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"... möchte ich Sie noch höflich bitten, mir folgende Fragen zu beantworten" - update

UPDATE - 
in den letzten tagen wurde dieser beitrag vom herbst 2018 einige male erneut aufgerufen - dadurch aktualisierte er sich quasi wie von selbst ... 
ich fügte hier ein "deutschlandfunk"audio-feature zum thema bei - und fand im netz ein relativ gut erkennbares gesamt-foto vom passow-triptychon, das ich meiner mühsamen"rekonstruktion" aus verschiedenen quellen gerne hinzufügen mag... 
ansonsten gelten für mich weiterhin meine ausführungen dazu vom herbst 2018 - wie in irsee der derzeitige stand der entwicklung um das triptychon ist, vermochte ich im netz nicht zu klären ...  sinedi - 11.03.2019


Gedenkkultur

Die unerträgliche Wahrheit

Aus einer Gedenkstätte für die Opfer der Kranken-Ermordung durch die Nazis in Kloster Irsee wird wohl ein Kunstwerk entfernt, weil es nicht mehr der aktuellen Gedenkkultur entspricht

VON SABINE REITHMAIER | SZ

Der Anblick des Triptychons ist nicht leicht auszuhalten: ein sich verzweifelt aufbäumender Bub, der von zwei Frauen hochgezerrt wird. Wie eine Kreuzigungsszene mutet das dreiteilige Werk an, das eines der gequälten Kinder zeigt, die in der "Bayerischen Heilanstalt für Geisteskranke" in Irsee während der Nazizeit durch Spritzen ermordet wurden oder durch gezielt eingesetzte Magerkost verhungerten. 

Der rechte Flügel des Triptychons:
Das gepeinigte Kind wirkt in seiner
Haltung wie der gekreuzigte Christus.
Foto: Beate Passow, VG BildkunsT Bonn 2018
Beate Passows Werk hängt in der Prosektur dieser ehemaligen Anstalt. Vielleicht sollte man besser sagen, noch hängt es da - denn die Münchner Künstlerin ist davon überzeugt, dass ihr Werk entfernt werden soll. Ob ihre Annahme richtig ist, dazu wollte sich der Besitzer des Triptychons, der Bezirk Schwaben, nicht äußern. Jedenfalls nicht vor der Sitzung des zuständigen Werkausschusses, der an diesem Donnerstag tagt und über eine Neukonzeption der Gedenkstätte berät.

"Die Prosektur als solche bedarf einer Neukonzeption, um den heutigen Ansprüchen an eine produktive didaktische Gedenkstättenarbeit zu genügen", teilte die Pressestelle des Bezirks mit. Ein artiger Satz, fast so artig wie der Titel des Triptychons: "... möchte ich Sie noch höflich bitten, mir folgende Fragen zu beantworten". Passows Werk hängt seit 20 Jahren in dem kleinen Gebäude, das versteckt auf der Nordseite der ehemaligen Klosteranlage Irsee liegt. Nach der Säkularisation wurde es erst als "Kreis-Irrenanstalt", dann als Zweigstelle der Pflegeanstalt Kaufbeuren genutzt. In der Prosektur sezierten die Ärzte die Leichen der Patienten, um ihre Todesursache festzustellen, auch dann, wenn sie, wie in der Nazi-Zeit genau wussten, woran die Patienten gestorben waren. 1972 wurde die Irseer Abteilung für psychisch Kranke aufgelöst, wenige Jahre später in ein Bildungszentrum des Bezirks Schwaben umgestaltet. Seither hat sich viel verändert. Nur in der Prosektur, die Mitte der Neunzigerjahre in eine Gedenkstätte für die Opfer des sogenannten Euthanasie-Programms umgewandelt wurde, sieht es noch genauso aus wie damals, abgesehen von Passows Triptychon im Vorraum. Das Werk überfällt den Betrachter übrigens nicht unerwartet. Zugänglich ist die Prosektur nur für diejenigen, die sich zuvor den Schlüssel beim Hauspförtner holen.

