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nachfolge - bis zum ureigenen golgatha

Für seine Überzeugungen wurde der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer von den Nazis ermordet. Sechs Stunden dauerte die Hinrichtung. - Foto: dpa



Widerstand im Nationalsozialismus

Diesen Mut nicht vergessen

aus einer Kolumne von Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung 


Vor 75 Jahren, am 9. April 1945, genau einen Monat vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wurden die letzten Widerstandskämpfer gegen Adolf Hitler und den Nationalsozialismus umgebracht - unter ihnen war der Theologe Dietrich Bonhoeffer. Es gehört im Jahr 2020 zum Kampf, zum Widerstand gegen Corona, von diesem Virus das Gedenken an die Widerständler gegen Hitler nicht anstecken und ersticken zu lassen. Es schadet daher nichts, wenn es ein paar Klopapierwitze weniger, aber dafür ein paar Gedanken mehr an Bonhoeffer und seine Mitverschwörer und Widerständler gibt.

Bonhoeffer war evangelischer Theologe, ein Pfarrer; es war für ihn eine große Gewissensfrage, ob man als Christ an einem Attentat mitwirken darf. Das Gebot lautet bekanntlich: Du sollst nicht töten. Bonhoeffer hat das verantwortet; Glauben war für ihn etwas Diesseitiges, mit einem Jenseits-Gott konnte er nichts anfangen. Kirche war für ihn nur Kirche, wenn sie für andere da ist; und Glauben hieß für ihn, nicht mehr die eigenen Leiden wahrzunehmen, sondern die der anderen; für ihn waren sie die Leiden Gottes in der Welt. "Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen", sagte er.

Bonhoeffer wollte kein Widerstandskämpfer werden. Aber die Verfolgung der Juden stellte, so sah er das, die Kirche vor die Gottesfrage, in der sich entschied, ob sie überhaupt noch Kirche war. "Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen, sei es einen Heiligen oder einen Gerechten, dann wird man ein Mensch, ein Christ", schrieb er am Tag nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 in einem Brief aus der Haft.

Der Theologe Bonhoeffer war von guten Mächten gar nicht wunderbar geborgen; er hat trotzdem davon geschrieben, auch das war eine Form des Widerstands. Und er ging gefasst in den Tod. Am 8. April 1945 wurde er im Konzentrationslager Flossenbürg zum Tod verurteilt - zusammen mit General Hans Oster, Admiral Wilhelm Canaris, dem Offizier Ludwig Gehre und dem Heeresrichter Karl Sack; alle wegen ihrer Beteiligung am gescheiterten Umsturzversuch vom 20. Juli 1944. Am 9. April 1945 wurden sie gehängt. Vorher hatten sie sich völlig entkleiden und nackt zum Galgen gehen müssen. Sechs Stunden dauerte die Hinrichtung, weil die bis zur Ohnmacht Strangulierten wiederbelebt wurden, um ihren Todeskampf zu verlängern.


vor 75 jahren war das golgatha für dietrich bonhoeffer der 09. april, damals war das allerdings eine woche nach ostermontag.

und heute, nach 75 jahren, als uns heribert prantl in der süddeutsche zeitung trotz #corona-krise auf diesen gedenktag aufmerksam macht, fällt das datum auf den gründonnerstag, den tag vor dem karfreitag, vor 2000 jahren eben der hinrichtungstag jesu.

für manche mag es makaber oder vielleicht auch blasphemisch klingen, dass ich hier eine gewisse  - ja fatale parallele ziehe.

da wird auf die perfide art und weise der hinrichtung bonhoeffers hingewiesen, wobei man den "bis zur ohnmacht strangulierten" immer wiederbelebt hat, um den todeskampf zu verlängern und ihn bewusst bis in den tod leiden zu sehen. ja - man verwehrte bonhoeffer etwa einen "gnädigen tod" bei seiner hinrichtung - er sollte erbarmungslos krepieren - einen monat vor dem ende des krieges, der sich ja längst unausweichlich für alle abzeichnete - und es war eben auch ein überzogener letzter "racheakt" gegen diesen widerstandskämpfer...

und hierin schließt sich wieder die parallele zu golgatha: auch jesus marterte man lange an seinem holzkreuz, hände und füße mit nägeln durchbohrt - und man verhöhnte ihn und machte sich lustig über seine ohnmacht in dieser letzten stunde - ehe auch jesus elendig krepieren musste.

und "nachfolge" ist bezeichnender weise der ja fast "hellsichtige" titel eines buches, das dietrich bonhoeffer als direktor des predigerseminars finkenwalde schrieb. es ist in den jahren 1935–1937 aus den dortigen theologischen kursen entstanden. als dann dieses seminar im september 1937 von der gestapo geschlossen wurde, war bonhoeffers manuskript aber bereits fertig und befand sich bereits beim verlag, sodass zum advent 1937 das buch gedruckt vorlag.

und "nachfolge" war für bonhoeffer die unbedingte bindung an die person jesu, an sein leben, sein selbstloses wirken, sein ringen mit dem jüdischen tempel-establishment seiner tage, sein "papa"-/"abba"-gott-verständnis und gottes herabziehen aus einem fernen himmel hinein mitten ins menschliche leben mit allen nuancen.

das war die von bonhoeffer gemeinte "nachfolge" - nicht irgendein daraus abgeleitetes "programm", ein "konzept", eine "grundsatz-erklärung", die es durchzupauken und punkt für punkt "abzuarbeiten" gilt - sondern ein "leben", was dann in der unbedingten "nachfolge" seine eigene dynamik entwickelt und erfordert.

den begriff der "nachfolge" leitete bonhoeffer ab aus dem berufungssatz jesu an die jünger: "folge mir nach" - lass alles stehen und liegen, verleugne familie und verwandtschaft, verzichte aufs erbteil - komm einfach mit - damit wir gemeinsam die menschen zu menschen erwecken - und gott im menschen wahrnehmen.

die bindung an jesus bedeutet nach bonhoeffers buch "(er-)leiden". dieses - sein „kreuz“ solle ein christ aber nun eben nicht aktiv suchen, sondern es liege in einer jeden lebensbiographie sowieso bereit. dieses individuelle "kreuz", dieses "er-leiden" in jedem leben könne, müsse aber nicht "in einen märtyrertod" führen.

jesus sagt in markus 8,34+35: "wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein kreuz auf sich und folge mir nach. denn wer sein leben erhalten will, der wird's verlieren; und wer sein leben verliert um meinetwillen und um des evangeliums willen, der wird's erhalten"

vielleicht waren es diese worte, die bonhoeffer inspiriert haben zu seinem weitsichtigen schicksalhaften buch - aber auch zu seinem tatsächlichen persönlichen leben in der "nachfolge". 

bonhoeffer hat tatsächlich - "in real life" - ganz in echt - für seinen glauben, in die nachfolge seines jesus alles auf sich genommen, auch die verfolgung und das "leiden". und diese seine persönlich entwickelte theologische grundüberzeugung in der konsequenz der "nachfolge" musste bonhoeffer dann auch durch"leiden" - bis zur ganz bitteren neige - bis hinein in sein trostloses golgatha im kz flossenbürg. 

frohe ostern & einen frohen online-kunstgenuss

außergewöhnliche umstände erfordern außergewöhnliche digitale lösungen: dankenswerter weise stellt die süddeutsche eine ganze reihe von spannenden online-kunst- & kultur-links zur verfügung, die uns über die feiertage helfen - wenn wir die verwandten antelefoniert haben - und die versteckten ostereier im wohnzimmer alle gefunden...

trotz allem: frohe ostern - es wird schon wieder ...
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jage die ängste fort



Rezept

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

(Mascha Kaléko . aus: Die paar leuchtenden Jahre)

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der #corona-lockdown trifft die kunst- & kulturschaffenden bis tief ins mark, denn hier wird begegnung, austausch, nähe, das publikum und der applaus zum (über)leben benötigt.

die kultur-staatsministerin monika grütters hat jetzt in einem interview mit der süddeutschen zeitung fragen beantwortet zur derzeitigen lage dieses "elementaren lebensbedürfnisses" der menschen in allen facetten und erscheinungsformen. kunst & kultur sind eben nicht "verzichtbar", sondern "lebensnotwendig".

