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die vergewaltigung einer gebrochenen schrift (update 25.01.2019)




ach - es ist gar nicht so einfach heutzutage, mal so richtig (in) fraktur zu reden, ohne in eine ganz bestimmte ecke (ab)geschoben [click]  zu werden - ... tja - was kann die arme sowieso schon "gebrochene" fraktur-schrift denn auch dafür, dass man sie andauernd von und für nazis missbraucht und vergewaltigt hat - und sie von medien immer noch einfach zum markenzeichen und synonym für alles 'rechte' hochstilisiert wird.

denn auch jetzt - 75/80 jahre nach der nazi-herrschaft - setzt der spiegel auf einem titel in diesem sinne wieder fraktur-lettern: "Sac-h-sen" steht da als schlagzeile: "Sac" in einer serifenlosen moderneren fettschrift - das folgende "h" ist zum zwitter stilisiert: links eine hälfte antiqua, den abschwung des h rechts als fraktur - um dann mit "sen" in einer immer bräunlicher werdenden frakturschrift diese schlagzeile zu beenden - um so mit schrift zu suggerieren: der "freistaat" sachsen gleitet immer mehr in die rechte ecke ...
und diese virtuelle rechts-nationalistische ecke wird hier nun wieder - womit auch sonst ? - mit fetten fraktur-lettern symbolisiert ...

völlig zu unrecht übrigens - was die verwendung der fraktur betrifft ... - aber da komme ich später drauf zurück ...

stern-titel 05/2019
deutsche erstausgabe 
des ersten bandes von 
"mein kampf", juli 1925 (wiki) 
und ausgerechnet der "stern", der ja seinen großen redaktionsskandal 1983 mit den  hitler-tagebüchern hatte, titelt in frakturschrift auf heft nr. 05 vom 24.01.2019: "Ihr Kampf - Wie die Rechten unser Land verändern - in Schulen, Vereinen, Politik ..." - und "Ihr Kampf " steht da weiß auf knallrot als synonym für den hitler-titel "mein kampf" ... - und wieder wird dazu die fraktur verwendet, um damit das "rechts-sein heute" zu symbolisieren - und der original-einbandgestaltung "mein kampf" von damals nachzueifern ...

als gelernter schriftsetzer - noch so richtig mit winkelhaken und gutenberg-bleilettern - musste ich mich in der lehrzeit intensiv auch mit der "gebrochenen schrift", der "fraktur" [click!!!], auseinander-"setzen". wir mussten sie lesen lernen, was aber ganz gut klappte, waren ja selbst zu der zeit noch schulbücher in frakturschrift - und die bibel und andere alte wälzer sowieso ... wir mussten lernen, zwischen lang-s und rund-s zu unterscheiden, wobei in der frakturschrift das s am ende einer silbe immer ein rund-s oder schluss-s zu sein hatte, am anfang oder innerhalb der silben aber ein lang-s verwendung fand. auch die alte "sütterlin"-handschrift, die noch in schulen als schönschreibschrift bis in die 40er jahre - unabhängig von der ns-zeit - gelehrt wurde, unterschied diese lang- und rund-s regeln - und das war ja noch die "schönschrift" meiner eltern.

wie oft aber sieht man heute also bei fahrten durch deutsche lande die tatsächlich korrekte schreibweise der "gaststätte" in der alten fraktur-schrift mit den beiden lang-s - s-t-"ligaturen" ... ???


auch "sachsen" 
müsste mit einem 
fraktur-lang-s
geschrieben werden
aber auch auf diesem von mir hiermit beanstandeten spiegeltitel hat man die lang-s-regel wieder übersehen - bzw. sich einfach darüber hinweggesetzt, weil der "gag" wichtiger war als der fachgerechte umgang mit schrift. okay - ein lang-s kann heutzutage kaum noch jemand im vorübergehen entziffern: und ein magazin-titel sollte ja auch im vorbeigehen eindruck schinden.

