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BP aufkaufen - ehe es unsere Strände zumüllt: die umwerfende Idee des Ruppe Koselleck

Konzeptkunst

"Die Menschen kaufen Kunst – und ich BP"

Seit Jahren versucht Ruppe Koselleck, den Ölkonzern zu zerschlagen. Er sammelt Petroleumklumpen am Strand, verkauft sie als Konzeptkunst und setzt sie in Aktien um.

Interview: Nils Erich, ZEIT.de


Eine Frottage-Arbeit mit Rohöl auf einer Aktie der inzwischen aufgelösten "Commonwealth Oil Refining Company" aus Puerto Rico © privat



Klimawandel und Ölkatastrophen haben die Ölkonzerne in Misskredit gebracht. Vor genau zehn Jahren, am 20. April 2010, brannte die Ölplattform "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko – der Beginn einer der schwersten Ölkatastrophen der Geschichte. Ein weiterer Grund, den Betreiber BP lahmzulegen, befand der Konzeptkünstler Ruppe Koselleck. Er leitet den Kunstverein Ahlen, seine Arbeiten lehnen sich an den Dadaismus und die Fluxus-Bewegung an. Aus seinem Atelier, das er "Übernahmebüro" nennt, steuert er den Ankauf von BP-Aktien.  

ZEIT ONLINE: Herr Koselleck, sie versuchen, einen der größten Ölkonzerne der Welt zu übernehmen. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Ruppe Koselleck: 2001 waren wir an der niederländischen Nordsee baden. Meine Tochter kam zum Badetuch zurück und hatte Öl unter den Füßen kleben. Mit einem stumpfen Taschenmesser kratzte ich ihr den Teerschmutz ab. Ich klaute ihren gelben Plastikeimer und sammelte in einer knappen Viertelstunde einen ganzen Eimer Ölklumpen vom Strand. Dass man den Müll gegen seine Verursacher richten könnte, war mir sofort klar.

Auf der Fahrt zurück tankten wir dann bei BP. Die hatten damals ein Werbeprogramm aufgelegt, das ihrem Öl-Image ein Feigenblatt mit Sonnenenergie und Windkraft verpassen sollte. Die Broschüren zeigten Moore, Sumpflandschaften, Sonnenuntergänge über dem Meer – der reinste Ökokitsch. Dieses Moment faszinierte mich: einen Konzern anzugreifen, der sich ausgesprochen gut auf das Greenwashing versteht. BP hat das grünste und künstlerischste Feigenblatt von allen Ölkonzernen, sponserte bis vor vier Jahren die Tate Gallery in London mit. Daraus entwickelte ich das Projekt der feindlichen Übernahme von BP.

ZEIT ONLINE: Wie kommen Sie an das notwendige Geld dafür?

Koselleck: Zunächst verkaufte ich das gesammelte Rohöl in 15-Gramm-Portionen in kleinen Klarsichtboxen, sogenannten "Teerarien". Später begann ich, mit dem rohen Öl zu frottagieren, zu collagieren, zu malen. Es entstand die Rohölmalerei. Die Einnahmen aus dem Verkauf der Bilder teile ich dann auf: Die eine Hälfte dient dem Erhalt des Ateliers und meiner Familie. Von der anderen Hälfte kaufe ich, Aktie um Aktie, den Mineralölkonzern BP auf. So kann ich zu Recht behaupten: Ich schlucke einen Konzern über seinen mit verursachten Müll. Die Menschen kaufen Kunst – und ich BP.

ZEIT ONLINE: Wie sieht dann solche Rohöl-Kunst aus?

Koselleck: Erst suche ich am Strand Öl. Das sind etwa handgroße Bitumenreste. Mal weicher, mal härter, wenn die Katastrophe länger her ist, wie auf Norderney. Damit arbeite ich dann gleich am Strand oder später im Studio: Die Ölklumpen muss man manchmal ein bisschen erwärmen und kann damit zum Beispiel schwarze Striche machen. Aber es ist nicht nur Schwarz: In Öl sind fast alle Farben drin. Zumindest, wenn es dünner und lasierend verwendet wird. Meistens benutze ich es jedoch für Frottagen. Das heißt, ich suche schöne Oberflächen. Das können Steine am Meer sein, das Pflaster auf dem Weg zum Strand oder ein Strandkorb auf Norderney. Da lege ich das Papier drauf und rubbele die Struktur durch.

ZEIT ONLINE: Wie im Kindergarten mit Wachsmalstiften?

Koselleck: Technisch ist das im Prinzip auch Frottage – ein Druckverfahren. Diese durchgerubbelten Bilder dokumentieren dann den Ort, wo das Öl gefunden worden ist.

ZEIT ONLINE: Andere spannen am Strand lieber aus. Sie hingegen arbeiten?

Koselleck: Ja, und das ist eben auch eine Performance. Es gibt im Grunde zwischen meiner Kunst, der feindlichen Übernahme von BP und meinem Leben überhaupt keine Trennung. Es gibt Begegnungen mit Urlaubern, die sonst nie passiert wären, weil sie da eben auf Norderney nur im Strandkorb liegen. Wenn ich mit meiner grünen BP-Jacke zwischen denen entlang laufe, Öl sammle und auf einmal Dinge tue, die sie nicht verstehen, dann kommt man ins Gespräch. Dann erzähle ich ja auch jedem und jeder, dass der Erlös der Bilder mich bald zum CEO eines der größten Konzerne der Welt machen wird. Das ist meine absolute Lieblingsperformance.

Für die Arbeit "Dollar" kombinierte Koselleck
Frottage- und Collagetechniken. © privat
Ruppe Koselleck: "Kleines Kunstwerk mit systemrelevanter Intervention" kombiniert die Techniken der Frottage und Collage.

ZEIT ONLINE: Wie reagieren die Urlauber darauf?

Koselleck: Einige Leute kaufen das erste Mal in ihrem Leben ein Kunstwerk. Weil ich die Kunst sozusagen direkt an den Badestrand bringe. Die Bewertung meiner feindlichen Übernahme von BP variiert allerdings. Manche freuen sich an dem, der Öl sammelt und aufräumt und einen Ölkonzern schlechtmacht. Manche, und das werden durchaus mehr, finden es sehr befremdlich, dass ich Aktionär bin und CEO von BP werden will. Das ist die Generation Divest, die Systemaussteiger. Die wenigsten glauben allerdings, dass es sich bei dem, was ich da finde, um Öl handelt. Dabei sind wir alle Erdöl. Wir tragen es als Schuhsohlen, als Kleidung, es wärmt uns im Winter die Wohnung, wir essen Pillen, die aus Öl sind, schmieren es uns auf die Haut – und wir fliegen damit um die Welt und fahren Auto. Erst der Test mit dem Gasbrenner und der aufsteigende Geruch irgendwo zwischen Bitumen und Gift macht den Urlaubern klar, um was es sich handelt.

ZEIT ONLINE: Sie haben tatsächlich einen Gasbrenner am Strand dabei?

Koselleck: Ja, so ein kleines Ding, einen Taschenheißbrenner.

ZEIT ONLINE: Nach welchen Kriterien legen Sie den Preis für Ihre Bilder fest?

Koselleck: Nach der Schönheit und nach der Menge des Öls. Wenn ich sehr viel Öl verwendet habe und sehr exklusive Ölsorten – zum Beispiel aus Pensacola Beach in Florida oder von Norderney – dann gehe ich etwas höher. Den Preis lege ich nicht in Euro, sondern in Aktien fest. Meine Kunstwerke haben also jeden Tag einen anderen Preis – je nach Börsenkurs. Wenn ein Bild also beispielsweise 100 BP-Aktien kostet, musste man vor der Corona-Krise 600 bis 640 Euro dafür bezahlen, heute hingegen nur noch die Hälfte, etwa 300 Euro. Dass die Preise meiner Kunst und der Aktien von BP aneinander gekoppelt sind, ist für mich ein künstlerischer Gedanke, weil Preise für Kunst ja ganz schwierig zu berechnen sind. Und der Kunstmarkt in Galerien, für den meine Arbeit gar nicht brauchbar ist, ist ja auch ein Zerrbild der Börse. Außerdem verhökere ich manche Werke meistbietend via Ebay, um zu zeigen, dass BP-Aktien eigentlich Ramsch sind. Aktuell ist eine Aktie billiger als ein Döner zu bekommen.

ZEIT ONLINE: Aber mal ohne Flachs: Wie viel Prozent der Firmenanteile halten Sie inzwischen?

Koselleck: Von Prozent kann ich aktuell noch nicht sprechen, eher von Promille. Also heute halte ich 5.256 Aktien – von 18 Milliarden.

ZEIT ONLINE: Meinen Sie das alles wirklich ernst? Ist eine Übernahme von BP irgendwie realistisch?

Koselleck: Morgen habe ich den Laden, ist doch klar! – Nee, es ist völlig unmöglich. Nahezu ausgeschlossen. Ich arbeite wie Sisyphos, der täglich den Stein nach oben rollt, mit dem Wissen, dass er des abends wiederum hinabstürzen wird. Aber das Vergnügen übersteigt die Vergeblichkeit. Kunst ist eine ästhetische Haltung – eine Heiterkeit am Abgrund. Und für mich dennoch der nie enden wollende Drang, diese Welt zu retten: Ja, ich stehe auf und sammele Öl vom Strand! Kunst muss nicht funktionieren – sie darf auch scheitern. Denn das tun wir am Ende alle. Zwingend.

ZEIT ONLINE: Stichwort Scheitern: Tun Sie BP nicht einen Gefallen, indem Sie die Nachfrage nach den Aktien erhöhen? Ist das nicht widersprüchlich?