Der Titel des Triptychons: "... möchte ich Sie noch höflich bitten, mir folgende Fragen zu beantworten". (Foto: Beate Passow, VG BildkunsT Bonn 2018)


Der dreiteilige Siebdruck ist ursprünglich auch nicht für diesen Ort entstanden. Michael von Cranach, langjähriger Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, dem es in erster Linie zu verdanken ist, dass die Geschichte der Kaufbeurer und Irseer Anstalt während der Nazizeit so präzis aufgearbeitet worden ist, hatte Beate Passow Originalaufnahmen übergeben und sie ermuntert, daraus ein Werk zu schaffen. Vom Ergebnis war Cranach sehr beeindruckt. Auch Rainer Jehl, damals Leiter des Bildungszentrums, faszinierte das 1996 in einer Ausstellung des Kunsthauses Kaufbeuren gezeigte Werk so, dass er es für die Prosektur erwarb.

Michael von Cranach, der auch am soeben erschienenen "Gedenkbuch für die Münchner Opfer der nationalsozialistischen 'Euthanasie'-Morde" mitgearbeitet hat, schätzt das Triptychon noch immer sehr. Aber manchmal frage er sich inzwischen, ob das Werk in der jetzt präsentierten Form noch der aktuellen Gedenkkultur gerecht werde, sagt er. Zum ersten Mal sei ihm das bewusst geworden, als vor fünf Jahren die Arbeitsgemeinschaft der Euthanasieforscher und Gedenkenstättenleiter in Irsee tagte und manche Kollegen es entwürdigend fanden, Täterbilder von den Opfern zu zeigen. Das Argument, es handle sich um Kunst, wollten sie nicht gelten lassen. Genauso wenig wie die Mitarbeiter aus Behinderteneinrichtungen, die Cranach während seiner Führungen durch die Prosektur darauf hinwiesen, es sei mit Artikel 5 der UN-Behindertenrechtskonvention nicht vereinbar, Behinderte in derart diskriminierender Weise zu zeigen.

Als auch eine von Kulturstaatsministerin Monika Grütters im Vorjahr initiierte Tagung, die sich mit der Frage der Namensnennung von Euthanasieopfern beschäftigte, zu dem Ergebnis kam, Namen und Daten der Opfer sollten zwar veröffentlicht werden, nicht aber diskriminierende Täterdarstellungen oder deren falsche Diagnosen, setzte das große Nachdenken ein. Seither machten sich die Bezirke Gedanken darüber, ob sie ihre Gedenkstättenkultur verbessern müssen, sagt Cranach. Er selbst würde Passows Bild nicht abhängen. "Ich habe den Vorschlag gemacht, in Irsee eine kleine Tagung mit Experten und Beate Passow zu veranstalten und darüber zu diskutieren, was man tun kann." Vielleicht reiche ein ergänzender Kommentar zur Geschichte der Gedenkkultur.

Passow, 1945 als Tochter eines Nationalsozialisten und einer polnischen Köchin geboren, beruhigt das im Moment nicht. Dass Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert, bei dem sie sich am 14. August brieflich nach der Zukunft ihres Werks erkundigte, bis heute nicht reagiert hat, ärgert sie schon. Erst im Vorjahr für ihre konsequente künstlerische Haltung mit dem angesehenen Gabriele-Münter-Preis ausgezeichnet, arbeitet sie seit vielen Jahren gegen das kollektive Vergessen an. Ihre Kunst - von der Fotografie über Collage und Installation bis zur Aktion - ist immer politisch. Auch wenn sie nicht glaubt, dass sich mit Hilfe der Kunst etwas ändert, ist sie doch von deren emotionalen Potenzial überzeugt. Und auch davon, dass die Wahrheit dem Menschen zumutbar ist.

sueddeutsche zeitung
ich habe versucht, verschiedene z.t. verzerrte wiedergaben im netz einigermaßen als gesamteindruck des triptychons von beate passow zu "rekonstruieren" ...
(Quellen hierzu: lkaelber|www.uvm.edu - beate passow, vg bildkunst bonn 2018 - vdt.ev - bearbeitung: sinedi|art)



inzwischen habe ich im internet [click here] wohl ein authentisches erkennbares original-foto vom passow-triptychon gefunden ... (sinedi - 11.03.2019)





