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Götz Aly und die 68er - wissen vs. behaupten wovon man eigentlich spricht

Götz Aly - S!|art - nach einem Foto von Markus Wächter - Berliner Zeitung


"Wir waren noch keine richtigen Demokraten"

Der Historiker Götz Aly war selbst 68er und räumt mit alten Mythen auf


Götz Aly weiß, wovon er spricht, wenn es um 1968 geht. Er war vor 50 Jahren selbst Aktivist und protestierte auf der Straße. Heute sieht der 71-jährige Historiker, Politikwissenschaftler und Autor manches anders als damals. Andreas Schnadwinkel hat mit Götz Aly gesprochen.


2008, zum 40. Jahrestag von 1968, haben Sie ein Buch mit dem Titel »Unser Kampf« veröffentlicht. Wäre dieser provokante Titel heute noch möglich?

Götz Aly: Natürlich wäre das möglich. Es hat damals Widerstand gegen den Titel gegeben, aber nur schwachen. »Kampf« war das wichtigste Wort der 68er. Kampf gegen, Kampf für, Kampf mit… Und der Titel bezieht sich direkt auf die These meines Buches.

Sie vergleichen die 33er-Generation mit der 68er-Bewegung. Gibt es da Parallelen?

Aly: Zunächst einmal geht es um Familiengeschichte. Die 68er sind die Kinder der 33er. Wer zu den 68ern gehört und wie ich 1947 geboren wurde, der hatte zu 95 Prozent einen Vater, der in der Wehrmacht war, zu 35 Prozent einen Vater, der in der NSDAP war, und zu 70 Prozent einen Vater, der sich für die Nazis insgesamt begeistert hat. Dasselbe galt für unsere Lehrer und Vorbilder. In dieser Atmosphäre sind wir aufgewachsen. Es ist erziehungswissenschaftlich völlig banal, dass etwas von diesem alten Gift auf uns eingewirkt hat. Das hat sich vor allem in dem harten Freund-Feind-Denken der 68er bemerkbar gemacht, das ja auch die Zeit des Kalten Kriegs prägte.

Welche Gemeinsamkeiten zwischen 33ern von 68ern sehen Sie noch?

Aly: Teile der akademischen Intelligenz, die sich für progressiv hielten, wollten zu den Proletariern und einfachen Leuten hinabsteigen. Das war ein Thema der 68er und eines der Hauptthemen des Nationalsozialistischen [sic!] Deutschen Studentenbundes. Goebbels hat 1929 den formal dem »Werther« nachempfundenen Roman »Michael« veröffentlicht, der genau davon handelt. Diese, aber auch begriffliche Ähnlichkeiten und solche der Protestformen gegen ein angeblich zu bekämpfendes republikanisches »System« wurden 1968 und danach tabuisiert. Aber viele einflussreiche Geister haben das damals sehr bald gesehen. Ich denke an die Politikwissenschaftler Ernst Fraen­kel, Richard Löwenthal oder Wilhelm Hennis, an die Philosophin Hannah Arendt und den Filmemacher Erwin Leiser. Sie alle hatten sich zunächst gefreut, dass eine gewisse Unruhe die deutsche Jugend erfasste und die fett gewordene Nachkriegszeit etwas lebendiger geworden war. Und dann dauerte es kein halbes Jahr mehr, bis sie sich an die Kampfjahre der NSDAP erinnert fühlten. Man darf auch nicht vergessen, dass die Universitäten deutlich vor der deutschen Gesellschaft braun waren. Schon 1926 hatte der NS-Studentenbund praktisch alle wichtigen studentischen Gremien erobert.

Ist das Sympathisieren mit kommunistischen Diktatoren wie Mao in China und Castro auf Kuba auch ein Indiz für das totalitäre Denken der 68er?

Aly: Klar, wir waren noch keine richtigen Demokraten. Die Begeisterung für Mao Tse-tung und Ho Chi Minh und die bewaffneten nationalen Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt hatte damit zu tun, dass wir das Gute außerhalb Deutschlands suchten. Ich betrachte die 68er-Bewegung auch als Flucht vor der deutschen Vergangenheit in den Internationalismus der guten Sache. Das hatte der sehr kluge Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger damals sofort erkannt.

Ihnen wird vorgeworfen, dass Sie mit Ihrem Buch »Unser Kampf« die 68er platt machen wollen. Stimmt das?

Aly: Das Gegenteil ist richtig. Ich versuche, das Ereignis zu verstehen und historisch einzuordnen. Die 68er-Bewegung gab es weltweit. Sie markiert das Erwachen der ersten Generation nach dem Zweiten Weltkrieg. Dieser Krieg war das größte Massentrauma der neuzeitlichen Geschichte. 1968 verlief in Frankreich wild, war aber auch nach zwei Jahren vorbei. Bei uns dauerte das Aufbegehren sehr lange und führte zu sehr dogmatischen, militanten und auch terroristischen Ausläufern. Ganz ähnlich verhielt es sich in den beiden anderen Staaten, die den Zweiten Weltkrieg angezettelt und – den Alliierten sei Dank - verloren hatten, nämlich in Italien und Japan.

Wie war das in Ihrer Familie?

Aly: Mein Vater war Offizier, nur kurz an der Front und wurde schwer verwundet. Er ahnte, dass er kein Vorbild mehr sein konnte. Das führt mich zu einem zweiten generationsgeschichtlich wichtigen Punkt: Mein Vater hatte nämlich als Sechsjähriger die Erfahrung machen müssen, wie sein Vater psychisch schwer angeschlagen aus dem Ersten Weltkrieg nach Hause zurückgekehrt war – er war vier Jahre lang Batteriechef gewesen. Den Folgen der doppelten kriegerischen Verrohung und den mit der Niederlage verbundenen Selbstwertverlusten von Millionen deutschen Männern waren die 68er besonders ausgesetzt. Das wirkte durchaus prägend, und das haben wir 1968 in einer sehr übertriebenen Form ausgeschwitzt. Und das war gut so und notwendig – aber keine Heldentat. Uns blieb nichts anderes übrig, weil wir mit dieser Geschichte überfordert waren.

Wann wurde der Holocaust Thema bei Ihnen zuhause?

Aly: Als ich 16 war, also 1963, wurden wir Bayern in den Filmkeller gebracht und bekamen den Film vorgeführt, der die Befreiung von Auschwitz, Bergen-Belsen und Buchenwald zeigt – mit all den Ausgehungerten, den Sterbenden und Leichenbergen. Unsere Lehrer – vielen von ihnen fehlte ein Arm, ein Auge oder ein Bein – führten uns wortlos in den Filmkeller und erklärten anschließend nichts. Am Abend stellten meine Eltern dann die blöde Frage »Wie war es in der Schule?«. Als ich von den Filmen erzählte, blickte ich in erstarrende Gesichter. Meine Eltern rechneten nicht mehr damit, dass sie dieses Thema noch einholt. Und ich sagte bebend: »Aber ihr wart doch dabei!« Das geschah in Zehntausenden deutschen Familien.

Und diese Erfahrung gipfelte dann in 1968?

Aly: ‘68, das war eine Flucht. Es dauerte kein halbes Jahr, dann hatte wir damals aus dem deutschen Nationalsozialismus den sogenannten Faschismus gemacht. Und der musste bekämpft werden. Günstigerweise wohnte der Faschismus in unseren Augen damals in Hanoi, in Teheran beim Schah und in Washington, also Tausende Kilometer weit weg. Wir wollten uns, im Gegensatz zu den Eltern, mit dem Guten identifizieren, nämlich mit dem Widerstand, am besten bewaffnet im Dschungel. Das kann und soll man geschichtlich verstehen – aber stolz sollte darauf niemand sein.

Sie sagen von sich selbst, dass Sie sich damals in Berlin schnell radikalisiert hätten. Wie lief das ab?

Aly: Ich kam mit meiner damaligen Freundin und meiner heutigen Frau aus München und wollte zum Hort der Revolution. In Berlin waren wir für unsere Eltern nicht greifbar und wollten Experimente aller Art machen. Das fanden wir gut. Die 68er-Bewegung entwickelte eine kollektivistisch-anheimelnde Sogkraft. Die Studentenjahrgänge vor uns hatten sich noch gesiezt, waren mit Krawatte zur Universität geschritten.

Waren Sie und andere 68er enttäuscht, dass sich die Arbeiterklasse nicht von den Studenten befreien lassen wollte?

Aly: Es gab Absplitterungen von der 68er-Bewegung, zum Beispiel die Betriebskampagnen. Manche brachen das Studium ab und wurden Elektriker, um in die Betriebe zu gehen. Für viele 68er waren randständige Gruppen die modernen revolutionären Subjekte, wie kriminelle Jugendliche oder Drogensüchtige. Ich ging damals mit einigen Freunden ins Jugendamt Spandau, um diese randständigen Jugendlichen zu revolutionieren. Aber wir merkten schon sehr bald, dass das Quatsch war.

Zum Teil atmen Universitäten, Verwaltungen, Justiz, Politik und Medien auch heute noch den Geist von 1968. Ist der Marsch durch die Institutionen gelungen?

