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Hans Otto - * 10. August 1900 in Dresden; † 24. November 1933 in Berlin

Charme und Haltung

Eine Erinnerung an den Schauspieler Hans Otto - ein frühes Opfer nationalsozialistischer Gewalt in Berlin

Von Ralf Stabel

Wo ist Hans Otto geblieben? So wurde in Johann Kresniks Inszenierung „Gründgens“ am Deutschen Schauspielhaus Hamburg die berühmte und umstrittene Titelfigur anklagend befragt. Was ist mit Hans Otto geschehen?

Gustaf Gründgens kam 1932 ans Preußische Staatstheater in Berlin, seine erste Rolle war der Mephisto in Goethes „Faust“. 1934 wurde er dort Intendant und zum Staatsschauspieler ernannt. Er blieb es bis 1945. Nach dem Krieg setzte er seine außergewöhnliche Karriere als Schauspieler und Regisseur in Düsseldorf und Hamburg fort; er starb 1963. Hans Otto war in Berlin ein fast gleichaltriger Kollege. Nationalsozialisten haben ihn ermordet. Gustaf Gründgens - auch das gehört zu dieser schlimmen Geschichte - bezahlte die Beerdigung.

Am 24. November 1933 war Hans Otto an den Folgen mehrtägiger Folterungen gestorben. Zur Beerdigung auf dem Friedhof in Stahnsdorf erschien Gründgens, wie das gesamte Ensemble, allerdings nicht. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels hatte dies untersagt.

Heute muss man auch fragen: Wer war Hans Otto? Wer kennt seinen Namen? Hans Otto war bis zum Tag seiner Verhaftung am 14. November 1933 einer der bekanntesten und beliebtesten deutschen Schauspieler.

Geboren wird Otto am 10. August 1900 in Dresden. Als er elf Jahre alt ist, stirbt die Mutter. Er ist der
Jugendlicher Held - Hans Otto - nach einem Ullstein-Foto
älteste von fünf Brüdern, hat noch eine ältere Schwester. Nicht einmal 18 Jahre alt, kommt er für wenige Monate zum Militär. Anschließend fühlt er sich stark genug, dem übermächtigen Vater zu eröffnen, dass er nicht wie vorbestimmt Kaufmann, sondern Schauspieler werden möchte. Als der dies zurückweist, bricht der sensible junge Mann ohnmächtig zusammen. Doch er nimmt Unterricht und wird mit 21 Jahren von Adam Kuckhoff ans Frankfurter Künstler-Theater engagiert.

Dort lernt er die Schauspielerin Mie Paulun kennen, die zehn Jahre ältere Frau seines Chefs. Sie werden heiraten. Stationen seiner Laufbahn ab 1924 sind die Hamburger Kammerspiele unter Erich Ziegel, dann ein Engagement bei Walter Bruno Iltz am Reußischen Theater in Gera, anschließend wieder zurück nach Hamburg. Bereits 1929 wechselt er nach Berlin an das von Victor Barnowsky geführte Theater in der Stresemannstraße. Ein Jahr später wird er von Leopold Jessner ans Staatliche Schauspielhaus am Gendarmenmarkt verpflichtet.

Ein Jungstar, würde man heute sagen. Seine Rollenfächer sind jugendlicher Liebhaber und Held. Er spielt den Romeo und den Prinzen von Homburg, den Orlando und den Egmont sowie den Posa, den Beaumarchais, den Clavigo, den Woyzeck und viele andere mehr. Er ist auch die Titelfigur in Bertolt Brechts „Leben Eduards II. von England“ und spielt in Friedrich Wolfs „Kolonne Hund“.