Das interview, das du hier lesen kannst, endet mit folgendem passus:

SZ: Es gab in den letzten zehn Jahren so viel Theater, Oper, Kunst, Preise wie noch nie. Vielleicht lernen wir das jetzt erst zu schätzen. Oder könnte man umgekehrt fragen: Brauchen wir das wirklich alles?

Grütters: Kennen Sie das Gedicht "Rezept" von Mascha Kaléko? Da schreibt sie: "Jage die Ängste fort. / Und die Angst vor den Ängsten. / Für die paar Jahre / Wird wohl alles noch reichen. / Das Brot im Kasten / Und der Anzug im Schrank. // Sage nicht mein. / Es ist dir alles geliehen. / Lebe auf Zeit und sieh, / Wie wenig du brauchst. / Richte dich ein. / Und halte den Koffer bereit." Kaléko war Jüdin und musste sich in ihrem Leben immer wieder woanders einrichten. Die Erfahrung dieser Menschen müsste man sich viel häufiger vergegenwärtigen. Oft merkt man erst dann, wenn man sich diese Frage stellen muss, wie viel einem etwas wirklich wert ist. Wie viel ist uns die Kultur wert? Das ist eine Frage für die ganze Gesellschaft - und vielleicht eher in schwierigen als in satten Zeiten, dann, wenn die Kultur konkurriert mit elementaren Bedürfnissen: Gesundheit, Unterkunft, Heizung, Nahrung. Ist auch die Kultur ein elementares Bedürfnis? Das ist eine spannende philosophische Betrachtung. Ich persönlich beantworte diese Frage eindeutig mit "Ja".


sinedi.mach@rt: rochade

Angst, Krieg & Aktionismus

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Medizinhistoriker

"Bei der Spanischen Grippe herrschte die gleiche Hilflosigkeit, der gleiche Aktionismus"

Auf Pandemien reagieren die Menschen seit Jahrhunderten ähnlich, sagt der Medizinhistoriker Wolfgang U. Eckart.

Ein Interview von Katja Iken im SPIEGEL


SPIEGEL: "Seuchen machen Geschichte", sagte der US-Historiker William McNeill. Wissenschaftler argumentieren, dass die "Attische Seuche" im 5. Jahrhundert v. Chr. den Niedergang Athens beschleunigte, die Malaria das Römische Reich dahinraffte, die Pest die Neuzeit einleitete. Wie viel Sprengkraft besitzen Pandemien? 
Eckart: Darf ich als Historiker die ältere Bezeichnung "Seuchen" verwenden?

SPIEGEL: Nur zu.

Eckart: Ob Seuchen Weltreiche zum Untergang brachten oder neue entstehen ließen, da wäre ich skeptisch. Aber sie haben ohne Zweifel den Verlauf der Geschichte verändert und erkennbare Spuren hinterlassen. Nehmen Sie etwa die "Justinianische Pest", die im 6. Jahrhundert im Mittelmeerraum wütete: Sie hinderte den oströmischen Kaiser Justinian mit großer Sicherheit, seinen Plan der Restauratio Imperii umzusetzen, also der Wiederherstellung des einheitlichen Römischen Reiches. Seuchen treffen fast immer auf eine schwere politisch-soziale Strukturveränderung ­oder bewirken sie.

SPIEGEL: Meist treten sie im Gefolge von Kriegen oder Krisen auf.

Eckart: Die europäischen Gesellschaften waren krisengeschüttelt, lange bevor im 14. Jahrhundert die Pest ausbrach, etwa durch Klimaveränderungen und Kriege. Die Territorien veränderten sich durch die Krankheit nicht oder nur marginal. Was sich wandelte, war die Struktur der Gesellschaften. Wir wissen nicht genau, wie viele Menschen der "Schwarze Tod" dahinraffte, Hochrechnungen gehen von bis zu einem Drittel der europäischen Bevölkerung aus, also bis zu 30 Millionen Menschen. Das führte zu einer massiven Verjüngung der Gesellschaften, zur Umverteilung von Gütern und Werten, zu einem Zweifeln an Gott und dem Wanken des mittelalterlichen Weltbildes. Die christliche Welt geriet aus den Fugen.

SPIEGEL: Wie war das bei der nächsten großen Pandemie, der Cholera des frühen 19. Jahrhunderts?

Eckart: Auch sie traf auf ein Europa im Umbruch. In Frankreich hatte die Juli-Revolution von 1830 gerade das katholische Königtum abgelöst, in Deutschland war der Vormärz im Gang. Allerorten griff die Urbanisierung um sich, fanden politisch-gesellschaftliche Umwälzungen statt. Oder nehmen Sie die Spanische Grippe, die am Ende des Ersten Weltkriegs auftrat.

SPIEGEL: Covid-19 schlägt in vergleichsweise friedlichen Zeiten zu.

Eckart: Da wäre ich mir nicht so sicher. Als hoch industrialisierte Gesellschaften leben wir in einer permanenten kriegerischen Auseinandersetzung mit der Umwelt. Covid-19 ist dort zuerst ausgebrochen, wo dieser Krieg besonders aggressiv geführt wird, etwa in den Megacitys in China und in der stark industrialisierten Region Norditaliens mit ihrer extremen Luftverschmutzung.

SPIEGEL: Haben wir uns Corona selbst zuzuschreiben?

Eckart: Dieses Virus ist zu einem nicht geringen Teil die Folge unseres kriegerisch-sorglosen Umgangs mit der Umwelt. Wenn wir uns etwa die Massenproduktion von Lebensmitteln anschauen, die immer auch Keimträger sind, oder aber die Vermengung von Nahrungsquellen, die exorbitante Geflügelüberproduktion, so dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Natur jetzt zurückschlägt.

SPIEGEL: An welche Pandemie erinnert Sie Corona?

Eckart: Sie ähnelt in vielerlei Hinsicht der Spanischen Grippe. Es herrschte die gleiche Hilflosigkeit der Wissenschaft, der gleiche Aktionismus, die gleiche in den Ländern unterschiedlich geführte Diskussion über Schulschließungen und Verbote für Theater und Kino. Damals entschied man sich häufig dagegen, auch um den Menschen im Krieg nicht auch noch diese Freude zu rauben. Mit dramatischen Folgen: Es starben 35 bis 50 Millionen Menschen, manche sprechen sogar von bis zu 100 Millionen Todesopfern. So dramatisch wird es bei Corona sicher nicht, aber die Millionenhöhe könnte schon erreicht werden, wenn man den Prognosen der Virologen folgt. Zudem griffen bei der Spanischen Grippe exakt die gleichen Mechanismen, die wir heute beobachten und die seit Jahrhunderten unsere Reaktion auf Seuchen prägen: Nehmen Sie die Hamsterkäufe, eine Art irrationale Ersatzhandlung angesichts einer Bedrohung, die man nicht kontrollieren kann.

SPIEGEL: Was wurde bei der Spanischen Grippe gehamstert?

Eckart: Die Leute fuhren aufs Land und versuchten, sich mit Lebensmitteln einzudecken. Besonders begehrt waren Zucker, Fett und Wurst, denn die war nach staatlich verordneten Massenschlachtungen von Schweinen in der Mitte des Krieges sehr knapp geworden.

SPIEGEL: Und bei der Pest im 14. Jahrhundert?

Eckart: Da wurde weniger gehamstert als geflohen. Wer es konnte, suchte das Weite. Die Devise war: möglichst schnell möglichst weit weg und möglichst lange wegbleiben, bis die Seuche sich ausgetobt hat. Man wusste schon damals: So schnell kommt eine Seuche nicht wieder.

SPIEGEL: Es war vor allem die Elite, die fliehen konnte. Menschen wie der italienische Dichter Giovanni Boccaccio.

Eckart: Genau. Seuchen treffen soziale Schichten ungleich, auch das war immer so. Den Ärmsten blieb bei der Pest nichts weiter, als sich in ihre Häuser einzuschließen. Jeden Tag kam jemand vorbei, warf Sand ans Fenster, wartete auf eine Reaktion. Wenn niemand mehr rausschaute, ging man rein und holte die Leichen raus.

SPIEGEL: Welche anderen Reaktionsmuster lassen sich beobachten?

Eckart: Angesichts des nahen Todes brach bei Seuchenausbrüchen die moralische Ordnung häufig komplett in sich zusammen. Da schlief der Nachbar mit der Ehefrau des Nachbarn, man kümmerte sich nicht mehr um die eigene Familie, trank die Weinvorräte leer, vernachlässigte die Kinder und feierte. Eine enorme Lebensfreude und Sittenlosigkeit brach sich Bahn.

SPIEGEL: Wie schnell eine als vorbildlich geltende Zivilisation implodieren kann, beschrieb schon der griechische Historiker Thukydides angesichts der "Attischen Seuche".

Eckart: Ihm tat es der Italiener Boccaccio mit seinem "Decamerone" gleich. "Der Schrecken der Heimsuchung", schrieb er mit Blick auf das Florenz des 14. Jahrhunderts, "hatte die Herzen der Menschen mit solcher Gewalt zerstört, dass auch der Bruder den Bruder verließ, der Onkel den Neffen, die Schwester den Bruder und nicht selten auch die Frau ihren Mann. Das Schrecklichste, ganz und gar Unfassliche aber war, dass Väter und Mütter sich weigerten, ihre Kinder zu besuchen und zu pflegen, als wären es nicht die eigenen."

SPIEGEL: Was machen Pandemien und die dadurch ausgelösten Ängste noch mit Gesellschaften?

Eckart: Ein bis heute stets wiederkehrender Reflex ist die Suche nach dem Schuldigen. Die absurdesten Verschwörungstheorien blühen auf, eine Hatz auf Sündenböcke beginnt.

SPIEGEL: Bei der "Attischen Seuche" hieß es, die Spartaner oder die Perser hätten die Brunnen vergiftet.

Eckart: Und im Europa des 14. Jahrhunderts wurden die Juden dieser Tat verdächtigt. Daraus folgten flächendeckende Pogrome: Die Baseler verbrannten ihre jüdische Gemeinde im Januar 1349 in einem eigens errichteten Holzhaus, die Mainzer löschten ihre jüdische Gemeinde im August aus, auch in anderen Städten und auf dem Land kam es zu Massakern. In den späten Fünfzigerjahren des 14. Jahrhunderts waren kaum noch Juden in Mitteleuropa am Leben.

SPIEGEL: Während der Pest und in der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs mussten auch sogenannte Hexen als Sündenböcke herhalten, wurden verfolgt und ermordet.

Eckart: Diese Frauen mussten auch für schlechte Ernten und Erdbeben büßen, für alle unerklärlichen Katastrophen. Noch im 19. Jahrhundert kursierten die wildesten Verschwörungstheorien. In Paris etwa wurden die Chiffonniers, die armen Lumpensammler, für den Ausbruch der Cholera verantwortlich gemacht. Zudem verdächtigte man Weinhändler und durchreisende Kaufleute. Lebensmittelverkäufer wurden bezichtigt, ihre Ware vergiftet und so die Seuche ausgelöst zu haben. Aufgebracht setzte der Mob den Ruf der Revolution "An die Laternen!" um, reihenweise wurden die vermeintlich Verantwortlichen aufgeknüpft. Schuld war immer der andere, der Fremde. Dieses gefährliche Othering, diese Ausgrenzung und Abwertung beginnt schon beim Namen der Seuchen.

SPIEGEL: Im Deutschen hieß die Syphilis "Franzosenkrankheit".

Eckart: In Frankreich und in Russland nannte man sie die "Polnische Krankheit", in Polen wiederum die "Deutsche Krankheit". Die Suche nach dem Schuldigen ist ein hilfreiches Konstrukt, um sich in eine Position des vermeintlichen Wissens zu bringen. Ein Ausdruck der Hilflosigkeit.

SPIEGEL: Welche Verschwörungstheorien blühten im 20. Jahrhundert?

Eckart: Im Ersten Weltkrieg brach in dem von Deutschen und Österreichern besetzten Osteuropa das Fleckfieber aus, erneut wurden die Juden zu Sündenböcken gemacht. Statt nach Impfstoffen zu suchen, wurden ihre Häuser durchkämmt, jüdische Frauen und Männer zusammengetrieben. Die Besatzer schnitten ihnen Haare und Bärte ab, was einer enormen Demütigung gleichkam. Zudem wurde die Kleidung der Juden mit Entlausungsmittel auf der Basis von Blausäure behandelt, einer Vorform von Zyklon B. Das mündet geradlinig in den Holocaust, obwohl der damals noch nicht vorgedacht war. Schon 1914 bis 1918 trat der Mensch an die Stelle des Erregers.

SPIEGEL: Wer wurde für die Spanische Grippe verantwortlich gemacht?

Eckart: Immer der jeweilige Kriegsgegner. Wohl wissend, dass die Seuche in Kansas zuerst ausgebrochen war, verbreiteten US-Medien die Verschwörungstheorie, deutsche U-Boote hätten die amerikanischen Fischgründe vergiftet. Daraus resultierte die Gewaltfantasie, dass man die Deutschen eigentlich so bestrafen müsse, wie es in der Bibel geschieht: mit Blutregen. Dazu erwog man, das Blut Verstorbener auf Flaschen zu ziehen und über Berlin abzuwerfen.

SPIEGEL: Als in den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts Aids aufkam, verbreitete der KGB die Propaganda, das Virus stamme aus einem US-Labor. Ähnlich wirr äußerte sich jüngst ein Hamburger Linkenpolitiker, der behauptete, Corona sei in den USA gezüchtet worden, um China zu schwächen. Werden wir Menschen nie klüger?