Aly: Da wird viel übertrieben. Sogar Helmut Kohl hat uns 68er früh gelobt und gesagt, dass durch die Bewegung notwendige Reformen den Weg in eine moderne Gesellschaft beschleunigt hätten. Das sehe ich auch so, zum Beispiel im Hinblick auf die Rechte von Frauen und Homosexuellen.

Wie groß ist für Sie als 68er und Historiker die Versuchung, an der eigenen Legende zu stricken?

Aly: Das können Sie mich doch nicht fragen. Ich habe versucht, einigermaßen ehrlich über mich, meine Erfahrungen und Einsichten zu schreiben und auch die damalige Gegenseite zu Wort kommen zu lassen.

Zur Person 
Götz Aly, Jahrgang 1947, studierte von 1968 bis 1971 Geschichte und Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Während seines Studiums engagierte sich Aly in der Studentenbewegung. Er beteiligte sich am 24. Juni 1971 an einer Aktion, bei der Aktivisten der Roten Zellen in ein Seminar des Professors Alexander Schwan eindrangen und gewalttätig gegen diesen vorgingen. Aly ist Historiker und Autor und arbeitete für die »taz«, die »Berliner Zeitung« und als Gastprofessor. Seine Bücher sind in viele Sprachen übersetzt.
[Unbedingt auch den WIKIPEDIA-Eintrag zu Götz Aly lesen = click here]

Quelle: WESTFALEN-BLATT vom 26.09,2018, S.7 - Serie: "Die 68er"

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Ich bin ebenfalls wie Götz Aly Jahrgang 1947 – und "weiß auch wovon ich spreche" und bin von daher durch die gleichen historischen Zeiten geeilt wie er. 

Ich lernte Götz Aly als Autor kennen mit seinem Buch „Kopfkorrekturen“, in dem er über die Erfahrungen als Vater einer schwerstmehrfachbehinderten Tochter berichtete, die sich nur schwer den „Segnungen“ der Profit-Medizin entziehen konnte in der damaligen Zeit. Alle ärztlichen und therapeutischen Disziplinen wollten damals die Tochter „korrigieren“ – und möglichst „normal“ machen, zum Teil durch sehr „einschneidende“ Therapiemaßnahmen. Ich arbeitete damals als Mitarbeiter in Bethel bei schwerstmehrfachbehinderten Menschen - und so hatten wir beide – Ende der 70er /Anfang der 80er Jahre – die gleichen oder ähnliche Themen.

Ich las dann in den Folgejahren als gutes Mitglied der sogenannten 68er Generation die TAZ und dort viele Artikel von Götz Aly, der für mich immer zur Kern-Mannschaft „der 68er“ gehörte. Ich wusste, dass er Heimleiter in einem Jugendhaus im einem Westberliner Brennpunkt gewesen war, und dass er 1976 dem „Radikalenerlass“ (Berufsverbot) als strammer Linker (Mitglied der „Roten Hilfe“) anheim fiel. Er wurde dann Redakteur bei der TAZ, einem ja bekanntlich links-alternativen Projekt, dass hauptsächlich von 68er Akteuren generiert wurde.

Auch durch die Behinderungen seiner Tochter fand der dann zu seinem Lebensthema als Historiker, nämlich sich "hauptberuflich mit der deutschen Geschichte zwischen 1933 und 1945 zu beschäftigen", wie er das mal ausgedrückt hat, genauer – mit der Geschichte der Euthanasie und der Tötung behinderter Menschen in Nazi-Deutschland. Auf diesem Gebiet hat er eine Anzahl von wichtigen Veröffentlichungen gemacht, wobei ich ihm bei einschlägigen Recherchen zum Opferporträt meiner Tante Erna Kronshage immer wieder begegnet bin, einmal haben wir sogar miteinander telefoniert – und ich meine immer noch, wir hätten uns damals in gutem 68er Brauch auf Anhieb „geduzt“ – sozusagen als „gleichgesinnte Genossen“.

In diesen Veröffentlichungen (z.B. "Die Belasteten", S. Fischer 2013) ist Götz Aly auch mit an vorderster Front wahrzunehmen und viele Fakten sind mit ihm zu belegen - obwohl mich erst neulich ein Historikerkollege warnte: "Fakten", von Aly zitiert, sollten immer mal wieder nachrecherchiert werden - er arbeite mit vielen voreiligen "Schlüssen" und "Annahmen" - fast populistisch, um Thesen zu "vermarkten" - was aber ziemlich "un-historisch" daherkomme.

Und diesen "Unterschied muss man eben mit wahrnehmen: Der ausdrückliche Journalist und "Euthanasie"-Forscher Ernst Klee hat sich mir gegenüber deutlich vom "Historiker" unterscheiden wollen: "Ich mache gern eine gute Schlagzeile - das ist mein Job - und deshalb recherchiere ich"...

Und obwohl Götz Aly ja auch bei der TAZ und weiteren Zeitungen gearbeitet hat und eine Journalistenschule absolviert hat, pocht er immer auf den "Historiker" und lässt den "Journalisten" im Klee'schen Sinne in sich gern verschwinden.

Aber er hat ja selbst festgestellt - niemand kommt (historisch gesehen) aus seiner Haut - und was er einer ganzen Generation unterschiebt, trifft dann natürlich auch auf ihn selbst zu: ein promovierter Politikwissenschaftler ist sicherlich ein guter Journalist und Rechercheur - aber eben noch kein "seriöser" Historiker und penibler Zeitabschnitts-Archäologe ...

Okay - Historie / Geschichte ist immer auch durch persönlich geprägte Wahrnehmung und Gehirn des Betrachters gefiltert und interpretierbar. Es gibt nichts "Neutrales" auf dieser Welt - alles ist im besten Falle immer nur "allparteilich" ...

Ein Gestaltpädagoge unjd fest im Glauben stehender Christ erklärte mir den Begriff "Geschichte" mal so: 
  • "Geschichte" ist das, was sich im Laufe des Lebens im "Leib" als "Schicht auf Schicht" - "ge-schichte(tes) Mehrschichten-Sediment" aufeinander geschichtet abgelagert hat und ablagert - und was mittels der "Transgenerationalen Weitergabe" der Spiegelneuronen bzw. über die Jungschen "Archetypen" auch über die eigene Biografie und Erlebensepoche hinausreichen kann -  und den Humus bildet, den Grund und den Hinter- und Untergrund für aktuelles individuelles Erleben und dessen Verarbeitung... Insofern ist diese "Geschichte" auch immer die angedockte Infofaser zu den altvorderen Generationen und zur (unsterblichen?) "Ewigkeit" der "Seele" - und bedarf so einer sehr behutsamen "archäologischen" Freilegung und Ausgrabung - Schicht um Schicht...
Wenn ich nun dieses Interview lese, ist das für mich wie die Nestbeschmutzung solch eines „Historikers“, der die eigenen Wurzeln „verrät“ – und die Überzeugungen seiner Leser und Sympathisanten „von damals“ in die Pfanne haut. Und inzwischen tingelt er durch die Unis und Buchhandlungen, um seine neuesten Bücher als „Historiker“ besonders neuerdings über die 68-er Generation mit angeblich „wissenschaftlichen“ Tembre anzupreisen ...- allerdings schielt er offensichtlich auch immer wieder gern auf "den Markt"... 

Was er ja auch als nichtangestellter Historiker tun muss, wenn er sein Auskommen haben will. Wenn also die Verkaufszahlen seiner Nazi-"Euthanasie"-Recherchen sinken, kommt man mit einer provokanten und steilen 68er These - schön "wissenschaftlich" verpackt - sicherlich weiter ... 

Gut, könnte ich mir jetzt als alter 68er sagen, so funktioniert eben Markt, so macht man Kohle – und mir fällt Konrad Adenauer ein – gewiss kein 68er -  der gesagt haben soll: „Watt kratzt misch mine Jeschwätz von jestern...“.

Aber dann denke ich: Wie kann gerade ein „Historiker“ wie Götz Aly jetzt so tun, als könne er quasi von einer distanzierten „Meta-Ebene“ her „die 68er“ „historisch“ beleuchten, als wäre er gar nicht mitten drin gewesen, als hätten nicht ihm damals die Freunde und Genossen doch auch mit die Steigbügel gehalten, seine Bücher gekauft und ihn und seine Familie unterstützt, seine Literatur fleißig gekauft, erwähnt und diskutiert als einen der ihren, die ihn dann ja schließlich nach seinem Berufsverbot auch wieder „gesellschaftsfähig“ gemacht haben. 

Menschen vom sogenannten „bügerlichen Lager“ hatten Götz Aly Berufsverbot erteilt und bestimmt seine Bücher nicht gekauft oder verlegt - und sein erstes Thema "Nazi-'Euthanasie'" wurde ja anfangs auch gesellschaftlich ignoriert und verdrängt. Jedenfalls ist sein oben erwähntes Buch „Kopfkorrektur“ damals im Rotbuch-Verlag erschienen.

Götz Aly sollte ein wenig systemisches Wissen walten lassen, um dann vielleicht festzustellen, dass seine „Verstricktheit“ mit dem Inner-Circle der 68er-Historie ihn - wenn er denn zu neuen Erkenntnissen gelangt sein sollte – doch besser zum vornehmen Schweigen bringen sollte. 

Geld zu verdienen – und darum scheint es ja offensichtlich zu gehen – ist für mich nichts weiter als schnöder Populismus – und Verrat an der eigenen Vergangenheit.

Als Historiker wird Götz Aly wissen, dass es nach der Nazi-Zeit ebenfalls sehr oft „Historiker“ gegeben hat, die zwar dabei waren, die aber plötzlich „distanziert“ darüber referieren konnten – „Wölfe im Schafspelz“ [sic] oder so ähnlich.

Götz Aly ist/war 68er. Er hat den Nationalsozialismus als 68er zu seinem Thema gemacht, so umfassend wie nur wenige. Er hat die Täter genannt. Er hat die Abläufe offen gemacht. Er hat die Psychologie im Nationalsozialismus historisch beleuchtet – und bisher ließ sich auch durch ihn - bei den 68ern - ein Verdienst um die Nachkriegsdemokratie für mich ablesen - ein "Verdienst", den er heute den 68ern schlichtweg abspricht - und den SDS sogar mit dem "Nationalsozialischten Deutschen Studentenbund" in Verbindung bringt ... - oha - oha ...

Aber: Auf zu neuen Kunden : „Watt kratzt misch mine Jeschwätz von jestern...“

In der DDR nannte man ähnliche Phänomene damals: Wendehälse – Das kommt mir hierbei auch in den Sinn....


die entstehung von kunst


es gibt menschen, die machen aus jeder mücke nen elefanten ...

S!|art: es gibt menschen, die machen aus jeder mücke nen elefanten ...

ns-'euthanasie' & 'moderne' marketing-psychiatrie

stolperstein erna kronshage in sennestadt - zum wiki-eintrag click here


in der taz bremen - seite 29 - der taz vom 12.10.2018

fand ich einen kurzen passus in einem an sich positiven beitrag zur "sozialen psychiatrie" - wie das zu meiner aktiven zeit hieß - zu einer aktion "freitagsesel", wobei durch zwei esel beim bremer stadtmusikanten-denkmal mit recht auf fehlende "genesungsbegleiter" von personen hingewiesen werden soll, die just aus der stationären psychiatrie entlassen worden sind.

dazu gibt es dann ein interview mit frank robra-marburg (67), der sich als softwareentwickler in rente ehrenamtlich für krisen- und psychiatrieerfahrene menschen engagiert.

so weit - so gut ...

doch dann gibt es diesen kurzen schlusspassus in diesem interview, der da lautet:

ausschnitt aus der taz-bremen

nun gut - wird man denken - da hat er mit seiner feststellung wahrscheinlich recht ...

aber als neffe einer frau, die zwischen 1942 und 1944 innerhalb von 484 tagen - zwischen ihrer einweisung in die damalige nazi-psychiatrie und ihrer letztendlichen "euthanasie"-ermordung - zunächst zwangssterilisiert wurde und dann eben in diesem "heil"anstalts-system in den gewaltsamen tod deportiert wurde - habe ich mit genau diesem "verdrängungs"passus  und der plötzlich keimfreien reinwasch-psychiatrie durchaus auch meine probleme.

ich habe nämlich das opfer-porträt meiner tante über verschiedene web-medien seit 2009/2010 publik gemacht - und wurde daraufhin von verschiedenen schulen und institutionen spontan zu jeweils 90-minütigen powerpoint-vorträgen mit diskussionsgesprächen und erörterungen zum schicksal meiner tante erna kronshage eingeladen.

click here

ich bin dazu nie mit flugblättern etc. extra "tingeln" gegangen, weil ich das nicht als angemessen empfinden kann - die anfragen dazu kamen spontan von außen.

2016 brachen diese einladungen dann plötzlich ab, 2017 kamen noch sporadische anfragen - aber seit beginn 2018 bekomme ich dazu keinerlei einladungen mehr - weder von schulen noch von psychiatrischen institutionen, die zuvor durchaus bei internen mitarbeiter-fortbildungsschulungen und besonders auch zu ihren "schüler-info-tagen in der psychiatrie" an einen beitrag von mir zur opferbiografie meiner tante intressiert waren.

jedoch waren diese kontakte auch immer personengebunden - sie waren nicht etwa "institutionell" eingebunden oder "selbstverständlich" im programm - weder bei schülern, noch bei den begleitlehrern, noch allgemein beim klinikpersonal.

mit dem passus im obigen interview schwant mir nun aber eine mögliche begründung dazu: man will der "psychiatrie" ein anderes, ein volkstümlicheres, eigentlich "normales" aber vor allem "todesfernes" "modernes" und "zeitgemäßes" image verpassen - also mehr als akute kurzzeit-erkrankung oder besser: unpässlichkeit darstellen - wie jede andere normabweichung eben auch - mit nur kurzfristigen - von den kassen finanzierten - quasi ambulanten klinischen behandlungsaufenthalten ... - alles bestens - kann doch "jedem mal passieren" ...

wir haben inzwischen soooo 
viele gedenkstätten 
und stolpersteine - 
        "nun muss es doch auch 
        endlich mal 'gutt' sein" ...
so sehr ich dieses ansinnen auch verstehe und nachvollziehen kann in zeiten von inklusion statt exklusion und aus kostengründen am grünen tisch festgelegten fallpauschalen je nach diagnose usw. - so muss ich doch quasi aus der darüberliegenden "meta-ebene" davor warnen, die dunkelschwarz-braunen und tödlichen zeiten der nazi-psychiatrie darüber gänzlich ausblenden und wieder mal immer mehr totschweigen zu wollen - so im sinne von: wir haben inzwischen soooo viele gedenkstätten und stolpersteine - "nun muss es doch auch endlich mal 'gutt' sein" ...

die nazi-"euthanasie"-aufarbeitung mit ihren ca. 300.000 gezielt und geplant industriemäßig liquidierten mordopfern darf und kann nicht im sinne einer neuen marketing-strategie "geopfert" werden oder einfach spurlos darin untergehen - das würde zur zeit nur jenen gesellschaftskräften in die hände spielen, die insgesamt die nazi-zeit als bedauerlichen "vogelschiss" in der ansonsten "glorreichen" deutschen geschichte (gauland) wahrnehmen wollen.

vielleicht ist es ein extrem-akrobatischer spagat:
  • der psychiatrie ihr finales und erschreckendes image auf der einen seite zu nehmen - 
  • und doch gleichzeitig auf der anderen seite an die opfer der "euthanasie"-morde vor 80-/70 jahren zu gedenken und diese ungeheuerlichkeiten aufzuarbeiten und zu erforschen - 
und dabei diese bisher nur bruchstückhaft aufgearbeiteten opferbiografien aufzuspüren und angemessen mit empathie und respekt zu publizieren und zu erörtern, um letztlich auch moralisch immer wieder neu gerade auch den jungen heranwachsenden generationen den nötigen halt und die wegweisende orientierung mitzugeben - und auch zu "weisen" ... bisher sind schätzungsweise vielleicht nur etwas mehr als 1 promille, also vielleicht 300 - 400 einzelschicksale und deren namen und umstände bekannt und publiziert.

direkt nach dem krieg - in den 50-er/60-er jahren bis weit in die 70-er hinein - war das thema "nazi-krankenmorde" aus der gesellschaft, den parteien, den schulbüchern und auch in den betroffenen familien geradezu tabuisiert - da wurde ver- und ge-schwiegen. mit den 68-ern und einzelnen autoren und historikern dieser generation wurde das dann allmählich angemessener publiziert und all die wohl durchorganisierten gräueltaten bekanntgemacht - doch heutzutage versucht man es gesellschaftlich endlich wieder abzuhaken, ehe richtig begonnen wurde .

menschen, die jenes geschehen einmotten wollen - beziehungsweise in einem "neuen" und "anderen" geist, in einer "erinnerungswende" sehen möchten, in dem die gedenkkultur"nicht ewig kultiviert" werden soll (höcke) und eine neue "konservative revolution" fordern (dobrindt), um damit diese zeiten  ein für allemal nicht mehr reproduzierbar zu übertünchen und zu tilgen, gibt es inzwischen wieder mehr als genug ...

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dazu:
Auszüge aus der Rede der Friedenspreisträger Aleida und Jan Assmann
am 14.10.2018 in der Paulskirche zu Frankfurt:

Die Gesellschaft braucht ein Gedächtnis, wie der Einzelne eins braucht: um zu wissen, wer wir sind und was wir erwarten können, um uns zu orientieren und zu entwickeln (...).

Eine Schlüsselfrage sei daher, wie exklusiv oder inklusiv das nationale Wir sei, das durch Identität und Identifikation entsteht?

