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auch das ist: Hanau auf den Grund gehen - MÄNNERPHANTASIEN - Neuauflage von Theweleits inneren Reflexionen

ja - ich hatte schon mal, am 12.01.2020, zur neuauflage von "männerphantasien" einen beitrag hier im blog eingestellt. 
und nun kommt noch ein besuch bei klaus theweleit himself in freiburg der autorin antonia baum hinzu, den sie in der neuesten "zeit" refelektiert - auch, in dem sie explizit eine verbindung des alt-sellers "männerphantasien" mit den jüngsten faschisten-morden von hanau und halle knüpft. 
und dabei ist mir dann auch klar geworden, dass dieses werk umgangssprachlich und mit unorthodoxen beispielen gespickt auf über 1200 seiten erklärt, warum und wie ein damaliger und ein heutiger rechter gewalttäter "tickt" - oft als ein "einsamer wolf" be- und gezeichnet... 
und was da in ihm rumort und drängt, dass es ihn schließlich zur tat treibt: augen zu und durch, fast wie in trance - alle "vernunft" in sich auschhaltend. 
ich habe deshalb diese beiden rezensionen der "männerphantasien" - eine von hannes soltau im "tagesspiegel" - und eben diese hier von antonia baum in der "zeit" -  meiner kleinen triologie "hanau auf den grund gehen" als vierten beitrag hinzugefügt - und diese beiträge zum hintereinanderlesen auch auf meine website gestellt. (si.) 



ZEIT-Feuilleton

Antonia Baum
Zu wenig Körperkontakt

Warum werden Männer zu rechten Gewalttätern? Diese Frage beschäftigt Klaus Theweleit schon seit vierzig Jahren. Nun ist sein Bestseller »Männerphantasien« neu aufgelegt worden. Ein Besuch bei dem Schriftsteller und Kulturwissenschaftler 


Zunächst ein paar stabile Porträtsätze, die in einer echten Klaus-Theweleit-Homestory, die dieser Text einfach nicht werden wird, unbedingt enthalten sein müssen: In einer ruhigen Straße in Freiburg liegt ein Familienhaus in der Sonne, in der Einfahrt steht ein Ford Focus. Der Schriftsteller und Kulturtheoretiker Klaus Theweleit öffnet lächelnd die Tür und trägt eines seiner für ihn typischen gemusterten Hemden. Mit einer Thermoskanne (Kräutertee) bewaffnet, bittet er, ihm in sein Arbeitszimmer zu folgen. Gemeinsam steigt man eine steile Holztreppe hinauf, die in Theweleits Reich unters Dach führt. Man könnte jetzt noch ein paar solcher Sätze abfeuern, die die zahllosen Bücher, Platten und Zeitungsstapel thematisieren und damit die Analogie Dachboden/Elfenbeinturm/68er bemühen – Sätze, die noch lächerlicher wirken, sobald es darum geht, worum es eigentlich geht (kleinen Moment noch). Die Frage, die sich daraus ergibt, ist, ob es überhaupt eine gute Idee ist, Klaus Theweleit als ganz normalen Menschen besuchbar machen zu wollen. Oder ob man es lassen soll.

Aber ich will ihn natürlich treffen, denn der 1942 geborene Klaus Theweleit hat mit seinem Buch Männerphantasien eine Art Kulturgeschichte männlicher Gewalt vorgelegt und damit, so die vielfach eingenommene Rezeptionshaltung, vor über vierzig Jahren das Buch der Stunde geschrieben. Deswegen sitzen wir heute hier, und über dieses Treffen zu schreiben ist tatsächlich der absolute Horror, wofür allerdings Klaus Theweleit nichts kann. Denn während der etwa vierstündigen Begegnung wird viel passieren, ohne dass tatsächlich etwas passiert. Wir werden dasitzen, reden, uns kaum bewegen und ansonsten Luft sein, wobei die Schwierigkeit, daraus einen sinnvollen Text herzustellen, dadurch gesteigert wird, dass das Gesprächsgrundlagen-Werk Männerphantasien 1278 Seiten umfasst, die im Grunde nicht zu bändigen sind. Ähnliches hat in den späten Siebzigerjahren auch ein Germanistikprofessor über den Verfasser des ursprünglich als literaturwissenschaftliche Dissertation vorgelegten zweibändigen Werkes gesagt (»ungezügelte Intelligenz«) und ihm mit dieser Begründung eine Anstellung am germanistischen Institut in Freiburg verweigert. Befasst man sich mit Theweleits Texten, muss man davon ausgehen, dass ihm das Dozieren sowieso eher widerstrebt, und tatsächlich spricht er zunächst leise und vorsichtig, möglicherweise weil er merkt, dass sein Gegenüber ein bisschen zu viel Respekt vor ihm hat, was ich natürlich ebenfalls merke, und so haben wir am Anfang ein bisschen eine Pattsituation.

Deswegen erst mal zu Männerphantasien: Theweleit untersucht darin die schriftlichen Erzeugnisse von Freikorpssoldaten aus den 1920er-Jahren (Romane, Briefe, Erinnerungen) und legt mithilfe eines literaturwissenschaftlichen und der Kinderpsychoanalyse entlehnten Instrumentariums ihre faschistischen Gewaltfantasien offen. Bei der Lektüre kann einen Theweleits assoziative Schreibweise leicht nervös machen, gleichzeitig ist es aber genau dieses als literarisch zu bezeichnende Verfahren, das Erkenntnis ermöglicht. Theweleit fiel die »durch und durch angstbesetzte Wahrnehmung des ›anderen Geschlechts‹« der Freikorpsmänner auf, die Frauen nur denken konnten als Huren, Mütter oder »weiße Krankenschwestern«, wobei die »reinen«, entsexualisierten Frauen als Beschützerinnen Deutschlands wider die rote Flut (Kommunismus) imaginiert wurden, während die »Spartakistenweiber« umgelegt und kaputt geschlagen werden sollten. Aber warum eigentlich?


Der Autor Klaus Theweleit, 78, in seinem Arbeitszimmer in Freiburg | Foto: Patrick Junker/laif | ZEIT


Hier kommt die Kinder-Psychoanalyse ins Spiel: Würde man einen Menschen als Baby und Kleinkind anbrüllen oder gar schlagen und würden dessen Bedürfnisse nicht adäquat beantwortet, etwa indem man es schreien lässt und ihm zu wenig Körperkontakt gibt (also exakt das, was auch die Top-Nazi-Pädagogin Johanna Haarer den deutschen Müttern empfahl, deren Tipps noch lange nach 45 befolgt wurden), dann ziehe es sich nach innen zurück und baue keine Beziehungen auf. Theweleit beschreibt das mit der Figur des Nicht-zu-Ende-Geboren-Seins, die für das Buch zentral ist. Ob er die, zwischen zwei Schlückchen Kräutertee, vielleicht mal ganz kurz erklären könne, bitte? »Statt Beziehung wird ein Panzer ausgebildet, um realitätstüchtig zu werden und das angsterfüllte, instabile Innere im Zaum zu halten. Dadurch kann die Ich-Struktur nicht entstehen, also dass ich weiß, wo ich anfange und wo ich aufhöre. Deswegen findet der soldatische Mann Drill und Hierarchien so wichtig. Weil sie ihm Körpergrenzen verpassen. Er muss wissen, wo oben und unten ist, und wenn sich da was ändert, fühlt er sich bedroht, und im schlimmsten Fall fordert er, dass das, wovon er sich bedroht fühlt, entfernt wird. Und aus diesem Grund sage ich, Faschismus ist primär keine Ideologie, sondern ein Körperzustand. Die Ideologie ist Schwachsinn und als solcher auch leicht identifizierbar. Die ist nur draufgeklebt.«