Sein Kollege Wolfgang Heinz wird sich später erinnern: „Hans Otto sah sehr gut aus, wie für die Bühne geschaffen. Er sah aus, wie ein jugendlicher Held aussehen muss.“

Die Kritiken der Anfangsjahre sprechen bei Otto von Leidenschaft und Jugend, aber auch von einem knabenhaften Darsteller, der mit dem Überschwang seiner Jugend spielt. Er überzeichnet offenbar gern. Die Rolle des Ruprecht in „Der zerbrochne Krug“ soll von ihm etwas übersteigert dargestellt worden sein. Den Leon in Franz Grillparzers „Weh dem, der lügt“ findet die Presse „zu krass ausgedrückt in Spiel und Bewegung“. Von „wild überschäumend“ bis „übersteigert“ ist die Rede. Doch schon bei seinem zweiten Hamburger Engagement scheint er sein Temperament in den Griff bekommen zu haben.
Hans Otto - Bildbearbeitung nach einem Foto in der Märkischen Allgemeinen

Von „außerordentlicher dramatischer Intensität“ sei seine Interpretation in Ferdinand Bruckners „Die Verbrecher“ gewesen. Die Darstellung des Homosexuellen Ottfried scheint ihm so überzeugend gelungen zu sein, dass die Aufführung des Stückes tumultartige Szenen auslöst und er aus der Rolle tretend den aufgebrachten Zuschauerinnen und Zuschauern zuruft: „Beruhigen Sie sich doch, ich bin ja gar nicht so!“ Der Schauspieler Paul Bildt meinte, Otto habe Frauen und Männer gleichermaßen in seinen Bann gezogen.

Durch den Kollegen Gustav von Wangenheim wird er mit dem Marxismus und kommunistischen Ideen bekannt. Er tritt 1927 in die KPD ein, engagiert sich neben der eigenen Karriere für Arbeitertheater und in der Gewerkschaft der Bühnenangehörigen und wird 1931 deren Obmann in Berlin. In dem Ufa-Film „Das gestohlene Gesicht“ spielt er im Jahr zuvor die Hauptrolle des Bill Breithen, einen begabten Verwandlungskünstler, der sich in immer neuen Masken der Verhaftung entzieht. Hatte er die für ihn so erfolgreiche Rolle des jugendlichen Helden so verinnerlicht, dass er glaubte, sie auch im wahren Leben spielen zu können, spielen zu müssen?

Als im Februar 1933 sein Engagement am Staatstheater nicht verlängert, er seiner Funktion in der Gewerkschaft enthoben und die KPD verboten wird, beginnt er mit der lebensgefährlichen Widerstandsarbeit im Untergrund. Er hätte als im NS-Deutschland gefährdeter Schauspieler nach Wien, Prag und Zürich gehen können. Die Angebote lagen vor.

Doch er bleibt und wird am 14. November 1933 in einem Café am Victoria-Luise-Platz verhaftet, an verschiedenen Orten in Berlin misshandelt und schließlich von der SA aus dem Fenster des dritten Stocks ihres berüchtigten Quartiers in der Voßstraße gestoßen - ein Selbstmord soll vorgetäuscht werden. Von vielen wird er vermisst: Bertolt Brecht schreibt nach dem Verschwinden von Hans Otto einen offenen Brief an dessen Kollegen Heinrich George.

Darin schildert er den Schauspieler als einen „Mann seltener Art, unkäuflich“ und fragt: „Wo ist er?“ Mehrsprachige Flugblätter weisen nach seinem in Deutschland verschwiegenen Tod im Ausland auf sein Schicksal hin. 1937 wird in Zürich der Hans-Otto-Fonds gegründet. Ein Prozent der Gage gibt das Ensemble zur Unterstützung des antifaschistischen Kampfes, in Prag beteiligt man sich ebenso.

Der Brief von Bertolt Brecht wird 1938 beim Gastspiel des Berliner Schillertheaters in Prag mit der Inszenierung „Der Richter von Zalamea“, in der einst Hans Otto mitgespielt hatte, in den Zuschauerraum geworfen. Und er wird nicht vergessen: Nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es am 24. November 1946 endlich die Trauerfeier für Hans Otto im Deutschen Theater Berlin. Die aus der Emigration Heimgekehrten, die KZ-Überlebenden und die, die geblieben waren und weitergearbeitet hatten, erinnern sich an ihren ehemaligen Kollegen und Freund. Im folgenden Jahr wird die Hans-Otto-Stiftung mit einem nach ihm benannten Stipendienfonds gegründet.

In der DDR wird das Erinnern an ihn dann staatlich gelenkt, das von den Nationalsozialisten zerstörte Leben des Hans Otto wird für den Aufbau einer sozialistischen Nationalkultur auch instrumentalisiert. Ab 1958 werden Theaterensembles und einzelne, auch internationale Theaterkünstlerinnen und -künstler im Rahmen eines nach ihm benannten Wettbewerbs mit dem Hans-Otto-Preis ausgezeichnet. Es gibt Hans-Otto-Plaketten und -Medaillen. Sein Stiefsohn Armin-Gerd Kuckhoff, der in den 1960er Jahren Leiter des nach Leipzig verlegten Deutschen Theater-Instituts Weimar wird, schlägt vor, dieser Theaterhochschule den Namen „Hans Otto“ zu verleihen, den sie von 1967 bis zu ihrer Auflösung 1992 tragen wird.

Viele namhafte Künstlerinnen und Künstler hat diese Schule hervorgebracht. Zu den bekanntesten zählen sicher Peter Ensikat, Eberhard Esche, Freya Klier, Harry Kupfer, Thomas Langhoff, Ulrich Mühe, Jörg Schüttauf, Peter Sodann und viele andere. Das Theater in Potsdam und seit 1974 eine Straße in Berlin-Prenzlauer Berg sind nach ihm benannt, 1975 ernennt das Deutsche Theater Berlin ihn posthum zum Ehrenmitglied. 1948 und 1985 erscheinen in der DDR zwar Bücher über ihn, aber eine ideologiefreie, sein Leben und Werk darstellende Monografie gibt es bis dato nicht. In der ehemaligen Bundesrepublik ist ein Gedenken an den Künstler, Kommunisten und Gewerkschafter gar nicht erkennbar. Erst 2016 hat sich ein Verein gegründet, der das Andenken an diesen besonderen Menschen und Künstler bewahren möchte.



Am Hansa-Ufer 6 in Berlin und vor seinem Geburtshaus in Dresden erinnern heute Stolpersteine an ihn und sein Schicksal, und seit diesem Jahr ist seine letzte Ruhestätte eine Ehrengrabstelle des Landes Berlin. Die neue Intendantin des Potsdamer Hans-Otto-Theaters, Bettina Jahnke, ist Absolventin der Leipziger Hochschule. Der Name Hans Otto sei ihr Verpflichtung, bekennt sie immer wieder. Einer der von ihr am häufigsten verwendeten Begriffe bei der Vorstellung ihrer Theaterpläne ist „Haltung“. Hans Otto hatte Haltung. Viele seiner Kollegen nicht.

TAGESSPIEGEL Nr. 23660 - 24.11.2018 - S. 25 - KULTUR


„Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst“, sagt der sozialpsychologe harald welzer in einem essay. ja - als hätten die nationalsozialisten immer gern "ganze arbeit" gemacht: mit dem im wahrsten sinne des wortes anschließenden "tot-schweigen" nach der tat an den nazi-opfern sollten nach damaligen sprachgebrauch menschen tatsächlich "ausgemerzt" werden: ein für alle mal vernichtet werden.

dagegen hat der künstler gunter demnig eben auch seine inzwischen 70.000 "stolpersteine" gelegt, damit das nicht geschieht: damit wir über die namen - und die personen dahinter - "stolpern" - und nach ihnen googeln und forschen, wenn wir so einen stein z.b. mit dem smartphone fotografiert haben.

hier war es der "tagesspiegel", der den vergessenen schauspieler hans otto ins bewusstsein rückt, denn diejenigen, die sich tatsächlich an ihn erinnern, werden von tag zu tag weniger. und damit würden eben auch die namen vergehen ...

aber auch das nazi-unrecht iund all die mordtaten verjähren nicht - und lassen sich eben nicht und hoffentlich nie gänzlich "ausmerzen" ...

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