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nektargebräu


wenn ein bild mehr als 1000 worte sagt
kann ich es doch 
ganz für sich selbst sprechen lassen
in einem selbstgespräch 
da raunt es - wispert

was will es mir also sagen
gibt es die körpersprache 
einer blüte 
teilt sie geheimnisse

geht mich ihre verschlusssache 
vom nektargebräu etwas an

sinedi

Sie schreibt nur, wenn sie sich nicht mehr zu helfen weiß - Herta Müller wird 65

S!|art: herta müllers schreibhemmung

Angst vor dem Schreiben

65. Geburtstag: Herta Müller ist mit Auskünften über sich zurückhaltend

Von Nada Weigelt

Wohl kaum jemand hat die Grauen einer Diktatur so schonungslos und zugleich poetisch beschrieben wie Herta Müller. Sie zeichne „Landschaften der Heimatlosigkeit“, befand die Jury, die ihr 2009 den Literaturnobelpreis zusprach. Heute wird die rumäniendeutsche Autorin 65 Jahre alt. Nach den Erfahrungen im Ceausescu-Regime ist der Kampf gegen Unterdrückung, der Einsatz für Freiheit und Menschenrechte ihr wichtigstes Anliegen geblieben.

S!|art nach einem Foto von Soeren Stache | dpa

„Ich kann mich nicht wegschleichen und will mich nicht täuschen, sondern das ertragen, was ich sehe“, sagte sie einmal. So setzte sie sich für die Freilassung der Witwe des chinesischen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo ein, forderte eine Anerkennung der Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord und kämpft für ein Exilmuseum in ihrer Wahlheimat Berlin. Es soll die Erinnerung an die Hunderttausenden Deutschen wachhalten, die während der NS-Zeit ins Ausland fliehen mussten.

Einen neuen Roman hat die Autorin seit ihrem Meisterwerk „Atemschaukel“ 2009 und dem Literaturnobelpreis im selben Jahr nicht mehr vorgelegt. „Sie hat Angst vor dem Schreibprozess“, sagt ihr früherer Mann, der Schriftsteller Richard Wagner, in einem der raren TV-Porträts, für das sich Müller 2014 dem Bayerischen Rundfunk öffnete. Und der Autor und langjährige Freund Ernest
Wichner ergänzt: „Sie schreibt nur, wenn sie sich nicht mehr zu helfen weiß.“

Müller selbst ist trotz ihres Ruhms mit Auskünften über sich zurückhaltend; auch zu ihrem Geburtstag lässt sie sich nicht zu einem Interview überreden. Stattdessen widmet sie sich zunehmend der heiter-subversiven Schnipsel-Poesie. Das sei die sinnlichste Form des Schreibens, sagt sie. Mit Schere und Klebstoff entstehen aus einzelnen ausgeschnittenen Wörtern poetische Collagen.

Neue Westfälische, Kultur/Medien, Freitag, 17.August 2018 - Nr. 190/33

collagen-gedicht aus: herta müller | vater telefoniert mit den fliegen, hanser 2012



Reisende, Suchende, Vertriebene

Reisende, Suchende, Vertriebene

20 Titel für Buchpreis nominiert – Liste von »poetischer Tiefe«

Biller, Geiger, Hegemann und Klüssendorf: Auf der Longlist des Deutschen Buchpreises tauchen bekannte Namen auf. Anders als im Vorjahr dominieren dieses Mal die Frauen.

Beim Wühlen durch 199 neue Romane habe die Jury »überraschende Entdeckungen« gemacht, sagt Sprecherin Christine Lötscher.

»Die Lage der Welt scheint den deutschsprachigen Autorinnen und Autoren auf den Nägeln zu brennen«, sagt Lötscher. »Ihre Romane versuchen diese Fragen in der ganzen poetischen Tiefe auszuloten, indem sie ihre Figuren als Reisende, Suchende oder Vertriebene ihre Vergangenheit und Gegenwart erkunden lassen.«

Aus diesen 20 Büchern wird nun die sechs Titel umfassende Shortlist kreiert. Diese wird am 11. September veröffentlicht, bevor dann am 8. Oktober zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse die Siegerin (?) verkündet wird.

Textbausteine aus: WESTFALEN-BLATT, Nr. 188, Mittwoch 15.August 2018 - S.14 (dpa).




Die nominierten Autoren mit ihren Romanen

  • Carmen-Francesca Banciu: Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten!
  • María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten
  • Maxim Biller: Sechs Koffer
  • Susanne Fritz: Wie kommt der Krieg ins Kind
  • Arno Geiger: Unter der Drachenwand
  • Nino Haratischwili: Die Katze und der General
  • Franziska Hauser: Die Gewitterschwimmerin
  • Helene Hegemann: Bungalow
  • Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen
  • Angelika Klüssendorf: Jahre später
  • Gert Loschütz: Ein schönes Paar
  • Inger-Maria Mahlke: Archipel
  • Gianna Molinari: Hier ist noch alles möglich
  • Adolf Muschg: Heimkehr nach Fukushima
  • Eckhart Nickel: Hysteria
  • Josef Oberhollenzer: Sültzrather
  • Susanne Röckel: Der Vogelgott
  • Matthias Senkel: Dunkle Zahlen
  • Stephan Thome: Gott der Barbaren
  • Christina Viragh: Eine dieser Nächte
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für mich ist das mit dem buchpreis jedes jahr fast so spannend wie der beginn der fußball-bundesliga-saison. und doch: ich weiß ja - oder glaube zu wissen - hinter einer solchen auswahl stecken auch marktstrategische überlegungen - und nicht nur literarische oder poetische klasse: nach welchem proporz wird da gewählt - und wer fliegt raus???

für mich ist das so ähnlich wie beim arzt, wenn der für irgendein "wehwehchen" den rezeptblock zückt oder die verordnung ausdrucken lässt: da mischt im hintergrund der pharmavertreter mit, der gestern ein kleines präsent dagelassen hat, und das verschreibungs-"budget" der kassen ... - und bei den büchern auf der longlist - und dann auf der shortlist - und zum schluss beim kreieren des buchpreises mischt sicher auch die verlagslobby mit - und die lizenzabteilungen, die die rechte ins ausland verscherbeln könn(t)en, und die literatur- und autorenagenturen und die diskussion um amazon und thalia und den kleinteiligen buchhandel vor ort - und die werbebranche und - und - und - ja und dann geht es ja auch noch um 'literatur' - von interessegeleiteten menschen für interessegeleitete menschen gemacht

und mal ganz ehrlich - und im vertrauen: die letzten preisträger oder shortlist-erwählten, die ich mir tatsächlich nach dem jedes jahr so spannenden kampf gekauft habe, habe ich fast alle nur bis zur hälfte "mit genuss" gelesen ...

für mich sind diese dicken raffiniert ausschwafelnden wälzer nichts - da kommt mir dann die jeweilige aktualität hier als blogger und meine eigenkreativen ambitionen in die quere und schütten dann meine hehre motivation einer weiteren "lektüre" einfach zu ...

da ich ein paar titel auch online gekauft habe auf dem kindle, wird amazon das mit einem click auf meinem kindle-konto auch bestätigen können.

und auch die "stichworte" dieser longlist 2018 "reisende, suchende, vertriebene" reißen mich ja nun nicht vom hocker: das kann ich jeden tag haben, wenn ich mein spiegel-plus oder mein welt plus gold oder gar mein nytimes.com-konto oder die sz oder die "zeit" neben meinen beiden heimatzeitungen anknipse - und zwar ganz in echt und live und gut recherchiert - und die auswahlkriterien bestimme ich - natürlich nach dem die dazugehörenden redaktionen ihre jeweilige veröffentlichungs-priorität gesetzt haben...

überhaupt frage ich mich, ob ein rasches billiges und leider auch von sozialen netzwerken mit fake news durchseuchtes aber einigermaßen selbstbestimmtes computergestütztes infotainment in echtzeit nicht meinen literatur-bedarf längst abgelöst hat. 

okay - das ist schnelllebiges ex und hopp - aber das läuft im literaturbetrieb ja zu genüge bei dem ausstoß von rund achtzigtausend neuen veröffentlichungen im jahr - und wie wir sehen, denkt sich die autorenschaft zum größten teil zeitgemäß und marktgerecht nun auch literatur- und poesiewürdige aber auch pekuniär "gängige news" aus - gut - okay: gutkomponiert ist noch lange kein "fake" ...: aber ein eigentlich von mir zu erfüllendes multisinnliches agieren bringt mir nichts: (kopfhörer und headphone und handy und buch und tv etwa gleichzeitig - beim autofahren schon gar nicht) und das alles hintereinander kostet auch immer meine lebenszeit und und meine überweisung an amazon-kindle oder thalia ...




weiße stadt tel aviv - bauhaus in israel

Die Spuren der Zeit: Etwa drei Viertelder in der Stadt geschützten Gebäude im Bauhaus-Stil sind sanierungsbedürftig.
Fotos: dpa|WB



Kulturerbe verpflichtet

Zum 100. Bauhaus-Jubiläum wird in Tel Aviv renoviert

Tel Aviv(dpa). Tel Avivs Stadtkern im Bauhausstil gehört zum Weltkulturerbe, doch der Zahn der Zeit und das Klima haben der »Weißen Stadt« zugesetzt. Im Vorfeld des 100. Bauhaus-Jubiläums 2019 wird viel renoviert – und die Zusammenarbeit zwischen Israel und Deutschland blüht auf.