Theweleit als Homestory bleibt ein Problem. Aber über dem Türrahmen hängt ein Foto, auf dem der Blick aus einem Fenster zu sehen ist, vor dem verschiedene Freiburger Häuser stehen, und genau dieses Foto ist auch auf der Rückseite der Erstausgabe abgebildet. Es zeigt Theweleits Blick beim Schreiben von Männerphantasien. Jene Erstausgabe stand bei uns zu Hause im Regal, meine Mutter hatte sie 1977 als Studentin gekauft. Das Buch zog mit uns von einem westdeutschen Familienhaushalt zum nächsten, als Studentin nahm ich es irgendwann mit, las darin, und was ich las, war anders als die in Deutschland übliche Weise, über Faschismus zu sprechen; was ich las, kannte ich aus einem Teil der Familie, und darüber sprach dieser Teil garantiert nicht: Nicht über die Brutalität und Gnadenlosigkeit insbesondere der Männer gegenüber ihren eigenen Körpern auch in der zweiten Nachkriegsgeneration. Nicht über das »Was dich nicht umbringt, macht dich nur noch härter«, die Aufforderung, mit dem »Geflenne« aufzuhören, die Begeisterung für einen Körper, der wie ein Instrument einsetzbar ist, und natürlich die Verachtung für alles, was typischerweise als weiblich und schwach gilt. Dieser soldatische Flavour war die ganze Zeit da, und, so vermute ich, nicht nur in meiner Familie. Aber mittlerweile sind ganz andere Bedingungen und Ereignisse eben überhaupt nicht mehr zu übersehen, und der kleine Berliner Verlag Matthes & Seitz erkannte on time, dass es eine gute Idee sei, Männerphantasien (um ein Nachwort des Autors erweitert) neu aufzulegen. Das Buch sei »so aktuell wie nie«, steht auf der Neuausgabe, was insofern stimmt, als sich gerade etwa alle drei Monate ein Mann entschließt, andere Menschen aus rassistischen, antisemitischen Motiven zu ermorden. Zum Zeitpunkt des Terroranschlags in Hanau war dieser Text lange fertig, es hat also praktische Gründe, dass hier das antisemitische Attentat in Halle im Vordergrund steht, bei dem ein Mann loszog, um gezielt Juden umzubringen. Dabei bezog er sich auf die Verschwörungstheorie, eine »jüdische Finanzelite« habe sich den Feminismus ausgedacht, um Frauen am Kinderkriegen zu hindern, was wiederum »Massenimmigration« zur Folge habe. Jener Tätertypus, so Theweleit, setze die Landesgrenzen mit Körpergrenzen gleich. Aus genau diesem Grund tobe im Zentrum aller männlich-terroristischen Attentate der jüngsten Vergangenheit eine mörderische Antiweiblichkeit: Frauen weigern sich, Kinder zu bekommen, oder haben zu schwache Herzen, um Migranten abzulehnen. Vielleicht ist es das, was Theweleit meint, wenn er sagt, die Ideologie sei bloß draufgeklebt: »Es ist beliebig, wen der üblichen Verdächtigen sie verantwortlich machen für den Niedergang der Gesellschaft.«

Im Kopf des Halle-Täters waren es die Juden, womit vieles, was Theweleit vor einer ganzen Weile zusammendachte, in einem Attentat vereint ist: Antisemitismus, Rassismus, Misogynie. Es fehlt eigentlich nur der für die Freikorpsmänner zentrale Antikommunismus, also am ehesten das, was heute mit der diffusen Beschreibung »links« gemeint ist (»linksgrün versifft«, »politisch korrekt« etc.). Aber da die rechtsextremistischen Terrorattentäter sich bei ihren Taten regelmäßig gegenseitig zitieren, war eigentlich auch die Angst vor »den Roten« in Halle mit dabei (der Halle-Attentäter bezieht sich auf den Christchurch-Attentäter, der sich auf den Utøya-Attentäter bezieht, der glaubte, der »Kulturmarxismus« sei der Untergang Norwegens, weswegen er dann möglichst viele Sozialdemokraten ermorden wollte). Die Überlegenheit weißer Männer über den Rest der Welt sei das Kernstück der Killerbewegung rechtsradikaler Männer aus der westlichen Welt, schreibt Theweleit in der Neuauflage von Männerphantasien. Das Internet übernehme eine zentrale Funktion: Es helfe dem Einzelnen aus der Isolation und sei ein Körperersatz für die imaginierte Truppe Gleichgesinnter. »Da sitzen die plötzlich nicht mehr allein in ihrem Apartmentloch. Weite Teile von Breiviks Manifest haben Millionen gelesen. Das Gleiche gilt für den neuseeländischen Attentäter oder den aus Halle. Alle, die das sehen wollten, konnten das sehen, und das ist für so einen Typen der eigentliche Erfolg seiner Tat. Zu jedem Killing, das irgendeiner auf der Welt macht, sagt irgendein Vereinzelter, vor seinem Rechner sitzend, hinterher: Was der macht, ist ein Teil von mir.« Frage: Wären die Attentäter keine geworden, wäre man ihnen als kleinen Kindern bindungsorientierter begegnet? Theweleit: »Ich glaube, ganz weg wäre dieser Killertypus nicht, aber seltener.«