Eckart: Verschwörungstheorien werden in Seuchenzeiten immer Hochkonjunktur haben, da bin ich mir sicher. Trotzdem haben wir aus Seuchen viel gelernt, waren Seuchen stets auch wichtige Triebfedern der Entwicklung. Es haben sich nicht nur Medizin, Epidemiologie und Virologie verbessert. Auch unsere moderne Lebensform haben wir maßgeblich der letzten Cholera zu verdanken - dass wir duschen, uns die Hände mit Seife waschen, jeder eine eigene Wassertoilette besitzt, dass es Wasser- und Klärwerke gibt sowie saubere Schlachthöfe. Ohne die große Pockenwelle hätte es auch nicht die Impfgesetze der Siebzigerjahre des 19. Jahrhunderts gegeben, ohne die Cholera nicht das Reichsseuchengesetz von 1900. Dass der Staat uns gegen Krankheiten schützen will, ist eine Lehre aus vorangegangenen Seuchen.

SPIEGEL: Was manchmal viel Geld kostet: In Hamburg verschob man Ende des 19. Jahrhunderts aus Kostengründen den Bau einer längst überfälligen Wasserfiltrieranlage.

Eckart: Die Menschen tranken das ungereinigte Wasser aus der Elbe, 1892 starben mehr als 8000 Hamburger an der Cholera.

SPIEGEL: Aus den Seuchen vergangener Zeiten haben wir auch Maßnahmen der Isolierung von Infizierten übernommen, etwa die Quarantäne.

Eckart: Ein Wort, das aus dem Italienischen kommt und "40" bedeutet. Die Menschen in Italien ahnten, dass es Zusammenhänge zwischen der Pest und Handelsschiffen aus dem Osten gibt, die Besatzung wurde 40 Tage lang isoliert, etwa auf einer Insel vor Venedig.

SPIEGEL: Krankheitserreger bewegten sich im Mittelalter deutlich langsamer als heute, wo sie per Flugzeug rund um den Globus transportiert werden. Wie wirkungsvoll war da die Quarantäne?

Eckart: Die Maßnahme war richtig, dennoch nicht besonders wirkungsvoll, um die Verbreitung von Seuchen zu verhindern. Wer genug Geld hatte, kam schnell wieder auf freien Fuß. Und den Ratten und Flöhen als Seuchenüberträgern machte es sowieso nichts.

SPIEGEL: Gab es in früheren Zeiten schon Formen der Abschottung einzelner Territorien voneinander?

Eckart: Ja, etwa im Habsburgerreich des 18. Jahrhunderts. An der östlichen Grenze versuchten die Soldaten, einen mehr als tausend Kilometer langen Sanitätskordon zu sichern, um die Pest fernzuhalten. Aber das brachte wenig: Die Reichen zahlten, durften passieren und ihre Waren weitertransportieren. Ähnliche Abschottungsversuche unternahm Preußen gegen die asiatische Cholera, was ebenso erfolglos war.

SPIEGEL: Die Menschen haben sich erstaunlich lange schwer damit getan zu glauben, dass klitzekleine Erreger Pandemien verursachen. Woher kommt diese Skepsis?

Eckart: Diese Gefahr ist bis heute äußerst abstrakt und daher schwer fassbar. Soldaten und wilde Tiere, die kann man sehen, gegen die kann man kämpfen. Das ist bei unsichtbaren Feinden wie den Krankheitserregern anders. Um sich zu behelfen, greifen Regierungen in Seuchenzeiten stets zur Kriegsmetaphorik - derzeit vor allem der französische Präsident Emmanuel Macron und US-Präsident Donald Trump.
Zur Person:

  • Wolfgang U. Eckart (Jahrgang 1952) wurde 1992 zum Professor für Geschichte der Medizin berufen und leitete bis zu seiner Emeritierung 2017 das Institut für Geschichte der Medizin an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg. Er ist Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande, Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften und Autor zahlreicher Standardwerke zur Medizingeschichte.
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ich habe ja schon neulich hier im blog geschrieben: "es gibt nichts neues unter der sonne" - und mir nur mal die pandemien laut notiert, die ich in meinem dasein zwischen 1947 und heute er- und überlebt habe, obwohl sie eine menge an todesopfern insgesamt und weltweit jeweils forderten, teilweise viel mehr, als für covid-19 vorausgesagt wird.

aber jeder seuchentod ist einer zuviel und - wie wir ja auch in diesem artikel wieder lernen müssen - es ist nicht der "feind", es ist nicht der "liebe gott" mit einer "strafe" für die menschheit - nein - es sind die menschen insgesamt selbst, die diesem lieben gott dauernd versuchen, ins handwerk zu pfuschen, die schöpfer spielen und schimären zustandebekommen, die die seuchen heraufbeschwören und verursachen in ihrem sorglosen drauflosleben, in ihrer allgemeinen umweltzerstörung, in ihrer unbändigen hybris, in ihren zweifelhaften ernährungsgewohnheiten z.b. in südasien und sonstwo, mit dem verzehr von fleisch aller arten - zum großen teil wegen herrschender armut, zum anderen exklusiven teil aus der sucht nach "exotischen delikatessen", die man sich doch mal auf einer kreuzfahrt an land in den "volkstümlichen" restaurants oder straßen-warmküchen gönnen muss...: einmal fledermausschenkel oder fliegenden hund oder geriebene schuppen vom schuppentier... --- und dann sterben...

und dann diese "kriegsmetaphorik" eines trump, eines macron, eines johnson (wenigstens als er noch gesund war...) und vieler anderer:
da züchtet man aus dummheit und dünkel in dieser global vernetzten welt einen winzigen krankheitserreger selbst heran, der unter dem mikroskop fast niedlich aussieht wie ein noppenball mit lauter andockrüsseln statt noppen, die sich dann bei einer infektion rasch in die rachenschleimhaut ganz festsaugen, eindringen und verwachsen, um mit zu "leben", und dieser winzling kann gar nicht anders - und dieser "zufällige" neue erdenbewohner wird dann flugs als "feind" ausgemacht - g e g e n  den es zu "kämpfen" gilt.

das ist die falsche rhetorik in dieser "auseinandersetzung": wir müssen uns selbstverständlich mit dem neugeborenen erreger "auseinandersetzen", aber so, wie man sich mit einem neuen thema ausführlich auseinandersetzt: wir müssen ihn studieren, sezieren, seine gewohnheiten kennenlernen, sein woher-wohin - aber ansonsten müssen wir alle lernen, zukünftig  m i t  ihm auf abstand zu leben und uns vor ihm zu schützen, was etwas anderes ist, als ihn zu bekämpfen.

von meiner professorin in organisationsberatung hörte ich oft den satz: nicht gegen den widerstand - das koste zu viel kraft --- sondern mit dem widerstand, das sei effizienter... - und das schlägt sich auch in der gewünschten flacherwerdenden kurve von neuinfektionen nieder, damit es genügend intensivbetten gibt, um triage-situationen bei der eventuellen benötigten beatmung zu vermeiden.

wir werden den erreger nicht abtöten können, er wird sich einigeln, wird die angriffe abschütteln, wird sich mutieren und verändern - und wird mit jedem angriff flexibler auf selbige. schutz und eingrenzung sind unsere mittel, analog vielleicht zu raubtieren, die wir zu unserem schutz einhegen und "verpflegen" und ihnen reservate zugestehen - no-go-areas, in denen sie leben können und die wir meiden - und analog zu unseren bisherigen "normalen" hygienemaßnahmen.

und wenn wir dann glück haben, sterben sie vor sattheit und lebensüberdruss manchmal ab in einer relativ kurzen halbwertzeit. 

mit einigen historischen seuchenauslösern hat das geklappt - aber immer wieder können sie erneut aufflammen und mit unserer "hilfe" befeuert werden - in anderem neuen gewand... - gnade uns gott...

