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BLOG 582: Nachtijall - ick hör dir trapsen ...






Kulturkampf von Rechts:

Wie die AfD Kunstfreiheit und Erinnerungskultur attackiert

Die Parallelen sind historisch alarmierend und sollten jeden Demokraten aufhorchen lassen: Als die Nationalsozialisten im Jahr 1937 in ihrer berüchtigten Propaganda-Ausstellung „Entartete Kunst“ die moderne Avantgarde diffamierten, ging es ihnen nicht bloß um Ästhetik. Es war der systematische Versuch, die Freiheit des Geistes zu vernichten, jüdische sowie kosmopolitische Einflüsse auszumerzen und einen völkisch-nationalistischen Kulturbegriff als alleinigen Standard durchzusetzen. Fast ein Jahrhundert später lässt sich in Deutschland ein neuer, gezielter Kulturkampf von rechts beobachten. Mit parlamentarischen Anträgen, kommunalen Beschlüssen und rhetorischen Angriffen attackiert die Alternative für Deutschland (AfD) gezielt Institutionen der Moderne und rüttelt massiv an den Grundfesten unserer demokratischen Erinnerungskultur.

Wer die jüngsten Ereignisse analysiert, erkennt schnell, dass es sich hierbei nicht um isolierte Einzelfälle handelt, sondern um eine koordinierte kulturpolitische Strategie.


Der Angriff auf das Bauhaus in Dessau

Unter dem bezeichnenden Titel „Irrweg der Moderne“ reichte die AfD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt einen offiziellen Antrag (Drucksache 8/4681) ein, der eine politische Abkehr vom Erbe des Bauhauses Dessau forderte. Die Architektur der weltweit bedeutendsten Design- und Kunstschule der klassischen Moderne wurde darin pauschal als „kalt, abweisend und unattraktiv“ verunglimpft. Die Argumente stießen bei Denkmalschützern und Institutionen wie dem Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) auf schärfsten Widerspruch . Der kulturpolitische Sprecher der AfD-Fraktion, Hans-Thomas Tillschneider, bezeichnete die Schule separat als „undeutsch“. 

(Quelle: https://www.bda-sachsen-anhalt.de/2024/10/stellungnahme-des-bda-sachsen-anhalt-zum-antrag-der-afd-zum-bauhaus/)

Der Deutschlandfunk  sowie internationale Medien wie The New York Times berichteten ausführlich darüber, dass die Rhetorik der AfD in direkter Kontinuität zur Diffamierung der Institution durch die Nationalsozialisten steht.

(Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/irrweg-der-moderne-afd-nach-bauhaus-vorstoss-in-der-kritik-102.html)

(Quelle: https://www.nytimes.com/2026/09/18/world/europe/germany-afd-bauhaus-culture.html)


Der Schließungsantrag gegen das „Marta“ in Herford

Auch auf kommunaler Ebene greift die Partei gezielt Orte zeitgenössischer Kunst an. Im Zuge der aktuellen Haushaltsberatungen in Herford forderte die dortige AfD-Fraktion die komplette Schließung des international renommierten Museums Marta Herford als Kunstmuseum. Das vom weltberühmten Stararchitekten Frank Gehry entworfene Gebäude solle nach dem Willen der Rechtspopulisten nicht mehr für museale Zwecke genutzt werden. 

Wie das Westfalen-Blatt  berichtet, stößt dieser fundamentale Vorstoß im Stadtrat auf heftigen Widerstand, da er stellvertretend für den Versuch steht, moderne Kulturräume und gesellschaftliche Diskursorte systematisch zu delegitimieren.

(Quelle: https://www.westfalen-blatt.de/owl/kreis-herford/herford/herforder-afd-fordert-schliessung-des-marta-3659572)


Das Stolpersteinverbot in Heidenau (Sachsen)

Ein besonders tiefer und schmerzhafter Einschnitt in die Aufarbeitung der NS-Verbrechen vollzog sich im sächsischen Heidenau. Dort stimmte der Stadtrat einem Antrag zu, der die Verlegung neuer Stolpersteine im öffentlichen Straßen- und Gehwegbereich verbietet. Der interfraktionelle Antrag wurde maßgeblich von den Abgeordneten der AfD sowie Teilen der CDU getragen und durchgesetzt. Das dezentrale Gedenken des Künstlers Gunter Demnig, das die Opfer an ihren letzten frei gewählten Wohnorten mitten im Alltag sichtbar macht, soll laut Beschluss aus dem Straßenbild verschwinden und vorzugsweise auf den Nordfriedhof verbannt werden. 

Wie die Tagesschau meldete, kritisierte das Internationale Auschwitz Komitee diesen Schritt scharf. Es handele sich um den durchsichtigen Versuch, das Erinnern unsichtbar zu machen und die Opfer der Nationalsozialisten symbolisch ein weiteres Mal aus der Mitte der Stadtgesellschaft zu drängen.

(Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/regional/ sachsen/afd-cdu-antrag-beschlossen,stolpersteine-heidenau-100.html)


Systematische Ausweitung des Kulturkampfes

Die Liste der kulturpolitischen Interventionen der AfD lässt sich mühelos erweitern und zeigt das ganze Ausmaß der Agenda:

- Kürzungspolitik gegen unbequeme Kunst: Regelmäßig fordert die Partei in den Parlamenten die Streichung von Fördergeldern für Theater, Opernhäuser und Kulturprojekte, die sich kritisch mit Rechtsextremismus, Rassismus oder Diversität auseinandersetzen.

- Die „patriotische Wende“: Für den Fall von Regierungsbeteiligungen kündigte die Partei eine grundlegende Kehrtwende an. Kultur soll primär der „Identitätsstiftung“ im nationalen Sinne dienen – ein direkter Angriff auf die im Grundgesetz verankerte Freiheit der Kunst.

- Geschichtsrevisionismus an Gedenkstätten: Historische Orte des Grauens wie die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora sehen sich permanenten Relativierungsversuchen ausgesetzt. Indem Spitzenpolitiker der AfD eine Abkehr vom angeblichen „Schuldkult“ forderte, wird die wissenschaftliche und pädagogische Arbeit vor Ort gezielt erschwert und politisch unter Druck gesetzt.


Fazit: Der kulturpolitische Arm der AfD agiert strategisch klug und gefährlich.

Der kulturpolitische Arm der AfD agiert strategisch klug und gefährlich. Er besetzt kulturpolitische Gremien, um demokratische Institutionen von innen heraus zu schwächen. Damals wie heute beginnt die Aushöhlung einer Demokratie nicht erst beim Umsturz der Institutionen, sondern weit vorher: bei der Sprache, bei der Kunstfreiheit und bei der Frage, wie wir an die Verbrechen der Vergangenheit erinnern. Wer das Bauhaus abwickeln, moderne Museen schließen und Stolpersteine vom Gehweg verbannen will, der zeigt deutlich, welches Geistes Kind er ist. Es ist an der demokratischen Zivilgesellschaft, diesen Anfängen entschlossen entgegenzutreten.                                                                ew/ki


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