Sharon Golan Yaron drückt ge­gen die schwere Tür. Sie klemmt. Das alte Holz hat sich verzogen. »Das bringen wir auch noch in Ordnung«, sagt sie lachend und stemmt die Tür auf. Die in Deutschland geborene Architektin ist Programmdirektorin des Zentrums Weiße Stadt, das sich dem Erhalt der Gebäude im Bauhausstil von Tel Aviv verschrieben hat – eine Mammutaufgabe.

Sie führt hinein ins Max-Liebling-Haus. Es ist eines von etwa 4000 ursprünglich eher sandfarbenen Gebäuden im internationalen Stil, die als »Weiße Stadt« das Zentrum Tel Avivs prägen. Und es ist eine Baustelle. Seit 2017 wird das Max-Liebling-Haus renoviert. Hier soll im kommenden Jahr das deutsch-israelische Zentrum Weiße Stadt dauerhaft unterkommen.

2003 wurden große Flächen Tel Avivs von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt. Ein Status, der auch zum Erhalt verpflichtet. Laut Golan Yaron gibt es bei etwa drei Viertel der Gebäude dringenden Renovierungsbedarf. Das schwül-heiße Klima mit der salzigen Meeresluft hat einigen Gebäuden über die Jahre zugesetzt. Die Fassaden bröckeln, dazu lag früheren Umbaumaßnahmen nicht unbedingt ein architektonisches Credo zugrunde. Eher individuelle Bedürfnisse der Bewohner, die für Klimaanlagen vor den Fenstern und verrammelte Balkone gesorgt haben. Gerade das macht, so Golan Yaron, aber auch den Charme aus: »Hier gibt es keine einzelnen Ikonen, wie man es aus Europa kennt. In diesen Gebäuden leben Menschen, das sind keine Museen.«

Von außen erstrahlt das Max-Liebling-Haus bereits in gleißendem Weiß. 2019, pünktlich zum 100. Geburtstag des Bauhauses, soll es Besucher über das Vermächtnis dieses architektonischen Stils informieren, den Walter Gropius in Weimar entwickelt hat. »Israel und Deutschland besitzen eine gemeinsame historische und baukulturelle Vergangenheit«, heißt es aus dem Bundesbauministerium, das das Projekt mit drei Millionen Euro über den Zeitraum von 2015 bis 2025 bezuschusst. Während der Nazi-Diktatur in den 1930er Jahren flohen viele europäische Juden in das damalige Palästina. Unter ihnen waren auch einige Architekten, die basierend auf der Idee und dem Know-how des Bauhauses neuen Wohnraum schufen. »Mit der Machtergreifung der Nazis wurde der Entwicklung des Bauhauses in Deutschland ein Riegel vorgeschoben«, analysiert Ronny Schüler von der Bauhaus-Universität Weimar. »Und das Bemerkenswerte ist: In Tel Aviv setzten sich dann aber die Ideen der Moderne fort.« Die emigrierten Architekten entwickelten ihr erlerntes Wissen weiter, probierten Neues aus und erbauten vor allem in Tel Aviv ein weltweit einmaliges Ensemble von Gebäuden in internationalem Stil.

Wohnhaus im Bauhaus-Stil am Rande des Stadtzentrums.

Neben immateriellen Einflüssen wurden auch ganz handfeste deutsche Produkte in den Häusern verbaut. Bei den Renovierungsarbeiten im Max-Liebling-Haus platzte im Treppenhaus eine Kachel von der Wand. Unter dem spröden Putz war der Name des Fabrikanten zu lesen: Villeroy und Boch – Made in Germany. Deutsche Fliesen und andere Produkte fanden deshalb den Weg auf die Baustellen von Tel Aviv, weil die geflüchteten jüdischen Einwanderer kein Geld aus Deutschland mitnehmen konnten. Eine Vereinbarung mit den Nazis – das Ha’avara-Abkommen – ließ jedoch zu, dass die Vermögen unter hohen Verlusten in Form von Sachwerten ausgeführt wurden.

An den Erhalt des gemeinsamen Kulturerbes knüpft auch der Austausch von Handwerkern zwischen Deutschland und Israel an. Für die denkmalgerechte Sanierung holt man sich beim Zentrum Weiße Stadt gerne die Expertise aus Deutschland.

aus: WESTFALEN-BLATT, Nr. 187,  Dienstag 14.08.2018 - S.16

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wikipedia schreibt: "1932 wurde das Bauhaus als private Einrichtung nach Berlin-Lankwitz verlegt; aber schon kurze Zeit später, 1933, wurde die Institution von den Nationalsozialisten durch Repressalien wie Hausdurchsuchungen, Versiegelung der Räume und Verhaftung von Studenten endgültig zur Selbstauflösung gezwungen.
Viele Bauhausmitglieder emigrierten und trugen so zur internationalen Verbreitung der Ideen des Bauhauses bei."

so kommt es also, dass wir herrliche bauhaus-gebäude als ensemble eher im ausland vorfinden als bei uns. die nazis haben ja in ihrem tötungsrausch in allem bis dahin gültigen und dagewesenen und in ihrem "arischen modernisierungswahn" auch in der kunst ("entartete kunst"), kultur, schrift und sprache radikal gewütet. so verloren wir in deutschland rasch den anschluss an die internationale kulturentwicklung - eine lücke die erst in den 80er jahren wieder geschlossen werden konnte - allerdings mit ein paar eigenständigen "lokalentwicklungen" und durchgangsstadien flankiert, wie zum beispiel "dem deutschen informel" mit künstlern wie gerhard hoehme, bernard schultze, emil schumacher, k. r. h. sonderborg und hann trier.

und als bauhaus-erzeugnisse sind bei uns dann im alltag vielleicht als überbleibsel die lagerfeld-lampe mit dem weißen runden glasschirm zu nennen - aber in der architektur hat man aus schlechtem gewissen heraus nur ein paar wenige highlights nachgebaut - ansonsten "zieren" die innenstädte ja größtenteils beton-kastenbauten, die schnell und billig die trümmerlanschaft des bombenkrieges zu übertünchen hatten, damit in ladenketten rasch wieder "umsatz" gemacht werden konnte.

die nachkriegsarchitektur in der bundesrepublik, noch schlimmer in der ddr, ist ja ein ziemliches desaster. der zerstörung der städte durch die bombenangriffe folgte die zerstörung durch den sozialen wohnungsbau und jener durch ruch- und geschmacklose investoren: wenig investition mit größtmöglicher rendite ...


bis heute leiden deutsche städte ja unter den entsetzlichkeiten – mit weitreichenden sozialen folgen. im schlimmsten fall teilt sich eine stadt wie in paris, wo im altbaulichen, eleganten stadtkern die bourgeoisie wohnt, und abseits der périphérique, der stadtautobahn, in den banlieues die abgehängten und vergessenen. 

unhygienische altbauten wurden abgerissen und gegen platten im westen wie im osten ausgetauscht, in denen es fließend warmes Wasser gab und keine feuchten keller. mehr war nicht gefordert. die Frage nach der schönheit galt als dekadent. wie dumm.

die emigrierten bauhaus-architekten in israel dagegen konnten von "ihrem stil" bei den bauten in tel aviv nicht lassen, der eben hypermodern als gegenentwurf zum "historismus" daherkam, der ja handwerkliche entstandene ornamente nur als industrielle massenfertigung billig kopierte - wie denn ja überhaupt der bauhaus-stil nach den maßgaben ihrer "väter" wie z.b. walter gropius und oskar schlemmer jetzt als eine "arbeitsgemeinschaft" gedacht war, in der die unterscheidung zwischen künstler und handwerker aufgehoben werden sollte. durch ihr schaffen wollten die mitarbeiter des bauhauses gesellschaftliche unterschiede beseitigen und zum verständnis zwischen den völkern beitragen - die entwickelten alltagsgegenstände und die architektur („das endziel aller bildnerischen tätigkeit ist der bau!") sollten "den Menschen dienen" und nicht umgekehrt, was bei der sanierung der bewohnten tel aviv bauhaus-häuser sicherlich manche interessante kompromisse nach sich zog ... die leitsätze im bauhaus orientierten sich daher an sullivans ausspruch "die form folgt der funktion" oder an mies van der rohes leitsatz "weniger ist mehr" - nicht mehr und nicht weniger.

im wahrsten sinne des wortes: ungeheuerlich und bestialisch

NS-Opfer Bruno Lüdke: Die Verhöre fanden unter vier Augen statt
Quelle: aus einem ullstein bild | WELT|Geschichte

So starb "der größte Massenmörder der Kriminalgeschichte"

Bis zu 84 Morde gestand der Hilfsarbeiter Bruno Lüdke 1943 im Polizeiverhör. Erst Jahrzehnte später kommt heraus, dass die Aussage falsch war und dass er bei einem diabolischen Experiment zu Tode kam.

Am 29. Januar 1943 machten Kinder beim Spielen im Köpenicker Stadtwald im Südosten Berlins einen grauenhaften Fund. Unweit des Krankenhauses lag, von Kratzern und Hämatomen übersät, die nackte Leiche einer Frau. Die Tote wurde als die 51-jährige Rentnerin Frieda Rösner identifiziert. Sie war brutal vergewaltigt und anschließend mit einem Halstuch erdrosselt worden.

Mit den Ermittlungen wurde der junge Kriminalkommissar Heinrich Franz betraut, der nach einigen Wochen einen Verdächtigen präsentierte: Bruno Lüdke, Hilfsarbeiter und kiezbekannter Dorftrottel aus Köpenick. Im Zuge der Verhöre gab er schließlich zu, seit 1924 insgesamt 84 Morde begangen zu haben. Das machte ihn zum schlimmsten Serienmörder der deutschen Kriminalgeschichte. Erst in den 1990er-Jahren wurden begründete Zweifel an Beweisführung und Verfahren laut. Eine interdisziplinäre Studie an den Universitäten Jena und Siegen hat den Fall jetzt einer umfassenden Revision unterzogen: „Zweifellos war Bruno Lüdke ein NS-Opfer und kein Massenmörder“, resümiert Co-Autor Axel Doßmann vom Historischen Institut in Jena.

Ein Opfer war Lüdke schon Jahre zuvor geworden. Der Sohn eines Wäschereibesitzers war als Kind nach einem Sturz geistig eingeschränkt. 1938 wurde er wegen kleinerer Diebstähle erstmals straffällig. Man erkannte auf geistige Unzurechnungsfähigkeit nach dem damals noch gültigen Paragraf 51 des Strafgesetzbuches und ließ ihm seine Freiheit. Damit aber geriet Lüdke auch in den Fokus des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Eine Zwangssterilisation wurde angeordnet und 1940 auch durchgeführt. Damit teilte er das Schicksal von rund 400.000 geistig und körperlich behinderten Menschen im Dritten Reich.

Bei seinen Ermittlungen stieß Kommissar Franz auf den „doofen Bruno“, der sich als Kutscher verdingte und von dem es hieß, dass er in seiner Freizeit als „Spanner“ durch die Gegend ziehe. Obwohl sich weder die Familie noch die Nachbarn und nicht einmal die örtliche Polizei Bruno als Gewalttäter vorstellen konnten, avancierte Lüdke zum Hauptverdächtigen. Selbst als sich herausstellte, dass das Blut auf einer besudelten Hose offenbar von Hühnern stammte, lud ihn Franz im März 1943 zum Verhör. Die Gewalt, mit der sich Lüdke dabei widersetzte, bestärkte die Polizei nur in ihrem Verdacht.

Lüdke fasste zu dem Beamten, der ihn überwältigt hatte, offenbar Vertrauen und soll bei dessen Anwesenheit in dem Verhörzimmer geradezu redselig geworden sein, wie Bernd Wehner, ehemaliger Leiter der Zentrale zur Bekämpfung von Kapitalverbrechen im Reichskriminalpolizeiamt 1950 in einer Serie im „Spiegel“ schrieb. So berichtete Lüdke von wochenlangen Ausflügen nach Hamburg, Thüringen oder München. Kommissar Franz sah die Chance, mit einem großen Fall seine Position im Haus zu festigen und damit einer möglichen Einberufung an die Front zu entgehen, und begann, Orte und Daten mit ungelösten Fällen zu vergleichen.

Zur Verblüffung seiner Kollegen, die von den Verhören ausgeschlossen waren, um das Verhältnis zwischen Franz und Lüdke nicht zu stören, bekannte sich dieser manchmal binnen weniger Stunden zu neuen Bluttaten, sodass er am Ende für 84 Morde die Verantwortung übernahm. In mehreren Dutzend Fällen zeigten selbst einfachste Recherchen, dass Lüdke die Tat nicht begangen haben konnte. 53 Morde und drei Mordversuche standen am Ende im Protokoll. Einwände aus dem Kollegenkreis bügelte Reichskriminaldirektor Arthur Nebe weg. Gleichwohl kam es nie zu einem gerichtlichen Verfahren.

Obwohl Josef Goebbels als „Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar der Reichshauptstadt Berlin“ in einem Schreiben an den SS-Führer und obersten Polizeichef Heinrich Himmler forderte, „dass der bestialische Massenmörder und Frauenschlächter Bruno Luedke ... seine scheußlichen Verbrechen wenigstens mit einem martervollen Tode sühnen“ sollte und daher bei „lebendigem Leibe“ zu „verbrennen oder vier(zu)teilen“ sei, machte dieser den Vorgang zur Geheimsache und ließ Lüdke ins Kriminalmedizinische Zentralinstitut der Sicherheitspolizei in Wien überstellen.

Geheime Tests mit vergifteter Munition

Dort erkannte man Lüdke als ideales Versuchskaninchen für teuflische Experimente, die die Grundlage für ein neues sozialrassistisches Gesetz gegen sogenannte „Gemeinschaftsfremde“ bilden sollten. „Damit wäre es legal geworden, alle unangepassten Deutschen zu verfolgen und zu ermorden“, sagt der Historiker Axel Doßmann.

Bei einem anderen Versuch kam Lüdke dann am 8. April 1944 ums Leben. In ihrer Studie kommen Doßmann und die Siegener Medienhistorikerin Susanne Regener zu dem Schluss, dass er bei geheimen Tests von vergifteter Munition starb, die für Attentate entwickelt wurde. Doch damit war die Karriere des „Massenmörders Lüdke“ noch nicht zu Ende.

Neben der bereits erwähnten „Spiegel“-Serie von 1950 widmete sich der Publizist Will Berthold 1956 in der „Münchner Illustrierten“ dem „größten Massenmord“. Nach der Serie, die auch als Buch erschien und Berthold zum Bestsellerautor machte, drehte Robert Siodmak den Spielfilm „Nachts, wenn der Teufel kam“, der 1958 immerhin für den Oscar für den besten fremdsprachigen Film nominiert wurde. Dem Bundesfilmpreis war das Werk acht Filmbänder in Gold wert; das für den besten Nachwuchsdarsteller ging an Mario Adorf in der Rolle des Bruno Lüdke. Kritiker lobten den „Menschenbullen, dem die Leiden der gehetzten Kreatur“ widerfuhren.

Erst in den 1990ern erschütterte der niederländische Kriminalist Jan Blaauw nach Analyse der erhaltenen Akten das traditionelle Bild. Lüdke sei Opfer der Suggestivfragen geworden, die Franz ihm gestellt habe und deren Zusammenhänge ihm gar nicht bewusst gewesen seien. Wie, fragte Blaauw, sollte es einem geistig Behinderten möglich gewesen sein, sich im Verhör präzise an Orte, Daten und Details von Morden zu erinnern, die oft Jahre zurücklagen, und sich anschließend den Nachstellungen der Polizei durch geschickte Flucht zu entziehen?

Seitdem mehren sich die Stimmen, die Lüdke von den meisten der von ihm zugegebenen Verbrechen freisprechen. Wahrscheinlich habe er überhaupt keinen Mord begangen. Seine postume Karriere erklären Doßmann und Regener mit der Faszination des Bösen über politische und soziale Brüche hinweg. Als teuflischer Triebtäter, brutal, verschlagen und skrupellos, hätte Lüdke die Erwartungshaltungen des Publikums an das personifizierte Böse befriedigt. Noch heute, so ein Fazit, gerieten geistig Behinderte leicht zum Opfer.

Das Blut auf seiner Hose stammte von Hühnern: Bruno Lüdke (1908-1944)
Quelle: ullstein bild - Willy Saeger | WELT|Geschichte


→ Axel Doßmann / Susanne Regener: „Fabrikation eines Verbrechens. Der Kriminalfall Bruno Lüdke als Mediengeschichte“. (Spector Books, Leipzig. 250 S., 38 Euro)

WELT|Geschichte © Axel Springer SE. Alle Rechte vorbehalten.

