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Synästhesie

Mein Montag ist gelb und rund

Ich sehe Geräusche, fühle Farben, schmecke Wörter: In meinem Gehirn sind Bereiche verknüpft, die eigentlich nicht zusammenarbeiten sollten. Ich bin Synästhetikerin.

Von Julia Schmitz

Es ist Mittwochmorgen, halb sieben: Vor meinem inneren Auge explodiert urplötzlich ein Feuerwerk, gleichzeitig fühlt es sich an, als drücke jemand meinen Oberkörper auf die Nägel eines Fakirbretts. Ich stehe senkrecht im Bett, weil die Müllabfuhr mit laufendem Motor vor meinem Haus hält und Hunderte Glasflaschen mit lautem Klirren in den Wagen kippt. Für die meisten Menschen in der Großstadt ist so eine Situation nicht weiter erwähnenswert, sie stopfen sich Watte in die Ohren und schlafen weiter. Aber nicht für mich: Ich höre das zerbrechende Glas nämlich nicht nur, ich spüre es auch körperlich – und ich kann das Geräusch sehen.

Was ist bei mir anders, warum nehme ich akustische Eindrücke auf diese Art wahr? Synästhesie nennt man das neurologische Phänomen, das sich hinter der Hypersensibilität meiner Sinnesorgane verbirgt. Während der Großteil der Menschen auf Reize mit nur einem Sinn reagiert – Töne hören, Farben sehen, Gerüche riechen – feuern bei mir oftmals alle Synapsen durcheinander. Areale, die im Gehirn weit auseinander liegen, reagieren bei Synästheten gemeinsam: Wir sehen Geräusche, schmecken Farben, fühlen Buchstaben. Oft sind zwei, manchmal auch drei oder vier Sinne miteinander in Kontakt. Wissenschaftler des Forschungszentrums Jülich und der Kölner Universitätsklinik für Neurologie fanden vor einigen Jahren heraus, dass Synästheten mehr graue Gehirnsubstanz aufweisen als Nicht-Synästheten; unter anderem in dem Bereich, der für die Farbwahrnehmung zuständig ist.

Nur eine Person unter tausend, hieß es lange, besitze diese Form der Wahrnehmung. Mittlerweile wird die Dunkelziffer aber weitaus höher eingeschätzt, rund vier Prozent aller Menschen könnten von Synästhesie betroffen sein, ohne es zu wissen. Denn wer fragt seine Freunde schon, ob sie das Geräusch eines vorbeifahrenden Motorrads auch als ein bräunliches Knäuel sehen oder sich von einem orangefarbenen M unangenehm bedrängt fühlen? Wer kommt von sich aus auf die Idee, dass nicht für alle Menschen der Freitag die Form eines blauen Quadrates hat? Viele Jahre lang erzählte ich kaum jemandem von der bunten Welt in meinem Kopf. Tat ich es doch, stieß ich oft auf Unverständnis. Du siehst Farben, wenn du Musik hörst? Nimmst du zu viele Drogen?



Was in der Zusammenfassung tatsächlich wie die Halluzinationen eines LSD-Trips klingt, kann auf Dauer ganz schön anstrengend sein: Weil alle Kanäle weit geöffnet sind, befindet sich mein Gehirn rund um die Uhr im Dauerbeschuss. Fährt ein Krankenwagen mit eingeschalteter Sirene an mir vorbei, muss ich mich stur auf meinen Weg konzentrieren, überhöre dabei Fragen oder vergesse, wo ich hinwollte. Zu stark ist der Druck auf meine Kehle in diesem Moment, zu einnehmend das Bild eines wabernden roten Streifens vor meinem inneren Auge. Noch unangenehmer ist es bei Regen, wenn das Geräusch des aufspritzenden Wassers auf der Straße mich zusätzlich im Ohr kitzelt und einen silbrig-glimmernden Vorhang vor mein inneres Auge schiebt. Gibt es einen Knall oder eine Explosion, setzen mich ein riesiger brauner Fleck und ein gefühlter Faustschlag in die Magengrube für einen Augenblick außer Gefecht.

Um Körper und Geist von diesem Neuronenfeuer zu befreien, fahre ich regelmäßig in den Wald, wo es ruhig ist. Dann legt sich die Stille wie eine samtig weiche und weiße Decke über mich, ein Specht klopft ein paar schwarze Punkte in mein Sichtfeld und das Rauschen der Kiefern wird zu einem sanften Glitzern.

