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banksy: als der luftballon geschreddert wurde - und doch nicht platzte



Als das Bild noch heil war: - "Girl with a Balloon"                   Bildquelle: WELT|AP


Das Mädchen mit dem Luftballon

Wie der Künstler Banksy ein Bild vernichtete und wertvoller machte

DIE ZEIT | Feuilleton ·  Ulrich Greiner

Unter den Witzen, die bildende Künstler manchmal machen, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen, ist der Witz, den sich jetzt der Street-Art-Künstler Banksy geleistet hat, einer der verblüffendsten. In den dicken Goldrahmen eines Gemäldes hatte er eine Schreddermaschine eingebaut, die sich just in dem Augenblick in Gang setzte, als es bei einer Versteigerung im Londoner Auktionshaus Sotheby’s für 1,2 Millionen Euro seinen Käufer gefunden hatte. Das Bild, das ein kleines Mädchen mit einem roten Luftballon zeigt, bewegte sich zum Entsetzen der Zuschauer unten aus dem Rahmen heraus, säuberlich in Streifen geschnitten.

Das Ziel des Künstlers Banksy besteht zunächst darin, dem Kunstbetrieb Widerstand zu leisten. Die Öffentlichkeit weiß nicht, wer er ist, und kann folglich nur über seine Bilder spekulieren, nicht über seinen Lebenswandel. Und die Bilder scheinen nicht für Museen und Galerien gedacht, sondern befinden sich auf Brandmauern und Kaianlagen. Die Selbstvernichtung des Gemäldes Girl With Balloon ist also ein Witz, der den Aberwitz des Kunstmarktes bloßstellt, ihm aber zugleich auf besonders tückische Weise dient. Denn natürlich sagen jetzt einige, das Zerschneiden des Bildes habe seinen Geldwert abermals erhöht. Und andere sagen, alle Indizien sprächen dafür, dass Sotheby’s eingeweiht gewesen sei. An dem Fall ist eigentlich alles unklar außer der Tatsache, dass viele gelacht haben.

Klar ist aber, dass der Kunstmarkt ein mörderischer Gegner ist. Das erfährt auch der berühmte Künstler Jed Martin in dem Roman Karte und Gebiet von Michel Houellebecq. Sein Gemälde Damien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf will und will ihm nicht gelingen, sodass er es am Ende brutal zerstört. Er begreift: Kunst und Kunstmarkt sind inkompatibel. Wo liegt die Rettung? Für den Maler in Adalbert Stifters Erzählung Nachkommenschaften liegt sie in der völligen Einsamkeit, in der Abwendung vom Publikum. Der Mann hat es sich in den Kopf gesetzt, eine bestimmte Landschaft – ein Stück Moor mit einem Wald dahinter – bis zur Verwechselbarkeit ähnlich abzumalen, und er lässt sich dafür eigens eine Hütte errichten. An der Aufgabe scheitert er viele Male, und jedes dieser Bilder verbrennt er. Niemand außer ihm hat sie je gesehen. Als ihm zuletzt ein Bild gelingt, das der Natur gewissermaßen ähnlicher sieht als sie sich selbst, gibt er das Malen auf und heiratet die naturgemäß schöne Tochter des nachbarlichen Grundbesitzers.

Man muss das Thema nicht derart ernst nehmen wie Adalbert Stifter, man kann es auch leicht nehmen wie Banksy. Aber es ist längst nicht ausgemacht, wer dabei als Letzter lacht.

Text: DIE ZEIT 42/18 - S.45

Love is in the Bin (Liebe ist im Eimer) - Bildquelle: Sotheby's


"Love is in the Bin"

Bieterin will geschreddertes Banksy-Werk behalten

Eine Frau bot mehr als eine Million Euro für ein Kunstwerk von Banksy. Als bei der Versteigerung der Hammer fiel, zerstörte es sich zum Teil selbst. Nun wurde bekannt: Sie will ihr "Stück Kunstgeschichte" behalten.

Die Frau, die bei einer Versteigerung in London das Kunstwerk "Girl with Balloon" von Banksy erworben hatte, will es nach wie vor haben - obwohl es kurz nach der Auktion durch einen im Rahmen eingebauten Schredder teilweise zerstört wurde. "Wir freuen uns, den Kauf zu bestätigen", sagte Alex Branczik vom Auktionshaus Sotheby's am Donnerstag. Die anonyme Sammlerin aus Europa, eine langjährige Kundin des Auktionshauses, hält demnach an dem Geschäft zum ursprünglichen Preis von 1,04 Millionen Pfund fest. Das sind umgerechnet 1,2 Millionen Euro.

Bei der Auktion am vergangenen Freitag hatte sich unmittelbar nach dem Verkauf ein im Rahmen versteckter Schredder eingeschaltet und das Kunstwerk teilweise zerschnitten. Banksy bekannte sich einen Tag später zu der Aktion, sie war lange geplant.

"Banksy zerstörte kein Kunstwerk bei der Auktion, er schaffte eines", sagte nun Branczik. Das neue Werk mit dem Namen "Love is in the Bin" sei das erste, das während einer Auktion geschaffen worden sei. Das neue Kunstwerk soll der Öffentlichkeit am 13. und 14. Oktober in den Räumen von Sotheby's in London präsentiert werden.