NDR-Nordtour: Fitness im Spazierengehen

schon neulich habe ich ja hier in meinem blog für "intelligenzbestien" ein ganz praktisches thema hochgeladen, nämlich meine ersten erfahrungen damit, die neue oberkiefern-prothese mit dem "prothesenzieher" ruck zuck zum putzen der zähne einfach von den 6 teleskopen zu lösen und herauszunehmen ...

und nun nach einer gewissen zeit selbsterwählter corona-schutzquarantäne in den eigenen 4 wänden verspüre ich schon ab und zu den drang, durch einfachste dehn- und koordinations-körperübungen den ansonsten zur ruhe verurteilten restkörper vor dem dahindösen wenigstens ansatzweise zu bewahren. 


aber - heiliges indianer-ehrenwort: ansonsten halte ich es vornehmlich mit den herauskopierten textaussagen dieses sz-artikels:


Die Krise als Chance - warum eigentlich? Es kann doch eine Krise einfach mal eine Krise sein 
Wenn Menschen sich bedroht fühlen, und das Coronavirus ist eine Bedrohung, reagieren sie auf drei unterschiedliche Arten: "Freeze" - "Flight" - "Fight" nennt man das in der Psychologie. "Freeze" ist das Erstarren, Stehenbleiben, Verharren. "Flight" ist die Flucht, die auch eine gedankliche sein kann, man fängt an, an Verschwörungstheorien zu glauben, versucht, sich die Situation schönzureden . Und "Fight"? Das ist der Widerstand, das aktive Handeln. 
Auf diesem Planeten laufen ganze Gesellschaften sinnbildlich durch einen Tunnel, von dem niemand weiß, wie lange er ist und wann wieder Licht zu sehen ist. Wer Zeit, Muße und Nerven hat, während dieses Laufens auch noch sein Gehirn zu trainieren oder besondere Bewegungsabläufe einzustudieren, der kann das gerne machen. Aber er soll andere damit nicht behelligen. 
"Ich nenne die Phase jetzt 'exponentielles Währenddessen'. Das Davor kenne ich schon, das Danach kenne ich noch nicht. Dadurch, dass ich jetzt überlebe, gehe ich davon aus, es auch in Zukunft zu tun. Und dabei weiter die Heizung aufdrehen zu können. Das ist wirklich nicht wenig", schreibt die Kulturwissenschaftlerin Hanna Engelmeier auf Twitter. Ein Währenddessen, ein Stehenbleiben, ein Ertragen, ein Aushalten dieser Krise, die erst mal eine Krise und keine Chance ist: Vielleicht ist das für die meisten einfach der adäquatere Zustand. Stillstehen, wenn alles stillzustehen scheint. Zweifel zuzulassen, statt Projekte anzugehen. In den wenigen Momenten der Ruhe aus dem Fenster Kohlmeisen in der Freiheit zuschauen, nur das. Den Kopf über Wasser halten.
aber - ich kann es nun doch nicht lassen, dich mit diesem knapp 10-minuten langen "fitness"-video zu "traktieren" - und wenn du dazu eben keine lust hast: lass es sein ...

NDR - Spaziergang mit Fitnesseinlagen Auch in Zeiten der Corona-Krise ist es erlaubt, sich draußen zu bewegen. Einen Spaziergang kann man mit einigen Fitnessübungen auflockern.


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Himmlers Dienstkalender


Notizen eines Massenmörders

Die Dienstkalender des SS-Chefs Heinrich Himmler wurden lange unter Verschluss gehalten. Die bürokratischen Eintragungen verraten viel über die Arbeitsweise und Gedankenwelt des Holocaust-Organisators.

Von Michael Wildt - im SPIEGEL

SS-Führer Himmler um 1943 - Walter Frentz / ULLSTEIN BILD



  • Michael Wildt, 65, zählt zu den führenden deutschen Holocaust-Experten. Er ist Professor am Institut für Geschichtswissenschaften der Berliner Humboldt-Universität.


Am 12. Februar 1943 schrieb Heinrich Himmler in seinen Tischkalender: "8.00 Uhr aufgestanden, 9.00 Uhr gearbeitet, 10.00 Uhr Abfahrt Hochwald". An diesem Tag flog er von seinem Hauptquartier in Ostpreußen nach Lublin im besetzten Polen. Der Dienstkalender hielt fest: "12.00 Uhr Landung Lublin; Abholung durch SS-Obergruppenführer Krüger und SS-Gruppenführer Globocnik; Essen im Flughafenhotel. 12.30 Uhr Start mit Wagen nach Cholm. 14.00 Uhr Start von Cholm mit Sonderzug zum SS-Sonderkommando. 15–16.00 Uhr Besichtigung des SS-Sonderkommandos."

Terminnotizen: "15–16.00 Uhr Besichtigung des SS-Sonderkommandos"

Hinter diesen kargen Eintragungen verbarg sich Himmlers Besuch des Vernichtungslagers Sobibór, das war eine der Massenmordstätten der "Aktion Reinhardt". Von April 1942 bis Oktober 1943 wurden hier bis zu eine Viertelmillion Menschen mit Gas ermordet. Da an diesem 12. Februar kein Deportationszug zu erwarten war, schleppte die SS 200 jüdische Mädchen und Frauen aus der Umgebung herbei, um dem Reichsführer SS die Effizienz des Mordens vorzuführen.

Tags darauf war Himmler in Hitlers Hauptquartier "Wolfsschanze": "16.00 Uhr Termin beim Führer". Obwohl sich die Unterredung in erster Linie um die Aufstellung neuer Waffen-SS-Divisionen drehte, dürfen wir annehmen, dass Himmler auch über seine Beobachtungen aus Sobibór berichtet hat.

Erst vor knapp vier Jahren wurde das Original des Dienstkalenders in Moskau gefunden. In einem Archiv hatten, über Jahrzehnte geheim gehalten, von der Roten Armee beschlagnahmte NS-Unterlagen gelagert. Jetzt erscheint die Edition des Kalenders für die Jahre 1943 bis 1945 (ab 6. April). Sie umfasst mehr als 1100 Seiten, auch Himmlers persönliche Aufzeichnungen aus seinem Tischkalender und die Notizen über seine Telefongespräche wurden aufgenommen. Kein Buch, das als Urlaubslektüre dienen könnte, vielmehr das Ergebnis einer immensen wissenschaftlichen Leistung. Wie das Beispiel des 12. Februar 1943 zeigt, können die nüchternen Terminangaben, die Himmlers Adjutant jeden Tag auf einem DIN-A4-Blatt zusammenstellte, nur durch historische Forschung zum Sprechen gebracht werden.

Die Geschichte des Holocaust muss nicht neu geschrieben werden. Doch ist nun - nach den Editionen von Himmlers Kalendern für die Jahre 1940 und 1941/42 - die Tätigkeit eines der wichtigsten Akteure des NS-Regimes im Krieg so vollständig und detailliert dokumentiert wie kaum eine andere. In den bürokratischen Eintragungen wird auf gespenstische Art die Arbeitsweise eines Topmanagers des NS-Regimes erkennbar.

Himmler leitete als Reichsführer SS nicht nur ein weitverzweigtes SS-Imperium, sondern war seit 1936 auch Chef der gesamten deutschen Polizei und seit 1939 oberster Siedlungskommissar. In den Jahren 1943/44 erreichte er den Zenit seiner Macht: Er wurde Reichsminister des Innern, Befehlshaber des Ersatzheeres und Chef des Kriegsgefangenenwesens. 1945 übernahm er sogar als militärischer Oberbefehlshaber die Heeresgruppe Weichsel.

