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dies und das





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Wir kön­nen heu­te dies sa­gen 
und mor­gen das Ge­gen­teil. 

Das ist to­tal egal. 

Die Rea­li­tät ist ge­nau das, 
was ich ver­su­che zu ver­mei­den. 

Wir ver­kau­fen doch alle nur Wind. 

Was ich sage, ist nie län­ger gül­tig 
als sechs Mo­na­te.


Karl Lagerfeld







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schnittblume in vase

schnittblume in vase | sinedi|photography

der mensch ist mehr als die summe seiner teile




Die #App weiß, wann du stirbst

Wir tragen sie ums Handgelenk und in der Hosentasche: Smarte Geräte von Google und Co. machen aus dem Körper Datenpakete

Von Anna-Verena Nosthoff, Felix Maschewski | NZZ

Die Großkonzerne aus dem Silicon Valley arbeiten bekanntermaßen daran, unsere Welt wie eine Karte lesbar zu machen. Jedes geschriebene Wort soll gescannt, jede Strasse und jedes Haus erfasst, jede soziale Regung gesammelt, abrufbar, zugänglich gemacht werden. Man will nicht nur viel, man will alles wissen. Damit sich die Menschheit weniger irrt und verwirrt, besser durch die Gegenwartsgischt navigiert – damit sie datenbasiert an sich selbst gesunde.

So nimmt es nicht wunder, dass GAFA (Google, Apple, Facebook, Amazon) und Co., während sie bereits die Kommunikationssphäre dominieren, den Sektor Gesundheit wie eine Terra incognita vor sich liegen sehen. Die neuen Horizonte bestimmen dabei keine ferne Utopie, sondern ein Land der unendlich profitablen Möglichkeiten, einen Sehnsuchtsort für Weltvermesser.

Krankheit als Geschäft

In dieser Optik scheint der jüngste Vorstoß Tim Cooks nur folgerichtig: Wenn man einst, so die Prophezeiung des Apple-CEO Anfang Januar, nach dem «grössten Beitrag Apples für die Menschheit» frage, werde es nur eine Antwort geben: «Die Gesundheit.» In der «Bereicherung des menschlichen Lebens» erkannte die Firma immer schon ihre Mission. Um diese zu erfüllen, spielt die neue Apple Watch, die jeden Schritt und Pulsschlag erfasst, die entscheidende Rolle – «this is a huge deal».

Das Silicon Valley hat die Krankheit als Marktpotenzial, unser Sein zum Tode als Innovationstreiber erkannt. So drängen die Konzerne zielstrebig in einen Markt, der allein in den Vereinigten Staaten ein Volumen jenseits der drei Billionen erreicht.

Amazon gründete unlängst eine Krankenversicherung, baut gerade Kliniken – probeweise – für die eigene Belegschaft und hat sich die Internetapotheke Pillpack einverleibt. Facebook verhandelte bis zum Datenskandal um Cambridge Analytica mit Krankenhäusern über anonymisierte Gesundheitsdaten, um sie mit denen seiner Nutzer abzugleichen. Und zuletzt entwickelte das soziale Netzwerk einen Algorithmus, der die Aussagen amerikanischer User auf die Gefahr eines Suizids scannt.

Der avancierteste Player im Rennen um unsere Gesundheit ist derzeit jedoch Alphabet. Das Mutterschiff von Google entwickelte zuletzt KI-basierte Software-Lösungen, um Krankheitsverläufe und gar den Todeszeitraum von Patienten in Spitälern genauer zu bestimmen. Mit dem Subunternehmen Verily, vormals bekannt als Google Life Sciences, forschte man bereits an einer Kontaktlinse, die mittels Tränenflüssigkeit die Glukosekonzentration misst.

Doch mit dem ehrgeizigen «Project Baseline» geht Alphabet noch aussichtsreichere Wege, wagt sich mit der «Landmark Study» immer tiefer in unkartiertes Feld: Bis zu 10 000 Probanden sollen, wissenschaftlich von der Duke und der Stanford University begleitet, ihre Gesundheits-, besser: Lebensdaten mit eigens von Verily entwickelten Wearables über vier Jahre lang messen.

Wie der biologische ist auch der Datenkörper immer «work in progress»: So werden nicht nur die Schlafqualität oder die körperliche Aktivität aufgezeichnet, sondern auch Langzeit-EKG durchgeführt, Genome sequenziert, Labor-Scans, Tests auf Herz und Nieren oder zur mentalen Verfassung unternommen. Krankheiten und ihre Entwicklung sollen – in einer Art Live-Ticker – genauer analysiert werden und damit immer besser vorhersagbar werden. Von den Bakterien im Darm bis zur Karies im Zahn, in alle Gebiete des Lebens und Sterbens erhält das Unternehmen nun Einsicht, vermisst sie transparent und setzt alles in einen grösseren, biopolitischen Zusammenhang. Der Begriff des gläsernen Patienten, den man in den Plänen einer elektronischen Gesundheitskarte wie in Deutschland heraufziehen sieht, mutet im Vergleich geradezu brav an. Denn wer bei «Baseline» mitmacht, stellt nicht nur seine alltäglichen Gewohnheiten, den Body-Mass-Index oder die Stimmung unter ständige Beobachtung. Er wird vielmehr, so versichert das Imagevideo des Projekts, zum Teil eines «Movements», einer «Community», die den «Kurs der Menschheit» zu verändern hilft: «Sharing is Caring» lautet das Motto – nun auch bei Google.

Kollektives Empowerment

Im grossen Gesundheitsdatenrausch hat sich also die Tonlage gewandelt. Es geht hier nicht mehr um die fast biedere Transparenz, aseptische Kurven oder gelangweilte Standardfragen. Es geht um kollektives Empowerment. Man könnte hier fast von einer Revolution sprechen, so emphatisch wird die «unglaublich tiefe und detaillierte» Vermessung der Welt in einer Sphäre aufgeladen, die sich sonst lediglich zum «quantified self» durchringt.

Dabei verzichtet diese Umwälzung auf Barrikaden und dreckige Hände, wirkt beinahe unpolitisch – weil sie den Einzelnen lustvoll bis sinnstiftend motiviert, ganz sanft das Leben punktiert: «We’ve mapped the world. Now let’s map human health.» Dass dieses kollektivistische «Wir» nicht ganz so reibungslos funktioniert wie verlautbart, dass hier tektonische Verschiebungen in ganz anderen Dimensionen vor sich gehen, lässt sich erahnen, wenn man Apps und Startups anschaut, die im Umfeld des Grossprojekts wie Pilze aus dem kalifornischen Boden schiessen. So haben Entrepreneure aus dem Valley erkannt, dass das Erfassen mentaler Dissonanzen über Fragebögen nicht ganz verlässlich ist, die Selbstbekenntnisse häufig von verzerrenden Meinungen und lästigen Empfindungen kontaminiert sind.

Man entwickelt daher mit Hochdruck Methoden, die das Innere der Blackbox «objektivieren», das heisst, die trübe Brühe der menschlichen Psyche über beobachtbares Verhalten zu decodieren versuchen. Als das beste aller behavioristischen Aufschreibesysteme bewährt sich hier zurzeit das Smartphone, ein multisensorisch-gläsernes Device, auf dessen Oberfläche sich – zumindest für die digitale Gesundheitsavantgarde – das Unbewusste zu spiegeln scheint.

Besonders das Startup Mindstrong Health des früheren Direktors des amerikanischen National Institute of Mental Health und nicht zufällig auch vormaligen Leiters der Abteilung für psychische Gesundheit bei Verily, Thomas Insel, eröffnet ganz neue Sichtachsen. Man analysiert das Tippverhalten des Smartphone-Users – wie er scrollt, klickt oder wischt –, um qua Mustererkennung Verhaltensprofile zu erstellen, die wie Kompassnadeln auf mentale Schwachpunkte verweisen.

Insel nennt das Verfahren «digital phenotyping», eine Form der Kartierung, die anhand von digitalen «Biomarkern» und ohne Inhalt oder Semantik des Getippten zu deuten, Depressionen zu diagnostizieren verspricht. Wer, vereinfacht gesagt, zu langsam tippt, der erscheint geknickt; wer sehr schnell auf sein Smartphone einhämmert, befindet sich womöglich in einer manischen Phase.

Jede äussere Regung, so die Annahme, reflektiert eine innere Bewegung. Denn nicht das Was oder Warum, sondern lediglich das Wie interessiert, nicht die inneren Konflikte, die Geschichte oder die soziale Konstellation werden mit Begriffen umstellt. Allein die mathematischen Korrelationen zählen, bedeuten nun mehr als jede Intention. Zweckhaftes Verhalten wird in der Folge ohne schwerverständliche Zwecke beschrieben, die Psychologie, wie es der Philosoph Hans Jonas einmal ausdrückte, ganz «ohne Psyche».