Koselleck: Ja, ungeteilt ja. Ich bin mein eigener Widerspruch. Ich kaufe den auf, den ich in dieser Form vernichtet sehen will! Das führt zu einem – zugegeben homöopathischen – Investment in den Konzern. Das ist für mich das satirische Salto Mortale des Hofnarren – wozu führt Kunst noch außer zu Unterhaltung? Zu schönen Dingen, die an der Wand hängen, zu Augenblicken der ungerichteten Nachdenklichkeit über die uns umgebende Wirklichkeit.

ZEIT ONLINE: Der Kurs der BP-Aktie ist zuletzt deutlich gefallen. Macht das also BP und Sie zu Leidensgenossen?

Koselleck: Als ich Corona-bedingt über Nacht mein künstlerisches Jahresprogramm einstampfen konnte und einen klassischen 100-Prozent-Verlust als bildender Künstler zu verzeichnen hatte, da ging mir für ein paar Sekunden schon die Pumpe. Und dann musste ich noch feststellen, dass der Kurs von BP auch gut 50 Prozent verloren hatten. Vor der Krise deckten die Dividenden immerhin manchmal die Mietkosten für meine Rohöllager und das Übernahmebüro. Aber Leidensgenosse von BP – nein, niemals. Jetzt ist BP einfach günstiger zu haben und ich werde den Laden entern! Das war dann die Reaktion nach dem zweiten Bier an dem Abend.

ZEIT ONLINE: Und was würden Sie machen, wenn Sie eines Tages den BP-Konzern doch übernähmen?

Koselleck: Sie meinen nach der großen Übernahmeparty? Ich würde den Konzern in meinen Atelierbetrieb integrieren und alle für mich arbeiten lassen. Oder ihn zerschlagen. Auf alle Fälle würde ich Entschädigungen an diverse Opfer auszahlen, die Regressstände überprüfen. Pipelines, die durch Reservate führen, prüfen und auch hier Entschädigungen auszahlen. Große Teile würden abgewickelt, verschrottet, riskante Bohrinseln sofort geschlossen. Nicht so jedoch die teilweise vorbildlichen Forschungseinrichtungen: Das Ölzeitalter wird zu Ende gehen, weil die Klimaveränderung uns dazu zwingen wird. Darum wird mit mir als neuem CEO von BP die vollständige research power in den Kampf gegen den Klimawandel gesteckt.

Wenn wir einen Energiekonzern hätten, der nichts macht, außer die Energiewende voranzutreiben – das wäre super. Es ist an der Zeit, dass die Energieriesen sich selbst überwinden und mit dreihundertfacher Kraft an der Energiewende arbeiten. Denn sie haben das Kapital, den Markt und die Mittel dazu.

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"Ich arbeite wie Sisyphos, der täglich den Stein nach oben rollt, mit dem Wissen, dass er des abends wiederum hinabstürzen wird. Aber das Vergnügen übersteigt die Vergeblichkeit. Kunst ist eine ästhetische Haltung – eine Heiterkeit am Abgrund", meint mein Künstlerkollege Ruppe Koselleck - der BP-Vernichtungskünstler, dessen einmalige Kunstwerke aus Rohöl-Resten vom Badestrand mit BP-Aktien zu begleichen sind...

über soooooviel konzeptkunst lässt sich natürlich herrlich streiten - und damit wird dann unsere sozialabstinenz zu #corona-zeiten auch trefflich ausgefüllt.


derzeitiges ebay-angebot an ruppe-koselleck-"kunstwerken"
irgendwie passt ruppe kosellecks konzept vielleicht nicht mehr so ganz in die zeit, aber gemeinsam mit joseph beuys hätte er es bei den damaligen grünen bestimmt zu etwas "höherem" gebracht - und er hätte vielleicht im schlepptau mit joschka fischer tatsächlich etwas außenpolitisch auf den handelsmärkten dieser welt bewirken können.

derzeitig bleibt ihm wegen kontaktsperre nicht mal mehr der eimer am arm, um auf norderney am strand ölreste aufzusammeln... - aber wenn die kontaktsperre für die inseln aufgehoben ist, sollte er das öl vielleicht mit einem lastwagen abholen können, wenn nicht die kurverwaltung schon zuvor ... - und vielleicht kann man dann auch mit einem "frottage-automaten" irgendwie auf masse kunstwerke produzieren - ich gönne ruppe von ganzem herzen...

auch um den ausfall dieser wochen wettzumachen.

ansonsten könnte er sich vielleicht mal p.r.-mäßig beraten lassen vom street|art-künstler banksy, der ja raffiniert und trotzdem auffällig und gleichermaßen stickum seine werke an brennpunkten platziert oder an reich frequentierten plätzen.

ganz im ernst - ich finde diese ideologie hinter diesen insgesamt eigentlich recht dürftigen frottagen einfach nur "ölig" voll gelungen und großartig - und freu mich schon auf die nächste geschlossene bp-tankstelle, an der ich vorbeifahre -  denn die zahlen ja wohl neuerdings sogar geld aus, wenn man dort 20 liter tankt - hab ich gehört - irgendwo ...

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