Man kann diese Aussage leicht als entpolitisierendes Wischiwaschi-Psychologisieren lächerlich machen. Naturgemäß stellen ernst zu nehmende Intellektuelle, die mit dem Verständnis der Gegenwart befasst und einigermaßen bei Trost sind, diesen Umgang nicht ins Zentrum ihrer Überlegungen, und naturgemäß liegt das daran, dass alles, was den häuslichen Bereich betrifft, nicht als die Kernkompetenz sogenannter Intellektueller, insbesondere männlicher, gilt. Das ist kein fancy Sujet. Als Theweleit im Alter von 30 Jahren Vater wurde, hatte seine Frau Monika Kubale kurz davor als Psychologin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni-Klinik Freiburg angefangen. Die Stelle aufzugeben kam nicht infrage. Er blieb bei dem Kind (und seiner Doktorarbeit), während sie arbeitete. Er selbst beschreibt diese Konstellation, die noch heute unwahrscheinlich ist, als grundlegend für die Entstehung von Männerphantasien. Außerdem zentral sei die Frage nach dem Wesen der eigenen Männlichkeit: »Was und wie viel vom körperlich terroristischen Vater steckte im eigenen Leib? Wie viel davon war man losgeworden? Und mit wessen Hilfe? So sind das Verhältnis zur eigenen Frau wie zu anderen Frauen des eigenen Lebens, wie zur ›Weiblichkeit‹ überhaupt und zu allen anderen Menschen, mit denen ›man‹ es zu tun hatte, in das Schreiben des Buches eingegangen«, schreibt Theweleit. Dieses Zitat umreißt weitere Denkentscheidungen, die für Männerphantasien konstitutiv sind: etwa die Frage nach der Gewalt in einem selbst, die man auch zuspitzen kann auf die Frage nach dem Faschisten in einem selbst. Folgerichtig schwebt über Männerphantasien kein allmächtiger Autor, nein, Theweleit steht mittendrin, lässt sich beim Schreiben zusehen. Es gibt keinen Gott, sondern ein Ich, ein beteiligtes, beschädigtes, das durch die Gewalt des Vaters in jungen Jahren ebenfalls zu Gewalt neigte und diese Gewalt zum Forschungsanlass nimmt. Es ist aus seinen Verstrickungen nicht allein herausgekommen, ihm wurde geholfen, ein Prozess, auf den Theweleit besonders im Nachwort eingeht. Er betont immer wieder, dass es sich dabei um eine Gemeinschaftsproduktion gehandelt habe, an der vor allem seine Frau beteiligt gewesen sei und außerdem diverse »Gruppen«. »Gruppe« sagt Theweleit, während wir Tee trinken, wirklich oft: »Doktorandengruppe«, »Freundesgruppe«, »Improvisationsgruppe«, »Wichtig war die Gruppe« oder »Ich gehe zur Volleyballgruppe«.

Theweleits Glaube an die heilende Kraft der Gruppe bewegt sich also nicht nur auf zwischenmenschlicher Ebene, er schlägt sich auch in seinem Verständnis von Autorschaft nieder. Man könnte das eine zutiefst antihierarchische Haltung nennen und so auch den Sprachduktus von Männerphantasien verstehen, das einen freien Sound hat, der nicht klingt, wie akademisch etablierte Sprache für gewöhnlich klingen will. Die Sprachskepsis war eine Skepsis gegenüber Autoritäten, es ging um den Abbau von Hierarchien, um die Befreiung vom Bestreben, sich als Teil eines universitären Milieus zu markieren, indem man sich hinter beeindruckenden, mächtigen Worten versteckt.

Bei einer Podiumsdiskussion, an der Theweleit kürzlich teilnahm, betonte die Moderatorin fortwährend, wie geehrt sie sich fühle, mit Klaus Theweleit sprechen zu dürfen, und bei Twitter muss man nur ein Interview mit Theweleit teilen, schon hat man 50 neue Follower. Woher kommt diese Verehrung eines, ja, alten, weißen Mannes, die insofern einen komischen Aspekt hat, als Theweleit genau dagegen anschrieb: gegen zu viel Ehrfurcht? Was sagt er dazu, dass er nun so viel zum Dozieren angehalten wird?