Datenbasierte Angst

Das, was bei Baseline oder Mindstrong schließlich anschaulich wird, ist das Zusammenschnurren des Subjekts auf die Summe seiner Datenpunkte. In der Netzwerkgesellschaft gibt es keinen Ort für das einzelne Individuum, denn es ist im Zuge der Auswertungen – das hochgejazzte «Wir» wirkt wie ein latenter Hinweis – kaum noch als solches sichtbar. Allenfalls kennzeichnet es einen Knotenpunkt, der sich lose im Spiel der Patterns bewegt; eine ephemere Hülle, die mehr als Profil denn als fühlendes Subjekt erscheint.

Vor diesem Hintergrund zeichnet sich eine weitere Verschiebung ab: Indem das Leben der Menschen immer detaillierter unter dem digitalen Schleier der Konzerne erfasst, ihr Verhalten immer präziser bestimmt werden kann, werden auch Krankheiten möglicherweise bald immer früher erkannt – wenn wir nichtsahnend auf dem Smartphone daddeln. Das Abwesende ist anwesend im Potenzial, und so hiesse es zeitnäher auf Gefahren zu reagieren, bei Risiken gegenzusteuern, das Verhalten früher zu verbessern, das heisst, es umzuprogrammieren, um damit das Leiden, aber auch die Kosten zu senken.

Zugleich träte man aber in das ein, was man eine datafizierte Präventionsgesellschaft nennen könnte: in eine Existenz, die via Smartphone und Wearable permanent einer Semiotik des Misstrauens unterworfen wird. Jede Faser des Körpers, jede Unstimmigkeit oder Unebenheit des Geistes würden stets nach Abweichungen von der Normal- oder Idealform abgetastet, gewogen oder gesichtet, so dass nichts dem bloßen Schicksal, nichts dem groben Verschleiß überlassen bliebe. Leben wäre – um es mit Michel Foucault zu sagen – tatsächlich ständige, datenbasierte Sorge um sich selbst. Doch kann man jemals gesund genug sein oder wirklich ausgesorgt haben?

Prävention über alles

In der Prävention liegt die produktivste und wohl auch lukrativste Antwort auf unser Sein zum Tode. Denn die Vorbeugung erkennt in der Sorglosigkeit die Nachlässigkeit, gibt eine Richtung vor, schafft Orientierung und legitimiert die Erhebung jedes noch so kleinen Datenpunktes. Geht man also normalerweise davon aus, dass die Prävention nichts hervorbringt, weil sie zu vermeiden hilft, wissen die Konzerne aus dem Valley, dass das Gegenteil wahr ist. Denn wer vernünftig vorbeugen will, hat nie genug Daten gesammelt, hat nie genug Wahrscheinlichkeiten berechnet.

So kartieren GAFA und Co. vermeintlich nur die sichtbaren Oberflächen und Lebenswege, schaffen dabei jedoch ein präventionsindustrielles Wissensregime, das die Pfade des Wohlergehens vermisst und damit vorzeichnet. Unverbesserlich erscheint nur, wer sich nicht danach richtet.
🔴 Anna-Verena Nosthoff ist Philosophin und politische Theoretikerin, Felix Maschewski ist Literatur- und Wirtschaftswissenschafter. Im Rahmen ihrer akademischen Forschung beschäftigen sie sich mit der Kultur der Digitalität.
Neue Zürcher Zeitung, 21.02.2019, Feuilleton, S. 37

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da habe ich jetzt mit flinkem fingerdruck auf die tasten meiner tastatur gehackt - und irgendwo in silicon valley weiß man aufgrund meines anschlagdrucks und der absenkgeschwindigkeit der tasten und der geschwindigkeit meiner eingabe und des spontaneitätsfaktors meiner 2-finger-tipperei, dass ich heute vielleicht gut drauf bin, und dass mir meine kalten fingerkuppen sorgen bereiten - von wegen der durchblutung der kapillaren in den äußeren endgliedern der extremitäten - oder so ...

für mich ist das ganze ein spiel mit der angst des menschen vor seinem tod - und eben die verleugnung dieser unumstößlichen heidegger-prämisse des "seins zum tode". und mit diesem existenziellen wissen und der lebensangst davor lässt sich eben knete generieren ...: 8 milliarden menschen haben nämlich angst vor ihrem tod - und ich schätze mal 4 milliarden bedienen jetzt im moment ihr smart- oder i-phone aktiv oder tragen es passiv mit gps-ortungsmöglichkeit bei sich ...

und wenn mir jetzt schon windige algorithmen jeden tag morgens im mail-briefkasten tipps geben, wogegen gerade ich mich vielleicht schützen sollte - vielleicht balde sogar schützen muss, weil meine krankenkasse mir das aufgibt - werden diese übergriffigen "angebote" immer weiter differenziert ...

und es werden von mir profile angelegt - und der druck auf meinen tastaturen werden meine persönliche digital-anamnese immer detaillierter vervollständigen ... - auch meine tippfehler - und die geschwindigkeit meiner korrekturen und umformulierungen werden meinen geist gläsern machen und durchleuchten und werden die wahrscheinlichkeit einer alzheimer-erkrankung messbar machen - und jeder in silicon valley und anderswo, der diese daten zu lesen versteht, wird wissen wie ich ticke - und welcher jungen frau ich alter bock mal wieder hinterhergeschaut habe ...

man kann uns dann vielleicht schon mal digital zusammenführen und uns gegen eine erkleckliche summe dann auch zu einem date im persönlichen miteinander animieren: das sind doch tolle aussichten: wenn "die neue" mit ihren daten bis in die intimsten kammern hinein mir offenbart und offeriert wird ... - welch eine erstrebenswerte überraschung ...

das leben als "sein zum tod", so wie es jetzt in den nachrufen auf karl lagerfeld von ihm selbst formuliert wurde: »es ist für mich ganz sim­pel: mein Le­ben fängt mit mir an, und hört mit mir auf.« und dann zi­tier­te er eine ge­dicht­zei­le von fried­rich rück­ert, die gus­tav mah­ler ver­tont hat: »ich bin der welt ab­han­den­ge­kom­men.«

diese von ihm bei allem glamour ansonsten aber "schlichte" lebensweisheit, wird mit all den apps, die da auf uns zu rollen einfach verkompliziert - und sehr egoistisch auf das "ich" fokussiert: was piekt da in mir, warum hab ich jetzt wovon eine blähung, warum spüre ich die, bevor sie sich entlädt, zunächst als feinen kleinen haarriss-pieks unter meinem rechten rippenbogen ... ??? - und sind das etwa die faszien ??? - ich muss mir unbedingt einen faszienball kaufen, da gibt es eine app für das faszientraining - und das wird dann ganz direkt auf mich zugeschnitten ausgeworfen - ist das nicht toll ???

und wer an der regierung ist - und ob europa vereinigt bleibt, ist oder wird - das ist mir doch so was von egal ...

nee - freunde: in meiner gestaltausbildung nach fritze perls lernte ich den für mich klugen aristoteles-merksatz:

"das ganze [hier also der mensch] ist mehr als die summe seiner teile" ... - 

also liebe silicon-valley-menschen-vermesser - ihr könnt kartieren und zahlen addieren und maße festlegen bis es qualmt - den menschen in seiner komplexität und diversität werdet ihr nicht endgültig "knacken" - das hat eben schon der olle aristoteles ganz ohne algorithmen durch sinnieren und beobachten herausgefunden ...
Ich bin nicht auf dieser Welt, um deinen Erwartungen zu entsprechen –
und du bist nicht auf dieser Welt, um meinen Erwartungen zu entsprechen.
ICH BIN ich und DU BIST du –
und wenn wir uns zufällig treffen und finden, dann ist das schön,
wenn nicht, dann ist auch das gut so...  
Fritz Perls 

nur nicht aus dem rahmen fallen - viel "framing" um nix ...

"frame" = der rahmen - "fram-ing" = die rahmung | sinedi|graphic



Ein Sprachkurs für die ARD

Das »Framing Manual« – Was es mit dem umstrittenen Gutachten auf sich hat

Von Thomas Hochstätter (WB)


  • Manipulation der Debatte über den Rundfunkbeitrag? Anweisung zur Gehirnwäsche? 
  • Oder nur ein Denkanstoß zur freien Verwendung? 

Um ein Gutachten zur Verbesserung der Kommunikation der ARD gibt es Ärger.

»Framing Manual« – Was bedeutet der Begriff?

Ein Manual ist ein Handbuch oder auch Benutzerhandbuch. Framing, ebenfalls Englisch für das Einrahmen, steht in der Medienwirkungsforschung für das Einbetten von Ereignissen und Themen in Deutungsraster (siehe dazu auch den weiteren Text auf dieser Seite). Im konkreten Fall gibt eine Wissenschaftlerin der ARD als Ergebnis eines nach Senderangaben 90.000 Euro teuren Gutachtens Sprachtipps für eine bessere Kommunikation in der Auseinandersetzung vor allem mit Gegnern des Rundfunkbeitrags.

