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Der Schoß, aus dem es kroch, ist fruchtbar noch.

Cover-Illustration eines Nachdrucks des Original-Buches - in einigen Bibliotheken steht das Buch in deutscher Übersetzung, wie es Hitler wohl gelesen hat (bei Interesse: googeln)


Hitlers Bibel

In den Vereinigten Staaten wurde die Idee populär, eine überlegene weiße Rasse zu züchten. Später arbeiteten amerikanische Eugeniker eng mit Nazi-Wissenschaftlern zusammen.

Von Markus Günther | FAS

Nachdem der 36-Jährige das Buch gelesen hatte, kannte seine Begeisterung keine Grenzen. Er zitierte unentwegt wichtige Passagen und schrieb dem amerikanischen Autor einen enthusiastischen Brief, in dem er bekannte, für ihn sei die Lektüre eine Offenbarung gewesen und das Buch viel mehr als nur ein Text: "Es ist meine Bibel." Madison Grant, der Autor, hatte den Namen seines Fans zu diesem Zeitpunkt gewiss schon einmal gehört, doch konnte er 1925 noch nicht ahnen, welche Rolle der begeisterte Leser bald in Deutschland und der Welt spielen sollte. Er schickte dem Bewunderer als Dank für die Fanpost ein Exemplar mit persönlicher Widmung, das heute in der Library of Congress in Washington steht und die verhängnisvolle Verbindung zwischen amerikanischer Erblehre und deutscher Rassenpolitik andeutet. "Der Untergang der großen Rasse" heißt das Buch von Madison Grant; sein begeisterter Leser war Adolf Hitler.

Das Buch, das amerikanische Soldaten 1945 in der Bibliothek Hitlers im ersten Stock des "Berghofes" fanden, hatte Hitler nicht nur auf die Liste jener Bücher gesetzt, "die jeder Nationalsozialist gelesen haben sollte", er zitierte auch in "Mein Kampf" und in vielen Reden aus Grants Buch. Manches kommt Plagiaten nahe, so unmittelbar übernahm Hitler die Argumente Grants für die Unterdrückung "minderwertigen" Erbmaterials und den Schutz der weißen Rasse. In dem Machwerk, das 1916 in den Vereinigten Staaten erschien, schnell ein Bestseller wurde und bald eine Millionenauflage erreichte, heißt es: "Wir haben fünfzig Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass die englische Sprache und ordentliche Kleidung, Schulbesuch und Kirchgang aus einem Neger noch keinen Weißen machen." In Hitlers "Mein Kampf" heißt es: "Es ist ein Denkfehler anzunehmen, dass aus einem Neger oder Chinesen ein Deutscher wird, wenn er nur Deutsch lernt und bereit ist, die deutsche Sprache zu sprechen." Mit Bewunderung und Neid blickt Hitler in "Mein Kampf" auf die in seinen Augen "fortschrittlichen" amerikanischen Gesetze, mit denen der Staat die Fortpflanzung "minderwertiger" Menschen verhindern konnte.

Kalifornien übernahm eine unrühmliche Sonder- und Führungsrolle innerhalb der "eugenischen Bewegung", die Ende des 19. Jahrhunderts aus Großbritannien nach Amerika gekommen war. Dass die neuen Theorien dort besonders populär waren, ist kein Zufall. In kaum einem anderen Bundesstaat zeigte sich schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine solche Mischung der Sprachen, Hautfarben und Physiognomien. Schwarze, Indianer, Asiaten und Hispanics beflügelten die Ängste von Grant und anderen, die meinten, die weiße Rasse müsse vor der Vermischung mit anderen geschützt werden, notfalls mit staatlichen Zwangsmaßnahmen. Alles andere, so Grant, laufe auf den "Selbstmord der weißen Rasse" hinaus - ein Schlagwort, das bis heute, hundert Jahre später, in rechtsextremen Kreisen überall auf der Welt geläufig ist. Was bei Grant die "nordische Rasse" oder auch die "großartige Rasse" war, wurde in Hitlers Rhetorik mit nur minimaler Akzentverschiebung die "arische Rasse". Während Grant von den "neuen biologischen Möglichkeiten" schwärmte, spitzte Rudolf Hess den Gedanken später weiter zu: "Nationalsozialismus ist angewandte Biologie."

Der deutsche Rassenwahn hat also amerikanische Wurzeln? Hier ist Vorsicht geboten. Im Blick auf die amerikanischen Vorläufer der deutschen Rassenpolitik und Euthanasie liegt eine apologetische Versuchung. Schon die Nazis selbst wussten um diese relativierende Wirkung und starteten 1936 eine Plakatkampagne in deutschen Städten, bei der unter der Überschrift "Wir stehen nicht allein" die deutschen Rassengesetze mit denen anderer Länder verglichen wurden. An erster Stelle standen die Vereinigten Staaten, aber mit einigem Recht konnte man auch auf Japan, England, die Schweiz und die skandinavischen Länder hinweisen, in denen zur Ausmerzung unliebsamer Erbanlagen zum Beispiel Zwangssterilisierungen vorgenommen wurden.

Doch letztlich hinkt der Vergleich. Kein Land hat seine "Rassenpolitik" mit einem solchen Organisationsgrad und so monströser Gewalt in die Tat umgesetzt wie die Deutschen. Und auch die Zielrichtung der nationalsozialistischen Politik war nicht dieselbe, wie der amerikanische Forscher Edwin Black in seinem bahnbrechenden Werk über die amerikanischen "Eugenics" nachgewiesen hat: "Amerikanische Eugeniker hatten die Vorstellung, Rassen zu erhalten und zu schützen. Erst die Deutschen hatten die Idee, andere Rassen vollständig zu vernichten, zu unterwerfen oder sie in Zukunft als Arbeitssklaven zu nutzen." Zwischen den Ideen, Experimenten, Übergriffen und gedanklichen Verirrungen, die es auch anderswo gab, und den monströsen Massenmorden der Nazis liegen Welten.

Dennoch ist es frappierend, welche gedanklichen, praktischen und nicht zuletzt finanziellen Verbindungen zwischen der etwa seit 1900 in Amerika wachsenden Szene der Eugeniker und den Vordenkern der nationalsozialistischen Rassenpolitik bestand. Theodore Roosevelt, Henry Ford, Alexander Graham Bell und John D. Rockefeller gehörten zu den prominenten Anhängern. In wenigen Jahren entstand eine Szene, in der sich wissenschaftliche Erkenntnisse und politische Ziele zum Schutz des weißen Amerikas verbanden. Sie war inspiriert von den damals populären wissenschaftlichen Theorien von Gregor Mendel und Charles Darwin, die die Bedeutung von Erbanlagen verständlicher machten, und stand zugleich unter dem Eindruck der Masseneinwanderung fremder und fremd aussehender Menschen. Fach- und Publikumszeitschriften, Kongresse und Informationskampagnen machten die "Eugenics" überall in Amerika populär. Mehrere Staaten richteten "Eugenische Ämter" ein, die vor allem erbrelevante Daten über die regionale Bevölkerung und die Einwanderer erheben sollten.


Madison Grant - Wikipedia
1907 war Indiana der erste Staat, der Zwangssterilisierungen von "Schwachsinnigen" legalisierte, 32 Bundesstaaten folgten dem Beispiel, darunter 1909 Kalifornien, wo im Laufe der folgenden Jahre Zehntausende sterilisiert wurden. Die gesetzlich festgeschriebene Indikation wurde in vielen Staaten frei interpretiert: Entweder wurde die "Schwachsinnigkeit" ohne Tests willkürlich festgestellt - oft schon bei Säuglingen und Kleinkindern -, oder Gründe wie "unmoralisches Verhalten, Prostitution, übermäßiger Sexualtrieb, Neigung zum Lügen" wurden als Legitimation für die Zwangssterilisierung herangezogen. So wurde etwa die "Virginia Colony", ein Haus für Epileptiker und psychisch Kranke, zu einer Anstalt ausgebaut, in der praktisch alle Patienten ungeachtet der Diagnose sterilisiert wurden.

Erheblichen Einfluss hatten die Eugeniker auch auf die Einwanderungsgesetzgebung Amerikas, die ab 1907 schrittweise immer restriktiver wurde und die Einwanderung von Südosteuropäern, später auch von Arabern und Asiaten verhindern sollte. Auch der Zuzug von Juden wurde ausdrücklich verboten, was in den 1930er Jahren die Einwanderung von aus Europa geflüchteten Juden erschwerte und in vielen Fällen unmöglich machte. Nicht zuletzt fand die eugenische Bewegung in den Verboten von "Mischehen" zwischen Schwarzen und Weißen ihren Niederschlag, die einige Bundesstaaten erließen. Dass es bei all diesen Gesetzen um einen Schutz der weißen Rasse ging, wurde in den Debatten im Kongress unumwunden so ausgesprochen. Erst 1967 wurde das letzte Verbot einer "Mischehe" aufgehoben.