»Na ja, wenn mir eine Frage gestellt wird, sage ich bestimmt nicht, du hast ja gar nichts kapiert. Wenn zum Beispiel einer Noten lesen kann und ich nicht, dann gibt es eine Differenz, das ist unvermeidlich. Aber daraus muss nicht notwendigerweise eine Hierarchie entstehen. Balancen herstellen ist die Kunst.«

Neben wenig kritischen und einer sehr kritischen Rezension der Neuauflage von Männerphantasien, in der die Rezensentin Birte Förster den wahllos wirkenden Schreibstil und vor allem das Festschreiben von Frauen in der Opferrolle moniert (streitbar, denn Männerphantasien ist ein Buch über Männer und ihre Fantasien), kam es bei den jüngsten Theweleit-Festspielen meist zu Theweleit-Begegnungen, die in Interviewform protokolliert wurden. Dabei fällt auf, dass es oft um die rassistischen, faschistischen und misogynen Denkweisen der anderen, man könnte auch sagen: Fremden geht. Nazis, Rechtsextreme, Männer soldatischer Prägung, wie Theweleit sagen würde, sind die AfD, durchgeknallte Attentäter und Anhänger lächerlich absurder Ideologien. Im Unterschied zu diesem verbreiteten Blick auf Täter war es einer der innovativen Ansätze von Theweleit, eben nicht nur den so mittelanstrengenden Versuch zu unternehmen, Faschismus als nicht besonders clevere Ideologie zu entlarven. Sondern zu fragen, was daran attraktiv sei. Zentral war die Frage, was all das mit einem selbst zu tun habe, woraus sich weitere Fragen ergaben: Ist es vielleicht eine Art »Psychohygiene« mit speziellem Twist, »die Nazis« (die Neue Rechte, gewaltbereite Rechte) als das andere zu imaginieren, durch das etwas abgespalten wird, das aus dem »deutschen Volkskörper« ausgeschlossen werden soll? Was hat das zu tun mit der geliebten Geschichte vom Vergangenheitsaufarbeitungsweltmeister Deutschland, die man sich so stolz erzählt? Warum schreiben nach einem antisemitischen Attentat eigentlich immer nur Juden und Jüdinnen darüber, wie es ist, in Deutschland zu leben, warum denken nicht deutsche Nichtjuden darüber nach, mit welchen antisemitischen Vorurteilen sie so rumlaufen und was das überhaupt ist, Antisemitismus. Oder Rassismus oder Misogynie.

So denken meistens nur die anderen, die Primitiven halt, denen natürlich nicht entgeht, dass man sie für Primitive hält. Das allein ist kein Grund für antisemitisches oder rassistisches Denken, aber es ist ein Mechanismus, auf den der rassistische Paranoia produzierende Populismus der AfD setzt, die ihre Fans gerne in ihr durch systematisches Gekeife gestähltes Truppenkorps aufnimmt, das die bedrohten Grenzen nach außen zu verteidigen verspricht. Insofern hat Theweleit eigentlich nicht vor 40 Jahren das Buch der Stunde geschrieben, es ist seit 40 Jahren das Buch der Stunde, und das Gespräch, zu dem es alle, die gesprächsbereit sind einlädt, wäre, wenn es geführt würde, ohne Ordnung und uferlos. Am Ende klettern wir die Treppe hinab, Theweleit sagt freundlich, nein, er sei hier wirklich noch nie runtergefallen, Small Talk kriegen wir aus irgendwelchen Gründen also auch überhaupt nicht hin. Wir verabschieden uns, höflich und vorsichtig, noch immer.

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blog-beitrag dazu vom 12.01.20

Das faschistische Männerbild: Ein gestählter Körper. Foto: picture alliance / dpa / TAGESSPIEGEL

Neuauflage von „Männerphantasien“

Von der Maskulinität zum Massenmord

Vor über 40 Jahren erschienen Klaus Theweleits „Männerphantasien“. Nun gibt es eine Neuauflage, die weitsichtige Erklärungsmuster für neurechte Gewalt bietet.

VON HANNES SOLTAU | TAGESSPIEGEL

Es ist ein holpriges Englisch, mit dem Stephan Balliet vor laufender Kamera zu rechtfertigen versucht, warum er Augenblicke später Menschen töten wird. Neben scheinbar auswendig gelernten antisemitischen und rassistischen Tiraden fällt im Video des Attentäters von Halle dabei auch dieser Satz: „Feminismus ist Schuld an der sinkenden Geburtenrate im Westen, die die Ursache für die Massenimmigration ist.“ Während Balliet mordend durch die Stadt zieht, bezeichnet er sich in seinem Livestream wiederholt als „Loser“.