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mich erinnert dieser "fall" an die auseinandersetzung um das spanische gedicht "avenidas" von dem "konkreten" dichter eugen gomringer an der fassade einer berliner hochschule, das wegen seiner angeblich sexistischen interpretierbarkeit der letzten zeile - eines "bewunderers" der straße, der blumen und frauen auf den ramblas in barcelona - nun mit einem anderen text übertüncht wird.

und auch an die auseinandersetzung um die "stolpersteine" in münchen, die der rat dort auf geheiß von frau knobloch von der jüdischen gemeinde ablehnte, "weil man nicht erneut mit stiefeln auf die namen der holocaust-opfer herumtrampeln darf" ...


deutschland insgesamt tut sich schwer mit einer angemessenen gedenk- und erinnerungskultur - jetzt 80 jahre nach den damaligen geschehnissen. und "nazi-deutschland", das waren nicht irgendwelche monster von einem anderen stern, das war auch kein "fliegenschiss" in der "langen" geschichte der deutschen (das zusammenhängende "deutsche reich" wurde erstmals 1871 begründet): das waren unsere vorfahren und verwandten, opa und oma und (groß)onkel und (groß)tante - das waren nicht etwa irgendwelche fremden migranten von anderswoher, das waren nachbarn und biedere bürger von nebenan...


doch meines erachtens versucht man jetzt mit "angemesseneren zeitgemäßeren formen des gedenkens" auch immer mehr die tatsächlichen  taten und geschehnisse und übergriffe und morde auszublenden und ebenfalls nach und nach zu übertünchen - und ich werde dabei den verdacht nicht los, dass das auch geschieht unter der allgemeinen prämisse: "nun muss es doch auch endlich mal gut sein" ...

die beiden frauen, die die kinder oder das kind auf den triptychon-abbildungen hochzerren waren ja höchstwahrscheinlich seinerzeit ganz einfache  k r a n k e n -    s c h w e s t e r n - vielleicht sogar ordensschwestern, die das auf anweisung eines arztes taten ...

während also der afd-höcke herumschwadroniert, das berliner holocaust-mahnmal sei "ein denkmal der schande" und er "eine erinnerungspolitische wende um 180 Grad" einfordert, meint sein parteivorsitzender gauland, die nazi-diktatur sei lediglich ein "vogelschiss" in der geschichte deutschlands gewesen.

und genau in diesen verleugnungs-prozess platzt nun die idee zur umgestaltung der erinnerungskultur in kaufbeuren-irsee mit umgestaltung oder gar dem verzicht des triptychons von beate passow.

20 jahre hat dieses triptychon die besucher dort - zugegebenermaßen recht eindrücklich - zum nachdenken gebracht und die unvorstellbaren grausamkeiten dort in erinnerung gerufen und plastisch vor augen geführt, und nun werden plötzlich argumente gefunden aus dem "political-correctness"-katalog, dass aus ethisch-ästhetischen überlegungen heraus "täterbilder von 'euthanasie'-opfern" nicht gezeigt werden sollten - und dass nach artikel 5 der UN-behindertenrechtskonvention behinderte menschen nicht in derart diskriminierender Weise abgebildet werden sollten.

aber hier werden ja nicht behinderte menschen zur schau gestellt - sondern es werden doch quasi wie in einer anwaltsakte tatsachen der grausamen nazi-menschenverachtung per tatortfotos mit-geteilt und "bewiesen" - besonders auch der nachwelt, die davon vielleicht vor lauter scham und verleugnung und verdrängung in den familien vielleicht noch nie davon gehört hat - und sich kaum ausmalen kann, was da in nächster nachbarschaft oder gar in der eigenen familie abgegangen ist.