Neben der "negativen Eugenik", also den Versuchen, die Reproduktion als minderwertig erachteter Menschen zu unterdrücken, gab es auch erhebliche Bestrebungen, in einer "positiven Eugenik" das beste Erbmaterial zu finden und die Fortpflanzung zu fördern. Zum Volkssport entwickelten sich ab 1920 die "Better Baby Contests", bei denen in einem öffentlichen Spektakel das Baby mit dem besten Erbmaterial von einer Fachjury aus Ärzten und Psychiatern ausgesucht wurde. Wettbewerbe, in denen ganze Familien nach Aussehen, Wuchs, Haar- und Hautfarbe, Muskelaufbau, Haltung, Blutdruck und Intelligenz untersucht wurden, waren zwar pseudowissenschaftliche Jahrmarktattraktionen, wurden aber von den Eugenikern gefördert, weil man so das beste Erbmaterial für weitergehende Forschungen identifizieren wollte.

Ihre besten Verbündeten sahen die amerikanischen Eugeniker in den deutschen Wissenschaftlern, die allerdings nach dem Ersten Weltkrieg unter der zerstörten Infrastruktur und der finanziellen Not der Weimarer Jahre litten. Hilfe kam in dieser Lage aus den Vereinigten Staaten. Edwin Black hat den Geldzufluss genau erforscht und Erstaunliches zutage gefördert: Die eugenische Forschung in Deutschland, die wenig später Hitler zu Diensten war, wurde ab 1926 maßgeblich von amerikanischen Geldgebern finanziert. 410 000 (nach heutigem Wert etwa vier Millionen) Dollar stiftete Rockefeller 1926, um die eugenische Forschung des Kaiser-Wilhelm-Instituts in Berlin zu fördern. Einer der Empfänger war Ernst Rüdin, der später in die NSDAP eintrat und für Hitler das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" ausarbeitete. Ebenfalls in den Genuss der amerikanischen Förderung kam Otmar von Verschuer, der unter Hitler zum führenden deutschen Rassenforscher wurde und seinen Doktoranden Josef Mengele mit medizinischen Experimenten in Konzentrationslagern beauftragte. 1929 half eine weitere Geldspritze aus den Vereinigten Staaten, das Institut für menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin zu gründen. Rockefeller und die amerikanischen Eugeniker hofften, später von den deutschen Forschungsergebnissen zu profitieren.

Nach der Machtergreifung setzte sich die enge transatlantische Zusammenarbeit noch über Jahre fort. Waren die Amerikaner den Deutschen früher in der politischen und praktischen Umsetzung der Eugenik voraus gewesen, bewunderten nun die Amerikaner das forsche Vorgehen der Deutschen unter Hitler. In den "Eugenical News" wurde 1934 ein umfassender Bericht von Hitlers Innenminister Wilhelm Frick über die neue Rassenpolitik veröffentlicht. Charles Goethe, Gründer der Eugenischen Gesellschaft in Kalifornien, bereiste in demselben Jahr Deutschland, um sich ein Bild von den massenhaften Zwangssterilisierungen zu machen. Nach der Rückkehr berichtete er stolz, die amerikanische Vorarbeit habe "die Einstellung der führenden Köpfe, die hinter Hitler stehen, geprägt. Der Einfluss des amerikanischen Denkens ist überall deutlich." Noch 1940 bereiste Tage Ellinger Deutschland, um sich über die Fortschritte der eugenischen Forschung zu vergewissern. Nach der Rückkehr veröffentlichte er einen begeisterten Artikel in der Fachzeitschrift "Journal of Heredity".

Die amerikanische Begeisterung für die "Eugenics" löste sich nach dem Zweiten Weltkrieg rasch in Luft auf. Im Lichte der deutschen Rassen- und Vernichtungspolitik, dem Mord an Millionen Juden und Zehntausenden von Kranken, gab es keine Rechtfertigung mehr für eine Erblehre, die mit Zwangsmaßnahmen die Reinheit der nordischen Rasse verteidigen will. Dass sich führende NS-Ärzte in den Nürnberger Prozessen auf ihre amerikanischen Vorbilder und Forschungspartner beriefen, wurde mit Scham zur Kenntnis genommen. Die Zwangssterilisierungen von Behinderten und Geisteskranken endeten in manchen US-Bundesstaaten aber erst Jahrzehnte später. In Kalifornien wurde das entsprechende Gesetz 1951 abgeschafft, doch zu illegalen Sterilisierungen von Psychiatrieinsassen und Häftlingen kam es noch bis zum Jahr 2010. Erst vor drei Jahren beschloss der Kongress in Washington schließlich, Opfer der Zwangssterilisierungen zu entschädigen.

Dass die Vergangenheit dennoch nicht einfach vergangen ist, sondern weiterlebt, zeigt sich nicht nur darin, dass Madison Grants Buch noch heute in den Vereinigten Staaten verlegt und gelesen wird, dass es in der Bewegung der "White Supremacists" bis heute ein Kultbuch ist oder dass der Attentäter Anders Breivik, der 2011 in Norwegen 77 Menschen tötete, in seinem Pamphlet Madison Grant als Kronzeugen seiner Rassentheorie zitiert.