bormanns runderlass -
ausgerechnet mit einem
 frakturschrift-briefkopf  [click]
es ist schade, dass die mittelalterliche frakturschrift mit der nazi-zeit als kulturgut derartig mit "verb(r)annt" wurde - denn mit "rechts" oder "nationalsozialismus" hat die schrift von haus aus gar nichts zu tun. adolf hitler him-self hat sich und die partei und alles nazi-schrifttum bereits ab 1941 von den "gebrochenen" fraktur-schriften "als deutsche schriften" klar distanziert [click !!!] - und soll sie in seiner verblendung eine schrift mit "juden-haken" genannt haben - und tatsächlich sind ja einige fraktur-buchstaben (hier sei auch wieder mein geliebtes lang-s anzuführen) einigen hebräischen schriftzeichen ziemlich ähnlich ... auf alle fälle hat martin bormann als hitlers "stellvertreter" und vertrauter in einem rundbrief 1941, die weitere verwendung der fraktur-schrift ausdrücklich untersagt. [click]

und hier müssten vielleicht noch forschungen angestellt werden, wie ein paar hebräisch  - hier und da sogar auch arabisch anmutenden einzel-lettern im mittelalter eingang in die verwendeten druckschriften fanden (stichworte hierzu vielleicht: hanse-handel - seidenstraße) ... - und auch die schrift als solche wurde vor ca. 5000 jahren zuerst in mesopotamien - heute irak/iran/syrien (!) - als "keilschrift" geschrieben - und unabhängig davon auch in ägypten als "hieroglyphen" (stichwort: "emojis"): die schrift ist also ein ursprünglich arabisches kulturgut! (stichwort: antike bibliothek von alexandria)...

übrigens - wenn ich hier im text von "fraktur"-lettern schreibe unterscheide ich nicht noch extra die "schwabacher", die "rotunda", die "textura", die "gotik", alles ähnlich geschnittene schriften, die sich in charakteristischen nuancen allerdings unterscheiden und z.t. auch unterschiedlich verwendet wurden, wegen der unterschiedlicher lesbarkeit und dem jeweiligen duktus und charaktere ...

aber so geht es ja auch mit worten und begriffen, die seit der ns-zeit tabuisiert sind oder auf dem "political-correctness-index" stehen (z.b. zigeuner, lügenpresse, völkisch, umvolkung, abartig, sonderbehandlung, artfremd u.a.m.) ... - die wörter können nichts dafür - aber die begriffe sind - hier zu recht - "no-go-areas" geworden ...

eine druckschrift jedoch darf als kulturgut nicht einfach mit einer ideologie verb(r)annt werden.


und die "frankfurter allgemeine zeitung" und die ehrwürdige 'linke' "new york times" z.b. neben vielen vielen anderen blättern verwenden die fraktur noch heute in der titelzeile. auch die evangelische kirche hat noch in den fünfzigerjahren die bibel in fraktur drucken lassen (die fraktur gilt als "luthers schrift") – und das bestimmt nicht, weil sie ns-klänge damit anstimmen wollen.

und deshalb habe ich ja auch mit meinem neuen logo - der lang-s-
variante "si" in einer alten hier etwas bauchigen fraktur-lettern-ligatur (zwei buchstaben in einem zeichen) ein denkmal gesetzt - und mich dabei einzig und allein von der eigentlichen ästhetischen schönheit der frakturlettern leiten lassen ... - auch ganz bewusst in opposition zu den ausführungen jenes adolf hitler zu diesem thema, der plötzlich die "lateinische antiqua" favorisierte.

das wiederum hatte allerdings damals auch ganz praktische gründe: in den von deutschland überfallenen ländern konnte man die fraktur-schrift kaum noch entziffern und "bekanntmachungen" oder "befehle" in fraktur-lettern kaum veröffentlichen... - allerdings konnten auch alle zeitungen in deutschland nicht plötzlich ihr bleiernes druckschriftgut auf "befehl" hitlers auf antiqua umstellen ...

"C'est à l'aide du concept 
de signe qu'on ébranle 
la métaphysique de la présence."  
("Mit dem Konzept des Zeichens
erschüttert man die Metaphysik der Präsenz") -
Jacques Derrida: Die Schrift und die Differenz.
Frankfurt/Main 1972, S. 422-442, hier S. 425.
CLICK DAZU AUCH HIER 

mein "bekenntnis zur fraktur" - einfach als schöne schrift - als über 500 jahre altes "wertkonservatives" kulturgut europas und der welt, das es zu bewahren gilt - ganz losgelöst von der relativ kurzen schwerpunkt-verwendung unter den nazis - und gegen die "rechte" vereinnahmung heutzutage:

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