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80 Jahre nach dem "Euthanasie"-"Gnadentod"-Erlass: Den Opfern ihre Würde zurückgeben

NS-Euthanasie

Sie wollen den Opfern ihre Würde zurückgeben


Hunderte Menschen aus dem Gebiet des heutigen Landkreises Biberach sind zwischen Januar und Dezember 1940 von den Nazis in die damalige Tötungsanstalt Grafeneck auf der Schwäbischen Alb deportiert und dort vergast; so die Schätzung von Johannes Angele, dem Leiter der Interessengemeinschaft (IG) Heimatforschung im Landkreis Biberach.

In einem neuen Projekt will die IG nicht nur eine möglichst vollständige Namensliste aller Opfer aus dem Kreisgebiet erstellen, sondern auch die Biografien dieser Menschen nacherzählen. Dabei hofft die IG auch auf Unterstützung der Bürger.

Bei den Menschen handelte es sich um Patienten, die bis 1940 in den Heil- und Pflegeanstalten in Schussenried, Zwiefalten, Heggbach oder Ingerkingen wegen ihrer zum Teil mehrfachen körperlichen oder psychischen Behinderungen oder chronischen Erkrankungen gepflegt wurden.

Geheuchelte Anteilnahme: In Briefen wie dem abgebildeten, der an eine Familie in Laupheim ging, wurde den Angehörigen der Deportierten deren Tod in einer der sogenannten Pflegeanstalt mitgeteilt. Die Todesursachen entsprachen dabei nicht der Realität, in Wirklichkeit wurden die Menschen von den Nazis vergast. (Foto: Repro: Johannes Angele/SZ)

1940 ordneten die Nazis die systematische Ermordung von Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen an. Diese im Zusammenhang mit den NS-Erbgesundheitsgesetzen „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ wurde später auch als „Aktion T4“ bekannt, die auf die dafür zuständige Zentraldienststelle in der Berliner Tiergartenstraße 4 Bezug nimmt.

Die Umkehrung des griechischen Begriffs „Euthanasie“ im Sinne von Sterbehilfe stellt mit Blick auf das systematische Töten der Nazis einen Euphemismus dar. Er wird erst in Folge der Strafprozesse nach 1945 in diesem Zusammenhang verwendet.

Um ihre Pläne im Südwesten in die Tat umzusetzen, beschlagnahmten die Nazis im Oktober 1939 – also vor genau 80 Jahren – Schloss Grafeneck und machten daraus in der Folge die erste Tötungsanstalt in Deutschland.

Mehr als 10 600 Menschen kamen dort im Jahr 1940 in der in einer als Garage getarnten Gaskammer zu Tode. Ein Zweck der Tötungen sei gewesen, dadurch ausreichend freie Lazarettplätze für die Folgen des Frankreichfeldzugs zu schaffen, sagt Angele.

Mit Postbussen abgeholt

„Die Menschen wurden mit Reichspost-Bussen aus den Pflegeanstalten abgeholt und nach Grafeneck gebracht“, schildert Bodo Rüdenburg von der IG Heimatforschung.

Er hat als Mitarbeiter der Bibliothek des damaligen Psychiatrischen Landeskrankenhauses (PLK) Zwiefalten bereits ab den 1980er-Jahren Forschungen über die „Euthanasie“ in Zwiefalten und Schussenried betrieben und publiziert.

Dass in den Erinnerungen von Zeitzeugen immer wieder von „grauen oder grünen Bussen“ die Rede sei, obwohl die Busse der Reichspost eigentlich rot lackiert waren, führt Rüdenburg auf die Zeitumstände zurück.

Zum einen habe man die Busse in Kriegszeiten aus Gründen der Tarnung umlackiert. Des Weiteren seien später die Scheiben geweißelt worden, damit man nicht mehr ins Innere blicken konnte.

Sogenannte graue Busse brachten die Opfer nach Grafeneck. Dieses Bild aus dem Jahr 1940 wurde heimlich aufgenommen. (Foto: Kreisarchiv Biberach)

Die Tötungen blieben nicht völlig verborgen, inder Bevölkerung kursierten schon bald Gerüchte. Der evangelische Pfarrer Leube aus Schussenried sprach sich in einem Brief an das Reichsinnenministerium gegen die Tötungen aus, erhielt aber nie eine Antwort. In Schussenried erfuhr man erst nach dem Krieg von Leubes Brief.

Das Thema NS-Euthanasie gelte auch heute vielfach noch als Tabu, sagt Angele. Verschämt sei nach dem Krieg darüber gesprochen worden, „dass dieser oder jener in Grafeneck durch den Kamin geschickt“ worden sei.

Seine Hoffnung sei, so Angele, dass durch die zeitliche Distanz zum Geschehen inzwischen ein offenerer Umgang damit möglich sein müsse.

Aufgrund einer perfiden deutschen Gründlichkeit gebe es namentliche Transportlisten der Deportierten. Nach der Wende seien in einem Stasi-Archiv in Berlin auch die Krankenakten vieler der Getöteten entdeckt worden, sagt Rüdenburg. „Die sind zwischenzeitlich restauriert und enthalten Krankengeschichten, aber zum teil auch Fotos und Briefe. Das ist für uns sehr hilfreich.“

Möglichst viele Lebensläufe

Die IG Heimatforschung möchte die Biografien der Getöteten aber über die Akten hinaus nachzeichnen und hofft deshalb auf die Mithilfe von Angehörigen oder anderen Menschen, die etwas über die Opfer wissen.