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wenn das eigene leben nichts mehr gilt, wenn es "bedeutungsloser" und "lebens-un-werter" in einer ganz bestimmten phase einer gesellschaftlichen entwicklung und verblendung und allmählichen verwilderung aller moralischen prinzipien wird, dann geschehen solche unfassbaren dinge. 

um der eigenen karriere willen und um nicht an die ostfront in den krieg zu müssen "überführt" in stundenlangen hartnäckigen vernehmungen "unter 4 augen" mit suggestiven unterstellungen der kriminalkommissar heinrich franz den "doofen bruno", den durch einen frühkindlichen unfall geistig eingschränkten bruno lüdke aus köpenick, der schließlich unter dem gehörigen druck und sicherlich aus einem gewissen plötzlichen zweifelhaften "geltungsbedürfnis" heraus zunächst "bis zu 84 morde" eingesteht - und so wird damals endlich eine "bestie" und ein "massen-frauenschänder" gefasst und dingfest gemacht...

und während man in jener zeit klammheimlich selbst bis zu 300.000 kranke, behinderte und normabweichler in raffiniert ausgeklügelten massenabfertigungen in "heil"anstalten liquidiert, wird bruno lüdke auf veranlassung heinrich himmlers dem neu errichteten "kriminalmedizinischen zentralinstitut der sicherheitspolizei" in wien überstellt, um dort "mitzuwirken" als lebendes objekt bei der erforschung perfider tötungsmethoden für den krieg. wobei er dann ebenfalls unweigerlich zu tode kommen musste. sein skelett wurde in die gerichtsmedizinische sammlung des instituts aufgenommen und ging wahrscheinlich in den 1960er Jahren verloren.

mario adorf als bruno lüdke -
foto: aveleyman
dass man erst im nachhinein in der gesamtschau dieser geschichte erkennen muss, zu wieviel perfider niedertracht und wahnsinn ein unrechtssystem fähig ist, das sich in viele kleine puzzle-teile organisiert und aufgespalten hat, und sich in der eigenen familie, hinter der nachbarschaft, hinter menschen wir du und ich verbirgt - und was sich längst selbst zu einer "bestie" stilisiert und etabliert hat, macht auch noch 75 jahre später erschrocken und betroffen.



vielleicht stünde es ja mario adorf zu, der mit seiner hauptrolle in einem sensationslüsternen film mit dem reißerischen titel "nachts wenn der teufel kam" zu diesem angeblichen "massenmörder"-thema um bruno lüdke den durchbruch als schauspieler hatte, ganz stickum einen "stolperstein" in berlin-köpenick vor dem letzten bekannten wohnsitz lüdkes legen zu lassen ...

das andenken und die erinnerung an diesem fatalen und ungeheuerlichen "justizirrtum" jedenfalls - diesem echten "fake statt fakt" - in dieser oft minutiös durchorganisierten "fabrikation eines verbrechens" muss bleiben und warnung und hinweis sein ... 

bedeutungsvoll - das bedeutet mir nichts




Foto: fotocommunity


„BEDEUTUNGSVOLLES LEBEN“

„Fakt ist, dass [einige] alte Menschen physisch, geistig und emotional abbauen“

Von Mareike Kürschner
Redakteurin | DIE WELT

Vor vier Jahren hat der Onkologe Ezekiel Emanuel mit der Erklärung Furore gemacht, nicht älter als 75 Jahre werden zu wollen. Er meint, danach sei kein bedeutungsvolles Leben möglich. Gilt das immer noch?

Wie alt sollten Menschen werden? Der amerikanische Onkologe und Medizinethiker Ezekiel Emanuel meint: 75 Jahre. Danach nehme die Fähigkeit ab, erfüllende Arbeit zu leisten und bedeutsame Beziehungen zu führen. Das werde sich auch in naher Zukunft nicht ändern.

WELT: Sie haben vor vier Jahren einen viel beachteten Essay verfasst mit dem Titel „Warum ich mit 75 sterben will“. Jetzt sind Sie fast 61. Haben Sie Ihre Meinung seitdem geändert?

Ezekiel Emanuel: Nein, warum sollte ich sie ändern? Ich stimme der Aussage heute sogar noch mehr zu als vor vier Jahren. Die Daten, die ich dazu habe, bestärken mich immer mehr.

WELT: Warum ist es so wenig erstrebenswert für Sie, älter als 75 zu werden?

Emanuel: Ein bedeutungsvolles Leben enthält drei Komponenten: bedeutsame Arbeit für das Individuum, bedeutsame Beziehungen und Spaß, sei es durch Reisen, Kochen, Malen oder andere Hobbys. Diese Komponenten nehmen im Alter ab. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die nach dem 70. Lebensjahr noch bedeutsame Arbeit leisten. Sie erfordert geistige, aber auch physische Fähigkeiten. Auch bedeutsame Beziehungen erfordern gute kognitive Fähigkeiten.

WELT: Was sagen die Statistiken zum Alterungsprozess?

Emanuel: Wenn man sich anschaut, wie Menschen altern, sehen wir einen physischen Verfall. Das Ideal, dass wir altern und dabei jung bleiben, wird nicht getragen von den Daten, die wir über den Alterungsprozess der Menschen haben. Natürlich gibt es Ausnahmen, allerdings habe ich selbst nur fünf Menschen in der Menschheitsgeschichte gefunden, die noch nach dem 75. Lebensjahr produktiv waren: Benjamin Franklin, Verdi, Michelangelo, Goethe und Sophokles. Vielleicht habe ich auch welche vergessen, aber es ist trotzdem nur eine Minderheit. Schauen Sie sich im Vergleich dazu die Alzheimerzahlen an – die schießen in die Höhe. Zwischen dem 75. und dem 85. Lebensjahr haben 33 bis 50 Prozent der Menschen eine Form von Demenz.

WELT: Die Menschen haben also ein falsches Bild vom Altern?

Emanuel: Natürlich streben wir alle danach, so lange wie möglich zu leben. Wir sind biologisch so gepolt. Und wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, über unsere biologischen Möglichkeiten hinauszugehen. Aber wenn Menschen davon sprechen, eine lange Zeit zu leben, dann denken sie, dass sie so leben werden wie in ihren 40ern und 50ern. Doch Fakt ist, dass sie physisch, geistig und emotional abbauen. Wir haben nicht vor Augen, dass wir in einem Pflegeheim enden können oder anderweitig Hilfe brauchen. Das ist auf jeden Fall kein Zustand, den ich erleben möchte.

WELT: Sie wollen mit 75 sterben. Denken Sie daran, Ihr Leben zu beenden?

Emanuel: Nein, nur weil ich sage, ich will nicht so lange leben, heißt das nicht, dass ich mir das Leben nehmen werde oder dass ich Sterbehilfe befürworte. Ich werde nur nach dem 75. Lebensjahr keine medizinischen Eingriffe mehr durchführen lassen, die allein dazu dienen, mein Leben zu verlängern: Darmspiegelung, cholesterinspiegelsenkende Pillen, eine eventuelle Chemotherapie – darauf werde ich verzichten. Das bedeutet aber nicht, dass ich meinen Oberschenkel nicht behandeln lassen würde, falls ich ihn mir breche. Meine Philosophie ist: Jeder sollte darüber nachdenken, ob er nach dem 75. Lebensjahr durch sämtliche Möglichkeiten, die es gibt, sein Leben verlängern will.

WELT: Finden Sie es nicht seltsam, dass ein Arzt, der seine ganze Karriere um das Wohl von Patienten bemüht ist, meint, das Leben sollte mit 75 enden?

Emanuel: Ich finde das sogar sehr schlüssig. Ich habe Jahrzehnte damit verbracht, die Sterbebegleitung für Menschen zu verbessern. In dieser Zeit bewerten wir unser Leben neu. Viele Menschen erkennen oft erst dann, dass ihr Leben keine Aneinanderreihung von unschönen, medizinischen Maßnahmen sein soll. Ich will anregen, dass sie eine Entscheidung treffen und nicht einfach mit dem Strom schwimmen. Zu viele machen genau das. Deshalb wurde der Artikel wohl auch so stark wahrgenommen. Menschen sollten ihre eigene Sterblichkeit konfrontieren und hinterfragen, wie sie leben wollen.

WELT: Würden Sie es schätzen, wenn mehr Menschen so denken würden wie Sie?

Emanuel: Ja, denn ich glaube, ich liege mit meiner Einschätzung richtig. Ich habe ja diesen Artikel nicht übers Wochenende geschrieben. Ich denke seit mehr als vier Jahrzehnten über dieses Thema nach – seitdem ich ein Teenager war.

