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Zwangsdigitalisierung

Wenn Kultur nur noch online geht

Viele Veranstaltungen müssen wegen der Coronavirus-Krise abgesagt werden. Um sie zu retten, werden sie digitalisiert. Doch eine Verlagerung ins Netz führt zu einer Vereinzelung des Publikums - und neuen Fragen.

VON ANDRIAN KREYE | SZ

Es liegt natürlich nahe, Kulturveranstaltungen in Zeiten von Corona-Verordnungen zu retten, indem man sie digitalisiert. Auch wenn das ein Kraftakt ist. Die Veränderungen für die Kultur an sich könnten dabei langfristiger sein als die Krise selbst.

Zum "International Film Festival and Forum on Human Rights" kommen zum Beispiel jedes Jahr um die 40 000 Besucher nach Genf, um Filme über Menschenrechte anzusehen und Zentralfiguren aus dem Kampf um sie zu erleben. Das Festival darf in diesem Jahr nicht stattfinden, weil Veranstaltungen mit mehr als tausend Gästen in der Schweiz bis zum 15. März verboten sind, und das Festival vom 6. bis 15. März stattfindet. Weswegen die Veranstalter sich sehr kurzfristig entschlossen, das Festival zu virtualisieren. Das heißt: Filme und Podiumsdiskussionen werden im Internet übertragen (fifdh.org). Auch der Wettbewerb findet statt. Die Jury guckt online und stimmt in einer Videokonferenz ab.

48 Stunden brauchte das Team, um alles umzuorganisieren. Das ist beeindruckend und ein Punktsieg für die digitalen Technologien. Festivalleiter Bruno Giussani sieht sogar einen Vorteil in der Krise. In seiner virtuellen Form kann das Festival mit seinen Anliegen sehr viel mehr Menschen auf der ganzen Welt erreichen.

Auch die Leipziger Buchmesse versucht, etwas vom Programm zu retten. Die diesjährigen Preise für Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung sollen am 12. März im Programm von Deutschlandfunk Kultur bekannt gegeben werden. Und mithilfe der Fernsehsender MDR und ARD wird das geplante Bühnenprogramm von der Messe ins Netz und ins Radio verlegt. Solche Beispiele häufen sich. Im La Fenice in Venedig spielte das Dafne-Streichquartett vor leerem Saal - und Kameras. Und in Südkorea präsentierte die K-Pop-Band BTS ihr neues Album mit einer Telekonferenz im Netz.

Jede Digitalisierung von Kultur bedeutet eine Aufsplitterung des Publikums in einsame Nutzer vor ihren Bildschirmen

Die Coronavirus-Krise treibt auf diese Weise eine Entwicklung voran, gegen die es eigentlich erheblichen Widerstand gibt. Denn jede Digitalisierung von Kultur bedeutet auch eine Aufsplitterung des Publikums in einsame Nutzer vor ihren Bildschirmen.

Auch Festivalleiter Bruno Giussani ist sich dessen bewusst. Eine Veranstaltung zum Thema Menschenrechte ist allerdings ein Spezialfall. Botschaft und Anliegen sind da größer als das Bedürfnis nach gemeinsamem Erleben. Hinzu kommt, dass er im Vorteil ist, weil er in seinem anderen Job als Co-Kurator des Ideenfestivals Ted Conference über viel Erfahrung im Umgang mit einer größtmöglichen Anzahl von Kanälen verfügt, da die Ted mit Netz-Videos und Online-Gemeinschaften immer schon teilweise virtualisiert war. Aber Kultur funktioniert anders.

Was also, wenn der Kulturbetrieb nun wie auch andere Branchen merkt, dass man mit digitalen Mitteln sehr viel weniger Aufwand betreiben muss? Die verwaisten Flughäfen und leeren Jets dieser Tage zeigen schon, dass das Dienstreisenwesen in Zukunft sehr viel spartanischer ausfallen könnte, weil das nicht nur für die Umweltbilanz, sondern auch für die Kostenstrukturen besser wäre.

"Dies ist der Moment, an dem wir uns auch Gedanken darüber machen müssen, ob wir in den letzten 15 Jahren bei der Digitalisierung von Kultur nicht viele falsche Wege gegangen sind", sagt Giussani. "Der Austausch in 140 Zeichen ist reines Reagieren auf Schlüsselreize." Kann die Zwangsdigitalisierung der Kultur in diesen Tagen also auch ein Neuanfang der Digitalisierung an sich sein? Weil man Wege finden muss, Gemeinschaftsgefühle und Erlebnisse anders zu organisieren? Fragen, auf die es derzeit, wie auf so viele andere, noch keine Antworten gibt.

aus: Süddeutsche Zeitung (SZ) - Samstag, 7. März 2020 - Artikel 2/18 Feuilleton

na ja - ich bin mit meinen arbeiten schon seit über 10 jahren digitalisiert online hier im netz - mit meiner gallery, meiner website mit den links zu den blogs, meinem youtube-channel und meinen bildmagazinen bei yumpu - und darüberhinaus mit meiner info-mediathek "erna's story" zur zwangssterilisation und zur "euthanasie"-ermordung meiner tante erna kronshage.

und alles in allem besuchen bzw. "clicken" ca. 3.000 bis 6.000 user monatlich diese online-angebote.

sicherlich - ich weiß nicht, mit welcher intention die meine arbeiten aufsuchen oder ich weiß nur begrenzt, wie lange sie schauen und lesen und auf wieviel seiten sie gehen - aber ich bin mit art & weise meiner publikums-frequenz zufrieden: klein aber fein - mal mehr oder weniger "gut geclickt"...

wenn nun in dem artikel zu digitalisierten kultur-events im zeichen des coronavirus die "vereinzelung des publikums" bemängelt wird, so ist das für mich erst einmal nur ein schwaches argument. denn wenn ich mal leibhaftig an einem kulturellen "event" in real life teilnehme, habe ich auch nur ganz wenig small-talks mit den anderen gästen, zumeist schweigt man sich ja sogar in der pause an der sekt- und süßigkeiten-theke an - und die meisten kommen zur letzten minute - und stürzen nach beendigung der veranstaltung, der performance oder der vernissage flugs nach hause oder treffen sich im kleinen vertrauten kreis.

nach meinen beobachtungen ist da nicht viel mit rudel-bildung und erbauendem snack und neuen bekanntschaften.

da seh ich die großen vorteile der digitalisierten kultur eher in der allgemeinen barriere-freiheit - jede(r) kann kommen und gehen und annehmen und ablehnen ganz anonym - ganz wie er/sie will - und im unterhemd oder im schlafanzug oder im smoking - im bett, am frühstückstisch, auf der eisenbahnfahrt - überall - und die zugangszeiten sind 24/7, also unbegrenzt, wenn die technik mitspielt - und das alles sogar montags...

und auch bei der gallery in real life im echten leben weiß man nicht, wie lange der zuseher vor einem werk verbringt und welches interesse er mitbringt - und ob es entsprechend "click" in seinem kopf macht ... 

viel spaß und erbauliche betrachtungen und lektüre...


clicken, sehen & fühlen


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