"

der ahnungslose nolde-"rentner"

Emil Noldes „Rentner“ von 1920. Foto: Philipp Ottendoerfer | NW



Nolde-Bild kehrt nach Bielefeld zurück

Die Nazis hatten das Werk „Rentner“ 1937 als „entartet“ beschlagnahmt und verkauft.

Von Stefan Brams | Neue Westfälische

Vor 100 Jahren hat Ernst Nolde sein Bild „Rentner“ gemalt. Ein visionäres Werk, das das Altsein imaginiert. Eine Arbeit, in der der Künstler seine eigene Physiognomie spiegelt und ein allgemeinmenschliches Thema eindrucksvoll und berührend umgesetzt hat.

Ein Kunstwerk, das von 1929 bis zum Jahr 1937 im Kunsthaus Bielefeld, dem Vorläufer der Bielefelder Kunsthalle zu sehen war. Dessen Leiter Heinrich Becker hatte es für die eigene Sammlung aus einer dort gezeigten Nolde-Ausstellung heraus angekauft. Doch am 23. August 1937 wurde es zusammen mit 135 weiteren Werken, die den Nazis als „entartet“ galten, beschlagnahmt, nach Berlin gebracht und als „international verwertbares“ Kunstwerk verkauft.

Doch nun kehrt das Bild zurück in die Kunsthalle Bielefeld. Denn dieser ist es gelungen, das Werk, das 2018 aus Privatbesitz wieder auf dem Kunstmarkt auftauchte, für die die eigene Sammlung zurückzukaufen. Laut Mitteilung der Kunsthalle gelang dies „dank Fördermitteln der Kulturstiftung der Länder und dank der Unterstützung Brigitte und Arend Oetkers sowie anderer privater Geldgeber und unter Beteiligung der Stadt Bielefeld“. Letztere machte 45.000 Euro frei für den Rückkauf.

Über die genaue Rückkaufsumme wurde gestern nichts mitgeteilt. Angeboten worden war das Bild im Jahr 2018 auf dem Kunstmarkt zum Preis von 680.000 Euro.

Die Kunsthalle äußerte gestern, „glücklich zu sein“ über die Rückkehr des Bildes. Es ist nach dem Bild „Sämann“ von Christian Rohlfs das zweite 1937 beschlagnahmte Hauptwerk, das seinen Weg zurück in die Sammlung findet.

Die Kunsthalle besitzt neben dem „Rentner“ zwei weitere Werke von Nolde – „Männerköpfe“ aus dem Jahr 1912, das 1961 erworben wurde, und „Tropenwald“ (1914), das der Kunsthalle von der Firma Dr.. Oetker 1951 geschenkt wurde. Noldes „Rentner“ füge sich kongenial in den Sammlungsschwerpunkt „Klassische Moderne“ ein, so die Kunsthalle.

Text und Bild: Neue Westfälische, Donnerstag, 13.2.2020, S.22 Kultur/Medien

____________________________________________
KOMMENTAR: Richtig so 
Es mutet schon befremdlich an, dass die Kunsthalle Bielefeld für den Rückkauf eines Bildes, das ihr bis zur Beschlagnahmung durch die Nazis gehörte, nun erneut zahlen muss. Wieso kann der Verkauf aus dem Willkürakt von 1937 eigentlich legal sein, so dass jetzt 680.000 Euro fließen müssen, um das Bild zurückzukaufen? Dennoch war es richtig, Noldes Werk wieder für die Sammlung zu erwerben. Gut, dass sich die Kunsthalle dafür erfolgreich stark gemacht und Partner gefunden hat. 
stefan.brams@ihr-kommentar.de
____________________________________________

obwohl noldes werk an sich wenigstens in der zeitungs-reproduktion im ersten moment etwas "hingehuscht" wirkt, besticht ja bei näherer betrachtung diese leuchtkraft um stirn, augen und nasenflügel - und dieser feste und doch auch irgendwie bittende frontale blick face to face - und der "expressionismus", so sagt der name ja schon, steht für "ausdruckskraft" - mit dem aus-druck gleichzeitig das innerpsychische und den willen und die anspannung nach außen pressen - und dadurch auch einblick zu gewähren: eine äußerliche antwort auf die frage: "und - wie geht es dir?...".

ja - und "befremdlich" ist wohl der richtige ausdruck für diesen deal, der ja anscheinend aus direkten oder indirekten steuermitteln und aus stifter- und spendengeldern für wohl ca. 680.000 uro getätigt wurde...