Diese vielfältigen Kompetenzen spiegeln sich in den zahlreichen Besprechungsterminen mit unterschiedlichen Funktionsträgern der SS und des NS-Regimes wider. Die Herausgeber erläutern in Fußnoten und Kommentaren für jeden Tag den Kontext der Gesprächsinhalte. Himmler, das zeigt der Dienstkalender deutlich, hielt seinen Machtapparat weniger durch Aktenstudium zusammen, für das der Eintrag "gearbeitet" steht. Wichtiger waren persönliche Kontakte. Neben den täglichen Besprechungen unternahm er etliche Inspektionsreisen, um vor Ort mit Verantwortlichen zu reden. In diesem paternalistischen Verständnis von Menschenführung kümmerte sich Himmler selbst um persönliche Angelegenheiten von SS-Angehörigen. Er sei "sehr hart", so schilderte ihn ein SS-Führer 1944 in britischer Kriegsgefangenschaft. "Man kann sehr schnell etwas werden, man kann aber auch sehr schnell fallen."

Anfang 1943 war der Großteil der europäischen Juden bereits ermordet. Himmler hatte im Sommer des Vorjahrs die Führung des Reichssicherheitshauptamts übernommen und den Massenmord forciert. Das Warschauer Getto ließ er im Frühjahr 1943 restlos zerstören. Als die Wehrmacht nach dem Sturz Benito Mussolinis im September 1943 weite Teile Italiens besetzte, deportierte die SS die italienischen Juden nach Auschwitz. Im Frühjahr 1944 sorgten SS-Kommandos unter der Leitung Adolf Eichmanns für die Deportation von 437.000 ungarischen Juden. Himmler kümmerte sich persönlich über einen Sonderemissär - dessen zahlreiche Treffen mit Himmler der Dienstkalender dokumentiert - um die räuberische Übernahme von Metallfabriken in jüdischem Besitz.

Da zeichnete sich Deutschlands Niederlage bereits ab, 1943 war das Jahr der Kriegswende. Nach der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad lebte überall in Europa der Widerstand gegen die Besatzung auf. Hitler übertrug die "Bandenbekämpfung" Himmlers SS, deren Einheiten zusammen mit der Wehrmacht in Osteuropa die Zivilbevölkerung ganzer Landstriche ausrotteten und "tote Zonen" schufen. Ebenfalls fielen in West- und Nordeuropa zahlreiche Zivilisten "Strafaktionen" zum Opfer.

Im August 1943 avancierte Himmler zum Reichsinnenminister, um mit Terror die deutsche Kriegsgesellschaft unter Kontrolle zu halten. Das KZ-System weitete sich enorm aus. Waren Anfang 1943 etwa 123.000 Menschen inhaftiert, so stieg deren Zahl bis zur Jahreswende 1944/45 auf 718.000 an. Die meisten waren ausländische Häftlinge, die zur Zwangsarbeit in der Rüstungsproduktion wie der Herstellung der V2 verschleppt worden waren. Himmler genehmigte persönlich medizinische Menschenversuche an Häftlingen.

Vor allem aber bedeutete die Kriegswende 1943, dass nun dringend neue Soldaten benötigt wurden, um den Krieg fortführen zu können. 168 Treffen zwischen Hitler und Himmler führt der Dienstkalender für die Zeit von Januar 1943 bis März 1945 auf, das heißt, dass sich beide durchschnittlich etwa sechsmal im Monat trafen. Dabei ging es in erster Linie um die Aufstellung neuer Waffen-SS-Divisionen. Ende 1942 umfasste die Waffen-SS annähernd 250.000 Mann, ein Jahr später hatte sich deren Stärke verdoppelt, Mitte 1944 stieg sie auf etwa 600.000 Soldaten. Dazu zählten sogar muslimische Einheiten wie die 13. SS-Division "Handschar" aus Bosnien. Dank Himmlers geschickter Propaganda galt die Waffen-SS als besonders kampfentschlossene und ideologisch zuverlässige Truppe - alles Eigenschaften, die Hitler als entscheidend für den Krieg ansah.

Zwar konnten auch die Waffen-SS-Einheiten den Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront im Sommer 1944 nicht verhindern, aber Himmlers Nimbus strahlte bei seinem Oberbefehlshaber dennoch hell genug, dass Hitler ihn nach dem Attentat vom 20. Juli zum Befehlshaber des Ersatzheeres ernannte und ihm damit die Gesamtrekrutierung neuer Soldaten übertrug.

Tatsächlich war Himmlers militärische Kompetenz gering. Seine Berufung als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Weichsel Ende Januar 1945 endete im Desaster. Hitler beschuldigte ihn, für die schwere Niederlage der deutschen Truppen in Pommern verantwortlich zu sein, und berief ihn Mitte März von seinem Posten ab.

Privates taucht im Dienstkalender nur schemenhaft auf. Gelegentlich schaute sich Himmler Spielfilme an. Der Dienstkalender vermerkt am 16. Oktober 1943 einen gemeinsamen Filmabend in der "Wolfsschanze" mit Hitler sowie Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, und Karl Dönitz, Oberbefehlshaber der Kriegsmarine. Gezeigt wurde die "Feuerzangenbowle". Doch solche Abende blieben Ausnahmen. Häufiger gab es "Doppelkopf"-Runden mit Angehörigen seines Stabes.

Beim Filmabend mit Hitler 
in der »Wolfsschanze« 
wurde die »Feuerzangenbowle« gezeigt.

Oft telefonierte er mit seiner Tochter Gudrun, die zusammen mit ihrer Mutter in Gmund am Tegernsee lebte. An dem Bild einer intakten Familie hielt er unbeirrt fest, obwohl er seit 1938 ein Verhältnis mit seiner damaligen Privatsekretärin Hedwig Potthast hatte. Die beiden hatten zwei Kinder. Die Besuche bei seiner Geliebten, deutlich öfter als bei seiner Familie, erscheinen im Dienstkalender nur mit kryptisch-verdrucksten Vermerken wie "unterwegs".

Die Herausgeber schildern Himmler als einen "intriganten, kleinlichen, pedantischen, nachtragenden, schulmeisterhaften, verbissenen und mitunter skurrilen Bürokraten". Aber er war auch ein erfolgreicher Organisator der SS, der im NS-Herrschaftssystem geschickt agierte und seinen Machtbereich stetig vergrößerte. Sein Fixpunkt war Adolf Hitler, dem er seine Karriere verdankte und dessen rassistische und antisemitische Weltanschauung er bedingungslos teilte.

Himmlers Fall ging mit seinem Irrglauben in den letzten Kriegswochen einher, er könnte von den Alliierten als Verhandlungsführer eines Nach-Hitler-Deutschlands für einen Separatfrieden akzeptiert werden. Geheim aufgenommene Kontakte wie zum schwedischen Roten Kreuz, die selbstredend nicht im Dienstkalender notiert sind, nutzten die ausländischen Verhandler aus: Mit Himmlers "Angebot", KZ-Häftlinge freizulassen, brachten sie möglichst viele Menschen in Sicherheit. Als Hitler von Himmlers Aktivitäten erfuhr, entließ er ihn wutentbrannt als Reichsführer SS und stieß ihn aus der NSDAP aus.

Auch Admiral Dönitz als Hitlers Nachfolger mochte mit Himmler nichts mehr zu tun haben und entließ ihn am 6. Mai 1945 aus allen Ämtern. Der einst zweitmächtigste Mann des NS-Regimes und einer der größten Massenverbrecher des 20. Jahrhunderts hielt es noch ein paar Tage in Flensburg aus. Dann versuchte er, mit gefälschten Ausweispapieren nach Süddeutschland zu fliehen. Im Raum Lüneburg fiel er dem britischen Militär in die Hände; am 23. Mai 1945 nahm sich Himmler mit einer Giftkapsel das Leben.
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Historiker über Himmler-Tagebücher

"Einer der schlimmsten Massenmörder der Geschichte"

SS-Chef Himmler war Hitlers mächtigster Vollstrecker. Nun veröffentlicht ein Historikerteam seine Diensttagebücher aus den letzten Kriegsjahren. Matthias Uhl erklärt die Hintergründe zu dem Fund.

Ein Interview von Klaus Wiegrefe - im SPIEGEL

Heinrich Himmler war ein Mann ohne Gnade. Bei einem Besuch hinter der Ostfront 1941 fiel ihm ein russischer Gefangener auf, weil dieser blonde Haare hatte. Folgender Dialog ist überliefert:

Himmler: "Sind Sie Jude?"
Gefangener: "Ja."
Himmler: "Sind Ihre beiden Eltern Juden?"
Gefangener: "Ja."
Himmler: "Haben Sie irgendwelche Vorfahren, die keine Juden waren?"
Gefangener: "Nein."
Himmler: "Dann kann ich Ihnen auch nicht helfen."

Der Gefangene wurde erschossen.

So war Himmler, der Radikalste unter Hitlers Radikalen, ein unermüdlicher Antreiber des Todes, dessen Name auf ewig mit dem Holocaust verbunden bleibt. In einem russischen Archiv ist sein Dienstkalender aus den Jahren 1943 bis 1945 aufgetaucht.

Aufgefunden hat den Kalender der Historiker Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut Moskau. Gemeinsam mit Kollegen hat er ihn nun veröffentlicht.

SPIEGEL: Wo haben Sie den Dienstkalender gefunden?

Matthias Uhl: Im Archiv des russischen Verteidigungsministeriums in Podolsk, einer Großstadt südlich von Moskau. Das Archiv dort ist in einer ehemaligen Kaserne aus den Dreißigerjahren untergebracht. In einem Gebäude im zweiten Stock lagern die sogenannten deutschen "Trophäenakten", wie die Russen sie nennen. Darunter ein Bestand mit der Bezeichnung "Akten der Waffen-SS und Polizei" samt Himmlers Dienstkalender aus den letzten Kriegsjahren.

SPIEGEL: Wie muss man sich das vorstellen?

Uhl: Das sind zwei dicke Mappen, da liegen die Blätter für jeden Tag drin, allerdings durcheinander.

SPIEGEL: Was sind das für Blätter?

Uhl: Himmlers Adjutant Werner Grothmann hat dem SS-Chef jeden Tag die anstehenden Termine aufgeschrieben.

SPIEGEL: Was ist daran interessant?

"Hitler sah in Himmler
 einen potenziellen Nachfolger"

Uhl: Himmler war einer der schlimmsten Massenmörder der Geschichte. Aus dem Kalender geht hervor, wie unerbittlich er den Holocaust vorantrieb. Er besuchte Vernichtungslager, inspizierte Gettos und beklagte sich darüber, dass das Morden nicht schnell genug gehe. Man muss den Kalender im Zusammenhang lesen mit Himmlers sonstiger Korrespondenz, also den täglichen Weisungen und Befehlen. Auch diese haben wir daher in unser Buch aufgenommen. Alles zusammen ergibt das Bild eines Mannes, den nur zwei Dinge wirklich interessierten: der Holocaust und der Ausbau seiner Macht. Hitler sah in ihm einen potenziellen Nachfolger.

SPIEGEL: Privates findet man also nicht im Kalender?

Uhl: Doch, er verzeichnet penibel die Besuche bei seiner Geliebten und den beiden gemeinsamen Kindern, die er häufiger als seine Ehefrau und die eheliche Tochter Gudrun sah.

SPIEGEL: Wie ist der Kalender nach Moskau gekommen?

Uhl: Die SS hatte das Schloss Wölfelsdorf im damals deutschen Niederschlesien, heute Polen, angemietet. Himmler hatte nach alliierten Luftangriffen auf Hamburg und Berlin 1943 befohlen, Dokumente auszulagern, damit sie nicht zerstört wurden. Der Dienstkalender kam wohl Anfang 1945 nach Wölfelsdorf und fiel im Mai der Roten Armee in die Hände.

SPIEGEL: Nur der Dienstkalender?

Uhl: Nein, die Russen haben allein von dort insgesamt mehr als 2600 Kisten mit Akten abtransportiert.

SPIEGEL: Was wollte der damalige Kremlchef Josef Stalin mit diesen Papiermengen?

Uhl: Die Sowjets suchten nach Material zur Aufklärung deutscher Kriegsverbrechen. Und dann war es damals üblich, Archive als Beutegut zu betrachten. Da unterschied sich Stalin nicht von Hitler oder auch Napoleon. Kurioserweise nahm die Rote Armee in großem Stile auch Unterlagen mit, welche die Deutschen zuvor Franzosen und Polen geraubt hatten.

SPIEGEL: Wie ging es weiter mit Himmlers Kalender?

Uhl: Die Beuteakten wurden beim sowjetischen Innenministerium gelagert. 1954 übernahm der Geheimdienst KGB die Unterlagen. Er hat sie nach Personen verschlagwortet, offenkundig auch, um belastende Unterlagen aus der Nazizeit für Kampagnen gegen westdeutsche Politiker zu nutzen.

SPIEGEL: Aber Himmler hatte sich 1945 das Leben genommen.

Uhl: Deswegen hat sich auch niemand für den Kalender interessiert. Ende der Fünfzigerjahre wurde er mit anderen Papieren dem sowjetischen Militär übergeben und landete in Podolsk. Dort blieb alles bis vor wenigen Jahren weggeschlossen.

"Es gab beim sowjetischen Militär 
eine Tradition der Geheimhaltung, 
die ins Absurde reichte"

SPIEGEL: Warum die Geheimniskrämerei?

Uhl: Es gab beim sowjetischen Militär eine Tradition der Geheimhaltung, die ins Absurde reichte. Ihre Folgen sind auch im heutigen Russland noch zu spüren. Zudem sprechen viele Archivare kein Deutsch und trauen sich nicht, Papiere herauszugeben, deren Inhalt sie nicht einschätzen können.

SPIEGEL: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 haben sich die russischen Archive doch zunächst geöffnet.

Uhl: Podolsk war für Ausländer immer unzugänglich. Umso bedeutender, dass die russische Seite heute mit dem Deutschen Historischen Institut Moskau kooperiert. Wir haben knapp 15.000 Beuteakten - überwiegend der Wehrmacht sowie aus Reichsministerien - gemeinsam mit dem russischen Verteidigungsministerium im Netz veröffentlicht. Eine ähnliche Menge soll noch publiziert werden. Irgendwann werden dann auch die Himmler-Dokumente dort zu finden sein.

SPIEGEL: Erwarten Sie weitere Funde zu Himmler?

