"

erde zu erde - asche zu asche - staub zu staub (update: inzwischen "bedauert" das zps die aktion)))

Die Stele ist erstmal nur bis Samstag genehmigt. © SOPHIE KRATZER | Tagesspiegel




Holocaust-Asche vor dem Reichstag 

Das Mahnmal des Zentrums für Politische Schönheit ist drastisch - und notwendig

Von Patrick Wildermann | Tagesspiegel



Winston Churchill hat seinem Sohn mal eine ziemlich bedenkenswerte Lektion mitgegeben: „Lerne, so viel du kannst, aus der Geschichte – denn wie sonst könntest du wissen, was in der Zukunft passiert?“

Für das Zentrum für politische Schönheit (ZPS) war dieser Satz schon immer die Schlüssel-Maxime im Guerilla-Handbuch für den engagierten Aktionskünstler.

Aus gutem Grund. Wer würde bestreiten wollen, dass das Lernen aus der Vergangenheit eine neue Dringlichkeit besitzt in Zeiten, in denen ehemalige Geschichtslehrer wie Björn Höcke angetreten sind, um genau das zu verhindern?

Die Gruppe um Philipp Ruch hat jetzt eine neue Aktion gestartet. Sie hat sich auf die Spuren der Opfer Hitlerdeutschlands begeben und dabei einen über 75 Jahre alten Auftrag verwirklicht.
„Teurer Finder, suche überall, auf jedem Zollbreit Erde. Suchet in der Asche. Die haben wir verstreut, damit die Welt sachliche Beweisstücke von Millionen von Menschen finden kann“. So wird der in Auschwitz ermordete Salmen Gradowski zitiert.

An 23 Orten in Deutschland, Polen und der Ukraine wurden über 200 Proben entnommen, erklärt das ZPS in seiner Pressemitteilung, und Knochenreste in „allen erdenklichen Körnungsgrößen“ gefunden. Sie wurden zusammengetragen und nun zum Mahnmal im Regierungsviertel gebracht, einer Gedenkstätte auf dem Gelände der ehemaligen Krolloper.

Dort also, wo mit dem Ermächtigungsgesetz der Zusammenbruch der Demokratie besiegelt wurde – gegen die Stimmen der SPD, die von Hitler als „wehleidig“ verhöhnt wurde, aber mit Unterstützung der bürgerlichen Parteien.

Mit dem neuen Mahnmal (offiziell nur bis zum kommenden Samstag genehmigt) will das ZPS an eben diesen Verrat, dieses fatale Steigbügel-Halten erinnern.

„Feste Besuchstermine für alle Abgeordneten der Union im Bundestag sind festgelegt“, heißt es.

Wie bei jeder Aktion des ZPS – sei es der Bau eines Holocaust-Mahnmals vor Björn Höckes Haus oder die Errichtung einer römischen Arena für Tiger und Geflüchtete vor dem Gorki Theater – werden Bedenkenträger sich getriggert fühlen, werden auf den Nebenschauplätzen die kopfschüttelnden Chöre aufmarschieren und ihre alten „Darf man das?“- und „Ist das echt?“-Lieder singen.

Eins der Prinzipien des ZPS ist es ja, mit Wirklichkeit zu verstören, wo alle Fiktion erwarten. Die Beisetzung von Mittelmeer-Toten im Herzen von Berlin zum Beispiel – kann das mehr sein als ein theatraler Akt?

Diese Erregungsstürme an den Peripherien des Eigentlichen sind natürlich gewollt, das Spektakel ist Teil einer Inszenierung, die Scheinwerfer auf reale Verhältnisse richtet. Und dennoch sollte man beim ZPS nicht den gleichen Fehler wie etwa bei Schlingensief begehen – nur auf die Pose zu schauen, um sich mit dem Inhalt nicht auseinandersetzen zu müssen.

Der Sorge, dass es zu einer neuen Handreichung zwischen Konservativen und äußersten Rechten kommen könnte, hat Philipp Ruch unlängst schon in seinem Buch „Schluss mit der Geduld“ Ausdruck verliehen.

Da wagt er das Gedankenexperiment einer Haselnuss-Koalition, schwarz-braun also, in der die völkische AfD-Fraktion unter CDU-Führung ein Superministerium aus Innerem und Verteidigung übernimmt. Hoffentlich nur Fiktion.