WELT: Leben wir in dem gesündesten Zeitalter, das wir je hatten?

Emanuel: Wir haben definitiv die Spitze erreicht. Es sieht so aus, als ob diese Entwicklung nun wieder zurückgeht, vor allem in Amerika. Die Lebenserwartung ist immens gestiegen, weil wir viele Krankheiten ausgerottet haben: Wir haben die Sterblichkeit bei Kindern unter fünf Jahren reduziert, und wir haben Fortschritte bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfällen gemacht. Ja, wir leben lange, wir leben mit weniger Ängsten um unsere Gesundheit, uns geht es besser als je zuvor. Trotzdem gibt es ein Limit.

WELT: Sie schreiben, dass es eine Zunahme der Lebenserwartung mit Krankheiten gibt und eine Abnahme der Jahre ohne Krankheiten.

Emanuel: Das ist ein Fakt.

WELT: Sind sich Ihre Patienten dessen bewusst?

Emanuel: Ich hatte lustige Unterhaltungen dazu – mit Personen, die 120 werden wollen. Dann frage ich immer: „Bist du dir sicher? Denn du bekommst nicht mehr von der Zeit, die du als 50- oder 60-Jähriger verbracht hast. Du bekommst mehr Zeit, in der du Schwierigkeiten hast, aus einem Stuhl aufzustehen oder dich zu konzentrieren. Und so willst du 20 Jahre mehr leben?“ Darüber denken die Menschen einfach nicht nach. Besonders in Amerika haben wir die Idee verkauft, dass wir alle vor allem retten können. Doch wir werden eben nicht jeden vor dem geistigen Rückgang retten können.

WELT: Für Ihre Kinder könnte das einmal anders sein. Bis dahin könnten Krankheiten wie Alzheimer geheilt sein.

Emanuel: Da bin ich skeptisch. Und es würde auch ein anderes Problem nicht lösen.

WELT: Welches ist das?

Emanuel: Kurz nachdem mein Essay herauskam, veröffentlichte die amerikanische Gesellschaft für Rentner eine riesige Werbung. Sie zeigte zwei Personen, um die 65 oder 70 Jahre alt, wandernd in den Bergen. Ein anderer Artikel beschrieb, was Menschen alles Großartiges in ihren 80ern tun: schnorcheln, Motorrad fahren, Liegestütze. Interessant ist dabei, dass all diese Aktivitäten in die Komponente „Spaß“ fallen. Nichts davon ist bedeutsame Arbeit oder eine bedeutsame Beziehung. Es ist gut, diese Spaßaktivitäten zu haben, um uns Abwechslung im Leben zu bieten zwischen den anderen zwei Komponenten. Aber wenn Kreuzworträtseln, Fahrradfahren und Tauchen zum Lebensmittelpunkt werden, dann nimmt unser Leben an Qualität ab.

WELT: Sie meinen, die Lücke, die auch fehlende Arbeit bei uns hinterlässt?

Emanuel: Wir wissen, dass die Pensionierung einen großen Anteil an dem Niedergang geistiger Funktionen hat, aber das ist nicht alles. Viele wissen einfach nicht, wie sie richtig älter werden wollen, und vor allem, was sie aus ihrem Leben mitnehmen wollen.

WELT: 75 ist für Sie noch 14 Jahre entfernt. Haben Sie eine Liste an Dingen, die Sie noch abarbeiten wollen?

Emanuel: Die Antwort ist Nein. Es gibt noch viele Dinge, die ich gerne machen möchte. Aber es gibt keine Liste: „20 Dinge, die ich noch tun möchte, bevor ich sterbe“ (lacht).

WELT: Versuchen Ihre Kinder Sie noch umzustimmen?

Emanuel: Das tun sie nicht mehr. Ich treffe immer noch auf Leute, die meinen: „Mit 74 wirst du deine Meinung ändern.“ Ich antworte dann, dass sie doch eine Wette mit meinen Kindern eingehen sollen. Die würden sich freuen, wenn es so wäre. Es ist unmöglich, dass ich meine Meinung ändern werde. Mein Vater meinte immer, dass ich warten sollte, bis ich Enkel habe. Einen habe ich jetzt und ich liebe ihn, aber ich denke, ich sollte eine bedeutsame Beziehung zu ihm haben. Vermutlich wird sich diese Fähigkeit verschlechtern. Und ich will nicht, dass er mich in einem klapprigen Zustand in Erinnerung behält.

WELT: Wie wird Ihr Leben denn aussehen, wenn Sie 75 sind?

Emanuel: Ich weiß es nicht. Ich habe aber allerdings etwas Angst davor, wie mein geistiger Zustand sein wird. Nicht, weil ich jetzt Probleme habe, sondern weil ich mir die Daten ansehe. Meine Hoffnung ist, dass meine geistigen Fähigkeiten nicht abnehmen.

WELT: Wie fielen die Reaktionen auf Ihren Artikel aus?

Emanuel: Es gab und gibt drei Arten von Antworten: Einige haben wohl nur den Titel gelesen und halten nichts von meiner Meinung. Nach dem Motto: Jeder, der abstreitet, für immer leben zu wollen, ist ein Idiot. Eine andere Gruppe sind Ärzte, Krankenschwestern und Personen, die Sterbebegleitung angenommen haben oder sich selbst um einen geliebten Menschen am Lebensende kümmern. Sie verstehen meine Argumentation und unterstützen sie.

WELT: Und die dritte Gruppe?

Emanuel: Das ist die, bei der ich ausflippe. Menschen, die am liebsten gar nicht darüber nachdenken wollen: Investmentbanker und erfolgreiche Anwälte beispielsweise. Sie geben vor, dass das alles nicht passieren wird, sie ignorieren den Umstand des Älterwerdens komplett – durch meinen Artikel haben sie wenigstens etwas über das Thema reflektiert.

Zur Person 
Professor Ezekiel Emanuel (geboren 1957) ist ein US-amerikanischer Onkologe und Bioethiker. Er ist Direktor des Instituts für Medizinethik und Gesundheitspolitik an der Universität von Pennsylvania. Er gehörte außerdem zum Beraterteam von Ex-Präsident Barack Obama bei der Reform des Gesundheitssystems („Obamacare“). 
(Foto: Condace diCarlo | welt.de)

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tja - das ist schon harter tobak: ich bin jetzt 71 - und da gesteht mir dieser "experte" ("ich habe ja dafür die einschlägigen zahlen") gerade noch 4 jahre "bedeutsamkeit" zu ...

ach - wenn ezekiel emanuel wenistens selbst schon 85 wäre - und seine feststellungen "rückblickend" am eigenen leibe verspürt und erlebt hätte - aber er erschließt seine "rote lebenslinie" von höchstens 75 jahren aufgrund ihm vorliegender "daten" ... ab dann "lohnt" es nicht mehr: hört - hört ...

in erster linie bin ich nur erschrocken: nicht so sehr, wie mr. emanuel seine persönlichen erkenntnisse sicherlich mit gewinn unter die leute bringt - sondern wie man ihm hinterherläuft - für eine solch makabere story ... auch unsere ach so "seriös" daherkommende "welt" eröffnet ihm dafür ein forum ...



"bedeutungsvolles leben" ist dieses interview überschrieben: vor 75/85 jahren sprachen die nazis da handfest und einfach von "unnützen essern" und "ballast-existenzen" die sie dann nach der eugenischen erblehre auf die spitze getrieben folgerichtig kurzerhand planvoll in kleinteilig fragmentiert gesteuerten massenmord-aktionen "kostensparend" zu hunderttausenden umbrachten: das waren für die nazis auch menschen, die eben zu keinem "bedeutungsvollen (arbeits-)leben" aufgrund ihrer einschränkungen und behinderungen oder auffälligkeiten mehr fähig waren - und adolf hitler konstruierte dafür den begriff "gnadentod" und machte dafür den begriff "euthanasie" völlig verdreht massentauglich: den "guten" und "schönen" - und für ihn gesellschaftlich notwendigen - tod ...

und auch damals waren da ganze heerscharen von top-ausgebildeten jungen ärzten, professoren und "sozial-medizinern", die nicht etwa von den nazis zu den euthansie"-morden "gedrängt" oder gar "gezwungen" wurden - sondern es war wohl eher umgekehrt: "die zahlen" und "die daten" des "zeitgeistes" damals (wie heute bei emanuel) wurden der nazi-partei und ihren schergen von der experten-ärzteschaft nahegebracht, um nun endlich auch "wissenschaftlich begründet" den "volkskörper" ein für allemal "gesunden" zu lassen.

