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Die Rekonstruktionen der tödlichen Abfolgen

Gedenken an vergessene Deportierte

FH-Studenten bringen ein dunkles Kapitel der Stadtgeschichte ans Licht. Ihre Recherchen belegen „Krankenmorde“ an Bethel-Patienten im Nationalsozialismus. Schulen sind jetzt aufgerufen, dazu zu forschen.

Von Christine Panhorst | NW

Ein Stolperstein erinnert an die aus Bethel deportierte Jüdin Olga Laubheim. Für weitere deportierte Bethel-Patienten soll es nun eine vergleichbare Gedenkkultur in der Stadt geben, das hofft die Forschungsgruppe an der Fachhochschule Bielefeld.
Foto: Wolfgang Rudolf





26 Schicksale gerieten in Vergessenheit. Es sind die Schicksale von Bielefelderinnen und Bielefeldern, die in der Zeit des Nationalsozialismus deportiert, später gezielt getötet wurden oder an den Folgen menschenunwürdiger Lebensbedingungen verstarben. Die Gemeinsamkeit: Sie waren nicht jüdischen Glaubens und galten als „unheilbar krank“. Durch neue Recherchen hat eine Gruppe Studenten um FH-Professor Claus Melter und die Studentin Sevim Dik nun aufgedeckt, wer diese Opfer von „Krankenmorden“ waren. Viele waren Bethel-Patienten. Heute, auf den Tag genau 75 Jahre nach Weltkriegsende, gibt es für sie noch immer keine Gedenkkultur. Das soll sich ändern.
  • Die Bielefelderin Hedwig Möller, am 21. November 1941 aus Bethel nach Gütersloh verlegt, zwei Jahre später als „ungeheilt“ in die Heilanstalt Meseritz deportiert und dort nach elf Tagen im Alter von 37 Jahren verstorben.
Seit 2017 gibt es die Forschungsgruppe an der Fachhochschule Bielefeld, die Bielefelds und Bethels Geschichte im Nationalsozialismus erforscht. Immer wieder geht es dabei um das Thema Euthanasie. Jetzt sind Melter und seine Studenten durch intensive Recherchen im Münsteraner Archiv des Landesverbands Westfalen-Lippe (LWL) auf weitere Opfer gestoßen. „Bei unseren Forschungen zum Betheler Kinderkrankenhaus sind wir darauf gekommen, dass auch Erwachsene in Zwischenanstalten deportiert wurden“, berichtet der Wissenschaftler von der Fachhochschule Bielefeld. 22 ehemalige Bethel-Patienten seien in andere „Heilanstalten“ verlegt worden, galten als „ungeheilt“ und kamen daraufhin in der NS-Zeit ums Leben. „Diese drei Kriterien lassen auf sogenannte Krankenmorde schließen, die wir weiter erforschen wollen.“
  • Die Bielefelderin Elfriede Droste, am 21. November 1941 aus Bethel „ungeheilt“ in die Heilanstalt Gütersloh verlegt, am 14. August 1942 im Alter von 29 Jahren dort verstorben.
Laut Melter war es für die Patienten oft eine Deportation in Etappen. Das belegen unter anderem akribisch geführte „Ein- und Ausgangslisten“ der Heilanstalten in der NS-Zeit. „Einige Opfer wurden so zunächst in Heilanstalten in Gütersloh und Lengerich verlegt, von dort weiter nach Münster, bevor sie in Marsberg getötet wurden“, erklärt Melter. Dort habe es neben einer sogenannten „Kinderfachabteilung“ auch eine LWL-Klinik für erwachsene Psychiatrie-Patienten gegeben. „Hier sind Menschen vermehrt zum Sterben hingeschickt worden.“ In beiden Anstalten sei im Nationalsozialismus entschieden worden: Wer wird am Leben gelassen, wer getötet?
  • Gustav Kleinert aus Bielefeld, am 12. November 1941 aus Bethel in die Heilanstalt Gütersloh verlegt, dort als „ungeheilt“ am 19. Juli 1942 mit 49 Jahren verstorben.
25 Männer und 23 Frauen sind so laut den intensiven Recherchen der FH-Studenten 1941 aus Bethel in die Heilanstalt Lengerich „verlegt“ worden. In fünf Fällen konnte ihr Weg in den Tod nachgezeichnet werden: Alle fünf wurden im Dezember 1944 aus Bethel als „ungeheilt“ entlassen. Alle starben in den Jahren 1944 und 1945 in Marsberg.
  • Ernst Bäcker, am 2. November 1941 „ungeheilt“ aus Bethel verlegt, am 14. Oktober 1944 im Alter von 16 Jahren in Marsberg gestorben.
Im Bielefelder Stadtarchiv sei die studentische Forschungsgruppe zudem auf Akten von Personen gestoßen, deren Urnen nach Bielefeld an das städtische Polizeipräsidium geschickt wurden oder direkt an den Sennefriedhof, berichtet Melter. „Der genaue Bezug nach Bielefeld, warum ihre Urnen hierher verschickt wurden, ist in diesen vier Fällen noch nicht ganz eindeutig.“ Waren auch sie zu einem Zeitpunkt Bethel-Patienten oder hatten Familie in Bielefeld? Alle vier wurden in der Tötungsanstalt Hadamar in Hessen ermordet, zwei über Zwischenstation in Marsberg. In Hadamar wurden laut heutigem Forschungsstand mehr als 14.000 Menschen mit Behinderungen und psychiatrischen Erkrankungen im Nationalsozialismus ermordet.