Erbarmungslose Gewalt und demonstratives Selbstmitleid stehen nebeneinander. Musikalisch untermalt ist die halbstündige Aufnahme, die das Morden dokumentiert, zeitweise mit einem Lied, dessen Text die Taten von Alek Minassian verherrlicht: „Nutten lutschen meinen Schwanz, während ich Fußgänger überfahre.“ Minassian hatte bei einer Amokfahrt 2018 aus Frauenhass 10 Menschen in Toronto getötet.

Nur wenige Wochen nach dem Attentat in Halle erscheint die Neuauflage von Klaus Theweleits epochalem Werk „Männerphantasien“ (Matthes & Seitz, Berlin 2019. 1278 S., 42 €). 

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Eine furiose Theoriecollage, die nach der Veröffentlichung 1977 innerhalb kürzester Zeit zu einem Klassiker der Faschismus-, Gewalt- und Männerforschung avancierte. Rudolf Augstein bezeichnete sie damals in einer achtseitigen Rezension im Spiegel als „aufregendste deutschsprachige Publikation dieses Jahres“.

Faschismus als Ergebnis eines männlichen Körperzustands
Aber gilt das heute noch? Die Frage der Aktualität wird nach dem Erscheinen der Neuauflage von „Männerphantasien“ hierzulande diskutiert. Inwieweit können 40 Jahre alte Analysen, die sich zudem auf hundert Jahre zurückliegende Ereignisse beziehen, zum Verständnis der Gegenwart beitragen?

Denn Theweleit hat sein Werk nicht aktualisiert, lediglich um ein Nachwort ergänzt. Noch immer ist es ein Kaleidoskop von biografischen Fragmenten, Briefen und Tagebucheinträgen, in dem der heute 77-Jährige Persönlichkeiten aus dem Umfeld der Freikorps der Zwischenkriegsjahre in Deutschland untersucht. Dabei destilliert er einen Archetyp des „soldatischen Mannes“ heraus, der den Nationalsozialismus den Weg bereitete.

Auf 1174 Seiten versucht Theweleit nachzuweisen, dass faschistische Gewalt als Resultat eines gestörten männlichen Körperzustands gewertet werden könne. Viele NS-Täter hätten demnach im Laufe ihrer Sozialisation Prügel und militärischem Drill erlitten und dadurch lediglich einen „Fragmentkörper“ entwickelt, dessen gehemmte Emotionalität dazu führe, dass sie eine übersteigerte Angst vor der Ich-Auflösung entwickeln. Permanent fürchte die fragile Männlichkeit von der Außenwelt überwältigt, verletzt oder überflutet zu werden.

Herrschaft über das Weibliche

Der daraus resultierende faschistische Mann versuche Herrschaft über die vermeintlich unkontrollierbaren „weiblichen“ Anteile in sich zurückzuerlangen, das Weiche, Leidenschaftliche und Lebendige zu unterjochen. Diese gewaltsame emotionale Verstümmelung ziele letztlich auf die Erzeugung von Übersichtlichkeit und Ordnung, münde aber in einer enormen inneren Spannung.

In einen Zwang zur Gewalt drohe sich diese zu entladen, versuche „innere Zustände in riesige äußere Monumente“ zu verwandeln. Der Hass auf das fremde eigene Innere wird zum Hass auf das Fremde im Außen. Dessen Zerstörung zu einer imaginierten Notwehr.

„Ihre Aktion“, schreibt Theweleit, „richtet sich auf die Herstellung einer Weltordnung, wie sie sie für notwendig erachten. Notwendig für sie selbst – zur Herstellung ihres eigenen körperlichen Gleichgewichts – und für die sie umgebende ‚Kultur’ (Rasse, Religion et cetera)“.

Die Historikerin Birte Förster kritisierte unlängst in der „Süddeutschen Zeitung“, dass die von Theweleit untersuchten Beispiele nicht repräsentativ seien, er keinerlei Quellenkritik betreibe. Zudem ignoriere er die Vielfalt weiblicher Lebensentwürfe der Weimarer Republik, reduziere Frauen auf ihre Opferrolle und übergehe gar NS-Täterinnen.