  • Wer ist diese Expertin?

Elisabeth Wehling (37), promovierte Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin, hat in Hamburg, Rom und Berkeley/Kalifornien gearbeitet. Eine ihrer Veröffentlichungen für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung hieß: »Politische Kommunikation, die ankommt. Eine neurolinguistische Analyse des EU-Wahlkampfes« (2009). Ei­nem größeren Kreis wurde sie mit dem Buch »Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht« (2016) bekannt. Es folgten Interviews und Fernsehauftritte.

  • Wie ist das Gutachten bekannt geworden?

Nicht durch die ARD selbst. Nachdem bereits seit einiger Zeit über Auszüge des 2017 verfassten, also rund zwei Jahre alten Textes diskutiert worden war, wurde er am vergangenen Sonntag von der Internetseite netzpolitik.org als 89-seitiges PDF-Dokument veröffentlicht. Hinter netzpolitik.org steht unter anderem ihr Gründer und Chefredakteur Markus Beckedahl, Mitglied im Medienrat der Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg. Über seine Motive schrieb er: »Wir veröffentlichen das Gutachten, damit sich alle Beitragszahlenden aus der Originalquelle informieren können und an der Debatte informierter teilhaben können.« Hier geht’s zum Gutachten (click]

  • Was steht denn nun drin in dem Gutachten?

Im Kern soll der Gegensatz zwischen programmproduzierender Rundfunkanstalt und dafür zahlenden Zuschauern und Zuhörern sprachlich aufgelöst werden. Für die ARD sei es am besten, wenn sie sich moralisch hochwertig als »unser gemeinsamer, freier Rundfunk ARD« positionieren könne. Vor allem sollten die ARD-Repräsentanten und ihre Mitarbeiter vom Nutzer nicht als »Konsumenten« sprechen. Das aktiviere beim Zuhörer den Rahmen (»Frame«) einer ökonomischen Transaktion, was das Programm zur Ware her­abwürdige, für die man bezahlen könne oder nicht, wenn einem das Angebot nicht gefällt. Konkret heißt es: »Der Frame wird dem moralischen Anliegen, gemeinschaftlich einen freien Rundfunk ARD zu ermöglichen, nicht gerecht.«

  • Geht es dieser Idee zufolge also gar nicht um das, wo­rüber man spricht, sondern darum, wie man es sagt?

Genau. So postuliert das Gutachten: »Objektives, faktenbegründetes und rationales Denken gibt es nicht, zumindest nicht in der Form, in der es der Aufklärungsgedanke suggeriert. Jedes Verarbeiten von Fakten findet innerhalb von Frames statt – und ein und derselbe Fakt erlangt in unterschiedlichen Frames ganz unterschiedliche und oft sogar gegensätzliche Bedeutungen.«

  • Gibt es weitere Begriffe, um die die ARD einen weiten Bogen machen sollte?

Ja, zum Beispiel um »Lügenpresse« und »Staatsfunk« – und das selbst bei einer Zurückweisung von entsprechenden Angriffen. Dahinter steckt die Überlegung: »Frames zu negieren bedeutet, sie zu aktivieren.« Anders gesagt: Wer die Formulierung eines An­greifers auch nur wiederholt, verstärkt den Angriff. Deshalb lautet der Ratschlag: »Nutzen Sie nie, aber auch wirklich nie, den Frame Ihrer Gegner, und nutzen Sie diejenigen Frames, die Ihre moralische Perspektive auf die Sachverhalte deutlich machen, immer und immer wieder – von Interview zu Interview, von Debatte zu Debatte, von Schriftsatz zu Schriftsatz. Nur durch die ständige Wiederholung neuer sprachlicher Muster über längere Zeit hinweg ist es möglich, den neuen Frames kognitiv Geltung zu verschaffen und sie damit zu einer realistischen Wahrnehmungsalternative werden zu lassen.«

  • Das klingt nun schon nach Propaganda, oder?

Man kann diese extrem zielgerichtete Sprache als Manipulationsversuch verstehen. Das tun auch mehrere Kritiker. Besonders die moralische Überhöhung der eigenen Position gegenüber dem freien Wettbewerb stößt auf Widerspruch.

  • Was wird denn über den Umgang mit der privaten Konkurrenz gesagt?

Wenn von den Privatsendern die Rede ist, solle nur noch von »profitwirtschaftlichen Sendern« gesprochen werden. Es solle betont werden, »Kommerzmedien, profitorientierte Medien oder Profitsender« hätten »einen Auftrag, welcher der moralischen Prämisse des gemeinschaftlichen Rundfunks ARD entgegensteht«. Dagegen sehe die eigene Position glänzend aus: »Die Rundfunkbeteiligung ist gelebte Eigenverantwortung für die deutsche Kultur, Wirtschaft und Demokratie als Grundlage unseres individuellen Wohlergehens. Nur in einem Land mit einer stabilen gemeinsamen Rundfunkinfrastruktur kann man frei und erfolgreich leben und seinen Geschäften nachgehen.«

  • Es geht doch bestimmt auch noch um die Gebühren?

Richtig. In dem Zusammenhang soll nicht mehr davon gesprochen werden, dass man sich von den Gebühren befreien und entlasten könne – wegen der Bedeutungsrahmen Last und Unfreiheit.

  • Und wer nicht mitmacht . . .

Der sollte sprachlich künftig härter angefasst werden, rät das Gutachten. Der Ausdruck »Beitragsverweigerer« solle vermieden werden. Denn »dieser Frame spielt dem Narrativ in die Hand, nach dem sich die ›Verweigerer‹ (endlich) gegen das totalitäre Regime ARD – den ›Merkelfunk‹, den ›Staatsfunk‹, und so weiter – auflehnen und zurecht als Helden der Demokratie und Freiheit gefeiert werden.« Stattdessen gelte für die moralisch unter Druck zu setzenden Nichtzahler: »Sie sind Beitragshinterzieher, sie begehen Wortbruch, machen sich des Loy­alitätsbruchs schuldig.«

  • Wie erklärt die ARD den Auftrag für dieses Gutachten?

ARD-Generalsekretärin Susanne Pfab schrieb dazu, man sei sich »bewusst, dass wir breiter und verständlicher erläutern müssen, warum es den öffentlichen Rundfunk braucht und warum es gut ist, dass alle einen finanziellen Beitrag dazu leisten«. Daher habe man die Sprachforscherin »gebeten, uns ihre Sicht zu erläutern«.

Die Linguistin Wehling selbst erklärte: »Inhalt des Auftrages des MDR während seines ARD-Vorsitzes war es, die Kommunikation der öffentlich-rechtlichen ARD als Institution zu analysieren und auf Basis der wissenschaftlichen Erfahrung aufzuzeigen, welche Alternativen zu welchen Worten mit welchen Bedeutungsinhalten besetzt sind.«

  • Müssen sich nun alle bei der ARD nach den Erkenntnissen des Gutachtens richten?

Laut ARD-Generalsekretärin Pfab nicht. Die Empfehlungen dienten »als Input und Denkanstoß, an denen man sich auch reiben kann und soll. Es ist ein Angebot an die Mitarbeitenden, sich mit dem Thema offen auseinanderzusetzen. Wie sie dann kommunizieren, ist jeder und jedem selbst überlassen.«

  • Ist die ganze Diskussion für die auf Seriosität pochende ARD von Nachteil?

Gut möglich. Der Politikberater Johannes Hillje zum Beispiel sagte: »Das Grundproblem ist, dass hier ein stark moralgestütztes Framing für einen Akteur vorgeschlagen wird, dessen Kernwerte Sachlichkeit und Neutralität sind.«

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Framing: wie Begriffe Denkmuster erzeugen

Erkenntnisse der Kognitiven Sprachwissenschaft


Was geschieht mit Ihnen, wenn Sie das Wort »Zitrone« lesen? Automatisch assoziieren Sie »sauer«, vielleicht verziehen Sie sogar das Gesicht, und der Speichelfluss wird angeregt.

Die Kognitive Sprachwissenschaft nennt diese Einbettung von Sprache in einen sinnlich erfahrbaren Kontext Framing. Sie erforscht den Zusammenhang von Kommunikation und parallelen Abläufen im Gehirn, beleuchtet also das neuronal gesteuerte Umfeld von Begriffen: den stets mitgedachten Rahmen. Schon die Wortwahl beeinflusst die Assoziationen des Hörers/Lesers: Wo eine »Rundfunkabgabe« als eher neutral wahrgenommen wird, evoziert der »Zwangsbeitrag« – der ja dasselbe meint! – nur Ablehnung. Das »Rundfunkkapital« wiederum, das von ARD & Co. »verwaltet« wird, erzeugt die ungemein positive Vorstellung, der Fernsehzuschauer habe die monatlich zu zahlenden 17,50 Euro als individuelles Guthaben auf der hohen Kante.

Die Erkenntnis, dass der Hörer/Leser zu jedem Begriff einen Frame mitdenkt, ist banal. Dass Sachverhalte je nach Wortwahl anders verstanden werden, muss man sich schon bewusst machen. Dass schließlich die absichtsvolle Benutzung von Begriffen – oder aber der Appell, sie zu vermeiden – gängige Denkmuster durch neue, erwünschte Reaktionen ersetzen kann, führt der Propagandist vor. Der CSU-Grande Franz Josef Strauß (†) zum Beispiel: Er mahnte, die »Lufthoheit über den Stammtischen« anzustreben. Eine frühe Ahnung vom neudeutschen Campaigning . . .

Absichtsvoll gesteuertes Framing findet sich in vielen gesellschaftlichen Prozessen. Jüngst ist das »Gute-Kita-Gesetz« aufgepoppt, ein Begriff, in dem Familienministerin Franziska Giffey (SPD) zwei Lesarten anheimstellte: das »Gesetz für gute Kitas« neben das erwünschte (natürlich von ihr erarbeitete) »gute Gesetz für Kitas«.

Mitunter treibt die Framing-Forschung seltsame Blüten – die aber Wirkung zeigen, auch dank der Subdisziplin Gender-Forschung. Da ist von »Studierenden« statt von »Studenten« die Rede, weil angeblich nur der erste Begriff beide biologische Geschlechter umfasse. Und Elisabeth Wehling, Autorin des »Framing Manuals«, behauptete unlängst, der Begriff »Flüchtling« solle tunlichst außer Gebrauch kommen, weil er unerwünscht geframt werde: Die Endung »-ing« bezeichne Minderwertiges. Ihr Beispiel: Schreiberling. Der im Frühling (!) gern gesehene Schössling (Pflanzentrieb), der niedliche Frischling, besonders aber der auf Händen getragene Liebling sind ihr offenbar unbekannt. (WB/mzh)

aua: WESTFALEN-BLATT, Nr.43 - Mittwoch, 20. Februar 2019 - Politik - S.7

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soso - und elisabeth wehling, autorin des »framing manuals«, behauptete unlängst, der begriff »flüchtling« solle tunlichst außer gebrauch kommen, weil er unerwünscht geframt werde: die endung »-ing« bezeichne minderwertiges: und deshalb oder trotzdem nannte sie ihre methode ja auch "fram-ing" - ja - so wird ein schuh draus ... 

überhaupt staune ich, mit welcher mit sicherheit auch pekuniären und auflagenstärkenden resonanz hier frau wehling für ihr "framing" ein framing publizieren und hochpuschen kann - und alle machen mit ...

sie erklärt einen genetisch bzw. neurophysikalisch angelegten sachverhalt, der aber keineswegs neuland ist: neu ist lediglich vielleicht ihre "framing"©-bezeichnung für diesen sachverhalt um diesen jahrtausendealten kommunizieraspekt. 

gerade bei sprache und texten und nachrichten kommt es auf die "verpackung" an - aber all die "top"-journalisten der ard sollten doch intern selbst sich ein solches programm erarbeiten können - auch ohne das 120.000 uro teure "manual" aus berkeley (einschl. begleit-workshops dazu) ...

der sachverhalt, der da beschrieben wird ist eine binsenweisheit. schon vor 25 jahren lernte ich im zuge von "nlp"-techniken (neurolinguistischem programmieren) solche und ähnliche hintergründigen denkspielchen und abläufe kennen: damals beispielsweise mit dem merksatz: "denk nicht an einen blauen elefanten" - denn genau schon während dieser "nicht"-aufforderung, denkst du natürlich genau daran - erst dann, wenn man es sich innerlich vorstellt, kann man es vielleicht verdrängen - gedanken, die man eigentlich unterdrücken möchte, drängen sich besonders vehement auf – ein simples psychologisches phänomen ... - mit dem man nun hausieren geht für gutes geld - und das blau des elefanten wird in der aufgepeppten theorie nun zu einem rahmen - zum "framing", den man beim vor-sich-hin-denken immer mit konstatieren sollte - damit man nicht aus demselbigen rahmen, wenn er denn erst einmal zusammen-"geframt" ist, wieder herausfällt: nur nicht aus dem rahmen fallen ...

und merke: epimenides, der kreter, sagt: "alle kreter sind lügner".

ich glaube, die meisten denkmuster, die wir jeweils mit begriffen verbinden, sind uns "überkommen" ... c.g.jung sprach da vom "kollektiven unbewussten" - aber schon das kleinkind liest von mama und papa jeweilige "bewertungsmuster" in verbindung zu bestimmten klanglauten von den augen und der mimik ab - und den rest erledigen die "spiegelneuronen" ... - aber "neutral" bedeutungslos ist nichts, was wir als individuen wahrnehmen: und mein blauer elefant sieht ganz anders aus als dein blauer elefant - und wenn man genau hinsieht, ist auch das blau anders als deins ... - aber wir sollten da ganz unserem im innern angelegten "navi" zur orientierung vertrauen, anstatt uns beframen zu lassen - oder gar frame zu gehen ...

für mich hat das ganze eben auch mit orientierungüberblick und verhaltenskodex zu tun: man lacht nicht laut bei der beerdigung - und trotzdem passiert das vielleicht hier und da dem ein oder anderen - ...

aber wenn unsere kanzlerin 2015 sagt "wir schaffen das", wird sie nicht linguistisch und psychologisch den konkreten mit-sinn dieser drei worte analysieren können und wollen - und auch nicht ihre redenschreiber*in ...: natürlich schwingt dabei spitzfindig mit, dass die "flüchtlinge", die "obdachsuchenden", implizit als eine "last" empfunden werden, die uns aufgebürdet wird, die wir aber im doppelten sinne dann "schaffen" werden: wieder ab-schaffen - und auch bewältigen, schultern, meistern, eben schaffen ... (im schwäbischen heißt es aber auch: "schaffe, schaffe häusle bauen" ... - aber das ist wieder eine ganz andere geschichte ...?)

aber dieser ganze geschlechtsneutrale gender-sprech und dieses ominöse "political-correctness", auf das schulbuch-verlage nun ihre neuauflagen durchforsten müssen - und dieser papa von pippi langstrumpf, der nun ein "südsee-könig" in neuauflagen geworden ist, statt "neger-könig", wie es im guten alten original heißt - ohne jeden bösen rassistischen diskriminierungs-willen - einfach so, wie der astrid lindgren der schnabel gewachsen war ... -   

das alles sollte uns aber - framing hin - framing her - sowas von am ... vorbeigehen ... - um mal ein ganz niederträchtiges "framing" zu verwenden (das nur aus drei punkten besteht ...

ach - und noch was: jedes "framing" ist auch nur vorübergehend angelegt, mit ganz kurzer halbwertzeit - denn der olle enfant-terrible-künstler francis picabia hat schon 1922 richtig erkannt: "unser kopf ist rund, damit das denken die richtung wechseln kann" ... wohlgemerkt: der kopf ist rund - und nicht eckig wie ein rahmen, ein "frame"... und das "framing" kann nur aus einem ziemlich eckigen denken in einem ebensolchen kopf stammen:

und nix für ungut - chuat choan
 
(dieses "gutachten" - also mein senf, den ich dazugetan habe - kostet dich übrigens keinen pfennig - vielleicht dient es dir auch »als Input und Denkanstoß, an denen man sich auch reiben kann und soll. Es ist ein Angebot ..., sich mit dem Thema offen auseinanderzusetzen. Wie du dann mit anderen darüber kommunizierst, ist jeder und jedem selbst überlassen.«


Nicht Erna Kronshage war verrückt - sondern es war der Sog dieses damals allgemein von verirrten und verwirrten Menschen erdachten und gelebten wahnhaften Zeitgeistes, dem man sich nicht zu widersetzen vermochte - in ihm steckte das Un-normale und Krankhafte - bis hin zum Massenmord ...

Erna Kronshage

Vor 75 Jahren - am 20.Februar 1944 - ist meine Tante Erna Kronshage in der Nazi-'Euthanasie'-Tötungsanstalt "Tiegenhof" (heute: Dziekanka bei Gniezno - Polen) ermordet worden.

Ich hätte gern meine Tante persönlich kennengelernt, aber als ich geboren wurde - war sie bereits seit über drei Jahren tot… - sie ist nur knapp 21 Jahre alt geworden.
Und dieses viel zu frühe Ableben und das Schweigen in der Familie dazu hat meine Neugier geweckt, sodass ich mich vor über 30 Jahren auf die Suche nach verbliebenen Spuren gemacht habe ...