Sich wiedererkennbar zu halten ist die Aufgabe eines kulturellen wie eines nationalen Gedächtnisses. Auf diesem Gebiet hat sich in den letzten Jahren aber einiges verändert. Wir können nicht mehr nahtlos an alte Fantasien von Stolz und Größe der Nation anknüpfen. Das nationale Gedächtnis, das lange Zeit ein Sockel für Ehre, Stolz und Heldentum war, ist inzwischen komplexer, inklusiver und selbstkritischer geworden. Es ist eben nicht nur ein Sockel, der die Nation größer und mächtiger macht, sondern auch ein Spiegel der Selbsterkenntnis, der Reue und Veränderung.

Die Nation ist kein heiliger Gral, der vor Befleckung und Entweihung – Stichwort "Vogelschiss" – zu retten ist, sondern ein Verbund von Menschen, die sich auch an beschämende Episoden ihrer Geschichte erinnern und Verantwortung übernehmen für die ungeheuren Verbrechen, die in ihrem Namen begangen wurden.

Hier ist ein wichtiger Unterschied zu beachten: beschämend ist allein diese Geschichte, nicht aber die befreiende Erinnerung an sie, die wir mit den Opfern teilen. Deshalb entsteht Identität nicht durch Leugnen, Ignorieren oder Vergessen, sondern braucht ein Erinnern, das Zurechnungsfähigkeit und Verantwortung ermöglicht und einen Wandel der Werte und des nationalen Selbstbildes stützt (...).

aus: suedkurier.de 



eine installation der künstlerin chiharu shiota

banksy: als der luftballon geschreddert wurde - und doch nicht platzte



Als das Bild noch heil war: - "Girl with a Balloon"                   Bildquelle: WELT|AP


Das Mädchen mit dem Luftballon

Wie der Künstler Banksy ein Bild vernichtete und wertvoller machte

DIE ZEIT | Feuilleton ·  Ulrich Greiner

Unter den Witzen, die bildende Künstler manchmal machen, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen, ist der Witz, den sich jetzt der Street-Art-Künstler Banksy geleistet hat, einer der verblüffendsten. In den dicken Goldrahmen eines Gemäldes hatte er eine Schreddermaschine eingebaut, die sich just in dem Augenblick in Gang setzte, als es bei einer Versteigerung im Londoner Auktionshaus Sotheby’s für 1,2 Millionen Euro seinen Käufer gefunden hatte. Das Bild, das ein kleines Mädchen mit einem roten Luftballon zeigt, bewegte sich zum Entsetzen der Zuschauer unten aus dem Rahmen heraus, säuberlich in Streifen geschnitten.

Das Ziel des Künstlers Banksy besteht zunächst darin, dem Kunstbetrieb Widerstand zu leisten. Die Öffentlichkeit weiß nicht, wer er ist, und kann folglich nur über seine Bilder spekulieren, nicht über seinen Lebenswandel. Und die Bilder scheinen nicht für Museen und Galerien gedacht, sondern befinden sich auf Brandmauern und Kaianlagen. Die Selbstvernichtung des Gemäldes Girl With Balloon ist also ein Witz, der den Aberwitz des Kunstmarktes bloßstellt, ihm aber zugleich auf besonders tückische Weise dient. Denn natürlich sagen jetzt einige, das Zerschneiden des Bildes habe seinen Geldwert abermals erhöht. Und andere sagen, alle Indizien sprächen dafür, dass Sotheby’s eingeweiht gewesen sei. An dem Fall ist eigentlich alles unklar außer der Tatsache, dass viele gelacht haben.

Klar ist aber, dass der Kunstmarkt ein mörderischer Gegner ist. Das erfährt auch der berühmte Künstler Jed Martin in dem Roman Karte und Gebiet von Michel Houellebecq. Sein Gemälde Damien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf will und will ihm nicht gelingen, sodass er es am Ende brutal zerstört. Er begreift: Kunst und Kunstmarkt sind inkompatibel. Wo liegt die Rettung? Für den Maler in Adalbert Stifters Erzählung Nachkommenschaften liegt sie in der völligen Einsamkeit, in der Abwendung vom Publikum. Der Mann hat es sich in den Kopf gesetzt, eine bestimmte Landschaft – ein Stück Moor mit einem Wald dahinter – bis zur Verwechselbarkeit ähnlich abzumalen, und er lässt sich dafür eigens eine Hütte errichten. An der Aufgabe scheitert er viele Male, und jedes dieser Bilder verbrennt er. Niemand außer ihm hat sie je gesehen. Als ihm zuletzt ein Bild gelingt, das der Natur gewissermaßen ähnlicher sieht als sie sich selbst, gibt er das Malen auf und heiratet die naturgemäß schöne Tochter des nachbarlichen Grundbesitzers.

Man muss das Thema nicht derart ernst nehmen wie Adalbert Stifter, man kann es auch leicht nehmen wie Banksy. Aber es ist längst nicht ausgemacht, wer dabei als Letzter lacht.

Text: DIE ZEIT 42/18 - S.45

Love is in the Bin (Liebe ist im Eimer) - Bildquelle: Sotheby's


"Love is in the Bin"

Bieterin will geschreddertes Banksy-Werk behalten

Eine Frau bot mehr als eine Million Euro für ein Kunstwerk von Banksy. Als bei der Versteigerung der Hammer fiel, zerstörte es sich zum Teil selbst. Nun wurde bekannt: Sie will ihr "Stück Kunstgeschichte" behalten.

Die Frau, die bei einer Versteigerung in London das Kunstwerk "Girl with Balloon" von Banksy erworben hatte, will es nach wie vor haben - obwohl es kurz nach der Auktion durch einen im Rahmen eingebauten Schredder teilweise zerstört wurde. "Wir freuen uns, den Kauf zu bestätigen", sagte Alex Branczik vom Auktionshaus Sotheby's am Donnerstag. Die anonyme Sammlerin aus Europa, eine langjährige Kundin des Auktionshauses, hält demnach an dem Geschäft zum ursprünglichen Preis von 1,04 Millionen Pfund fest. Das sind umgerechnet 1,2 Millionen Euro.

Bei der Auktion am vergangenen Freitag hatte sich unmittelbar nach dem Verkauf ein im Rahmen versteckter Schredder eingeschaltet und das Kunstwerk teilweise zerschnitten. Banksy bekannte sich einen Tag später zu der Aktion, sie war lange geplant.

"Banksy zerstörte kein Kunstwerk bei der Auktion, er schaffte eines", sagte nun Branczik. Das neue Werk mit dem Namen "Love is in the Bin" sei das erste, das während einer Auktion geschaffen worden sei. Das neue Kunstwerk soll der Öffentlichkeit am 13. und 14. Oktober in den Räumen von Sotheby's in London präsentiert werden.

Die neue Arbeit wurde von Pest Control (Abb.), Banksys Authentifizierungs-Service, mit einem Zertifikat versehen und erhielt den neuen Titel " Love is in the Bin" . Die Käuferin, eine europäische Sammlerin und langjährige Kundin von Sotheby's, führt den Kauf zu dem gleichen Preis durch, den sie in dem Raum in der Nacht erzielt hat.

Die Käuferin wurde mit dem Satz zitiert: "Als das Werk geschreddert wurde, war ich zunächst geschockt, doch allmählich fing ich an zu realisieren, dass ich an mein eigenes Stück Kunstgeschichte gelangt war."

In der Mitteilung des Auktionshauses wird auch der ehemalige Galerist Banksys, Steve Lazarides, zitiert: Er habe zwölf Jahre lang mit Banksy gearbeitet, heißt es darin. "Die Idee, dass der Künstler sich mit einer Einrichtung zusammentut, um einen solchen Streich zu inszenieren, ist die komplette Antithese zu seiner Philosophie." Tatsächlich waren nach der Auktion Mutmaßungen laut geworden, ob Auktionshaus und Künstler die Aktion gemeinsam geplant hatten.

Banksy ist der prominenteste Street-Art-Künstler der Welt, seine Werke prangen in vielen Ländern an Wänden und Mauern. Häufig haben die Bilder deutliche politische Botschaften. Bei "Girl with Balloon" streckt ein kleines Mädchen seinen Arm nach einem davonfliegenden roten Ballon in Herzform aus. Das Bild gehört zu den bekanntesten Motiven des vermutlich aus Bristol stammenden Künstlers - ursprünglich zierte es eine Mauer von East-London.

aar/dpa/AFP

aus: SPIEGEL  und Sotheby's



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tja - wenn man mich fragt, was ich von diesem neuesten banksy-coup halte, muss ich "neutral" mit den schultern zucken: "die einen sagen so - und die anderen sagen so" ...

ich bin - oder besser gesagt: ich war - immer ein fan von banksy und seiner barrierefreien unkommerziellen kunst. aber mit diesem "balloon"-trick hat er doch arg in meiner achtung verloren. die 'welt" schreibt völlig zu recht: "banksy verhöhnt den markt und bedient ihn gleichzeitig" ...


oder es ist tatsächlich
ein kommerz-kulturelles neuland,
das da betreten
und vielleicht schon
in aller eile erschlossen
und ein für alle mal
durchwatet wurde.

entweder ist es eben ein riesengroßer pr-coup: für banksy, für sotheby's und für die käuferin - oder es ist tatsächlich ein kommerz-kulturelles neuland, das da betreten und vielleicht schon in aller eile erschlossen und ein für alle mal durchwatet wurde.

ideelle werte lassen sich nun mal nicht zerstören: da hilft auch kein schreddern und kein reißwolf - und jedes materielle oder immaterielle oder virtuelle "gebilde" kann einen wert erzielen und seinen ideellen wert steigern oder verlieren - das regelt und verdaut der "markt", wenn man ihm futter dazu offeriert ...

immerhin war das "mädchen mit dem luftballon" bei einer umfrage 2017 zum "beliebtesten kunstwerk" großbritanniens gekürt worden.

warum sotheby's das bild mit dem schweren high-tec-reißwolf-rahmen nicht näher untersuchte - und diesmal aufgehängt darbot bei der auktion, statt es, wie sonst bei solchen kunstwerken üblich, auf einem podest zu präsentieren (dann hätte nämlich das phänomen "schreddern" gar nicht in gang gesetzt werden können ...) - bleibt zunächst einmal ein geheimnis der beteiligten oder verborgenen protagonisten ...