Dass ich die Welt um mich herum anders wahrnehme als die meisten meiner Bekannten, wurde mir erst spät bewusst. Dabei hatte ich meine Synästhesie schon früh entdeckt: Mit fünf Jahren – ich hatte gerade die Namen der einzelnen Wochentage gelernt – fragte ich meinen Vater, welche Farbe und Form der Montag für ihn habe, meiner sei gelb und rund. "Bei mir ist er grün und dreieckig", antwortete er, nahm sich meine Buntstifte und malte seine Woche auf ein Blatt Papier. Den Begriff Synästhesie hatte er zu dem Zeitpunkt noch nie gehört, erst viele Jahre später sollten wir feststellen, welche wundersame Fähigkeit wir beide teilten.

Wäre der Alltag nicht viel zu farblos?

Ob Synästhesie tatsächlich genetisch vererbt wird und wenn ja, wie, ob sie immer nach dem gleichen Muster oder individuell entsteht – das alles konnte die Wissenschaft bisher noch nicht endgültig entschlüsseln. Während eine Theorie besagt, dass sich Synästhesie erst mit dem Erlernen von Sprache und Schrift entwickelt, somit von Kultur und Umwelteinflüssen geprägt wird, setzt eine zweite Theorie früher an: Möglicherweise seien die neuronalen Verbindungen bereits im Fötus vorhanden und wären im Falle von Synästheten einfach nicht zurückgebildet worden. Ist Synästhesie also gar keine Abweichung der Wahrnehmung, sondern der von der Natur gedachte Normalzustand, den die Menschen im Laufe der Evolution einfach nur verlernt haben?

Das Phänomen der gekoppelten Wahrnehmung ist bereits seit Jahrhunderten bekannt, doch galt es lange Zeit als unheilbare Krankheit. Erst im 19. Jahrhundert erstarkte das Interesse daran, wurde der Begriff Synästhesie geprägt, der sich aus den altgriechischen Worten syn (zusammen) und aisthesis (Empfinden) zusammensetzt. Seitdem wird unermüdlich gerätselt und geforscht, auch die Kunst hat diese ungewöhnliche Gemeinschaft der Sinne Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckt. Viele Komponisten, Maler und Schriftsteller waren und sind Synästheten, darunter Vladimir Nabokov, Wassily Kandinsky oder David Hockney.

Mehr als 150 verschiedene Arten der Synästhesie gibt es laut dem amerikanischen Neurologen Richard E. Cytowic, der sich seit den Achtzigerjahren intensiv mit dem Phänomen beschäftigt. Manche davon haben nicht einmal eine Bezeichnung, weil sie schlicht nicht in Worte zu fassen sind. Als ich im Zuge einer Recherche auf eine Auflistung stoße, kann ich immerhin rund 15 Formen der Synästhesie bei mir entdecken.

Am häufigsten verbreitet sind das Farbensehen und die Graphem-Farb-Synästhesie, bei letzterer werden Buchstaben und Zahlen automatisch mit einer Farbe verknüpft. Lese ich die Zahl fünf, sehe ich sofort Rot, auch wenn mir bewusst ist, dass der Text in Schwarz gedruckt ist. Das B und das H tragen ebenfalls diese Farbe, genau wie der Dienstag – und der Schmerz, wenn ich mal wieder mit der Hüfte gegen die Schreibtischkante gestoßen bin. Führe ich ein Gespräch, werden die Worte dank Ticker-Tape-Synästhesie vor meinem inneren Auge als Untertitel angezeigt. Meine Termine stehen wie in einem Kalender auf den bunten Wochentagen aufgelistet, Abgabefristen und Telefonnummern vergesse ich selten, weil ich mir die Farbkombination der Zahlen gemerkt habe.

Manchmal hat die Farbe eines Namens sogar Einfluss darauf, ob mir eine Person sympathisch ist oder nicht: M und F in sattem Orange und hellem Braun haben es schwer, sympathischer sind das zitronengelbe C, das grasgrüne G oder das royalblaue L. Höre ich klassische Musik, sieht es in meinem Kopf aus wie auf einem expressionistischen Gemälde, Techno erscheint als gleichmäßiges Raster aus meist schwarzen Punkten. Alle Synästhesien werden noch verstärkt, wenn ich müde bin; manchmal muss ich meine Mitbewohnerin bitten, das Geschirrspülen auf später zu verschieben, weil sich das Klappern des Porzellans wie Nadelstiche in meinem Gesicht anfühlt.

Andere geben viel Geld aus, um mit chemischen Drogen ähnliche Effekte zu erzeugen. Ich hingegen habe keine Wahl: Die Synästhesie kann man nicht abstellen, sie wird mich bis an mein Lebensende begleiten. Und trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, ohne sie zu sein. Wäre der Alltag nicht viel zu farblos? Die meiste Zeit läuft sie zum Glück einfach nebenher und stört mich nicht, doch manchmal bin ich von den ganzen Eindrücken der Großstadt überfordert. Dann wünsche ich mir ein kleines Haus am Meer: Wo mich das Wellenrauschen wie flauschige Zuckerwatte umhüllt und meine fünf überaktiven Sinne gemeinsam zur Ruhe kommen können.