In Thüringen gab es ja bekanntlich erste CDU-Stimmen, die sich ein Zusammenmarschieren gut hätten vorstellen können.

Die „Widerstandssäule“ des ZPS im Regierungsviertel, der Aufruf, dort am kommenden Samstag (7.12., 15 Uhr) einen „zivilgesellschaftlichen Zapfenstreich gegen die AfD“ zu veranstalten, sind vor diesem Hintergrund einmal mehr Einladungen, Kunst als Wirkmacht zu begreifen.

Sie kann in einem Klima helfen, in dem die politischen Talkshows versagen und sich ein seltsamer Mehltau über die Debatte gelegt hat, wie ein Zusammenleben als Zivilgesellschaft künftig ausschauen könnte.





Zur Aktion „Sucht nach uns“ (www.sucht-uns.de) gibt das ZPS auch ein Buch heraus, „An die Nachtwelt“ betitelt. Es versammelt die letzten Botschaften von Ermordeten, außerdem einen wissenschaftlichen Aufsatz über die „Wege der Asche“. Traurig, aber wahr: wo verschüttet werden soll, ist das Lernen aus der Geschichte eine Aufgabe für Archäologen geworden.


Das ZPS hat eine Stele mit vermeintlicher Asche von NS-Opfern vor den Reichstag gestellt. Foto: Christophe Gateau | Tagesspiegel


_____________________________________

da haben wir uns ja in mehreren der letzten beiträge hier im blog gedanken gemacht, wie heutzutage zeitgemäß ein gedenken und erinnern an die ns-mordopfer aussehen könnte, ohne in die nähe von "verkitschungen" zu kommen oder von seelenlosen "reflexritualen" an irgendwelchen vom kalender vorgegebenen terminen - wo dann ein streichquartett traurige ernste weisen intoniert und die sprecher mit tremolo in der stimme und tränen im auge mit blick auf die tv-kameras "eindringlich" immer und immer wieder "gedenken".

diese rituale sind für das seelenheil eines täter- und gleichzeitig auch opfervolkes sicherlich zur orientierung der emotionalen befindlichkeit unabdingbar, auch um einfach in dieser schnelllebigen zeit in erinnerung zu behalten für ganz jung bis ganz alt: "da war doch was"... - und von dem, was da war, waren ganze generationen der vorfahren mit betroffen - eben als täter - und eben auch als opfer - und das manchmal sogar innerhalb der gleichen familie. 

und "rechts"-politisch rumort es hier ja bereits erneut im grunde - und da wird wieder von "umvolkung" gesprochen - und das nazi-regime von einem gewählten bundestags-abgeordneten als vogelschiss in der geschichte deutschlands bezeichnet: ein vogelschiss also - der soviel unvorstellbares leid und millionenfache morde der schwachen und der "andersartigen" landsleute mit sich gebracht hat.

da kommt ja diese irgendwie "eigenwillige" und "unorthodoxe" aktion des "zentrums für politische schönheit" vielleicht gerade zur rechten zeit, mit dieser beispiellosen aktionskunst auch ein neues aufmerksammachen in den etwas abgeschliffenen ausgelatschten erinnerungs- und gedenkpfaden.

da geht das "zps" mit seinen aktionen ja schon früher immer in die vollen: betonstelen als minigedenkfeld auf dem nachbargrundstück von herrn höcke - die beisetzung von flüchtlings-mittelmeeropfern vor dem reichstag - und jetzt also die ausgebohrten und ausgebuddelten längst verrotteten überreste von holocaust-opfern aus 23 verschiedenen vernichtungslagern.

ja - da wird vor lauter "pietät" nicht lange herumgefackelt, sondern da werden ideen entwickelt, die wirklich ins gemüt gehen und auch provozieren sollen und das "eigentliche" neu in den focus nimmt, so wie das ja auch die unsägliche lea rosh empfindet.

und wie in dem beitrag zur "verkitschung" der gedenkkultur schon angesprochen, tanzt das "zps" da tatsächlich mit solchen aktionen auf dem ganz schmalen grat zwischen einer echten bezeugten verneigung vor den opfern - und auf der anderen seite einer sensations- und publicityheischenden unbotmäßigen "leichenfledderei"-show. mir wird dabei die ernsthafte trennung zwischen echtem anliegen und den fast immer einhergehenden etwas makaberen anteilen an "spaß-faktor" bei aller "künstlerischer freiheit" nicht immer klar. aber da empfindet die "kunst" der jüngeren zps-initiatoren vielleicht emotional anders als ich.