Claus Melter von der Fachhochschule hat mit seinen Studenten zur Euthanasie an Bethel-Patienten geforscht.
Foto: BARBARA FRANKE



  • Anna Almodt wird am 22. Juli 1941 mit 50 weiteren Patienten ins Tötungsanstalt Hadamar gebracht und ermordet. Ihre Asche wird nach Bielefeld geschickt.
Die Aufarbeitung habe erst begonnen, sagt Melter. „Für diese Menschen gibt es keine Stolpersteine, ihre Namen stehen nicht bei denen der Deportierten auf der Steele am Bielefelder Hauptbahnhof, zu ihnen gibt es keinen Ausstellungen, keine Erinnerungsprojekte.“ Noch nicht. „Unser Anliegen ist es, diesen Menschen durch einen gemeinsamen Gedenkprozess in Bielefeld und in Bethel und durch die Namensnennung die Menschenwürde zurückzugeben.“

  • Ein wichtiger Baustein könnten dabei Projekte an Bielefelder Schulen sein. „Dazu möchten wir aufrufen“, so Melter. Schulprojekte könnten zu den Schicksalen der einzelnen Personen forschen, ihre Geschichten erzählen, herausfinden, ob es noch Nachfahren gibt, und Stolperstein-Initiativen für die aus Bethel deportierten Personen anstoßen.
  • Von der Forschungsgruppe zu Bethel im Nationalsozialismus werde die Begleitung solcher Projekte angeboten. „Wir geben Tipps für die Recherche, erklären, wie man in Archiven fündig wird“, so Melter. Interessierte Studenten, Schüler, Lehrer können sich bei ihm per E-Mail melden unter claus.melter@fh-bieleld.de.
Text & Bilder: NEUE WESTFÄLISCHE v. 08.05.2020, S. 14, Lokalteil Bielefeld

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das wird ja ein echt spannendes projekt, dass da von fh-professor claus melter und seinen studenten ins leben gerufen wird: denn ein paar lebens-"end-stationen" in den benannten anstalten und einrichtungen der im text vorgestellten ungeklärten lebensschicksale sind nach meinem dafürhalten als ausgemachte ns-"euthanasie"-stätten bisher noch gar nicht in erscheinung getreten, sondern eher als "zwischenanstalten", von wo dann die deportationen in die endgültigen vernichtungsanstalten erfolgten.

