’Fastenzeit vorbei’ habe ich ’Du fasst, du zeigst vorbei’ übersetzt“, erzählt Schwengber und lacht. „Was ja gar keinen Sinn ergibt.“

2017 hat die 28-Jährige 50 Konzerte gedolmetscht, in diesem Jahr waren es im ersten Halbjahr schon mehr. Erst ein Mal hat sie eine Anfrage abgelehnt. Sie kam von einem Rapper. „Ich habe den
Songtext gesehen und dachte mir: So viele Schimpfwörter kenne ich in Gebärdensprache gar nicht.“

Und was ist mit Edi, der noch heute ihr bester Freund ist? Durch Berührungen könnte Schwengber auch ihm die Magie der Musik nahebringen. Doch sie verneint: „Er sagt: ,Musik war noch nie mein Ding’. Die einzige, die er mag, ist von seinem Gameboy, mit dem wir früher Pokémon gespielt haben.

©7.9.2018 Neue Westfälische - Kultur/Medien



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ich durfte laura m. schwengber bei ihrer arbeit während des kirchentages in berlin bewundern. mit zwei kolleginnen übersetzte sie für gehörlose menschen eine mehrstündige veranstaltung zur seniorenarbeit in gebärdensprache. nach jeweils etwa 10 minuten waren die übersetzerinnen jeweils soweit ausgepowert, dass sie sich nahtlos ablösen mussten.

das ist ja eine hohe konzentrationsleistung und auch eine körperlich anstrengende und anspruchsvolle arbeit. mir fiel frau schwengber mit ihrer frappanten frisur immer wieder besonders auf, weil ich als "hörender" mal versucht habe, so eine gebärdensprach-übersetzung synchron und simultan mitwahrzunehmen - und ob ich auch "mitlesen" konnte - das klappte bei frau schwengber in ihren sequenzen für mich immer am besten - auch weil sich mir ihr profilierender gebärdenstil immer am eindrücklichsten erschien. 

ich war regelrecht begeistert, mit welcher kreativität da manche komplizierten sachverhalte "rübergebracht" wurden - dafür musste man schon äußerst schnell und "fit in der birne" sein ... - und wie, um nur ein "simples beispiel" zu nennen, der jeweilige allgemeine beifall aus dem plenum für die beiträge mit "händeflattern" an den erhobenen armen "gebärdet" wurde.

von daher habe ich mich gefreut, von frau schwengber heute im hauptaufmacher auf der kulturseite meiner heimatzeitung zu lesen - und damit mal wieder etwas von ihr zu "hören" ...