Erna Kronshage wird am 12. Dezember 1922 in der Landgemeinde Senne II (heute Bielefeld-Sennestadt) geboren als 11. und jüngstes Kind der Eheleute Adolf und Anna Kronshage.

Sie arbeitet nach der Schulzeit ab 1937 in der Landwirtschaft ihrer Eltern als angestellte "Haustochter". Als sie im Herbst 1942 plötzlich ihre Mitarbeit verweigerte, wurde sie am 20. Oktober 1942 nach einer amtsärztlichen Untersuchung polizeilich in die Provinzial-Heilanstalt Gütersloh eingewiesen, wo man eine Schizophrenie diagnostizierte, die dort durch Arbeitstherapie in Garten und Hauswirtschaft und eine Schocktherapie behandelt wurde.

Aufgrund dieser damals so bezeichneten „Erbkrankheit“ stellte der Direktor der Heilanstalt den Antrag auf „Unfruchtbarmachung“ gemäß dem neuen Rasse-Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, wogegen ihr Vater Adolf Kronshage als Erziehungsberechtigter vehement Einspruch erhob und auch die Diagnose insgesamt bezweifelte.

Das Erbgesundheitsobergericht in Hamm wies die Beschwerde des Vaters gegen den Beschluss des Erbgesundheitsgerichtes Bielefeld auf „Unfruchtbarmachung“ endgültig zurück. Die Zwangssterilisation erfolgte am 4. August 1943 in einem Gütersloher Krankenhaus. Wiederholte Aufforderungen des Vaters zur Entlassung seiner Tochter aus der Provinzial-Heilanstalt wurden ignoriert.

Stattdessen ging im Laufe der Luftschutzevakuierungen der „Aktion Brandt“ zur Schaffung von Bettenkapazitäten für Lazarett- und Krankenhauszwecke in der Heilanstalt Gütersloh am 12. November 1943 ein Transport von 50 Frauen und 50 Männern in die damalige Gauheilanstalt Tiegenhof bei Gnesen im besetzten Polen, die eine der Tötungsanstalten im deutsch besetzten Polen wurde. Nach Angaben der jetzigen Klinikleitung wurden dort mindestens 3586 Menschen verschiedener Nationalitäten im Zuge der NS-Euthanasie getötet - Historiker schätzen die Gesamtopferzahl dort auf mindestens 5.000 Menschen ...

Dort verstarb Erna Kronshage nach 100 Tagen Aufenthalt am 20. Februar 1944 - vor 75 Jahren - an „Vollkommener Erschöpfung“, wie es die dort ausgestellte Sterbeurkunde ausweist. Das war die damals übliche Umschreibung des gezielten Mordes durch eine fettlose Ernährung mit einer leichten Barbiturat-Überdosierung nach dem Luminal-Schema, das von Hermann Paul Nitsche entwickelt und propagiert wurde.

Die Todesrate des Deportations-Transportes vom 12. November 1943 von Gütersloh nach Gnesen betrug 90 % bis zum Kriegsende.

Die sterblichen Überreste Erna Kronshages fanden am 5. März 1944 in der Familiengruft auf dem Friedhof in Senne II ihre letzte Ruhestätte.

In der Nähe des Geburtshauses von Erna Kronshage in Bielefeld-Sennestadt wurde am 6. Dezember 2012 ein „Stolperstein“ gelegt - in der Gedenkstätte für 1017 Opfer des Nationalsozialismus in der Provinzialheilanstalt Gütersloh wird auf einem Leucht-Namensband in der Kreuzkirche dort „Erna Kronshage“ namentlich genannt – und im Internet sind Gedenkblogs zu ihrem Schicksal eingerichtet.


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...wie aus heiterem Himmel

Soweit die nüchternen Wikipedia-Lexikon-Fakten dazu. Wenn wir nun einzelne Details näher betrachten, beginnt das Problem vielleicht mit dem Bombenabwurf - wie aus heiterem Himmel – eines englischen Fliegers am 2. Juni 1940 auf den Gutshof gegenüber, nur 100 Meter von den Kronshages entfernt – bei dem eine fast gleichaltrige Nachbarin tödlich verletzt wird:
  • Dieses plötzlich hereinbrechende Trauma des tatsächlichen Krieges in Ernas Alltag
  • ihr inneres Hin-und-Her-Gerissen-Sein zwischen den natürlichen Loslösungswünschen und Zukunftsträumen einer jungen Frau – bei gleichzeitig inniger Wertschätzung des Hotel „Mama“ als dort geborgenes Familien-Nesthäkchen... 
  • die intellektuelle Unterforderung – Erna war eine recht gute Schülerin mit einem Notenschnitt von 1,78 auf ihrem Abschlusszeugnis - bei einer gleichzeitigen permanenten körperlichen Überforderung in der Landwirtschaft
  • sowie die allmähliche einhergehende Vereinsamung in dieser ehemaligen Großfamilie als einzig Daheimgebliebene der einstmals 11-köpfigen Kinderschar – und wegen dem Krieg ohne Zugehörigkeit zu einer angemessenen altersgemäßen Freundesclique – allein mit den kränklichen Eltern, die bereits 43 und 46 Jahre älter sind als sie...

...aus diesen äußerlichen Ausgangs-Zutaten braut sich bis zum Herbst 1942 eine innere Krisensituation zusammen, die in eine Verweigerungshaltung mündet:

Erna steht morgens nicht pünktlich auf, kommt ihren Aufgaben nicht nach und zankt und streitet mit den Eltern – heute würde man wohl sagen: „Burn-out“, „Null-Bock-Phase“; sie ist „aufmüpfig“ und will eine Auszeit haben – und diese paar Ausraster und Auflehnungen sind ja auch völlig normal in dieser Altersphase...

Ernas Mutter musste jedoch damals diese "Bummelei" der Gemeindeschwester melden, kurz „Braune Schwester“ genannt wegen der braunen Tracht der NS-Schwesternschaft, die als „weibliche Elitetruppe der NSDAP“ vor Ort die jeweiligen Situationen mit ihren Kenntnissen in Erb- und Rassenpflege beurteilen sollen, um „Verhaltensabnormitäten“ weiterzumelden...

Und diese dienstbeflissene „Braune Schwester“ sieht in dem eigenmächtigen "Blaumachen" Ernas tatsächlich echte „Verhaltensabnormitäten“, denn der Hof hatte jetzt im Krieg der „Sicherung der Ernährung des deutschen Volkes“ zu dienen, und nur Ernas unverbrüchliche Mitarbeit als Angestellte dort mit der Berufsbezeichnung "Haustochter" rechtfertigten schließlich ihre Freistellung von anderen NS-Dienstverpflichtungen...

...wieder "fit" werden...

Erna Kronshage wird deshalb zu einer Amtsärztlichen Untersuchung zitiert - sie hatte ja keinen "Gelben Schein" oder eine sonstige offizielle "Arbeits- und Dienstunfähigkeitsbescheinigung", wie wir das heute bezeichnen. Und bei der Untersuchung durch den diensthabenden Arzt in der amtsärztlichen Sprechstunde bittet sie dann sogar selbst darum, in die Provinzialheilanstalt Gütersloh aufgenommen zu werden – weil sie von ihrer Schwester Frieda bereits dazu angestachelt worden war, die dort 3 Jahre zuvor nach einem "Erregungszustand" in nur 4 Wochen erfolgreich wiederhergestellt wurde, ohne irgendwelche erbgesundheitlichen Konsequenzen.

Erna erwartet sich eine ebensolche Hilfe, um die Eltern nicht weiter zu enttäuschen und wieder „fit“ zu werden...

Und dieser zunächst verwirrend und naiv anmutende Aufnahmewunsch Ernas in diese von ihr wahrscheinlich wörtlich so verstandene „Heil-Anstalt“ ist den guten Erfahrungen der Schwester Frieda dort geschuldet - und im Sinne der „Selbsterhaltung“ ja sogar als „vernünftig“ und „gesund“ zu bewerten: Erna wirkt aktiv mit und übernimmt Verantwortung für sich und ihre Arbeitskraft...

Erna Kronshage will jetzt unbedingt „Nägel mit Köpfen“ machen und auch ohne Zustimmung ihrer Eltern dort in Gütersloh eine Behandlung durchsetzen – was ihr auch gelingt, indem sie die Einweisungspapiere dem Vater abschwatzt, der ja immer noch das Sorgerecht innehat und die Einweisung verhindern will, weil Ernas Arbeitskraft ja auf dem Hof dringend benötigt wird... Erna aber übergibt die Einweisungspapiere einfach einem Polizisten in einem zufällig in der Nähe parkenden Streifenwagen - worauf nun das ganze Prozedere seinen Lauf nimmt ...