  • Julia Schmitz, geboren 1983 in Köln, arbeitet als freie Kulturjournalistin und Autorin in Berlin. Sie ist Gastautorin vom Autorinnen-Kollektiv "10 nach 8".

aus: zeit/kultur


ich habe mal gelernt, das gehirn sei ähnlich in seiner "fitness" wie ein muskel: ein entsprechendes training sensibilisiere seine synapsen und weiterleitungsbahnen zu neuen oder routinierten aktivierungssträngen und ermöglicht verknüpfungen: entweder zur neuen idee: "heureka" = ich hab's - oder eben zum automatisierten routineablauf wie viele unbewusste funktionsabläufe z.b. beim autofahren "fast wie im schlaf" ...

gerade bei schlaganfall-patienten werden so ja bei partiellen ausfällen die alten funktionen wieder neu trainiert und oft gänzlich wiederhergestellt.

aber wenn dem so ist, müsste ich doch auch ein synästhetisches empfinden "antrainieren" können - zumal es ja keine "normen" dafür gibt. das jeweilige synästhetische wahrnehmen ist ja bei den davon "betroffenen" bzw. "beschenkten" personen jeweils unterschiedlich: wat dem einen sin uhl - is dem annern sin nachtijall - was der eine als gelb und als wohltat empfindet, schreckt vielleicht den symästheten nebenan, der dazu ein kackbraun sieht - bis er sich eben daran gewöhnt hat: jawohl - so ticke ich eben - und der andere eben anders...

die synästhesie ist eine gabe, die meines erachtens flexibilität und toleranz erfordert - sowohl im geben wie im nehmen ...

ich stelle manchmal sogar bei meinem kurzen mittagsnickerchen oft ein "farberwachen" von einigen zehntelsekunden dauer fest - vollständig grell wechselnd zwischen den 3 grundfarben: gelb - rot - blau, bis sich dann flugs die gewohnten farben in ihren "tönen" wieder einstellen und kalibrieren.

meine augenärztin meinte, das seien durchblutungs-umschaltstörungen, die im "augenblick" vom schlaf ins wach auftreten könnten - und je nach frequenz so unterschiedlich daherkommen...

auch habe ich mich gefragt, ob das "blaumachen" bzw. der "blaue montag" eine von synästhetikern geprägte redensart ist - aber meine recherche hat ergeben, dass daran die alten stofffärber schuld waren. die legten nämlich die stoffe, die sie färben wollten, am sonntag in ein färbebad, und erst am montag wurde die gefärbte wolle dann aus dem bad genommen und an der luft getrocknet, wodurch der stoff durch eine chemische reaktion die farbe blau bekam. aber an diesem montag konnte keine andere färbung durchgeführt werden: es wurde der "blaue montag"...  - war also nix mit synäshesie ...

aber wie sollte auch: was für den einen synästhetiker der "blaue montag" tatsächlich "blau" war - fühlte sich für den "kollegen" vielleicht quittengelb an ... "gelber montag" ...

ich glaube aber, ein bisschen "synästhetiker" sind wir alle, steckt in jedem menschen - denn wir alle empfinden individuell nuanciert und entwickeln ja verschiedene "geschmäcker" - und während ich den bass bei der musik gern aufdrehe, geht meine frau laufen - und der bass verursacht ihr regelrecht schmerzen - und dreht ihn wieder ab.

und auch die verschiedenen vorlieben für speisen sind sicherlich von der synästhetischen hirnfunktionen gesteuert.

so viel ich weiß, ist nicht klar. ob wir objektiv tatsächlich alle exakt die gleichen farbtöne sehen, oder ob die bei jedem einzelnen nuncierte individuelle eigenheiten und abweichungen von person zu person haben. diese individualität lässt sich ja auch kaum objektiv testen - auch nicht beim "farbblindheits-test" - denn die optische wahrnehmung lässt sich kaum irgendwie neutralisieren. zum beispiel weiß man auch nicht, ob beim alten johann sebastian bach der 4/4-takt metronomisch genauso war wie heutzutage - da gibt es sogar glaubenskriege von musikschule zu musikschule, von orchester zu orchester...

ein schönes experiment dazu ist es wohl auch, nach musik zu malen, ohne sich von der person am nebentisch bzw. an der nebenstaffelei inspirieren zu lassen: und zu der gleichen musik werden fünf menschen fünf völlig unterschiedliche kunstwerke erschaffen: ein jeder nach seinem synästhesie-gusto - nach seiner fasson ... und der eine ist muslim und der andere zeuge jehovas - und beide haben recht -
auf denn ...




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