Uhl: Wir suchen seine Diensttagebücher aus den Jahren 1939 und 1940. Auch wissen wir, dass Himmler zeitweise Besprechungsnotizen gefertigt hat. Gut möglich, dass da noch Neues auftaucht.
Zur Person
  • Historiker Matthias Uhl (Jahrgang 1970) ist seit 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut Moskau. Er forscht vor allem zur Geschichte des Kalten Krieges sowie zur sowjetischen Militär- und Sicherheitspolitik.


Matthias Uhl, Martin Holler, Jean-Luc Leleu (Hrsg.)
Die Organisation des Terrors - Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1943-1945
Herausgeber: Piper
Seitenzahl: 1152
Für 48,00 € kaufen













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in einer rezension dieses buches über himmler in der süddeutschen zeitung steht der erschreckende background dieser massenmorde: himmler handelte zwar ziemlich einsam in seiner erbarmungslos grausamkeit - aber er benötigte
zu seinem perfiden mörderischen tun ein team von hilfswilligen - und für dieses "geschäft" fanden sich genügend handlanger an seinem rocksaum ein.

die süddeutsche schreibt: Erst durch diese akribische Dokumentation und Einordnung der Kalenderblätter der fünf Historiker gewinnen diese Konturen, die sich für den Leser zu einem facettenreichen Bild des Managers des Terrors und zu einer nuancierten Darstellung des arbeitsteilig und bürokratisch organisierten Verbrechens zusammenfügen.

Es waren keine irren Monster, die die Vernichtung des europäischen Judentums planen und durchführen ließen, sondern Männer einer durch die Kriegsniederlage von 1918, die missratene Revolution und den verbiesterten Frieden von Versailles geprägte, akademisch gebildete Generation.

Diese orientierte sich mental und emotional an Ideen, die auf nationalistisch-völkisch-militaristischen Ressentiments beruhten. Deren ideologische Basis bildete der hetzerische Dualismus von Freund und Feind, der nach der Wirtschaftskrise von 1929 das Weltbild der bürgerlichen Eliten total und fast der Mehrheit der deutschen Bevölkerung vergiftete.

ja - und diese handlanger und stiefellecker waren nicht etwa irgendwelche tumben hurra-schreier, sondern zum großteil eben auch eine "akademisch gebildete generation" und lehrende "elite" - und eben "keine irren monster" von einem anderen stern. das war kein science-fiction... - sondern schreckliche wirklichkeit - in unseren familien und vor der tür und in der nachbarschaft unserer altvorderen.

das passiert ja oft im nachhinein in der aufarbeitung hier, dass man von "ns-deutschland" spricht, von "nazi-deutschland", von den "nazis" usw., wo man implizit so tut, als sei das eine mörderische und grausame aber überschaubare extra-truppe gewesen - eben in gewisser weise der "abschaum", die "monster" des bösen - und die "anderen" - und gleichzeitig soll das ja suggerieren, als stünde man da außen vor, und wäre in keinster weise mit "solchem pack" irgendwie verstrickt "gewesen".

aber das ist ein trugschluss: hitler, himmler und konsorten waren
karrieretypen mitten aus dem "volk", geduldet von kirche, der "intelligenz", den medien - und auch der wirtschaft, die mit rüstungsaufträgen bei laune gehalten wurde - und die deshalb diese "führungsriege" auch mithätschelte und mittätschelte - und wo man nach dem krieg vielen der schergen einen sicheren unterschlupf bot, wo sie gesellschaftlich abgesichert ihren lebensabend verbringen konnten.

überhaupt sagt ja die umschreibung der "arbeitsteilig und bürokratisch organisierten verbrechen", dass diese massenmorde eben nicht durch eine handvoll massenmörder hinterrücks begangen wurden, sondern dass es neben den "vollstreckern" auch eine ganze reihe auch von schreibtisch-mittätern und mitwissern geben musste, eben auch mitten aus dem "volk", in diesem bürokratisch penibel durchorganisierten staat, der alles notierte und tonnen von papier produzierte, die zum teil noch immer unsortiert und ungelesen in den archiven mitschlummern und vergilben.

da ist zum beispiel der schreiber und chefadjutant himmlers, werner grothmann (1915-2002), der zumindest die täglichen terminplanungen für himmler zusammenstellte (s. abb. oben) - und der folglich im wahrsten sinne des wortes minutiös wusste, wo sich himmler aufhielt und was dessen sinnen und trachten war. aber wikipedia schreibt:
Während der Nürnberger Prozesse wurde Grothmann von 1946 bis 1948 mehrfach als Zeuge vernommen. Obwohl die Anklage ihn in Nürnberg mit belastenden Dokumenten konfrontierte, wurde er nicht angeklagt. Er behauptete, als Adjutant lediglich Sachbearbeiter ohne fachliche Zuständigkeit gewesen zu sein und erst im Herbst 1944 vom Holocaust erfahren zu haben. 
Ab Juli 1948 war Grothmann im Internierungslager Dachau inhaftiert und wurde am 15. September 1948 als „Hauptschuldiger“ von der Lagerspruchkammer zu vier Jahren Haft verurteilt, unter anderem, weil er die Abstellung von KZ-Häftlingen für medizinische Versuche genehmigt hatte. Er legte Einspruch ein, wurde am 29. September 1948 aus Dachau entlassen, zunächst von der Berufungskammer für Oberbayern als „Minderbelasteter“ eingestuft und schließlich im Juli 1950 von der Hauptkammer München als „Mitläufer“ entnazifiziert.In der Bundesrepublik Deutschland mied Grothmann die Öffentlichkeit, stand aber in engem Kontakt zu SS-Kreisen und der Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS. 
1961 wurde er im Verfahren gegen Karl Wolff als Zeuge geladen. Aufgrund von belastenden Dokumenten wurde ein Verfahren gegen ihn wegen Mordes eröffnet. Zwar konnte ihm sein Wissen um die Aktion Reinhard, aber keine individuelle Schuld nachgewiesen werden, so dass das Verfahren am 7. Januar 1966 eingestellt wurde.
und daneben gab es eben ein ganzes heer von mord-vollstreckern vor ort, sicherlich vornehmlich aus der ss, aber eben auch aus der "normalen wehrmacht", denn so wurde ja jüngst noch einmal bewusst gemacht, dass, um nur ein beispiel zu nennen, die leitung und verantwortung des berüchtigten gefangenen-stammlagers 326 (VI-K) in stukenbrock-senne mit seinen ca. 65.000 (i.w.: fünfundsechzigtausend) opfern unter den russischen kriegsgefangenen bei der "wehrmacht" lag. wo doch immer wieder so getan wird (diskussion um die "wehrmachts-ausstellungen" von philipp reemtsma seinerzeit), als habe man dort nur brav "befehle" im "kampf für's vaterland" befolgt.

nein - das ganze deutsche volk war nicht nur opfer des krieges, sondern eben in jener zeit auch mit in der täter- und mittäterschaft involviert - und der "zeitgeist", gespeist aus der niederlage im 1. weltkrieg und aus der dominanz aus kleinstaatlich "nationalistisch-völkisch-militaristischem" fühlen und denken und der daraus erwachsenen "rassenheilkunde" und dem begriff eines "gesunden volkskörpers" rührte da diesen unsäglich tödlichen sud an, aus dem in diesen rund 25 jahren (ca. 1925 - 1950) "gelebt" wurde - und der heutige generationen noch nachhaltig beschäftigt und beeinflusst - zum guten und zum schlechten...