„Ein Krieg gegen Frauen“

Auch eine kohärente Erklärung des Faschismus, die sich als umfassende Gesellschaftstheorie auf moderne Erscheinungsformen beziehen lässt, stellt der Text in den Augen vieler Rezensenten nicht dar. So merkt der Publizist Uli Krug an, dass Theweleit die Frage unbeantwortet ließ, „warum der ,soldatische Mann’ deutscher Bauart Konzentrationslager baute, sein alliiertes Pendant sie aber befreite“.

Doch aller methodischer und inhaltlicher Einwände zum Trotz: Theweleits Thesen sind für eine Analyse des Selbstverständnisses und der Beweggründe neurechter Gewalttäter durchaus fruchtbar. Unbestreitbar ist der Hass auf das Weibliche ein verbindendes Element in deren Gedankenwelt.

Sowohl Alek Minassian als auch Elliot Rodger, der Amokläufer von Isla Vista, trieb ein offen artikulierter Frauenhass an. Rodger sprach gar von einem „Krieg gegen Frauen“, fantasierte in seinem Manifest, dass er sie in Konzentrationslagern verhungern lassen würde.

Für Massenmörder wie den Norweger Anders Breivik, Christchurch-Attentäter Brenton Tarrant oder Stephen Balliet ist es der Feminismus, der die Reproduktion der „weißen Rasse“ bedrohe. Das Aufbegehren der Frauen öffne die Tore für die „Flüchtlingsströme“ und somit den Untergang der christlich-abendländischen Welt.

Gegen solche Drohbilder stilisieren sich die Mörder als gestählte Soldaten, zelebrieren in Bildern und Videos ihre Maskulinität, demonstrieren ein heroisierendes Beschützerverhalten, das Frauen zu Objekten degradiert.

Kathartische Gewaltakte enthemmter Grausamkeit

Die vermeintlichen Protektoren der Nation sehen den Massenmord als letztes Mittel gegen die „Gender-Ideologie“, „Verweichlichung“, „Feminisierung“, „Sexualisierung“ und die vermeintliche Unterdrückung des Mannes.

Ihre Manifeste und Aussagen zeugen von einer zutiefst gekränkten und bedrohten Männlichkeit, für die Gewalt als legitimes Mittel erscheint, um eine fantasierte natürliche Ordnung wiederherzustellen.

Über Jahre angestaute negative Emotionen und ein offensichtlich quälendes Selbstwertdefizit kulminieren schließlich in Gewalttaten. So ließe sich mit Theweleit durchaus argumentieren, dass Taten dieser Männer kathartische Gewaltakte enthemmter Grausamkeit darstellen, ein somit geradezu „ersehnter Ausnahmezustand“.

In seinem 2015 veröffentlichten Werk „Das Lachen der Täter“, das zugleich als Aktualisierung der „Männerphantasien“ gelesen werden kann, beschreibt Theweleit das Töten als „Jubel des Terrors zur eigenen Körperstabilisierung“.

Der „anti-weibliche Komplex“ ist dabei nicht nur auf rechtsextremistische Massenmörder begrenzt, sondern ebenso in den Gräueltaten von IS–Terroristen zu beobachten. Ein Typ wie Breivik sei demnach „strukturell patriarchaler Muslim wie auch norwegisch-christlicher Antisemit wie auch germanisch-sektiererischer SS-Mann“.

Und auch jenseits eines blutigen Ausagierens mittels Gewalteruptionen ist dieser Tage nicht zu bezweifeln, dass eine soldatische Männlichkeit weiterhin in höchsten politischen Ämtern anzutreffen ist. Da tönt AfD-Politiker Björn Höcke: „Nur wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft.“ US-Präsident Donald Trump breitet obszöne Verfügungsfantasien gegenüber Frauen aus: „Greif ihnen zwischen die Beine. Und dann kannst du alles machen.“

Und der brasilianische Präsident Bolsonaro wies eine Abgeordnete im Parlament mit den Worten zurecht: „Ich würde dich nie vergewaltigen, weil du es nicht wert bist.“ Sie alle eint ein Männertypus, der nur dann ein positives Selbstbild generieren kann, wenn Frauen herabgesetzt werden. Dessen Kampf der Auflösung vertrauter Konturen ins Uneindeutige und Unkontrollierbare gilt.