Eugenik - das Wort selbst ist heute kaum noch zu hören, doch das Gedankengut der eugenischen Bewegung ist nicht aus der Welt verschwunden. Der Schoß, aus dem es kroch, ist fruchtbar noch. 

Das zeigt sich nicht nur unter Neonazis, sondern auch unter den begeisterten Anhängern einer neuen Gentechnologie, die eine pränatale Analyse des Erbmaterials ermöglicht, von denen die Eugeniker des frühen 20. Jahrhunderts nur träumen konnten. Das Motto, das sich die amerikanischen Eugeniker 1920 gaben, könnte wortgleich von den Vordenkern der heutigen Reproduktionsmedizin stammen: "Wir wollen die Kontrolle über die menschliche Evolution gewinnen." 

Der Historiker Edwin Black erkennt in den neuen Trends der genetischen Optimierung und Selektion erschreckende Parallelen: "Es wird in Zukunft nicht mehr um eine Selektion auf der Basis einer Hautfarbe, Rasse oder Religion gehen", sagt er beim Gespräch in Washington. "Die neue Genforschung bewertet und vernichtet menschliches Leben nach dem Nutzwert."

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.10.2018, Nr. 40, S. 9 - Dokumentnummer:
SD1201810075520689
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„I can’t breathe“: Blumen stehen von dem Graffiti des Künstlers Gonz, das den getöteten George Floyd zeigt. - Foto: © Dieter Leder | mannheimer morgen

es ist schon interessant - jetzt auf dem höhepunkt der diskussion und den unruhen nach der hinrichtung von george floyd hier auf einen der ur-väter der rassistischen ideologien aufmerksam gemacht zu werden.

rassistisch verquere ideologien waren ja dem "zeitgeist" der 20er jahre in der ganzen welt schon vor und nach dem 1. weltkrieg geschuldet - und galten eine zeitlang sogar als top-erkenntnisse der wissenschaft, der "biologie" und der "erblehre" und damit auch der medizin - und beeinflussen ja immer noch die "eugeniker", die sich heutzutage allerdings den modischeren namen "gen-techniker" zugelegt haben - wobei "...techniker" ja auch schon wieder veraltet klingt: bald heißen die sicherlich "digital-genetiker" oder so ähnlich ...

und noch immer versuchen menschen ihre nachkommenschaft in besonderem maße auf irgendeinem wege "heranzuzüchten" - oft genug mit sehr erniedrigenden momenten für die werdenwollenden mütter. oder es geht ihnen gar um die intelligenz ihrer kinder, an der sie genetische stellschrauben rechtzeitig im voraus schon justieren wollen.

aber sie befinden sich damit immer noch zumindest in einer ideologischen vettern-linie mit den rassenüberzeugungen eines adolf hitlers und der nationalsozialisten und des großteils des deutschen "volkes" von damals, was diese denke dann ja bis zur fanatischen "ausmerze" aller kränklichen und schwach erscheinenden menschen aus dem "volkskörper" forttrieb - zunächst über das "gesetz zur verhütung erbkranken nachwuchses" und den davon abgeleiteten zwangssterilisationen bestimmter menschen, die dem verblendeten theoretischen idealbild dieser "menschenzucht" einer "arischen rasse" nicht entsprechen konnten - ja bis hin zu den ca. 300.000-fachen massenmorden in den vernichtungsanstalten der "euthanasie", wie hitler dieses kleinteilig industriemäßig durchgetüftelte mordprozedere naseweis getauft hatte.

und dieser hitler und seine volksgenossen lesen dieses buch von madison grant wie ihre bibel und entwickeln daraus ihre verqueren wahnvorstellungen - allerdings flankiert von den eugenikern und psychiatrieärzten der zeit, die diese "erkenntnisse" "aus dem land der möglichkeiten" nachplapperten und dachten, das wäre große wissensachaft, durch nichts zu toppen - und adolf hitler himself schickt dazu dem autor einen begeisterten fan-brief, der bestimmt in gewissen kreisen, sollt er noch existieren, gegen höchstbietungen kopiert wird und zirkuliert und goldgerahmt irgendwo an der wand hängt... 


All co­lors are be­au­ti­ful? So sieht es die Ber­li­ner Ma­le­rin Co­co Berg­holm in ih­rem Werk »Co­lor Bomb«
© Co­co Berg­holm, »Co­lor Bomb«, 100x140 cm, Acryl auf Lein­wand 

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