„das zertifikat des künstlerateliers "pest control" - (siehe oben) für die vorliegende arbeit besagt, dass der rahmen ‚bestandteil der arbeit‘ ist.“ und als sotheby’s das werk für die katalogisierung ausrahmen wollte, „wurden wir gebeten, den rahmen nicht zu entfernen, weil er teil des kunstwerks war“. man habe auf keinen fall „diese wünsche des künstlers verletzen und das kunstwerk zerstören wollen“. das kann entweder unter naivität oder in weiser vorausahnung unter Sarkasmus verbucht werden, meint marcus woeller in der "welt

und die kunstwelt hat ja zum glück immer wieder neue "unmöglichkeiten" kreiert: niki de saint phalle zerschoss kleine farbnäpfchen, die über papier baumelten, beuys pumpte honig durch ein schlauchsystem und platzierte eine ecke mit ranzigem fett ins museum, die dann von einer raumpflegerin unrühmlich im putz-wahn abgeräumt wurde ("ist das kunst - oder kann das weg" ...) - und erst heute las ich beispielsweise in der "taz" von einer "kunst der stadtverschafung" des künstlers georg winter, einer performance in delmenhorst, wo eine unansehnliche brachfläche beweidet wird von einer schafherde im zuge einer "landart"-aktion - so ähnlich habe ich das wenigstens verstanden ...

fest steht: "kunst" ist immer weniger eine reine augenlust - sondern immer mehr ein alle sinne erfassendes ereignis und erlebnis - oft nur ein paar augenblicke lang ...
p.s. die arbeiten in meiner sinedi-art|gallery werden von mir oder von einem imaginären mechanismus übrigens nicht geschreddert, um vielleicht dafür überhaupt oder gar mehr kohle abzuziehen: alles ist dort völlig barrierefrei, wunderschön, und tag und nacht begehbar - auch montags - und was dir gefällt kannst du einfach "downloaden" ...





Evelyn - die dumme Kuh

Ich war vielleicht erst 11 Jahre alt - oder erst 10 - es muss im 3. oder 4. Schuljahr gewesen sein - oder so ungefähr jedenfalls - ich war auf alle Fälle noch sehr jung seinerzeit: ich wollte damals mit dem allerhübschesten Mädchen meiner Klasse, der Marlies, meinen Schulweg gemeinsam gehen - in Marlies war ich echt "verknallt" - und sie besucht mich heute noch manchmal in meinen Träumen - kein bisschen älter geworden ... - und um sie zu solchen gemeinsamen Wegen einzuladen, kritzelte ich ihr auf einen kleinen Zettel: " Liebe Marlies - willst Du nicht mit mir immer morgens zur Schule gehen - und wieder zurück - ich hol Dich auch ab ..." - und ich meine, ich hätte noch ein kleines Herz💗zum Schluss dahingemalt ...

Und in einer Schulpause gebe ich der Evelyn diesen Zettel zur Weitergabe an Marlies - denn diese Evelyn hat in der Pause "Aufsicht" zu führen ... - und ich bin viel zu schüchtern für eine direkte Zettelübergabe

... Und was macht diese selten dumme Kuh 👾 - die gibt den Zettel nicht der Marlies, sondern übergibt ihn der Lehrerin, als die nach der Pause den Unterricht wieder aufnimmt und fortsetzt - und fragt: "Gab es was Besonderes ...???"

Und diese Lehrerin schickte diesen Zettel doch tatsächlich an meine Eltern - mit einem "Blauen Brief" ... und der Bitte um Kenntnis- und Stellungnahme - nach dem Motto: "Wehret den Anfängen" - Die gute Frau war aus heutiger Sicht jedoch reichlich übermotiviert ...

Und mein Vater schrieb dieser Lehrerin, sie solle doch wegen solch harmloser Dinge nicht so einen Wiggel machen ... - und ließ mich ungeschoren - so von Mann zu Mann quasi ...

Und wo mein Vater recht hatte - hatte er recht ... - ich bin ihm heute noch dankbar - und er wird diese Dankbarkeit noch immer spüren - obwohl er schon 47 Jahre tot ist ...

Aber diese unsägliche Verräterin Evelyn bleibt seitdem eine "dumme Kuh" 👾 für mich - unverzeihlich und unverjährt - in all den ca. 60 Jahren seither ... - ich habe sie zum Glück aus den Augen verloren - und muss sie mir malen ...

Evelyn - diese einmal dumme Kuh 👾 - verrät mich mit meinem ersten Liebesbrief an die Lehrerin - das ist einfach unverzeihlich ... - aber so sind die Frauen ...

wahlergebnis in bayern

S!|art: halb|voll|leer



ist das glas nun halbleer oder halbvoll ... ???
die einen sagen so - die anderen sagen so ...
das - so sagt man - sei eine frage der lebenseinstellung - 
vielleicht auch eine momentaufnahme
additive vs. subtractive
hinzuzählen oder abziehen
etwas gewonnen oder verloren
was macht den unterschied ... ???
die bilanz ziehen:
was bleibt unterm strich ... ???

sinedi

EARTH SONG | MICHAEL JACKSON - sinedi|slideshow - und die echte Bühnenshow



Earth Song - 08.11.1995 (Erstveröffentlichung) 
Songtext Übersetzung


Was ist mit dem Sonnenaufgang
Was ist mit dem Regen
Was ist mit allen Dingen
Von denen Du sagtest, dass wir sie erben würden...
Was ist mit den Schlachtfeldern
Kommt diese Zeit noch
Was ist mit all den Dingen
Von denen Du sagtest, sie wären Dein und mein...
Hast Du jemals innegehalten, um wahrzunehmen
Wie viel Blut wir schon vergossen haben
Hast Du jemals innegehalten, um wahrzunehmen
Wie die Erde schreit, diese Küsten weinen?

Was haben wir der Welt angetan
Schau was wir getan haben
Was ist mit all dem Frieden
Welchen Du Deinem einzigen Sohn versprachst...
Was ist mit den Blumenfeldern
Kommt diese Zeit noch
Was ist mit all den Träumen
Von denen Du sagtest, sie wären Dein und mein...
Hast Du jemals innegehalten, um wahrzunehmen
Wie viele Kinder im Krieg starben
Hast Du jemals innegehalten, um wahrzunehmen
Wie die Erde schreit, diese Küsten weinen?

Ich träumte immer
Ich blickte immer jenseits der Sterne
Jetzt weiß ich nicht mehr, wo wir sind
Obwohl ich weiß, dass wir weit abgetrieben sind

Hey, was ist mit dem Gestern
(Was ist mit uns)
Was ist mit den Meeren
(Was ist mit uns)
Der Himmel stürzt ein
(Was ist mit uns)
Ich kann nicht sogar atmen
(Was ist mit uns)
Was ist mit der Teilnahmslosigkeit
(Was ist mit uns)
Von der ich gar nicht einmal wusste
(Was ist mit uns)
Was ist mit dem Wert der Natur

Es ist das Innerste unseres Mutterplaneten
(Was ist mit uns)
Was ist mit den Tieren
(Was ist mit uns)
Wir haben Königreiche zu Staub verwandelt
(Was ist mit uns)
Was ist mit den Elefanten
(Was ist mit uns)
Haben wir ihr Vertrauen verloren
(Was ist mit uns)
Was ist mit weinenden Walen
(Was ist mit uns)
Wir verwüsten die Meere
(Was ist mit uns)
Was ist mit den Waldpfaden

Niedergebrannt trotz unserer Einsprüche
(Was ist mit uns)
Was ist mit dem geheiligten Land
(Was ist mit ihm)
Zerrissen durch Glaubensüberzeugungen
(Was ist mit uns)
Was ist mit dem kleinen Mann
(Was ist mit uns)
Können wir ihn nicht befreien
(Was ist mit uns)
Was ist mit Kindern, die sterben
(Was ist mit uns)
Kannst du sie nicht weinen hören
(Was ist mit uns)
Wo sind wir falsch abgebogen

Kann mir das einer erklären
(Was ist mit uns)
Was ist mit dem Baby-Jungen
(Was ist mit uns)
Was ist mit den Tagen
(Was ist mit uns)
Was ist mit ihren sämtlichen Vergnügungen
(Was ist mit uns)
Was ist mit dem Mann
(Was ist mit uns)
Was ist mit dem weinenden Mann
(Was ist mit uns)
Was ist mit Abraham
(Was ist mit uns)
Was ist denn mit dem Tod schon wieder

Kümmert es sie einen Scheißdreck

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Earth Song ist ein Lied von Michael Jackson und die dritte Single des Doppelalbums HIStory – Past, Present and Future Book I von Michael Jackson aus dem Jahre 1995. Es handelt sich um eine Pop-Ballade, die Elemente aus Blues und Gospel sowie aus der Oper enthält und von Jackson geschrieben und komponiert wurde.