in den überlegungen des mr. professor emanuel sehe ich darum viele parallelen. es geht auch bei ihm um die "leistungsfähigkeit" des menschen: ein leben ist nur dann noch lebenswert, wenn es "bedeutsam" ist, was immer er auch darunter versteht - und nach 75 ist es nicht mehr "künstlich" zu erhalten, ab dann ist man seiner meinung nach quasi zum bitteren dahin-siechtum gesellschaftlich verpflichtet ... - anstatt das individuell von jedem "betroffenen" für sich selbst entscheiden zu lassen, nach eigenem gutdünken und eigenem kontostand - und eigener innewohnender spiritualität ...

eine solche für mich "schiefe" "lebenszeit"-argumentation ist in dieser international rechts-populistisch aufgeheizten zeit äußerst gefährlich und beinhaltet viel zündstoff - gerade auch in der diskussion um den gesellschaftlichen "generationen-vertrag" und in der diskussion um "sterbehilfe", aber auch in den gesellschaftlich verdrängten weit über 100.000 abtreibungen pro jahr - oder auch über die im mittelmeer ertrunkenen tausenden "boat people": und erst einmal auf einer solchen immer schieferen ebene angekommen, gibt es dann irgendwann keinen moralischen halt mehr: man rutscht ab - wie eben vor 85 jahren auch schon mal ... - höchste vorsicht also - wenn man am ersten dominostein rührt und wackelt - wer weiß welche kettenreaktionen das nach sich zieht ...  

es geht einfach nicht, das ärzte quasi "berufsethisch" irgendwelche lebens- und leistungsgrenzen ziehen oder formulieren. das können sie meinetwegen persönlich für sich ja gerne tun, aber ihre ethik sollte sie davor bewahren, daraus irgendeine "allgemeingültigkeit" abzuleiten und diese auch noch so wie hier zu publizieren. irgendwelche soziologen und rentenversicherungs-berechner kriegen das bestimmt wieder in den falschen hals ... 

dafür sind ärzte eben ethisch auch gar nicht zuständig und haben auch keine ahnung. ärzte sind dazu ausgebildet, leben praktisch zu erhalten - und eventuell im eingetretenen palliativ-fall im hospiz behutsam den übergang zu unterstützen. 

und es sollte keine medien mehr geben, die - um das sommerloch zu stopfen - diesem schmarren einfach - womöglich gegen honorar - aufgrund irgendeiner vermeintlichen "aufklärungsverpflichtung" hinterherlaufen.

vollends makaber empfinde ich allerdings die tatsache, dass ein solch zweifelhafter wissenschaftler mit einer solchen publizierten meinung auch noch die amerikanische obama-regierung "beraten" durfte in sachen "obamacare" - man hört also tatsächlich schon wieder "höheren orts" auf solche typen ... 


p.s. wehret den anfängen: 1920 erschien bereits eine schrift, die "vorrechnete", was "lebenswert" und "leben-un-wert" war - und dann zum "euthanasie"-massenmord führte ... - und zu dem "bedeutungsvollem leben" im emanuelschen sinne (oben) ist meines erachtens da der weg nicht mehr sehr weit: hoche war auch ein arzt und binding ein jurist ...


1920 (!) erscheint die Broschüre „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“von dem Psychiater Alfred Erich Hoche (geb.1865) und dem Juristen Karl Binding (geb. 1841). 

In ihrem Werk befürworten sie Sterbehilfe bei Todkranken sowie die Tötung ‚Minderwertiger‘, Kranker und Behinderter. Da sämtliche ‚Euthanasie‘- Befürworter und -Durchführende in der NS- Zeit sich auf dieses Buch berufen, sei es im Folgenden kurz inhaltlich geschildert. 

Unter dem Eindruck der wirtschaftlichen Krisenstimmung in Deutschland und ausgehend von der utilitaristischen Denkweise der Kosten- Nutzen- Aufrechnung von Menschen erstellte Hoche einen Katalog, welche Menschen zu den „unheilbar Blödsinnigen“ oder den im „Zustand geistigen Todes“ Befindlichen (Binding/ Hoche, S. 51 f.) gehörten: Personen mit Greisenveränderungen des Gehirns, sogenannte Hirnerweichung (Dementia paralytica), arteriosklerotische Veränderungen im Gehirn und jugendliche ‚Verblödungsprozesse‘(Dementia praecox) (vgl. ebd.); desweiteren Menschen mit groben Mißbildungen des Gehirns, Fehlen einzelner Teile, Hemmungen der Entwicklung während der Fetalphase oder Entwicklungsstillstand bei normal angelegtem Gehirn (vgl. ebd., S. 52). 

Die größte Belastung für die Allgemeinheit stellten die „Vollidioten“ (ebd., S.53) dar, da sie unproduktiv seien und dem Nationalvermögen durch fürsorgerische Leistungen, die sie empfingen, eine ungeheure Kapitalmenge entzögen (vgl. ebd., S. 53 f.): „(...) 

Es ist eine peinliche Vorstellung, daß ganze Generationen von Pflegern neben diesen leeren Menschenhülsen dahinaltern, von denen nicht wenige 70 Jahre und älter werden. 

Die Frage, ob der für diese Kategorien von Ballastexistenzen notwendige Aufwand nach allen Richtungen hin gerechtfertigt sei, war in den verflossenen Zeiten des Wohlstandes nicht dringend; jetzt ist es anders geworden, und wir müssen uns ernstlich mit ihr beschäftigen. Unsere Lage ist wie die der Teilnehmer an einer schwierigen Expedition, bei welcher die größtmögliche Leistungsfähigkeit Aller die unersätzliche Voraussetzung für das Gelingen der Unternehmung bedeutet, und bei der kein Platz ist für halbe, Viertels- und Achtels- Kräfte. 

Unsere deutsche Aufgabe wird für lange Zeit sein: eine bis zum höchsten gesteigerte Zusammenfassung aller Möglichkeiten, ein Freimachen jeder verfügbaren Leistungsfähigkeit für fördernde Zwecke. Der Erfüllung dieser Aufgabe steht das moderne Bestreben entgegen, möglichst auch die Schwächlinge aller Sorten zu erhalten, allen, auch den zwar nicht geistig Toten, aber doch ihrer Organisation nach minderwertigen Elementen Pflege und Schutz angedeihen zu lassen- Bemühungen, die dadurch ihre besondere Tragweite erhalten, daß es bisher nicht möglich gewesen, auch nicht im Ernste versucht worden ist, diese Defektmenschen von der Fortpflanzung auszuschließen.“ (ebd., S. 55)

aus: http://www.hilfsschule-im-nationalsozialismus.de/seite-12.html

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(n)irgendwo

(n)irgendwo - S!|art


manche pfade enden im (n)irgendwo
selbst das gps-system kann keinen
"standort" finden ...
erbrochene gehäuse und aufgerissene
uferböschungen
und bäume, die sich klebrig 
wie spinnennetze gebärden

in diesem sommer ist alles anders
unwetter ist keinwetter - nichtwetter
und doch sagen alle:
wetter ist immer ...
durch die fugen spürst du die brise
ein luftzug durchzieht die stehende schwüle
ein winziger funke nur ...

und ...



sinedi


stammbaum-wissen

Wissen ·  Christoph Drösser

Fahndung im Stammbaum

Mit Genetik und Ahnenforschung klären Ermittler in den USA Gewalttaten auf, die Jahrzehnte zurückliegen




Composing: Ludwig Ander-Donath für DZ (verw. Fotos: Ravani/Polaris/laif; Otto/Getty Images, 2; Handout/Getty Images; FBI Sacramento/Polaris/laif, 3); H.-J. Götz (o.) Foto: F1online

Paul Holes saß in seinem geparkten Auto in Citrus Heights, einem Vorort der kalifornischen Hauptstadt Sacramento, und beobachtete ein Haus auf der anderen Straßenseite. Es war der 29. März dieses Jahres, und der Ermittler der Staatsanwaltschaft von Costa County stand vor der vielleicht schwersten Entscheidung seiner Laufbahn. Sollte er hinübergehen, klingeln und Joe DeAngelo ins Gesicht sagen, dass er ihn für den seit Jahrzehnten gesuchten Golden-State-Killer hielt? Es wäre die Krönung seiner Karriere gewesen, an seinem letzten Arbeitstag – am nächsten Tag stand seine Frühpensionierung mit 50 Jahren an.

Holes entschied sich gegen einen Showdown in Wildwestmanier. Ein weiser Entschluss, denn DeAngelo, ein Ex-Polizist, hatte mehrere Waffen in seinem Haus gelagert. Holes überließ die Arbeit seinen Kollegen. Die beschatteten DeAngelo in den folgenden Tagen, und als er einmal sein Auto verließ, um in einem Heimwerkerladen einzukaufen, wischten sie eine DNA-Probe vom Türgriff des Wagens. Die Analyse ließ keinen Zweifel: Das Erbgut war identisch mit jenem, das der berüchtigte Serienkiller und Vergewaltiger in den 80er-Jahren bei seinen Taten zurückgelassen hatte. DeAngelo leistete keinen Widerstand, als die Fahnder ihn verhafteten. Im September soll sein Prozess beginnen.

Der reine DNA-Abgleich war polizeiliche Routinearbeit. In den letzten Jahrzehnten ist die Labortechnik immer weiter verfeinert worden, selbst aus winzigen Spuren wie einem Fingerabdruck oder einem achtlos weggeworfenen Kaugummi können die Ermittler Erbgut isolieren und es mit anderen Proben vergleichen. Das Neue in diesem Fall war die Methode, mit der Holes den unbekannten Täter eingekreist hatte.

Bisher war die Polizei machtlos, wenn sie am Tatort zwar DNA-Spuren fand, aber diese DNA nicht von einem Kriminellen stammte, der bereits in den Computern erfasst war. Bei Holes’ Methode dagegen vergleicht man die DNA des Täters mit der von Millionen anderen Menschen und sucht nach möglicherweise weit entfernten Verwandten. Über Familienstammbäume wird dann der Kreis der Verdächtigen eingeengt. Seit der Festnahme DeAngelos boomt das Verfahren in den USA. Eine ganze Reihe weiterer cold cases, also Fälle, die bereits zu den Akten gelegt worden waren, konnten in den vergangenen Monaten auf diese Weise aufgeklärt werden.

Der Golden-State-Killer, benannt nach dem Beinamen des Bundesstaats Kalifornien, hielt die Bewohner von Sacramento und später die von Costa County im Osten der San Francisco Bay ein Jahrzehnt lang in Atem. In dieser Zeit beging er zwölf brutale Morde, 45 Vergewaltigungen und mehr als 100 Einbrüche. Obwohl er an den Tatorten DNA-Spuren hinterlassen hatte, verliefen in den vergangenen Jahren alle Ermittlungen im Sande.

Paul Holes war Mitte der 90er-Jahre auf den Fall aufmerksam geworden. Immer wieder nahm er sich die Akte vor – hatten die Kollegen etwas übersehen? In den letzten zehn Jahren wurde sein Interesse zur Besessenheit. Der Golden-State-Killer beschäftigte ihn 24 Stunden am Tag, sieben Tage pro Woche. Dann hörte Holes von einem Fall aus dem Bundesstaat New Jersey, bei dem mit genealogischen Methoden nach Jahrzehnten der Fall eines Mörders aufgeklärt wurde, der eine Frau und drei Mädchen auf dem Gewissen hatte. Könnte das auch beim Golden-State-Killer funktionieren?

Die Analyse von DNA wird jedes Jahr billiger, und Millionen von Menschen haben ihr Genom bereits untersuchen lassen. Man schickt eine Speichelprobe an Firmen wie 23andMe.com oder Ancestry.com und bekommt dann eine detaillierte Auskunft über die genetische Abstammung und über das persönliche Risiko für gewisse Erbkrankheiten. Auch nach Verwandten kann man in den Datenbanken der Firmen suchen.

Das zugrunde liegende Datenmaterial bleibt allerdings von außen unzugänglich. Das war zwei Männern in Florida ein Dorn im Auge. Im Jahr 2010 gründeten sie die Website GEDmatch, bei der sich jedermann kostenlos registrieren und eigenhändig ein standardisiertes DNA-Profil hochladen kann. Selbst Daten der kommerziellen Dienste lassen sich nutzen. Die hier entstehenden sogenannten SNP-Profile sind erheblich detaillierter als die DNA-Daten, über welche die Polizei verfügt. Zum Beispiel enthalten die SNPs (Single Nucleotide Polymorphism) Informationen über genetisch bedingte Eigenschaften wie Haut- oder Augenfarbe.

Bei GEDmatch sind etwa eine Million Nutzer registriert. Wer sein DNA-Profil hochlädt, kann über die Datenbank Menschen finden, die mehr oder weniger nah mit ihm verwandt sind. Das nutzte Paul Holes für seinen Trick: Er schrieb sich bei der Seite unter einem Decknamen ein und lud die Gen-Daten des Golden-State-Killers hoch.

Im Idealfall wäre natürlich der Täter selbst in der Datenbank. Das System findet aber auch Verwandte, teilweise sehr weit entfernte: Mit unseren Eltern und unseren Kindern teilen wir 50 Prozent der Basenpaare in einem SNP-Profil, mit Oma, Opa, Tante und Onkel jeweils 25 Prozent. Auch weiter entfernte Familienmitglieder kann man so entdecken. Im Fall des Golden-State-Killers bekam Holes gleich mehrere Treffer ausgespuckt. Keine nahen Verwandten des Täters, aber Cousins und Cousinen dritten Grades – Menschen, die ein Ururgroßelternpaar mit ihm gemeinsam haben.

Es wäre nicht sinnvoll, diese Menschen zu kontaktieren und nach gewalttätigen Verwandten zu fragen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit kennen sie den Täter überhaupt nicht. Im nächsten Schritt untersuchten die Ermittler stattdessen Familienstammbäume, die es inzwischen in großer Zahl frei zugänglich im Internet gibt. Zunächst einmal ging die Reise zurück in die Vergangenheit: In diesem Fall mussten sämtliche Ururgroßeltern der gefundenen Personen ermittelt werden, jeweils acht Paare, die irgendwann im 19. Jahrhundert lebten. Dann geht man wieder vorwärts in der Zeit und bestimmt, soweit es möglich ist, alle Nachkommen all dieser Ururgroßeltern – eine riesige Zahl. »Die Familien hatten damals alle 15 Kinder«, sagt Holes.

Eingeschränkt wird diese Zahl aber dann, wenn die in der Datenbank gefundenen Personen nicht miteinander verwandt sind. Denn das bedeutet, dass sich irgendwann im Verlauf der Zeit zwei Mitglieder der unterschiedlichen Familien gepaart haben müssen – und in deren Nachkommenschaft ist der Täter zu suchen.

Aber auch jetzt lieferte der Computer noch keinen eindeutigen Verdächtigen. Die betroffenen Menschen mussten identifiziert und bewertet werden. »Wir suchten«, erzählt Paul Holes, »nach einem Mann, in einem gewissen Zeitraum geboren, mit einer Verbindung nach Kalifornien, zwischen 1,72 und 1,78 Meter groß.«

Mit traditionellen Ermittlungsmethoden konnte nun die Zahl der Verdächtigen auf eine Handvoll reduziert werden. Zwei davon waren Brüder, bei denen sich keine Verbindung zu Tatorten herstellen ließ. Ein weiterer Kandidat sah sehr vielversprechend aus, ließ sich jedoch aufgrund der DNA-Probe eines nahen Verwandten ausschließen. Schließlich lief alles auf einen Verdächtigen hinaus. Die Schlinge um Joseph DeAngelo zog sich zu.

Die Nachricht war das Signal, auf das CeCe Moore gewartet hatte. Die 49-Jährige, die im Süden Kaliforniens lebt, hatte sich im Selbststudium Kenntnisse in Genealogie und Genetik angeeignet, die sie bis dahin vor allem in der Familienforschung angewandt hatte. Ihre Facebook-Gruppe TheDNADetectives hat 90.000 Mitglieder, in der Fernsehsendung Finding Your Roots auf dem öffentlichen Sender PBS half sie adoptierten Kindern, ihre leiblichen Eltern zu finden.

Die Methode, die sie dabei anwandte, war identisch mit der von Paul Holes. Und schon des Öfteren hatte sie darüber nachgedacht, die GEDmatch-Daten dazu zu nutzen, Gewalttäter zu identifizieren. Die Suche war unter Genealogen umstritten, weil dabei die genetischen Daten unbeteiligter Menschen ohne deren Zustimmung ausgewertet werden. Nun aber war die Methode publik geworden, und der große öffentliche Aufschrei war ausgeblieben. Ab sofort musste jeder, der seine Gen-Daten öffentlich zugänglich machte, damit rechnen, dass sie auch für polizeiliche Zwecke genutzt werden könnten, sagte sich CeCe Moore.

Sie tat sich mit der Firma Parabon NanoLabs im Bundesstaat Virginia zusammen, die ihre Dienste bereits der Polizei anbot und zum Beispiel Phantombilder aus DNA-Spuren rekonstruierte. Zwei Wochen nach der Festnahme des Golden-State-Killers hatte die Firma ein »Paket« geschnürt, das sie Strafverfolgern anbot: 5000 Dollar für den Versuch, einen Mörder mithilfe der genetisch-genealogischen Methode zu ermitteln.

Noch im Mai löste CeCe Moore innerhalb von zwei Tagen ihren ersten »kalten« Fall. Vor 20 Jahren war ein junges kanadisches Pärchen während eines Urlaubs im US-Staat Washington brutal ermordet worden. Moore fand zwei Täter-Verwandte (siehe Grafik) und konnte den heute 55-jährigen mutmaßlichen Mörder identifizieren. Er hatte bis dahin ein völlig unauffälliges Leben geführt.

Die Firma Parabon hat seither nach eigener Auskunft in mehr als 150 scheinbar aussichtslosen alten Kriminalfällen die genetische Genealogie eingesetzt. In der Hälfte der Fälle fand man Verwandte, und neben dem Golden-State-Killer konnte mittlerweile in sieben weiteren Fällen ein Tatverdächtiger ermittelt werden. Die neue Technik erweitert das Polizeiarsenal auf ungeahnte Weise. Denn Genetiker schätzen, dass für jeden vierten weißen Einwohner der USA zumindest ein Verwandter zweiten Grades in der GEDmatch-Datenbank zu finden ist – und jeden Tag werden es mehr.

Die Betreiber von GEDmatch wurden von der Entwicklung völlig überrascht. Einer der beiden Gründer, der in Florida lebende 80-jährige Curtis Rogers, sagt: »Die Idee gefiel mir überhaupt nicht.« Das Liebhaberprojekt war nicht als Fahndungsinstrument entwickelt worden. Ihm war das moralische Dilemma bewusst: das Dingfestmachen von Schwerkriminellen versus Schutz der Privatsphäre der GEDmatch-Mitglieder, die nicht einmal mitbekommen, dass sie bei der Aufklärung von Mord und Totschlag mitwirken.



Rogers hätte nun – wie einige der kommerziellen Gen-Datenbanken – eine Erklärung abgeben können, dass er keine Daten an die Polizei weitergibt. »Aber das wäre Blödsinn«, sagt er. Nicht einmal er selbst kann kontrollieren, ob Ermittler Profile von Verdächtigen unter falschem Namen in seine Datenbank einspeisen. Bis heute hat kein Strafverfolger mit ihm geredet, und auch die Aktivitäten von CeCe Moore und Parabon laufen ohne seine Beteiligung ab. Außerdem betont der Ermittler Paul Holes, dass er und seine Kollegen das verbriefte Recht haben, in schweren Fällen auch verdeckt zu ermitteln.

Um wenigstens Transparenz zu schaffen, hat Rogers die Teilnahmebedingungen für GEDmatch geändert. Dort wird nun den Strafverfolgern ausdrücklich gestattet, die Datenbank zur Aufklärung von Tötungs- und Sexualdelikten zu nutzen. »Wir glauben, dass ein gut informierter Nutzer der beste Weg ist, damit umzugehen. Soll der Markt entscheiden, ob die Leute unsere Website weiterhin nutzen wollen.« Und der Markt hat entschieden: Nur an einem einzigen Tag in den vergangenen Monaten war die Zahl der Abmeldungen auf GEDmatch höher als die der Neuanmeldungen. Seitdem steigen die Nutzerzahlen wieder, um etwa 1300 pro Tag. Das mag auch damit zusammenhängen, dass die genetischen Daten der GEDmatch-Nutzer mitnichten frei einsehbar sind. Sie sind verschlüsselt, und nicht einmal die Seitenbetreiber können sie sehen. Wer hier nach Verwandten sucht, bekommt lediglich die Information, wie stark seine SNP-Daten mit denen anderer Nutzer übereinstimmen.

Dass die neue Methode bald auch zur Verfolgung von Bagatellverbrechen genutzt wird, muss schon aus praktischen Gründen niemand befürchten. »Die Sache ist arbeitsintensiv und erfordert eine gewisses Expertenwissen, sodass man das nicht auf harmlosere Verbrechen anwenden wird«, beschwichtigt Holes. »Bei gewöhnlichen Diebstählen macht man ja auch keine konventionelle DNA-Analyse.«

In Deutschland wäre allerdings schon die Zulässigkeit einer Datenbank wie GEDmatch fraglich. »Dabei handelt es sich ja nicht nur um die eigenen Daten, sondern auch um die der direkten biologischen Verwandten«, sagt der frühere schleswig-holsteinische Datenschützer Thilo Weichert. Und auch die verdeckten Ermittlungen wären zumindest fragwürdig. »Für die polizeiliche Recherche bedürfte es meines Erachtens einer expliziten gesetzlichen Grundlage.«

In den USA dagegen ist keine Datenschutzdebatte aufgekommen. Curtis Rogers erzählt von Hunderten von positiven Zuschriften. Eine ganz knappe ging ihm besonders ans Herz. Sie kam von einer Frau: »Ich möchte, dass meine DNA auf Ihrer Website so sichtbar wie möglich ist«, schrieb ihm die Frau. »Mein Vater war ein Serienmörder, und ich möchte dazu beitragen, dass jeder, der von seinen Taten betroffen war, mit der Sache abschließen kann.«

www.zeit.de



STRs und SNPs 
In DNA-Banken der Polizei werden Profile aus STRs (Short Tandem Repeats) genutzt. Das sind kurze Sequenzen, die hintereinander wiederholt in der DNA auftauchen. Sie können einen Spurenleger identifizieren, geben aber keine Auskunft über dessen Eigenschaften. Das FBI hat 16 Millionen STR-Profile gespeichert. 
In den modernen Genotypisierungsdatenbanken wie 23andMe ist mehr persönliche genetische Information gespeichert: mehrere Hunderttausend SNPs (Single Nucleotide Polymorphisms), bei denen ein einziges Basenpaar von der Norm abweicht. Anhand der Übereinstimmung dieser SNP-Profile lässt sich sehr verlässlich der Verwandtschaftsgrad zweier Personen abschätzen.

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da ich selbst auch eine globale "genealogy"-seite betreibe, in deren forschungen und erkenntnisse zu meinem familienstammbaum es nur langsam vorangeht, da sich immer wieder "blinde flecken" auftun, kann ich den eifer und das unbedingte "wissen-wollen" verstehen, dem der polizist paul holes in dem oben gelösten fall ausgesetzt war.


youtube-video zur fahndung nach meinem "spitzen-ahn" ...

jedoch - an (m)einen genetischen fingerabdruck habe ich mich (noch) nicht herangetraut, da er mir zu nahe mit der eugenik und erblehre der nazis verwandt scheint. mit solchen genetischen trugschlüssen hat man ja auch meine tante erna kronshage traktiert bei ihrer zwangssterilisation als auftakt zu ihrer dann erfolgten"euthanasie"-ermordung 1944.

damals wurde im nachhinein auf der zu diesem zweck erstellten ahnentafel ein fast ambulant zu nennender einmaliger 4-wöchiger klinikaufenthalt von erna's schwester frieda aufgrund eines erregungszustandes am arbeitsplatz kurzerhand von den ärzten in der provinzial"heil"anstalt gütersloh aufgrund der die "wissenschaft" bestimmenden nazi-erblehre zu einer "schizoiden" entgleisung umgedeutet, um so die diagnosestellung "schizophrenie" für erna kronshage genetisch selbst zu untermauern.

fahndung per stammbaum in nazi-deutschland - (siehe hier)


natürlich waren die auswertungskriterien damals noch gar nicht gegeben - und was man heute "schwarz auf weiß" im mikroskop und im auszähl-computer-programm sehen kann, wurde damals per annahme und folgerungen "erschlossen".

trotzdem - traue ich heutzutage dieser methode noch nicht so richtig - und während die usa schon von den bemühungen der mormonen als glaubensgemeinschaft mit einer nachträglichen taufpraxis ihrer vorfahren her genealogisch gut durchforscht ist - mit einer fülle von stammbäumen und vollständig erforschten genealogien - ist das im kriegsgeschüttelten europa mit all seinen migrationswanderungen auch rein oberflächlich betrachtet durchaus schwieriger, zumal meine abwehr und scheu auch in deutschland auch insgesamt verbreitet scheint aufgrund der geschichte.

die stammbäume in den usa umfassen ca. eine epoche von 300 - 400 jahren und sind aufgrund der steuerlisten und dergleichen ziemlich komplett - während in europa eine einigermaßen "seriöse" genealogie meist nur bis zum ende des dreißijährigen krieges 1648 zusammenzustellen ist.

und auch die den amerikanern innewohnende "siedlermentalität", an deren anfang ja meist ein freiwilliger aufbruch "auf zu neuen ufern" stand, ist als motivation zu heutigen genetischen familienerforschungen und massentests mit zu nennen.

um "schwere jungs* und mädchens" endlich ihrer bösen taten zu überführen ist eine solche fahndungsvorgehensweise natürlich legitim ...