ich weiß aber auch nicht, inwieweit so etwas mit den geboten der jüdischen totenruhe in einklang zu bringen ist. ich weiß aber, dass eben die prominente fürsprecherin des großen stelenfeldes, lea rosh, einmal einen gefundenen backenzahn vom gelände des vernichtungslagers sobibor nachträglich bestatten ließ, weil es da massive kritik an ihrem umgang mit diesem relikt von seiten der jüdischen gemeinde gegeben hat. frau rosh wollte damals nämlich den zahn einer der betonstelen feierlich beigeben. aber ein solch christlicher reliquienkult sieht das judentum nicht vor. und ich finde, da ist die jetzige zps-stele mit knochenstaub ja nicht von diesem damaligen ansinnen der frau rosh ganz weit entfernt. 

und das alles hat die zps auch noch verbunden mit dem aufruf zur "weihnachts"-spende, um diese neue stele vor dem reichstag mit der vermeintlichen asche von den ns-opfern, nach der man wie die archäologie regelrecht mit schwerem gerät fahndete nach der derzeitigen probeaufstellung dann auch fest für immer zu installieren. 

also - ganz ehrlich - obwohl ich ja für neue wege des erinnerns und gedenkens immer offen sein möchte: fällt es mir verdammt schwer, meine empfindungsfrequenz vom "gängigen" ns-opfergedenken mit dem mir eingepflanzten ritualerwarten hier jetzt ganz neu auf eine themenbezogene aktionskunst-performance zu kalibrieren, die gedenken auslöst, indem sie  - nach meinem empfinden - das vielleicht zu sehr zudeckende und abschottende stelenfeld nebenan neben dem brandenburger tor nun quasi mit dieser gläsernen stele "nach außen" krempelt.

"künstlerisch" mag das ja "herausragend" und "phänomenal" sein - und vielleicht werde ich auch nur alt - aber es löst in mir wenigstens kein opfer-mitempfinden und keine nachtrauer aus - nur sensationsgier - ja - und dann abscheu - es ist für mich einfach ein zu sehr gezirkelter "klamauk".

und die richtungen, die eine zeitgemäße und durchaus auch überraschende gedenk- und erinnerungskultur beinhalten kann, sind für mich beispielsweise die stummen längen im "shoah"-dokumentar- und interview-film von claude lanzmann damals. oder auch das hallende eisentürklappen im "felix-nussbaum-haus" in osnabrück und die dortigen nackten betonwände: ein asymmetrisches, dramatisches ensemble, ganz nachempfunden der biografie des künstlers nussbaum, der in auschwitz ermordet wurde. auf den gängen und rampen dieses museumsbaus geht es beschwerlich aufwärts oder unausweichlich bergab. schmale schlitze lassen tageslicht zwar hinein, doch hinausblicken kann man nicht - und wenn, dann ist auch dieser blick blockiert. ausweglose empfindungen, die der architekt daniel libeskind bewusst mit "eingebaut" hat.

oder in einem beitrag las ich davon, dass der polnische historiker robert traba als beispiel gegen eine "verkitschung" des holocaust-gedenkens eine tonaufnahme aus dem vernichtungslager kulmhof/chelmno abspielt: nichts ist da zu hören als der wind, der über die weite, öde fläche der gedenkstätte weht...

aber auch die theater-sequenzen zu einzelnen opfer-schicksalen in schüler- und jugendtheatern und ihre dokumentarischen und emotionalen photo-/video-/audio-workshops im aufspüren der deportationswege bis in die vernichtungslager sind hervorragende erinnerungs- und gedenkanstöße, wobei durch "mittun" das ganze geschehen auch tatsächlich durch den körper geht - und nicht nur im kopf verbleibt, der rasch wieder vergisst und vielleicht im moment unkonzentriert oder abgelenkt ist.

ja - aber jeder mensch soll gedenken dürfen "nach seiner facon": der eine so - der andere so...
u p d a t e vom 4.12.2019:

  • inzwischen rudert das zps zurück: stellungnahme click here 

Keine Kommentare:

Kommentar posten