Die neue Arbeit wurde von Pest Control (Abb.), Banksys Authentifizierungs-Service, mit einem Zertifikat versehen und erhielt den neuen Titel " Love is in the Bin" . Die Käuferin, eine europäische Sammlerin und langjährige Kundin von Sotheby's, führt den Kauf zu dem gleichen Preis durch, den sie in dem Raum in der Nacht erzielt hat.

Die Käuferin wurde mit dem Satz zitiert: "Als das Werk geschreddert wurde, war ich zunächst geschockt, doch allmählich fing ich an zu realisieren, dass ich an mein eigenes Stück Kunstgeschichte gelangt war."

In der Mitteilung des Auktionshauses wird auch der ehemalige Galerist Banksys, Steve Lazarides, zitiert: Er habe zwölf Jahre lang mit Banksy gearbeitet, heißt es darin. "Die Idee, dass der Künstler sich mit einer Einrichtung zusammentut, um einen solchen Streich zu inszenieren, ist die komplette Antithese zu seiner Philosophie." Tatsächlich waren nach der Auktion Mutmaßungen laut geworden, ob Auktionshaus und Künstler die Aktion gemeinsam geplant hatten.

Banksy ist der prominenteste Street-Art-Künstler der Welt, seine Werke prangen in vielen Ländern an Wänden und Mauern. Häufig haben die Bilder deutliche politische Botschaften. Bei "Girl with Balloon" streckt ein kleines Mädchen seinen Arm nach einem davonfliegenden roten Ballon in Herzform aus. Das Bild gehört zu den bekanntesten Motiven des vermutlich aus Bristol stammenden Künstlers - ursprünglich zierte es eine Mauer von East-London.

aar/dpa/AFP

aus: SPIEGEL  und Sotheby's



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tja - wenn man mich fragt, was ich von diesem neuesten banksy-coup halte, muss ich "neutral" mit den schultern zucken: "die einen sagen so - und die anderen sagen so" ...

ich bin - oder besser gesagt: ich war - immer ein fan von banksy und seiner barrierefreien unkommerziellen kunst. aber mit diesem "balloon"-trick hat er doch arg in meiner achtung verloren. die 'welt" schreibt völlig zu recht: "banksy verhöhnt den markt und bedient ihn gleichzeitig" ...


oder es ist tatsächlich
ein kommerz-kulturelles neuland,
das da betreten
und vielleicht schon
in aller eile erschlossen
und ein für alle mal
durchwatet wurde.

entweder ist es eben ein riesengroßer pr-coup: für banksy, für sotheby's und für die käuferin - oder es ist tatsächlich ein kommerz-kulturelles neuland, das da betreten und vielleicht schon in aller eile erschlossen und ein für alle mal durchwatet wurde.

ideelle werte lassen sich nun mal nicht zerstören: da hilft auch kein schreddern und kein reißwolf - und jedes materielle oder immaterielle oder virtuelle "gebilde" kann einen wert erzielen und seinen ideellen wert steigern oder verlieren - das regelt und verdaut der "markt", wenn man ihm futter dazu offeriert ...

immerhin war das "mädchen mit dem luftballon" bei einer umfrage 2017 zum "beliebtesten kunstwerk" großbritanniens gekürt worden.

warum sotheby's das bild mit dem schweren high-tec-reißwolf-rahmen nicht näher untersuchte - und diesmal aufgehängt darbot bei der auktion, statt es, wie sonst bei solchen kunstwerken üblich, auf einem podest zu präsentieren (dann hätte nämlich das phänomen "schreddern" gar nicht in gang gesetzt werden können ...) - bleibt zunächst einmal ein geheimnis der beteiligten oder verborgenen protagonisten ...

„das zertifikat des künstlerateliers "pest control" - (siehe oben) für die vorliegende arbeit besagt, dass der rahmen ‚bestandteil der arbeit‘ ist.“ und als sotheby’s das werk für die katalogisierung ausrahmen wollte, „wurden wir gebeten, den rahmen nicht zu entfernen, weil er teil des kunstwerks war“. man habe auf keinen fall „diese wünsche des künstlers verletzen und das kunstwerk zerstören wollen“. das kann entweder unter naivität oder in weiser vorausahnung unter Sarkasmus verbucht werden, meint marcus woeller in der "welt

und die kunstwelt hat ja zum glück immer wieder neue "unmöglichkeiten" kreiert: niki de saint phalle zerschoss kleine farbnäpfchen, die über papier baumelten, beuys pumpte honig durch ein schlauchsystem und platzierte eine ecke mit ranzigem fett ins museum, die dann von einer raumpflegerin unrühmlich im putz-wahn abgeräumt wurde ("ist das kunst - oder kann das weg" ...) - und erst heute las ich beispielsweise in der "taz" von einer "kunst der stadtverschafung" des künstlers georg winter, einer performance in delmenhorst, wo eine unansehnliche brachfläche beweidet wird von einer schafherde im zuge einer "landart"-aktion - so ähnlich habe ich das wenigstens verstanden ...

fest steht: "kunst" ist immer weniger eine reine augenlust - sondern immer mehr ein alle sinne erfassendes ereignis und erlebnis - oft nur ein paar augenblicke lang ...
p.s. die arbeiten in meiner sinedi-art|gallery werden von mir oder von einem imaginären mechanismus übrigens nicht geschreddert, um vielleicht dafür überhaupt oder gar mehr kohle abzuziehen: alles ist dort völlig barrierefrei, wunderschön, und tag und nacht begehbar - auch montags - und was dir gefällt kannst du einfach "downloaden" ...





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