und der kommentar fragt ja auch brav: "Wieso kann der Verkauf aus dem Willkürakt von 1937 eigentlich legal sein, so dass jetzt 680.000 Euro fließen müssen, um das Bild zurückzukaufen?" 
- um dann jedoch abrupt diese frage gar nicht ernsthaft weiter abzuklären - sondern quasi mit einem "schulterzucken" auszurufen: "Dennoch war es richtig... -  Gut, dass sich die Kunsthalle dafür erfolgreich stark gemacht und Partner gefunden hat."

nun bin ich ja in sachen provenienz-forschung für die in der ns-zeit beschlagnahmten kunstwerke, die als "ent-artet" deklariert und "beschlagnahmt" wurden, ein totaler laie, aber mir fallen dann diese dubiosen machenschaften um diese "gurlitt"-depots ein, wo man 2013 "zwischen saftkartons und konservendosen" (sz) in einer schwabinger wohnung eine riesige sammlung an nazi-raubkunst entdeckt hatte, mit denen seinerzeit der kunsthändler hildebrand gurlitt geschäfte gemacht hat. 

als der sohn cornelius gurlitt mal wieder eines der werke aus diesem fundus "unter dem mantel" etwas dubios veräußern wollte, fand sich dieses umfangreiche "kunst-depot" dort in schwabing und wohl auch in einer wohnung in salzburg mit insgesamt 1.500 werken. 

im zuge dieses "gurlitt-depot"-fundes wurde nun auch das besitz- und veräußerungs- und vererbungs-recht hin und her gebeugt, wem denn nun diese raubkunststücke letztlich gehören - und der "freistaat bayern" machte dabei nicht immer die souveränste figur.

ich weiß nun gar nicht, ob noldes "rentner" mit teil dieses gurlitt-fundes war, aber ich wundere mich schon, dass ich über das "woher" dieses werkes so wenig erfahre, aber anscheinend mit vereinten pekuniären kräften diese kaufsumme gestemmt wird - für ein 1937 "beschlagnahmtes" bild.

wo war es also von 1937 bis 2018, als es wohl plötzlich "im kunsthandel" wieder "angeboten" wurde, und bis dahin als "verschollen" galt???

und inwieweit war in diesem ganzen deal die "lost art-datenbank" eingebunden, die ja der erfassung von kulturgütern dient, die infolge der nationalsozialistischen gewaltherrschaft verbracht, verlagert oder verfolgungsbedingt entzogen wurden. sie wird vom "deutschen zentrum kulturgutverluste" in magdeburg betrieben, die ja sicherlich auch aus steuermitteln unterhalten wird.

okay - sie kümmert sich wohl hauptsächlich um kunstwerke, die im jüdischen besitz waren und nun an die rechtmäßigen erben zurückgegeben werden sollen/müssen ...

aber gilt gleiches nicht auch für beschlagnahmte kunst in den museen und galerien, die als als "entartet" eingezogen wurden, und zur aufbesserung der kriegskasse vom handlanger hildebrand gurlitt und anderen auf dunklen wegen für die ns-machthaber weiterveräußert wurden.

gibt es dafür nicht auch einen anspruch auf "rückgabe" - und müssen tatsächlich zur wiederherstellung der ursprünglichen besitzverhältnisse hier "starke partner" und steuermittel in nicht geringem umfang eingesetzt werden?

auch kriminelle kunsträuber handeln ja schlicht mit der gleichen blaupause: man entwendet ein bedeutendes werk aus einem museum, lagert dieses werk in einem bankschließfach ein paar jahre oder jahrzehnte ein - und bietet es dann auf dunklen wegen oft über einen rechtsanwalt oder notariat dem "kunsthandel" oder dem geschädigten museum zum rückkauf an - was leider auch allzuoft fast reibungslos gelingt.

und gehässigerweise sei noch angemerkt, dass ja auch der gesamte "legale" kunstmarkt mit seinen oft spektakulären auktionen sich letztlich diesem simplen "wertsteigerungs-prinzip" verschrieben hat: 
  • beschaffen und vom markt nehmen - 
  • liegenlassen und einlagern - 
  • nach jahren anbieten und mit oft sagenhaften gewinnmargen weiterveräußern - 
eine besondere form einer simplen einfachen aber lukrativen gelddruckmaschine. 

also - ich bin wohl damit einverstanden, dass der "rentner" nun nach 83 jahren wieder auf seinen angestammten und für mich auch als rechtmäßig empfundenen platz an der wand in der kunsthalle bielefeld zurückkehrt - auch wenn ja ein damals beschlagnahmtes "entartetes" werk vom inzwischen posthum überführten enthusiastischen mit-nazi emil nolde auch heutzutage irgendwie ein "gschmäckle" hat. aber über das wie und warum und weshalb hätte ich doch gern etws mehr erfahren.

insofern kann ich nicht dazu einfach "richtig so!" ausrufen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen