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2019: die verborgenen anteile im offensichtlichen

bild: uwe kils - quelle wikipedia


so ist das ja auch mit einem neuen jahr: eine kleine erste spitze hat sich aus dem wasser erhoben, aber der allergrößte anteil liegt noch im verborgenen: das neue jahr ist durchaus mit einem solchen eisberg zu vergleichen - denn oben schmelzen die ersten tage und wochen nach und nach stück für stück ab  - und der rest ist zwar volumenmäßig da und zu berechnen, aber wir erkennen nicht seine tatsächliche gestalt - und was da noch alles kommt und an die oberfläche drängt und aufstößt - das liegt im dämmrigen, in der tiefe des tiefenwassers und im schlund des (ur)grundes ...

der perito-moreno-gletscher kalbt in den lago argentino
 - wikipedia
wenn von einer rieseneisscholle oder einem gletscher die eisberge unter ächzen und stöhnen und donnergetöse abbrechen und ins meer stürzen, bezeichnet man diesen vorgang ja mit "kalben": da steckt also auch die metapher der geburt und des abnabelns drin. 

und auch für den menschen trifft das ja zu - beim austritt des neugeborenen weiß noch niemand, was nachkommt - und erst recht nicht, was aus dem kleinen wesen einstmals wird und zu was es sich entwickelt... wir müssen ihm geduldig seine zeit geben und seine zeit lassen - es muss sein tempo des heranreifens und des bewältigens finden.

so ein eisberg kann zum weiteren auch das modell für unser bewusstsein abbilden: mit einem achtel bewältigen wir den tag, den wir reales erleben nennen: im immer fortlaufenden kristallisationspunkt unserer gegenwart - das ganze aber speist sich aus dem, was unbewusst diese gegenwärtige wahrnehmung unterfüttert - und womit wir sie in immer fortschreitenden aneinaderreihungen von momenten bewältigen.

das unbewusste - die sieben achtel - das sich zusammensetzt aus kollektiven empfindungen, aus erlebnisfetzen auch unserer eltern und ahnen und altvorderen und deren einschneidende und abgespeicherte glücks- und trauma-erlebnisse - ganz unmittelbar auch, so wird vermutet, in genetischen einsprengselungen der "spiegelneuronen" unserer beiden interkommunizierenden hirne in kopf und auch bauch. 

diese spiegelneuronen reagieren quasi in "echtzeit" bei beobachteten "fremd"handlungen, also dem tun und lassen anderer, mit in der generationenfolge längst kopierten und als eine art blaupause abgespeicherten reaktionsmustern, die sich dadurch ganz individuell zusammensetzen und sich so unverwechselbar eigen-artig spiegelnd "ein-bilden" ... - als wenn wir im gleichen moment selber in dieser fremden handlung mit involviert wären - und sie fühlen, riechen und schmecken ...

wir fühlen im gleichen moment oft den schmerz, wenn ein fußballspieler im fernsehen gefoult wird und verletzt liegenbleibt - wir spüren die kälte des rasens - uns läuft das wasser im mund zusammen, sogar wenn wir im fernsehen jemanden etwas leckeres essen sehen - oder von dem wir annehmen, es sei wohl schmackhaft - und wir spüren in uns das erschrecken, wenn uroma vom bombenangriff vor 75 jahren und dem sirenengeheul dazu erzählt - und der großonkel zum x-ten male einfach nur mitschweigt über sein grauen im schützengraben in russland ... 

und dieses nachempfinden in uns ist jeweils kalibriert und verankert mit den erfahrungsanteilen von mütterlichen und väterlichen er-innerungslinien, die ja so auch unsere äußere erscheinung genauso mitprägen und profilieren ("der kleine ist ja ganz der papa" ...).

dazu tauchen aber auch - unten aus den tiefen der blauen tinte - die einschreibungen, signaturen und überkommenen ur-chroniken der verflossenen und fließenden zeiten und epochen auf, unserer spezies - und des lebens im großen und ganzen und überhaupt - auf diesem, gemessen zum weiten unendlichen all, staubkorngroßen raumschiff namens "erde" ...

gestern habe ich ein interview mit pater anselm grün über seine manager-kurse in der abtei münsterschwarzach gelesen: führen und managen heiße "andere aufrichten" in innerer gelassenheit zur inneren gelassenheit - also auch - um im bild des "lebendigen" eisberges zu bleiben - mit der rückbesinnung auf den allmählichen schmelzpunkt und das aufdringen des untenliegenden eises in immer wärmere gefilde, dieses nach unten im wasser treibenden "klumpatsches", der sich ganz allmählich und dynamisch der oberfläche des er-lebens nähert, um dort von der sonne neu belichtet und belebt und verflüssigt zu werden.

um sich dieser inneren ruhe des allmählichen und dynamischen abschmelzen der substanzen und der gleichzeitigen entwicklung und ausbildung der persönlichen und unverwechselbaren potenziale zu vergewissern, bedarf es dieser abwartenden gelassenheit ("alles hat seine zeit"),  der ewigen bitte an den in uns waltenden gott, "das (noch) unvollkommene in segen zu verwandeln", meint anselm grün ...

spökenkieker und wahrsager haben da also nur sehr bedingt die chance, im eisblock die tatsächlichen zukünftigen gestalten des werdens in umrissen zu erahnen, denn sie (er)kennen nur die äußeren unfertigen umhüllungen, aber sie können auch in ihrer empathie nur sehr grob die gefühlswelten der ahnen und urahnen fremder genetischer linien allenfalls zitterig ankratzen - und allerhöchstens nur von sich auf andere schließen - von der fahrt also mit dem eigenen lift aus dem kellergeschoss des unbewussten in die oberen etagen, die wir in unserem koordinationssystem gemeinhin mit "hier und jetzt" bezeichnen... - das mag für andere systeme unter anderen umständen schon wieder ganz anders sein ...

ein gutes unfallfreies abschmelzen des neuen jahres - 

und - nix für ungut - und chuat choan