Ziel ist, so Angele, bis Ende des Jahres eine vollständige Namensliste aller Getöteten aus dem Kreis Biberach, geordnet nach Kommunen, zu haben und in danach möglichst viele ihrer Lebensläufe zu rekonstruieren.

Hier baut er auch auf Unterstützung der Gedenkstätte Grafeneck. Auch die Kreisarchive der Region befassten sich mit dem Thema NS-Euthanasie, sagt Angele. „Wir wollen nicht, dass die Erinnerung an diese Menschen einfach verschwindet, sondern wollen ihnen ihre Würde zurückgeben.“

Veröffentlicht werden sollen die Forschungsergebnisse am Ende in einem Buch. „Wir werden dafür Sorge tragen, dass das in würdiger Form und Sprache geschieht“, verspricht Angele. Denn die Sprache in den Krankenakten sei menschenverachtend.

aus: schwäbische.de (click)

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heute vor 80 jahren erklärte adolf hitler dem nachbarland polen den krieg. das war aber nur die eine seite - die kriegserklärung nach außen. 

sogen. "gnadentod-erlass"
aber später - im nachhinein datiert auf das gleiche datum - erklärte er den krieg nach innen, in dem er den von ihm so bezeichneten "gnadentod"-erlass unterzeichnete bzw. nur mit seinem namenskürzel paraphierte.

rein formal-juristisch war dieser mord-erlass nur ein stück papier, aber vor 80 jahren erlangte ein solcher zettel geradezu "gesetzes"-und eine unbedingte befehls-kraft. inzwischen haben einige gerichte und auch internationale gutachter in der nachkriegszeit festgestellt, dass dieser erlass dem reichsgesetzbuch widersprach - und nie und nimmer menschen zum morden hätte bringen und binden dürfen.

aber nicht nur der krieg nach außen setzte das "normale" leben außer kraft, sondern auch dieser krieg nach innen setzte all diesen rassenwahn-irrsinn größtenteils ohne jeden widerspruch durch. 

hitler hatte eigentlich 1941 - nach 18 monaten - diesen "erlass" wieder zurückgenommen, nach protesten der kirchen und einzelner angehöriger gegen dieses morden in den sechs eigens dafür errichteten vernichtungsanstalten im reichsgebiet. 

in der sogenannten "aktion t 4" wurden dafür zentral in berlin über 71.000 per fragebogen ausgewählte "unbrauchbare" personen ein solch makaberer "gnadentod gewährt". und doch: ab beginn 1942 wurden diese massenmord-aktionen nun dezentral völlig unkontrolliert und stickum weitergeführt in der sogenannten "wilden euthanasie" und im ablauf der "aktion brandt". 

denn in dieser "aktion brandt" wurde ad-hoc organisiert, die kriegsversehrten menschen aus dem bombenkrieg und von der front in pflegebetten der psychiatrischen heilanstalten zu behandeln. dafür mussten aber die "angestammten" psychiatrischen langzeit-patienten per anordnung platz machen - und wurden in neue eigens dafür umgewidmete vernichtungsanstalten in die okkupierten gebiete besonders im osten deportiert - wo die deutsche zivilbevölkerung dieses vernichten mit barbituraten und durch verhungern nicht mehr so direkt mitbekommen sollte.

in wirklichkeit ging es aber bei all diesen massenmorden um (volks-)wirtschaftliche belange, denn der krieg verschlang ja auf dauer milliarden reichsmark. deshalb wurde immer die "wirtschaftliche verwendbarkeit" all der infrage kommenden patienten geprüft - und wer aufgrund seiner behinderung oder erkrankung keine "leistung" mehr erbrachte, wurde zum "unnützen esser" abgestempelt - und mit seiner ermordung ersparte sich der staat die unterbringungskosten und die sozialabgaben.

menschenleben wurden in diesem krieg ja zu reinen zahlen und kostenfaktoren degradiert und hin und her verschoben mit dem rechenschieber - und jede ehrfurcht vor göttlichem leben kam abhanden und wurde rassen-ideologisch passend verbrämt und rein wirtschaftlich bewertet.

heute morgen sagte ein nachrichten-sprecher im autoradio, vor 80 jahren habe "nazi-deutschland" dem nachbarland den krieg erklärt und damit den zweiten weltkrieg ausgelöst.

ich finde diese begrifflichkeit "nazi-deutschland" in diesem zusammenhang etwas abspaltend und vielleicht gewissermaßen entlastend: aber ein "nazi-deutschland" hat es meines erachtens nie gegeben, sondern eine mehrheitlich und mit überwiegend hurra gewählte reichsregierung unter der führung der "nsdap" - für mich ist es deshalb der krieg, den deutschland gegen die welt außen und gegen die willkürlich ausgewählten nicht leistungsfähigen oder rassistisch aussortierten menschen nach innen geführt hat.

und so ganz können auch wir "nachgeborenen" nun nicht die verantwortung aller deutschen, unserer elten und großeltern, einfach an der kasse abgeben - und schwamm drüber - und wird schon wieder ... - und vor allen dingen: das alles war kein "vogelschiss" der geschichte.

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VIDEO-DOKUS ZUM "EUTHANASIE"-VERBRECHEN:

ORF-Doku 1984: Unwertes Leben – NS-Psychiatrie in Österreich, Film von Peter Nausner


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