und da manche videospiele bedeutend brutalere abbildungen mit aktiven handlungsanweisungen zeigen und kombinieren, kann man auch nicht davon sprechen, diese drei triptychon-bilder seien unerträglich. natürlich sollten die besucher dort schon eine gewisse persönliche reife erlangt haben.

gerade in der christlichen ikonographie wird das triptychon ja in vielen altarbildern verwandt - und oft mit der abbildung eines kruzifix mit dem elend ermordeten und verendeten jesus - ein abbild hier als mahnung, meditation und gebet. niemand würde auf die idee kommen, dass diese darstellungen nach irgendeiner menschenrechtskonvention nicht mehr gezeigt werden könnten - und als "täterbild" käme bei einem christlichen kruzifix ja "der mensch", "die menschheit" in frage - wie auch bei der "euthanasie": "täter" waren nicht irgendwelche einzel-mörder, sondern bei diesen industriell durchorganierten tötungsaktionen gab es immer viele täter und mit-täter: oft angefangen bei den denunzianten in familie oder nachbarschaft, über zwangseinweisungen durch die polizei und die braunen nsv-ortsfürsorgerinnen, über die "rassenkundlich forschende" ärzteschaft, über die transporteure der reichsbahn und der "gekrat"-busse, bis hin zu den "pflegerinnen und pflegern", die die tödliche spritze auf anordnung setzten oder das gift verabreichten, oder die helfer an den verbrennungsöfen und vor den gaswagen und gaskammern. 

bei diesen ca. 300.000 "euthanasie"-mordopfern - neben den 6.000.000 holocaust-opfern - summiert sich da eine unvorstellbar große anzahl von menschen, die mitbeteiligt war: sie alle lebten und leben mitten unter uns - zumeist nicht einmal belangt oder gar angeklagt. das alles waren menschen mitten aus dem "volk" - verblendete und ideologisierte menschen - aber menschen wie du und ich ...

und auch diese drei passow-siebdruck-bilder rütteln in erster linie auf - und brennen sich vielleicht auch ein - aber ich z.b. bin durch einen besuch mit meiner konfirmandengruppe in einem heim für schwerstbehinderte kinder in bethel damals auf die idee gekommen, dort einmal meinen zivildienst abzuleisten und habe diese arbeit dann zu meinem beruf gemacht - zu meiner "berufung" gewählt - weil die wahrnehmung der menschen dort meine zuneigung und meinen schutzinstinkt und meine fürsorge geweckt haben - und meine prämisse war es immer, diese mitmenschen nicht mehr auszugrenzen, sondern mit hineinzunehmen.

man darf auch die mordtaten gegen diese menschen nicht ausgrenzen, sondern sie müssen als mahnmal mitten unter uns sein und bleiben - und es muss auch das "wie" vorstellbar in seiner grausamkeit uns allen erhalten sein.

man darf vor lauter "political correctness" die tatsächlichen geschehnisse von damals nicht heutzutage andauernd versuchen zu relativieren ... - gerade nicht zu einer zeit, beim dem nationalistisch-populistische bewegungen neu befeuert werden und sich gegenseitig hochkochen ...


es kann bei einer "zeitgenmäßeren erinnerungskultur" nicht "nur noch" darum gehen, das damalige mordgeschehen etwa durch symbole geradezu pseudoreligiös zu ritualisieren: beispielsweise etwa in einem nacht-"event" in einer "gedenk-gruppe" still vor flackernden kerzen zu sitzen, im andenken an die opferschicksale, die man aber tatsächlich als opferbiografien inhaltlich gar nicht zur kenntnis nehmen konnte - und auch gar nicht ("vor lauter unzumutbarem grauen") nachzuvollziehen gewillt ist - das entfacht eher einen "sportlichen durchhaltegeist" ("ich habe durchgehalten" - "ich bin dabeigewesen" - "ich habe mir die urkunde dafür gut abgeheftet") als ein historisch profundes "erfahren" mit der inhaltlichen skizzierung des damaligen geschichtlich-gesellschaftlich-"erbwissenschaftlichen" kontextes zum tatsächlichen letztendlichen massenhaften mordgeschehen...


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