Gewaltgeschichte in männlichen Körpern

Beinahe verstörend ist, dass Theweleit in seiner psychologischen Analyse die Grenzen politischer Konzepte gegen die gefestigte Struktur des Soldatischen aufzeigt. Bessere Argumente allein kämen gegen den „Körperpanzer“ des rechten Gedankengutes nicht an. Sein beinahe banal klingender Ansatz: der Fokus auf die möglichst frühe Stärkung zwischenmenschlicher Beziehungen.

Ob das im Umgang mit antiliberalen Kräften der letzte Schluss ist, darüber darf getrost diskutiert werden. Als Warnung vor einer über Jahrtausende sedimentierten Kultur der Gewaltgeschichte in männlichen Körpern, die bis heute, wenn auch in abgeschwächter Form, gesellschaftlich reproduziert wird, bleiben Theweleits „Männerphantasien“ hochaktuell. Und als Mahnung dafür, dass das Geschlechterverhältnis als ein zentraler Schlüssel für den zivilisatorischen Fortschritt betrachtet werden muss.

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für mich war das schon vor 40 jahren ein standardwerk zur psychologie des männlichen faschismus - und mit dem oft zitierten theweleit-guru wilhelm reich, dem psychoanalytiker, der gerade uns kinder des faschismus soviel zu sagen hatte über die psyche unserer väter und deren generationen, die so schnurstracks in diese konservativ nationalistisch-faschistische massenmörder-falle tappten.

und dazu gehörten ja immer zwei: einmal etwas, was diese fallen aufstellte und scharfstellte - und dann diejenigen, die trotz allem eigentlichen besserwissen und trotz moral & glauben mit augen-zu-und-durch hineintappten, und die dann nach dem krieg als duckmäuser und schweiger das versuchten wieder aufzurichten, was sie in grauer uniform, "im deutschen ehrenkleid", so gänzlich und millionenfach verbockt hatten.

viele beteiligte wussten hinterher selbst nicht, wie ihnen geschehen war - und die meisten sagten "ich doch nicht" - aber ein großteil ihres schweigens war die scham vor dem persönlichen versagen gewesen.

wir 68-er, die dieses "standarwerk" geradezu verschlungen haben, wollten ja nun endlich wissen, warum unsere väter und großväter so getickt hatten - und einige ja noch immer - auch wieder neu und heutzutage - weiter im gleichschritt hinterdreintapern: offenen auges in den untergang - fast ein kollektiver nachbarschaftssuizid...

verblendet und trunken und mit raffiniert angelegter propaganda - und neuerdings dazu die hetze aus den sozialen netzwerken - was den adrenalinspiegel bis an den schlag vollpumpt: "heute gehört uns deutschland - und morgen die ganze welt"...

das war eigentlich unglaublich, wenn man dann nach dem krieg all diese "tapferen kämpfer & helden" im ganz banalen schützenverein sah, wie sie den schützenkönig auskungelten untereinander - und kleine deals und geschäfte verabredeten a la "klüngel" - und sich posten und pöstchen zuschusterten.

und die tatsächlichen täter und mörder, die überlebt hatten, wurden von sich rasch ausbreitenden "netzwerken" geschützt und versteckt - auf alle fälle nicht verraten - denn das ging gegen die "ehre" eines wehrmachtsoldaten oder eines mitkämpfers in der ss, in der "schwarzen uniform"...

und warum das so und nicht anders war, und welche falschen weichenstellungen im kopf dem alle zugrundeliegen, das hat uns theweleit mit wilhelm reich nahebringen wollen.

und heute können die afd und die populistischen bestrebungen mit ihren gallionsgfiguren in aller welt auf der einen seite - aber auch die #me too-bewegung auf der anderen seite - diesen wieder aktuellen text ganz neu durcharbeiten - damit man allseits versteht, wie und warum man soooo tickt und nicht anders - und wie die "spiegelneuronen" die nur angedeuteten gefühlsregungen z.b. der eltern auf ihre kinder, oder der "männer" in bezug auf die "frauen", im geist schon virtuell vollenden und so durchleben, dass sie dann auch wie in trance in real life ausgelebt werden und sogar zur "tat" führen können ... 

- ein jahrhundertwerk - gewiss ... auch wieder in dieser neuen gerade begonnenden dekade.

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