Das Stück wurde im Wiener Hotel Imperial geschrieben. Es stellt sich in eine Reihe von Liedern Jacksons mit sozialem oder wohltätigem Hintergrund wie We Are the World, Man in the Mirror oder Heal the World. Earth Song war dabei der erste Titel von Jackson, der sich mit ökologischen Aspekten beschäftigte. Allerdings werden in dem Lied auch andere Themen, die die Erde betreffen, wie etwa Krieg, angeschnitten. Das Stück ist als „Beschwerde“ an das zerstörerische Handeln der Menschen zu verstehen.

Earth Song wurde am 8. November 1995 als Single veröffentlicht.

Es rangierte in zahlreichen europäischen Hitparaden unter den ersten fünf Plätzen:
In der Schweiz und in Spanien wurde es ein Nummer-eins-Hit. In Deutschland war es die erste Single von Michael Jackson, welche Platz eins der Single-Charts belegte; sie verblieb fünf aufeinanderfolgende Wochen auf diesem Platz und ist damit die erfolgreichste Single von Michael Jackson in Deutschland.


In Großbritannien stieg Earth Song direkt als Nummer eins in die Hitparade ein und verblieb dort für sechs Wochen; dort ist der Song mit über einer Million Exemplaren bis heute die bestverkaufte Single von Michael Jackson. 1996 trat er daher mit Earth Song auch bei den BRIT Awards auf (allerdings mit Vollplayback). Der Auftritt wurde durch Jarvis Cocker gestört und so zu einem kleinen Skandal. WIKIPEDIA

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Mir war mal so danach:
All dieses Dröhnen in der Welt, all dieses Waffengetöse - und hier die Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken - und da der Streit um Diesel und den Hambacher Forst und die Diskussionen um den Umwelt-Bericht ...

Ich habe einfach an die Auftritte von Michael Jackson zu seinem Earth-Song gedacht - die mit dem echten Panzer auf der Bühne ...: Von einem Auftritt in Prag berichtet der Chronist seinerzeit:
"Nachdem er den Earth Song vortrug, erschien plötzlich ein echter Panzer aus dem hinteren Bühnenbereich. Aus dem Panzer sprang ein Soldat und richtete sein Gewehr gegen das Volk und Michael. Doch dann erschien ein kleines Mädchen und übergab dem Soldaten eine Blume. Der Soldat gab seinen Widerstand auf und legte seine Waffe nieder und viel auf die Knie. Diese Szene war ergriffen, sehr rührend und jeder hat Michaels Message verstanden. Mir ging bei dieser Szene einen kalter Schauer durch den Körper..."
Ich zeige hier mittels YouTube eine ähnlich Szene aus München 1997 - eine unvergleichliche Performance - irgendwie in diesen über 20 Jahren bis heute unerreicht - besonders wenn ich jetzt diese kleinen nichtssagenden Schnuckel auf den Bühnen dieser Welt sehe, die da inzwischen die Millionen abräumen ...


Was ich ganz wichtig finde ist, zu erwähnen dass EARTH SONG anscheinend keine "Auftragsarbeit" war - von irgendeiner Interessengruppe gesponsert ... - nee - sicherlich war es "Zeitgeist" - 1988/1995 (die Berliner Mauer fiel - der Ostblock implodierte - "Wer zu spät kommt - den bestraft das Leben" ... - das war der Mahnspruch von Gorbatschow an Honecker) - es war aber auch sicherlich ein ganz inneres persönliches Anliegen von Michael Jackson ... - viel zu wenig gewürdigt seinerzeit und auch heutzutage. 

... - Und inzwischen bin ich selbst so alt - dass ich bei dieser Performance nur noch hemmungslos mitheulen kann ... - vor Wut - denn tatsächlich verändert zum Guten hat sich bis heute so gut wie nix - eher ist es durch Trump, Faschos, AfD und Konsorten schrecklicher geworden ...
Doch gleichzeitig möchte ich noch an meine Professorin (Frau Prof. Dr. Kornelia Rappe-Giesecke, früher Ev. FH Hannover) denken, die damals frisch nach den Semesterferien in die Vorlesung kam, um uns mitzuteilen, sie habe im Urlaub viel gejoggt, und habe über Kopfhörer dabei immer wieder den damals neuen "Earth Song" von Michael Jackson gehört, "eines der besten und größten Songs - überhaupt" - oder so ähnlich - das waren in etwa ihre Worte ...

Bon Iver: WASH - sinedi|slideshow





BON IVER: WASH

Climb is all we know
When thaw is not below us
No, can't grow up
In that iron ground
Claire, all too sore for sound

Bet is hardly shown
Scraped across the foam
Like they stole it
And, oh, how they hold it
Claire, we nearly forfeit

I, I'm growing like the quickening hues
I, I'm telling darkness from lines on you
Over havens for a full and swollen morass, young habitat
All been living alone
Where the ice snap and the hold clast are known

Home, we're savage high
Come, we finally cry
Oh, and we don it
Because it's right
Claire, I was too sore for sight

I, we're sewing up through the latchet greens
I un-peel keenness, honey, bean for bean
Same white pillar, tone as with the bone street sand
Is thrown where she stashed us at, all been living
Alone where the cracks at in the low part of the stoning

Songwriters
JUSTIN VERNON

Published by
Lyrics © Kobalt Music Publishing Ltd.



DeepL-Übersetzung ins Deutsche ...

Klettern
Ist alles, was wir wissen.
Beim Auftauen
Ist nicht unter uns
Nein, ich kann nicht erwachsen werden.
In diesem Eisenboden
Claire, allzu wund für den Klang.

Wette
Wird kaum angezeigt
Verschrottete
Quer durch den Schaumstoff
Als ob sie es gestohlen hätten.
Und oh, wie sie es halten.

Claire, wir haben fast verwirkt.

Ich wachse wie die beschleunigten Farbtöne.
Ich sage die Dunkelheit von den Linien an dir.
Über Häfen ein voller und geschwollener Morast, junger Lebensraum!
Alle lebten allein, wo das Eis schnappt und die Halteklammer bekannt sind.

Übersetzt mit www.DeepL.com/Translator

zusammen sind wir stark ...



UDO LINDENBERG

„Ich zelebriere meinen Verelendungsprozess“

Von Andreas Rosenfelder | Ressortleiter Feuilleton WELT



Whisky am Nachmittag, leeres Konto, Todesgedanken: Udo Lindenberg war am Nullpunkt. Seine Rückkehr ist ein Wunder. Ein Doppelinterview mit dem größten deutschen Popstar und seinem Biografen Thomas Hüetlin.

Udo Lindenberg sitzt oben im „Hotel Atlantic“, Hamburg, „hier in meiner Hippiebude“. So sieht es dort wirklich aus, die ehemalige Hausmeisterwohnung ist vollgestellt wie das Zimmer eines Teenagers. Ihm gegenüber sitzt der Journalist Thomas Hüetlin, der mit ihm die Biografie „Udo“ geschrieben hat.

Auf der Außenalster ist Sturm aufgezogen. „Die kentern da immer, dann ruf ich die Wasserschutzpolizei“, sagt Lindenberg. An der Wand hinter ihm lehnt ein gerahmtes Bild von Marlon Brando in „Der Pate“.

WELT AM SONNTAG: Herr Lindenberg, soll man Ihnen dazu gratulieren, dass Sie eine Biografie haben, die sich außergewöhnlich gut erzählen lässt?

Udo Lindenberg: Das Leben hat das geliefert. Ich war ja immer auch ein Reflektor, ein Zeitzeuge seit den Vierzigerjahren. Bin als Kleinkind im Trümmergrundstück herumgekrabbelt. Und dann kamen die Panzer der Alliierten, die schmissen Kaugummis und Kippen an meinem verbitterten Vater vorbei, der an der Straße stand. Die Kinder freuten sich über die Kaugummis und die Zigaretten, die mein Vater natürlich nicht rauchte – waren ja Feindeszigaretten.

WELT AM SONNTAG: Sie sind seit der Kindheit Musiker. Was war der Grund, zu sagen, ich will das alles jetzt in Buchform haben?

Lindenberg: Mich interessierte die Perspektive eines Autors, den ich immer spitze fand, seine Sicht der Dinge. Ich habe durch ihn einen neuen Blick auf all das gekriegt, vor allem auf die letzten zehn Jahre in meinem Leben, diese Wunderjahre. Als das mit mir passierte, womit keiner gerechnet hat: dass es noch mal einen zweiten Akt gibt und der Phönix nach oben knallt und so. Darüber gibt’s bisher nichts, keine Storys, kein Buch, keine Aussagen.

Thomas Hüetlin: Es gibt dieses Zitat von Fitzgerald: „There is no second act in American life“. Das gilt vor allem für die Popmusik. Im zweiten Akt hält man entweder durch, wie die Stones, oder man löst sich auf, wie die Beatles. Aber dass jemand wie Udo furiose erste 15 Jahre hinlegt, dann, wenn allmählich die Midlifecrisis greift, Probleme existenzieller Natur bekommt, fast tot ist und dann, als niemand mehr damit rechnet, ein solches künstlerisch unglaubliches zweites Leben hinlegt – ich weiß außer Johnny Cash niemanden, der das gemacht hat. Darum haben wir die Zeitstruktur aufgebrochen und fangen mit dem freien Fall an. Das ist eigentlich der Plot von „Rio Bravo“: die verdammte Stadt zurückerobern, nur nicht mit Gewehrfeuer und Munition, sondern mit Musik, Soul und Witz.

WELT AM SONNTAG: Wie sind Sie Udo Lindenberg begegnet?

Hüetlin: Ich habe damals in den Siebzigerjahren die Platten geliebt, weil Udo die deutsche Sprache befreit hat. Ich bin groß geworden in München, wir hörten American Forces Network. Das waren die Guten. Deutsch war die Sprache der Staatsanwälte, Lehrer, Polizisten und natürlich die Sprache der Nazis. Und dann kam Udo und machte das Deutsche rund, warm, geschmeidig, lässig. Getroffen habe ich ihn dann zum ersten Mal in den Neunzigerjahren, hier im „Hotel Atlantic“, für den „Spiegel“. Da war er nicht ansprechbar, war betrunken.

Lindenberg: (imitiert unverständliches Lallen)

Hüetlin: Ich hab’ gesagt: Mein Held am Boden, hmmm, nicht gut, ich trete nicht auf Menschen ein, die am Boden sind, und habe die „Spiegel“-Geschichte nicht geschrieben. Dann habe ich vor ein paar Jahren hier in Hamburg Benjamin von Stuckrad-Barre getroffen. Der hat uns einander vorgestellt und mir hinterher auf seinem Zimmer die Aufnahmen zum letzten Album „Stark wie zwei“ vorgespielt. Ich sagte: „Das ist Udo? Das ist ja wie früher!“ Ich dachte, ich treffe einen alten Freund wieder, der verloren gegangen ist. Dieser Augenblick war für mich so magisch, dass ich wusste, das muss jetzt aufgeschrieben werden: dass jemand wieder aufsteht und dann so dichte, ergreifende, großartige Arbeit abliefert.

WELT AM SONNTAG: Das Buch fängt ja am Nullpunkt an: Nachmittags Whiskey in Erfurt, nur 7000 Exemplare vom letzten Album verkauft, das Konto leer geräumt. Das muss schlimm gewesen sein, aber als Erzählmaterial ist es fantastisch.

Lindenberg: Da war ich kurz vor dem Tod, ja, ein paar Tage vorm Tod. Sagt der Doktor: Kommen Sie Sonntag wieder, da sind Sie tot!

Hüetlin: Ich glaube ja, dass die Popularität, die Udo nach seinem Comeback genießt, noch viel größer ist. Udo ist in Deutschland so was wie die Queen in England. Die meisten Leute haben eine Beziehung zu ihm, und zwar eine sehr positive. Er hat seine Fans nicht verraten.

Lindenberg: Feiern ist eine gute Energiequelle. Freude, Partytime, abdrehen. Ich bin immer im Firevogel-Wind geflattert über den Dächern.

Hüetlin: Udo hat den Deutschen ihre zwei großen Sehnsuchtsländer nahegebracht: Amerika mit Hollywood und dem Rock ’n’ Roll, also Elvis, James Dean, Marlon Brando, und Italien: Laisser-faire, eine gewisse Wärme, wird schon irgendwie. Er hat unser Land entspannt, den Leuten einen besseren, lässigeren Alltag vorgelebt – und gleichzeitig die wichtigen politischen Dinge der letzten vierzig Jahre vorangetrieben, ob es um Nachrüstung ging, um die Mauer, die weg musste, oder den Rechtspopulismus, der uns jetzt verfolgt. Udo hat Rock gegen rechts gemacht, als alle das noch belacht haben.

Lindenberg: Das musste ja auch immer mit Späßchen über die Bühne gehen, auch wenn die Themen noch so herbe waren. Ein Rock ’n’ Roller muss den Job ja richtig machen, nutzt ja alles nix. Damit man nicht in Depression, Verzweiflung, Resignation verfällt – angesichts des ganzen Elends und der Schräglage der Welt und so.

WELT AM SONNTAG: Zuletzt sind viele große Musiker zu jung gestorben: Michael Jackson, Prince, Bowie.

Lindenberg: Früher Tod, großer Ruhm, logisch. Ich war immer anders: später Tod, trotzdem großer Ruhm!, und auch anders als Marlene Dietrich, wollte nicht in aller Abgeschiedenheit altern. Ich zelebriere meinen Verelendungsprozess lieber auf offener Straße, am Hauptbahnhof und auf dem Kiez. Jeder kann alles sehen. Ich habe ja vor etwa zwölf Jahren eine Umstellung in meinem Drogengebrauch vorgenommen: Schluss mit dem Mehr-ist-mehr. Jetzt mache ich auch andere Sachen, fernöstlich und so. Das bekommt mir sehr gut und ist auch gut für meinen Body und für mein Aussehen, ist ja klar.

WELT AM SONNTAG: Das ist ein Leitmotiv: die Suche nach dem geregelten Exzess, dem disziplinierten Rausch.

Lindenberg: Ich bin ein ewiger Student in einer schweren Disziplin: die gezielte Einnahme von Lehrstoffen, die individuell passen müssen.

Hüetlin: Ich glaube ja, du hast es geschafft, vom Alkohol wegzukommen, weil deine andere große Sucht die nach künstlerischer Anerkennung ist. Du trinkst mal einen Eierlikör, aber du bist nie wirklich in Versuchung. Du wirst nicht dieses zweite Leben opfern, um drei Flaschen Whisky zu trinken.

Lindenberg: Ja, ich habe die eine Sucht der stärkeren Sucht geopfert. Das ist eine Entziehungsdroge: diese Energieströme, das Abheben im Stadion, wenn alle denken, der singt jetzt nur für mich direkt. Es ist toll, wenn Leute so was sagen. Ich meine es auch so: Ich singe für jeden ganz persönlich. Dieser Rausch ist stärker, als es der andere war.

WELT AM SONNTAG: Biografien werden üblicherweise in der Ich-Form oder in der Er-Form verfasst. Das Buch „Udo“ wählt die Du-Form.

Hüetlin: Udo wollte nicht in der Ich-Form erzählen, weil er von Marlene Dietrich gelernt hat, dass man als Künstler mysteriös bleiben muss und sich nicht zu sehr offenbaren soll.

Lindenberg: Das hat sie mir noch am Telefon erzählt.

Hüetlin: Udo geht nicht in Talkshows. Er will nicht gefragt werden, was er zum Frühstück isst und wie lange er auf dem Klo sitzt. In Deutschland werden Menschen in Talkshows oft komplett banalisiert und verlangweilt. Aber Rock ’n’ Roll ist natürlich auch Zauber und Verführung. Und in Udos Songs kommt viel Du vor: „Stell dir vor, du kommst nach Ost-Berlin …“ So fangen die Kapitel alle an: „Stell dir vor …“ Dieses Buch, das Udo uns erzählt und das ich aufgeschrieben habe, sollte eine udomäßige Intimität haben.

WELT AM SONNTAG: Udo Lindenberg hat eine eigene Sprache erfunden. Trotzdem hält das Buch Distanz zum quasi offiziellen Panikvokabular, das man mit Udo Lindenberg verbindet.


Hüetlin: Udo hat ja am Anfang seiner Karriere etwas sehr Besonderes geschaffen: eine klare, präzise Sprache, die an Salinger erinnert. Da wollten wir wieder hin. Diese Dringlichkeit und dieses Feuer mussten zurückkommen.

Lindenberg: Und der Sound auch.

Hüetlin: Deswegen hatten wir ewige Vorlese-Sessions. Es war klar, wir haben es mit einem Musiker zu tun. Das heißt, das muss klingen.

Lindenberg: Meine ersten Trommeln waren ja auch schon Sprache. Das waren schon Laute von so einem ganz kleinen Zwerg in kurzen Hosen, der angeschrien hat gegen das Schweigen, gegen diese falsche Verlogenheit, gegen dieses langweilige Lebenspaket in unserer kleinen Wohnung.

WELT AM SONNTAG: Woher kommt diese Obsession mit der Sprache? Sie sind kein klassischer Intellektueller, haben nicht Germanistik studiert oder so.

Lindenberg: Ich bin Absolvent der Baumschule in Gronau, habe nicht mal Abi und so. Für einen deutschen Popstar reicht das. Ich war 15 und mit der Schule durch, hab mich genug gelangweilt, da bin ich abgehauen. Ich dachte mir, ich treffe an meinem Weg durch die Städte, durch die Landschaften berufenere Leute, die alles wissen. So hat sich das dann auch ergeben.

WELT AM SONNTAG: Trotzdem haben Sie Texte geschrieben, die kein anderer hätte schreiben können.

Lindenberg: Die kamen mir irgendwie zugeflogen, zugesandt aus den Tiefen des Alls. Manchmal stehe ich am Tresen und wundere mich: Steht da jetzt einer hinter mir, oder wo kommt das her? Das finde ich hoch erstaunlich, was meine Hände gerade geschrieben haben. Wer hat denn meine Hand geführt? Zumindest waren es gute Geister. Vielleicht war ich auch ein bisschen inspiriert durch Hermann Hesse, den ich früher gelesen habe, so mit neunzehn, zwanzig. Ich habe am Anfang versucht, in Englisch was zu texten, habe dann aber festgestellt: Das ist nicht der Straßen-Schnack, den ich brauche.

Hüetlin: Eigentlich ist das ein Projekt der Romantik – dass die total große Lyrik sich selbst schreibt. Wobei Udo Lindenberg auch unglaublich fleißig ist. Das vergisst er manchmal, weil er ein bescheidener Kerl ist. Udo war immer ein Arbeitstier, der seine Band genervt, die Toningenieure zur Verzweiflung gebracht hat. In den Siebzigerjahren hat er alle acht Monate eine Platte herausgebracht. Er musste diese Songs alle schreiben, die Texte schreiben, und produziert hat er sie zum großen Teil auch.

Lindenberg: Ich hatte keinen Manager. Und wir wollten nun mal die größte, geilste Show machen, wir wollten auch den größten Knall. Ja, und dann feuerst du dich an. Und dass du bei diesem Feuer auch mal in der Ecke stehst, ist eigentlich normal. Dass ich das überlebe, hat man vielleicht eher als unwahrscheinlich eingestuft.

WELT AM SONNTAG: Zu den stärksten Eindrücken des Buchs gehört die Schilderung des Vaters: Klempner, Alkoholiker, ehemaliger Nazi, aber auch ein verhindertes Genie, das betrunken auf den Stuhl steigt und den Kindern ein Schallplattenkonzert gibt, mit dem Kochlöffel dirigiert. Haben Sie ihre Künstlerseele von ihm geerbt?

Lindenberg: Ich wusste irgendwann: Ich werde das realisieren, was ihm verwehrt war. Das tat mir auch richtig weh, ich hatte viel Mitgefühl. Er war im Land der begrenzten Möglichkeiten, aber so ein Wahnsinn war auch in ihm angelegt. Und irgendwann bricht es dann heraus aus ihm, der schlafende Vulkan, der schweigende Vulkan, und vorher die Doppelkörner. Bei mir ist das auch angelegt, dieser Vulkan, aber eben auch die Sensibilität meiner Mutter. Sie war eine sehr, sehr sensible Frau, ganz fein, und sagte mir: Diese Sensibilität ist kostbar, ich soll sie schützen. Es sind diese feinen Antennen, die mich in die Lage versetzt haben, Texte zu schreiben.

Hüetlin: Als du deinen ersten siebenstelligen Plattenvertrag unterschrieben hattest, was 1975 der absolute Wahnsinn war, wolltest du deiner Mutter gleich den Scheck zeigen.

Lindenberg: Ich wollte immer reich werden, nicht irgendeinen Job machen und jeden Morgen früh aufstehen müssen und ins Geschäft gehen. Ich wollte mein eigenes Leben, mein eigener Chef sein. Das ganze Flower-Power, alles wunderbar – aber ich habe immer gedacht, ich werde einmal ein großer berühmter Weichensteller.

WELT AM SONNTAG: In den Nullerjahren, als das Geld fast alle war – hatten Sie da einen Plan B?




Lindenberg: Da kommen dann die Baumärkte näher, klar! Das hat man ja bei einigen Kollegen gesehen. Die haben irgendwann nur noch einen Song, und den spielen sie dann immer wieder im Baumarkt. Das Leben im Hotel ist nicht billig, ist ja keine Jugendherberge, und es muss ja weitergehen. Das ist grausam: Man hat sich fast wundgesungen, bis an die Todesgrenze experimentiert, und dann kommt die letzte Station: Hallo, hier ist der Baumarkt, spiel doch noch mal „Bis zum Horizont“! Einen Plan B gab es nicht. Immerhin haben die mir bei „Lehmitz“, in der Kneipe auf St. Pauli, versprochen: ein’ Doppelkorn und eine Fischfrikadelle kriegst du hier immer!

Hüetlin: Der Plan B war ja auch, sich totzusaufen. Aber dann kam der Tod von Erich, deinem Bruder. Das war der Katalysator, dass du wusstest: So, jetzt ist der Tod angekommen in meiner Generation. Jetzt muss ich noch mal ran! Einfach so sang- und klanglos von dieser Welt verschwinden, das geht nicht.

Lindenberg: Ja. Lindenberg, geheiligter Name, Ehrenkodex und so, muss ich jetzt machen. Ich war ja damals schon fast elvismäßig unterwegs.

WELT AM SONNTAG: Viele Künstlerbiografien erzählen die Geschichte vom einsamen Künstler. In „Udo“ gibt es eine riesige Entourage, die Geheimratsfraktion, die Jägermeister-Fraktion. War es leicht, sich einen Überblick zu verschaffen?

Hüetlin: Udo war für mich immer da. Aber ich konnte ihn nicht mittags um zwölf anrufen, weil Udo da schläft. Ab fünf Uhr nachmittags nimmt er das Telefon ab. Das ist natürlich ein Privileg, wenn man so einen Kollaborateur hat. Udo ist ein Gesamtkunstwerk, er lebt auch durch die Leute, die er um sich geschart hat. Das ist alles ein Spiegelkabinett, das immer wieder auf Udo zurückverweist. Die Leute arbeiten oft über dreißig, vierzig Jahre mit ihm, er lässt keinen hängen. Es gibt einen, der früher einmal mit ihm gearbeitet hat, der rief ihn irgendwann an und sagte: Du, Udo, ich brauche neue Zähne. Dann bezahlt Udo die Zähne. Und wenn er sagt, ich brauche ein neues Auto, bezahlt Udo ihm das Auto. Der Mann ist Udo ewig dankbar.

WELT AM SONNTAG: Herr Lindenberg, haben Sie auf Tagebücher oder Notizen zurückgegriffen?

Lindenberg: Nee, ich hab nur die Songs. Und ein ganz gutes Gedächtnis. Ging ganz gut so, zwischen Hildesheim und Alzheim.

Hüetlin: Es gibt ja den Spruch: Wer sich an die Achtzigerjahre erinnert, der hat sie nicht erlebt. Das könnte man bei Udo über die Achtziger, die Neunziger und die Nullerjahre sagen, aber er hat trotzdem viel erinnert.

WELT AM SONNTAG: Ein Abend mit der Crew im „Salambo“, einem Bordell auf St. Pauli, hat in den wilden Zeiten so etwa 5000 Euro gekostet.

Lindenberg: Wenn du einen ordentlichen Song schreiben willst, musst du halt alles kennen: jeden Underground, jede Zwischenetage, jeden Überbau. Dann kann man besser schreiben und singen, wenn man drin war in den fünftausend Badewannen. Das sind Veredelungsmaßnahmen, das zahlt sich als Rekapitalisierung auch in der Stimme aus.

Hüetlin: Früher war deine Stimme originell. Jetzt hat sie Soul, Tiefe, Patina.

Lindenberg: Das war auch teuer, wahrscheinlich eine halbe bis eine Million sind da investiert. Aber das ist ein gutes Investment.

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S!|art: Udo - nach einem foto von tine acker


bei allem geschnösel dieses gleichaltrigen udo lindenberg schwingt bei mir auch immer dieser gleichklang der generation mit: ich kann wohl nachvollziehen, wo er herkommt - in dem erspüren und wissen wo ich herkomme - wie es bei ihm und bei mir zu haus zuging - ja, was kindheit in der nachkriegszeit war und was sich festgesetzt hat und was die spiegelneuronen und die "transgenerationale weitergabe" uns unauslöschlich übermittelt und weitervererbt haben.

ich glaube, verstehen zu können und verbunden zu sein, auch in einer art kumpelhafter oder genossenschaftlicher "mitschülerschaft" ... - so nach dem motto: "der udo von der letzten bank - wenn er denn mal da war ..." - 

deshalb spricht auch jeder seiner texte und jede seiner songgeschichten in mir eine resonanz an: ja so ticken wir - so haben wir damals getickt ...

und bei allem klamauk und hingegrunze kriecht diese ernsthaftigkeit seiner sprache und kommunikation und des kerncharakters hinter seiner fassade mit auf die waagschale ...: "hinterm horizont - geht's weiter - ein neuer tag ..."