insofern ist schon zu fragen, ob die für meinen geschmack etwas salopp formulierten annahmen der forschungsgruppe um prof. melter auch einer tatsächlichen fakten-überprüfung und forschung standhalten werden - etwa wenn da geschrieben steht:
  • "22 ehemalige Bethel-Patienten seien in andere „Heilanstalten“ verlegt worden, galten als „ungeheilt“ und kamen daraufhin in der NS-Zeit ums Leben. „Diese drei Kriterien lassen auf sogenannte Krankenmorde schließen, die wir weiter erforschen wollen.“ - oder
  • „Einige Opfer wurden so zunächst in Heilanstalten in Gütersloh und Lengerich verlegt, von dort weiter nach Münster, bevor sie in Marsberg getötet wurden“, erklärt Melter. Dort habe es neben einer sogenannten „Kinderfachabteilung“ auch eine LWL-Klinik für erwachsene Psychiatrie-Patienten gegeben. „Hier sind Menschen vermehrt zum Sterben hingeschickt worden.“ In beiden Anstalten sei im Nationalsozialismus entschieden worden: Wer wird am Leben gelassen, wer getötet?"
die genannten scheinbar "drei kriterien": 

1. aus bethel "in eine andere heilanstalt" verlegt zu werden - 
2. als "ungeheilt" zu gelten - und 
3. "daraufhin in der ns-zeit ums leben zu kommen" 

lassen so lapidar noch nicht auf tatsächlich vorsätzliche (!) "sogenannte krankenmorde" schließen - eben - wie gesagt - einfach auch, weil die anstalten, die in den beispieltexten als letztendliche stationen  genannt  werden, bisher in der seit fast 40 jahren andauernden "ns-"euthanasie"-erforschung als so organisierte tötungsanstalten bisher nicht auftauchen und benannt werden -

das gilt auch für die sogenannte "wilde euthanasie", die ab 1942 - dezentral von berlin - vornehmlich in eigenverantwortung der einzelnen bezirke und reichsprovinzen in dortigen provinzial-heilanstalten vororganisiert wurden - zum abtransport und zur deportation in die tatsächlichen vernichtungsanstalten.
hier wurde noch "gezielt" deportiert (etwa zum "freiräumen" benötigter lazarettbetten wegen der immer zahlreicher werdenden uniformierten und zivilen kriegsverletzten) - zumeist aus dem reich in die okkupierten östlich angesiedelten anstalten - in jedem fall aber möglichst außerhalb des beobachtungs-fokus der kirchen (protest kardinal graf v. galen in münster und pastor braune in freistatt/bethel) und der tatsächlich betroffenen und auch z. t. widerstrebenden familienangehörigen. 

die "kinderfachabteilung" im genannten marsberg als stätte der dort tatsächlich auch durchgeführten kinder-euthanasie-morde wurde wohl bereits 1941 geschlossen, nach protesten aus der bevölkerung und den angehörigen. in dortmund-aplerbeck wurde diese abteilung dann weitergeführt.  

man deportierte die "ausgesuchten" ns-euthanasie-mordpatienten ab 1942/43 gezielt in die weitere "peripherie", um "gerede & gerüchte" zu vermeiden und das tödliche tun zu vertuschen - und schützte sich prophylaktisch so auch vor einer zu erwartenden späteren verfolgung, denn ab ende 1943 war eigentlich jedem klar, dass dieser krieg verloren war - und die ns-ideologie zum scheitern kommt - und ein grundständiges unrechtsbewusstsein meldete sich ja im gewissen wieder an...

insgesamt war die "euthanasie"-tötung so industriell kleinteilig durchorganisiert, dass eine in straffer abfolge von zunächst von "täter-ketten" nichtssagenden "handlanger"-verrichtungen schließlich von wechselnden diensthabenden die letztendliche "tödliche dosis" verabreicht wurde - und so aber ein "täternamen" - eine person - nicht mehr auszumachen war und habhaft gemacht werden konnte - oder nur unter großer recherche-anstrengung.

in den provinz-anstalten hier im alten reichsgebiet war nach derzeitigen kenntnissen zur fraglichen zeit eine solche "gezielte" abfolge gar nicht mehr aufgrund der kriegswirren und zerstörungen organisierbar und durchführbar oder erfolgreich nach "außen" hin zu verbergen...

die neue forschungsinitiative von professor melter mit seinen studenten hin zu schulen, die zum mittun aufgerufen sind, ist natürlich zu begrüßen, um noch mehr licht in das geschehen tatsächlich zu bringen - und die geschilderten "blinen flecken" aufzuarbeiten.

ich bin gespannt und hoffe auf eine rege rückmeldung von schulen und lehrenden... 
     


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