Denn durch die dann ebenfalls hinzugerufene Gemeindeschwester, besagte „Braune Schwester“ also, wird einvernehmlich jetzt dafür gesorgt, dass sie, gegen den Willen der Eltern, trotz ihrer Minderjährigkeit nun als „gemeingefährliche Kranke“ - zum Schutz vor sich selbst und anderen - der Anstalt polizeilich zugeführt wird.

An diesem 24. Oktober 1942 beginnt das 484-Tage-Martyrium
 - unaufhaltsam - Schlag auf Schlag...
  
In Gütersloh angekommen wird vollkommen überraschend „Schizophrenie“ diagnostiziert, auch aufgrund der Bummeleien und der ungeübt und flapsig wirkenden Abwehrhaltung im Aufnahmegespräch, denn Erna dachte ja mehr an eine kurzfristige fast ambulante Wiederherstellung ihrer Persönlichkeit und Arbeitskraft – nun aber erscheint auch der ominöse 4-wöchige Aufenthalt der Schwester Frieda 1939 in der Heilanstalt den Aufnahmeärzten in einem ganz neuen Licht: plötzlich deutet man nämlich die "vorliegende Störung" Ernas als ein "endogenes"/inneres erblich weitergereichtes Geschehen in der Familie – dagegen werden alle durchaus ja reichlich vorhandenen "exogenen"/äußeren und reaktiven Auslöse-Mechanismen für Ernas Verhaltensstörungen einfach ignoriert...

Neben der angeordneten Arbeitstherapie dort in der Kolonne setzen ihr vor allen Dingen die medikamentös ausgelösten Krampfanfälle der „Cardiazol-Schockbehandlung“ zu - eine Vorläufer-Therapie der Elektro-Schocks, die zur "Ruhigstellung" und zum "Spannungsabbau" bei inneren Erregungszuständen angezeigt schien. Damals gab es ja noch keine Psychopharmaka und man versuchte "wissenschaftlich" über künstlich ausgelöste physikalisch-reflexhafte "Muskel- und Nervenentladungen" die Störung zu behandeln - natürlich auch zur Ruhigstellung und Disziplinierung...

Denn diese nie erlebten epileptischen Anfallschock-Torturen werden von Betroffenen als erschreckende Horrorerlebnisse geschildert... mit all den Nachwirkungen und Weltuntergangsgefühlen, jeweils bis zum vollständigen Kontrollverlust, durch die wie nach einer „Gehirnwäsche“ sich allmählich Gefühlsverwirrungen und nie gekannte Missempfindungen einstellen...

Am Tag 110 des 484-Tage-Martyriums -

Antrag auf "Unfruchtbarmachung" durch 
Dr. Hartwich, Heilanstalt Gütersloh
11.02.1943
am 11. Februar 1943 stellt der Direktor der Provinzialheilanstalt Gütersloh, Dr. Hartwich, den Antrag auf „Unfruchtbarmachung“, da „Schizophrenie“ im Sinne des NS-Gesetzes „zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ als Erbkrankheit gilt.

Dazu heißt eine Passage im Beschluss des Erbgesundheitsgerichtes Bielefeld:

„Anlässlich der persönlichen Vorstellung in der mündlichen Verhandlung machte sie (Erna Kronshage) einen gespannten Eindruck und lachte unmotiviert auf. Sie äußerte, ihr Lachen sei Weinen“...:

Mit dieser Notiz glaubte das Gericht die diagnostizierte „Schizophrenie“ mit begründen zu müssen. Man muss sich diese Szene jedoch ganz plastisch vor Augen führen: Da verhandeln drei honorige Herren, ein Amtsgerichtsrat und zwei Medizinal- und Oberärzte als mobiles „Erbgesundheitsgericht“ am 29.03.1943 im 20-minütigen Fließband-Takt über die „Unfruchtbarmachung“ von insgesamt 11 Patienten in der „Heil“anstalt Gütersloh – Zitat: „die Kranken sind seitens der Anstaltsleitung dem Gericht zum Termin vorzuführen“...

Und Erna Kronshage ist als dritter „Fall“ von 08.40 bis 09.00 Uhr anberaumt…  - Bei dieser ungleichen „Vorführung“ ohne jeden persönlichen Beistand soll nun über diese „einschneidende“, das ganze Leben verändernde endgültige Sterilisations-Maßnahme entschieden werden...

Und weil Ernas verstörte und verzweifelt unsichere Reaktion auf diese makabere Szene ein „unmotiviertes Auflachen“ ist und von ihr auf Befragen kommentiert wird mit: „Mein Lachen ist Weinen“ … wird diese an sich ja tiefgründige Antwort mit als Indiz für ihre Schizophrenie gewertet...

Aber die 20-jährige Erna lacht ja, um nicht Losheulen zu müssen, weil sie sich ihrer Tränen vor diesen herumschwadronierenden Männern schämen würde – denen sie da in dieser heiklen und existenziell intimen Frage ausgeliefert ist...

Am Tag 284 des 484-Tage-Martyriums – 


am 4. August 1943 wird sie nach Beschluss in zweiter Instanz des Erbgesundheitsobergerichtes Hamm – im Krankenhaus Gütersloh zwangssterilisiert – trotz aller Widersprüche und Eingaben des einsam kämpfenden Vaters.

Der hatte ja zwischenzeitlich auch wiederholt gefordert, Erna aus der Anstalt nach Hause zu entlassen, und nach dieser Zwangssterilisation hätte das auch formal erfolgen können: Doch inzwischen gab es Anweisungen dazu aus dem Reichsinnenministerium - Zitat: „Polizeilich eingewiesene“ Insassen seien nun nicht mehr nach Hause zu entlassen, weil diese „geistig anbrüchigen Personen in Luftschutzräumen … sehr leicht zu Unzuträglichkeiten führen können…“. Deshalb sei die „Entlassung zu verweigern“...

Damit sitzt Erna Kronshage unentrinnbar in der Falle ...

Tod nach 100 Tagen in der Anstalt "Tiegenhof"

Am 12. November 1943 - startet dann mit Erna Kronshage der Deportationszug mit 50 Frauen und 50 Männern, die im Laufe der Luftschutzevakuierungen der „Aktion Brandt“ in Gütersloh überzählig sind und Platz machen müssen.

Es geht in die 630 km entfernte damalige Gauheilanstalt Tiegenhof bei Gnesen im besetzten Polen - die seit 1939 eine Tötungsanstalt ist – zunächst für polnische Patienten und dann reihum für Deportationsankömmlinge aus dem Reichsgebiet.

Hier kommt Erna Kronshage nach 100 Tagen Aufenthalt infolge der allmählichen gesteigerten Verabreichung eines extra von Prof. Dr. Hermann Paul Nitsche entwickelten "Cocktails" aus schleichend erhöhten Barbituratdosierungen - einhergehend mit einer fettlosen Kost - am 20.02.1944 gewaltsam ums Leben ...

Nachdem die Leiche auf Antrag der Eltern rücküberführt wurde, wird laienhaft eine heimliche familieninterne Leichenschau durchgeführt, bei der misstrauisch nach Anhaltspunkten für einen gezielten Krankenmord Ernas Ausschau gehalten wird. Doch diese perfiden gezielten Tötungen durch Barbiturate mit fettloser Kost bzw. der dadurch ausgelöste allmähliche Zusammenbruch des körpereigenen Abwehrsystems hinterlassen keine erkennbaren Spuren...

Der beerdigende Pfarrer hat im Kirchenbuch nicht die offizielle Todesursache aus der Sterbeurkunde übernommen, sondern ausdrücklich notiert: „Todesursache unbekannt.“...

Erna Kronshage wird dann im Familiengrab am 5. März 1944 beigesetzt.

  • Diese äußerst fragliche und tatsächlich kaum abgesicherte Diagnosestellung der damals so bezeichneten "Erbkrankheit Schizophrenie" - 
  • und die Zwangssterilisation gegen den Willen des immer noch sorgeberechtigten Vaters, der den Aufenthaltsort seiner Tochter bestimmen konnte -
  • sowie das unbegründete Festhalten in der Anstalt in dem Vierteljahr nach der Zwangssterilisation bis zur Deportation: 
dieses Konglomerat aus zerknüllt chaotischen Kriegswirren - einhergehend mit diesem rassistischen Erbkrankheits-Wahn der Nazi-Psychiatrie, an dessen Ende der minutiös geplante und mit vielen aktiven und passiven Helfern und Helfershelfern industriemäßig durchorganisierte "Gnadentod" zur "Gesunderhaltung des Volkskörpers" stand, hat den gewaltsamen Tod Erna Kronshages bewusst und überlegt herbeigeführt als unaufhaltsam ablaufende Ereigniskette - sicherlich im jeweiligen Einzelfall einhergehend mit einer Reihe von persönlichen und individuellen Verstrickungen und Verwicklungen und Missverständnissen ...


 🔵 und dann wir mir auch klar: Nicht Erna Kronshage war verrückt - sondern es war der Sog dieses damals allgemein von verirrten und verwirrten Menschen erdachten und gelebten wahnhaften Zeitgeistes, dem man sich nicht zu widersetzen vermochte - in ihm steckte das Un-normale und Krankhafte - bis hin zum Massenmord ... 

Auf dieser immer schräger werdenden Ebene gab es dann letztendlich keinen Halt mehr.


...Und auch hier muss man dazu in dieser Zeit, 75 bis 90 Jahre später,  Bertolt Brecht zitieren, aus seinem Epilog zu "Arturo Ui":


"Ihr aber lernet, wie man sieht, statt stiert
und handelt, statt zu reden noch und noch.

So was hätt' einmal fast die Welt regiert!

Die Völker wurden seiner Herr, jedoch
dass keiner uns zu früh da triumphiert –

der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch."



Erna Kronshage ist ein Mordopfer von insgesamt ca. 300.000 "Euthanasie"-Toten.

→ Dieser Artikel ist der neue Abschnitt 26: ABSTRACT/Zusammenfassung - im Studien- und Memorialblog: "MEIN LACHEN IST WEINEN" - click here
für weitere informationen:


Erna Kronshage - zum Tag ihrer Euthanasie-Ermordung vor 75 Jahren: CLICK TO VIDEO|FEATURE "TIEGENHOF"




Flyer zum polnischen Video "Tiegenhof" - übersetzt mit Google-Translator
CLICK TO VIDEO|FEATURE "TIEGENHOF"
und dann [Vollformat] schauen ...

Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube

Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube - S!|art

kunstschaffen von frauen ... - update

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stimmt schon - "alte meisterinnen" fristeten jahrzehntelang in kunstausstellungen und auf auktionen eher ein mauerblümchen-dasein.

und doch muss man sich hüten - vor einer "gefühlten" ignorierung und vielen tatsächlichen dominierungen - denn - einige künstlerinnen haben es auch geschafft und sich längst einen berühmten namen gemacht:

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es fällt mir nach genauerem nachdenken dann meistens schwer,  solche - sicherlich leider immer noch notwendigen und gutgemeinten artikel zu verlinken und zu kommentieren ... 

gendermäßige inklusion und partizipation und emanzipation - oder ganz schlicht auf neudeutsch: gleichberechtigung - sind eigentlich so selbstverständlich, dass man nicht andauernd nochmal besonders so etwas zu erwähnen hat oder herausstellen muss - ansonsten würde ja die kunst von frauen, die oftmals eine qualitativ weitaus bessere und höherwertige ausbildung aufweisen als ihre männliche kollegen, ähnlich behandelt wie etwa die outsider-kunst von art brut, von nichtakademisch und oft autodidaktisch aktiv tätigen künstlerinnen und künstlern - und eine kleine macke hat ja sowieso jeder mensch, der kreativ arbeitet und anderen seine erzeugnisse zeigen will ... 

inzwischen ist dieser früh anerkannte zweig der autodidaktisch kunstschaffenden auf dem weg, ganz "normal" ausgestellt und verhökert zu werden - leider manchmal immer noch zu "sonderpreisen" - und wenn man als otto-normalverbraucher schon mal 500 uro für ein wandbild ausgeben würde, zahlt man für oft ausgefallenere werke auf einer outsider art fair-messe vielleicht vergleichsweise nur 150 uro ...

aber dieses preisliche "gefälle" ist ja längst zwischen frauen-kunst und männer-kunst doch ziemlich eingeebnet - und gleichwertig ... - oftmals weiß man bei meiner auktion oder in der galerie bei oft unleserlichen oder gar keinen signaturen und "ohne titel"-werken ja gar nicht, wen oder was man da vor sich hat ...

ich mag deshalb auch nicht die geschlechtsspezifischen auktionen besonders auch im rundum wallenden #me-too-getöse ... - wo dann schließlich frauen die kunst von frauen kaufen (dürfen) - oft aus "mitleid" ("da will ich gertrud jetzt aber auch mal ne freude machen - die hat an ihrer koje so wenig zuspruch ...")- na und ... ???: da kann man hübsch unter sich bleiben - und da hätte man auch früher schon drauf kommen können. und trennt der riss durch die gesellschaft denn männer auf der einen seite und frauen auf der anderen - dann ist da mit der emanzipation und der "gleichstellung" irgendetwas falsch gelaufen ...

auch allen "quoten-regelungen" in dieser richtung stehe ich skeptisch gegenüber - der jeweils geeigneteste "mensch", der/die/das sich in einem bewerbungsverfahren vor mehreren juror*innen qualifiziert hat, sollte jeweils aufgestellt werden oder den posten übernehmen - und das wird dann irgendwie entweder auf einen mann oder einer frau oder so ähnlich zulaufen ...

ich mag auch nicht andauernd z.b. von donald trump sprechen oder schreiben oder hier etwas veröffentlichen - oder gar von der afd und von pegida - auch nicht das vermeintlich negative oder gar der angriff und vorwurf aus deren richtungen, denn das wertet doch nur unnötig auf: »frames zu negieren bedeutet, sie zu aktivieren.«, meint die sprachforscherin elisabeth wehling. anders gesagt: wer die formulierung einer "anmache" auch nur wiederholt, verstärkt die "anmache" unnötig. wenn man also jeden furz von trump|afd|pegida|populisten von dort unten vermeldet und darauf reagiert und an die große glocke hängt, stärkt man ja die absicht ihrer pr-rezepte - weil das durch die stellungnahmen hinüber und hernüber die clicks und die auflage "aus beiden richtungen" erhöhen - und damit die deutungshoheit bestimmt und die "öffentliche meinung" zurechtknetet wird ...

das alles sollte endlich seine "besonderheiten" und "herausstellungen" verlieren - und nichterwähnung trocknet vielleicht den sumpf allmählich aus ... - und auch all diese "titel" leben von den "cklicks" und den "likes", die wir ihnen geben - und werden so überbewertet ...

hier heißt das: jede "rechtfertigung" weiblicher kunst - und jede besonderheitsbildung weiblichen kunstschaffens stärkt nur die trennung und den riss zum männlich dominierten kunstbetrieb.


im epilog des arturo ui lehrt uns bertolt brecht: 
"ihr aber lernet, wie man sieht, statt stiert
und handelt, statt zu reden noch und noch.
so was hätt' einmal fast die welt regiert!
die Völker wurden seiner herr, jedoch
dass keiner uns zu früh da triumphiert –
der schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch."

parkland schulmassaker - szenen aus der notfallambulanz kurz danach


"Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich einen Teenager sterben sah"

Szenen aus der Notfallambulanz verfolgen die Helfer oft ihr Leben lang ...

Von Eric Curran in der "New York Times" 
Mr. Curran ist Medizinstudent im dritten Jahr.

So sieht der Aufnahmebereich der Notfallambulanz aus, wenn die Wiederbelebung eines Schussopfers im Temple University Hospital gescheitert ist. Foto: Eric Curran | NYT






New York Times | PHILADELPHIA - Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich einen Teenager sterben sah. Er wurde mit drei Einschusswunden in der Brust auf der Rückbank eines Polizeiwagens liegend in das Temple University Hospital gebracht. Er trug blaue Jeans, die völlig rotverfärbt durchblutet waren.

Die Schwestern schnitten die Jeans einfach ab und warfen sie zum Ende der Liege. Die Bluejeans, die nun nicht mehr blau waren sondern durchblutet, baumelten eine Zeitlang und fielen schließlich in die Blutlache, die sich auf dem Boden darunter gesammelt hatte. Nachdem nichts mehr getan werden konnte, um den jungen Mann zu retten, wurde die Liege, auf der sein dünner Körper lag, weggerollt und ließ Blutstreifen auf dem Boden zurück, die von den Rädern der Liege stammten, die in der Blutlache gestanden hatten.

Als Medizinstudent im ersten Jahr verfolgt mich dieses Bild und ich denke, das wird wohl für immer so bleiben ...

Immer wieder wurden damals junge Menschen aus Parkland gebracht, direkt im Rettungswagen oder eben auch auf den Rückbänken von Polizeiautos. Die Krankenschwestern und die Ärzte in der Notaufnahme heben sie dann auf die Trage oder Liege. Wenn sie wach sind, fragen sie das Personal vielleicht, ob sie nun sterben müssten, was vom Arzt natürlich verneint wird ...

Einmal eingeliefert dann im Notfallbereich, sucht das Nothelfer-Team nach Einschüssen in den Körpern. Und der Medizinstudent klebt an jede Schusswunde kleine Pics ähnlich den Büroklammern, so dass die dann zur Ortung auf dem Röntgenbild sichtbar sind.

Wenn das Herz aufhört zu schlagen, öffnen die Ärzte oft das Brustbein mit medizinischem Hämmerchen und einem meißelartigen Gerät für eine "offene Herzmassage" zur Wiederbelebung...
Einschub sinedi: Eine solche präklinische Notfallthorakotomie dient der Reanimation bei Patienten mit traumatischem Herz-Kreislauf-Stillstand. Dieser Notfall-Eingriff ist in Deutschland weniger bekannt, wird aber jeweils in Extremsituationen schon seit 1902 durchgeführt - vor allem in den USA und in England. Die Notfallthorakotomie sollte nur als "letzte Möglichkeit" bei Herzstillstand durchgeführt werden, und wenn der Patient nicht innerhalb von 10 Minuten nach Eintreten des Herz-Kreislauf-Stillstandes klinisch operativ versorgt werden kann, was ja in diesem geschilderten Fall wegen der unvorhersehbaren "Überfüllung" der Op-Räume gegeben war...
Zwei behandschuhte Hände halten dann das freigelegte offene Herz und beginnen mit den fachgerechten rhythmischen Kompressionen. Weitere Krankenschwestern und Ärzte helfen dann, Medikamente zu injizieren - und die Defibrillationskontakte ("paddles") für die Stromstöße zur Wiederbelebung werden direkt auf das Organ gesetzt, um durch Stromstöße das Leben wieder in Gang zu setzen. Wenn dann Gott oder das Glück oder die Physiologie es wollen und erlauben, fängt das Herz wieder an zu pulsieren. Und dann drehen sich die Räder der Krankenliege erneut in Richtung Operationssaal und hinterlassen auch jetzt wieder diese schrecklichen blutigen Streifen auf dem Boden, mit blutigen Schuhabdrücken ringsum.


Wenn das Herz eines traumatisierten Patienten stillsteht, werden die Defibrillationspaddles direkt auf das Organ gesetzt, um das Leben wieder in Gang zu setzen. Manchmal kehrt ein Herzschlag zurück. Oft aber auch nicht - Foto: Eric Curran|NYT




Nach dem Kampf, ein menschliches Leben zu retten, bleibt ein stiller, besprühter Raum. Gaze, Schläuche, Hemden, Handschuhe, Hosen, Bänder und Turnschuhe liegen verstreut. Krankenhausarbeiter kommen dann und waschen das Blut ab. Sie bringen Wischer, Handtücher, Bürsten und Mülleimer mit und arbeiten mit Herz und Hand. Denn die Notaufnahme muss schnell gereinigt werden, da bald wieder ein anderes junges Opfer eingeliefert werden könnte.

Ich fing an, diesen Raum zu fotografieren - aus der Hilflosigkeit und aus Verzweiflung, die ich angesichts dieser sinnlosen Todesfälle fühlte. Ich will, dass die Gewalt aufhört. Ich habe gefragte, ob ich eine Kamera benutzen dürfte - nicht um die Toten und Sterbenden zu fotografieren, denn sie verdienen Privatsphäre, Pietät und Respekt. Aber ich fragte mich, ob das Erfassen der Momente, in denen Leben gerettet und verloren wird, den Menschen helfen könnten, zu verstehen, was da immer mal wieder tatsächlich passiert - und angerichtet wird ...

Ich schlüpfe in Plastiküberzüge für meine Schuhe - und manchmal höre ich Schreckens- und Verzweiflungsschreie, wenn nämlich die Angehörigen die Nachricht erhalten, dass ihr Sohn oder ihre Tochter, ihr Bruder, ihre Schwester, ihr Ehepartner oder Partner erschossen worden sind - einfach so ...

Das Temple University Hospital hatte im vergangenen Jahr 481 Patienten mit Schussverletzungen behandelt, wovon 97 starben. In diesem einen Krankenhaus - in dieser Wohngegend - in dieser einen Stadt.

In den USA haben 2017 fast 40.000 Menschen ihr Leben durch Schusswaffen verloren. Dieser Bericht soll dir zeigen, was da drinnen in der Notaufnahme passiert. Er soll zum Umdenken anregen. Denn gerade hier in Amerika sollten Bluejeans einfach nur blau bleiben ...

Quelle: New York Times-online - Donnerstag 14.Februar 2019 - übersetzt mit Google-Translator und textlich bearbeitet von sinedi ...
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Das war das Schulmassaker von Parkland

Beim Schulmassaker von Parkland erschoss am 14. Februar 2018 der 19-jährige Nikolas Cruz an seiner ehemaligen Schule, der Marjory Stoneman Douglas Highschool (MSD) in Parkland (Florida), 14 Schüler und drei Erwachsene. Kurz danach wurde er festgenommen; am nächsten Tag gestand er die Tat. 15 Verletzte kamen in Krankenhäuser.

Eine Woche später wurde bekannt, dass zum Tatzeitpunkt ein bewaffneter, uniformierter Hilfssheriff auf dem Schulgelände patrouillierte. Er ging aber nicht ins Gebäude, als die zahlreichen Schüsse fielen.Etwa zeitgleich plädierte der amtierende US-Präsident Trump dafür, Lehrer zu bewaffnen, und die US-Waffenlobby-Organisation National Rifle Association („Nationale Schützenvereinigung“) dafür, mehr bewaffnete Wachen in Schulen einzusetzen. Polizisten aus der Nachbarstadt Coral Springs äußerten, bei ihrer Ankunft seien neben Peterson mindestens drei weitere bewaffnete Hilfssheriffs nicht im Gebäude gewesen.

Gemessen an der Zahl der Todesopfer war die Tat nach dem Amoklauf in Las Vegas im Oktober 2017 mit 58 und dem Amoklauf in Sutherland Springs im November 2017 mit 26 Todesopfern die drittschwerste Tat in dieser Zeitspanne.

Die Tat hatte zahlreiche Proteste gegen die Waffengesetze in den USA zur Folge. (WIKIPEDIA)
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ich habe mir das lange überlegt, ob ich zum jahrestag der tödlichen schulmassaker-schüsse von parkland hier diese blutigverstörenden bilder und diesen text vom medizinstudenten eric curran, den ich in der "new york times" fand, hier in meinem blog bringen kann, darf, soll, oder gar muss ...

der bericht hat mich echt berührt und zeigt quasi von innen, was nach solchem massaker da in den notfallstationen in den kliniken in exakten sekundenbruchteilgenauen hand-in-hand-ablaufplänen abgeht - und wie oftmals mit solchen akuten "letzten" notfallentscheidungen mit gott um jedes leben im wahrsten Sinne des wortes gerungen und gekämpft wird ...  

bei so einer hier von mr. curran beschriebenen "präklinische notfallthorakotomie", die bei solchen massakeropfern und schussverletzten dort wohl schon fast "routinemäßig" auf die schnelle durchgeführt werden - also einer herbeigeführten offenen herzmassage als "letzten versuch", das leben bei einem herzstillstand nach einem solchen trauma mit verletzung und schock doch noch zu erhalten - sprechen englische quellen von einer erfolgsrate von immerhin 18% - fast ohne bleibende schäden - was man als "sehr gut" unter diesen umständen beschreiben muss ... - die alternative wäre ja der unweigerliche eintritt des todes.

und dieses massaker da in parkland geschah ja ohne ersichtlichen oder nachvollziehbaren grund - einfach so - vielleicht aus langeweile oder unter drogeneinfluss oder einem unbotmäßig aufgebauten hass auf alles und jeden um einen herum...

gern machen wir ja alle vor solchen bildern von solchen massakern die augen geflissentlich zu und lassen "den lieben gott einen guten mann sein" - schauen rasch in eine andere richtung und verdrängen das grausame oder auch schon das unangenehme geschehen zumeist ...

hätte dir nach einem jahr der name "parkland" noch etwas gesagt ... ???

aber - wir dürfen nicht vor allem die augen verschließen - wir müssen hinschauen und wahrnehmen - ganz genau sogar - und wir müssen uns körperlich-seelisch berühren lassen... und nur etwas konkret anschauliches kann uns noch - wenn überhaupt - in dieser virtuellen digitalen zeit echt beeindrucken und uns so wachrütteln, dass wir anteil nehmen...
  
und bei all diesem sterben und diesem leid dürfen wir ja - positiv - auch diese tatsächlichen helden mit wahrnehmen, die da in den unfall- und polizeiwagen und in den notfallambulanzen oft zu zeiten, wo andere längst feierabend haben, ihren job machen - und z.b. diese "defibrillationspaddles" ans leblose herz zur wiederbelebung anlegen müssen, und die blutigen jeanshosenbeine abschneiden und die dann das blut wischen und den raum wieder säubern - oftmals für das nächste opfer - kurz danach ...