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mein oster-spaziergang

mein oster-"spaziergang" war gestern eine fahrt zum "kahlen asten" nach winterberg im sauerland. ich liebe diese stimmung dort, weil sie mich auch immer etwas an "urlaub" erinnert mit den vielen motorrad-bikern dort und den vielen "touris" aus den niederlanden und belgien, die in winterberg und in willingen ihre bergwelt- und alpensehnsucht stillen: ein kurzurlaub also für ein paar stunden - mit der entsprechenden "infra-struktur"...

auf dem weg dorthin hörte ich im wdr die vormittags-sendung "ostersonntag", in der die hörer gefragt wurden, was sie ostern unternehmen - (sie sollten dann mails schreiben oder anrufen) - und in der von der wdr-redaktion vorschläge gemacht wurden, für einen ostersonntags-ausflug.

und u.a. interviewte dann der sendungs-redakteur marco schreyl einen waldexperten zu den vorzügen eines osterspaziergangs im wald: und dieser "förster" war ganz in echt "be-geistert" - im wahrsten sinne des wortes: er bedauerte, wie "wald" heutzutage vielerorts zu einem reinen wirtschaftsfaktor in bezug auf "holz" verkommen ist, in dem das eigentliche ökosystem "wald" in seiner gesunden und widerstandsfähigen diversität gegen stürme und dürre oder nässe um des profits willen eingeschränkt wird. 

um das ursprüngliche wieder zu erleben, müsse man eigentlich zu waldparzellen zurückkehren, die ur-wald ähnlich sich selbst überlassen sind. und dann könnten wir erleben, wie in einem wald die glückshormone im menschen aktiviert werden, wie  diese glückshormone angestachelt werden: da sind nämlich die wald-duftstoffe und ätherischen öle der bäume (die sogenannten terpene) - und auch die gerüche von walderde, pilzen, blumen, moos, blättern und harzen wirken positiv auf die psyche und die körperliche gesundheit. genieße die beruhigende stille im wald, um von innerer unruhe zu mehr ruhe zu finden. 

denn aus dieser "lebensküche" wald entstammt der ur-mensch und die meisten tiere, so die vermutung des waldpropagandisten - und im wald kehrt man quasi in den uterus der menschheit in all seiner natürlichkeit ein. 

und man könne auch geradezu "sehen", wie die bäume miteinander kommunizieren, wie sich ihr laub an verschiedenen(!) stellen ganz unterschiedlich neigt und bewegt und rauscht, auch ohne windzug von außen - und wie eigentlich ursprünglich jeder baum darauf achtet, welcher nachbar zu ihm aufwächst, den er dann mit hochpäppelt und schützt und nährt - schon durch das wurzelwerk, das alle mit allem verbindet und impulse weiterleitet.

wahrhaft österlich wurde es dann, als er berichtete, wie aus dem immer mehr verrottenden "totholz" sich irgendwann neue triebe bilden, die sich vom zerbröselten torso des altholzes nun ernähren.



  • welch ein bild: aus dem "totholz" entwickelt sich das neue leben - und am besten dann, wenn es vom menschen einfach unberührt liegenbleibt: das ist doch fantastisch - und echt österlich ...
gefallener rest meines baumfreundes
mit diesem hochgefühl an erkenntnis kam ich auf dem kahlen asten an, wo ich schon früher immer einen altes abgetakeltes baum"gerippe" besuchte, das sich kahl und geschunden anfangs wie eine alte einzinkige forke noch in den himmel reckte, aber so vor ca. 7-8 jahren aus dem aufrechten stand zu boden gesunken war - entweder niedergerungen von dort randalierenden wandalen - oder eben vor altersschwäche niedergesunken und umgekippt.

ich habe damals zu seinen ehren ein kleines video gemacht, mit alexandras song: "mein freund, der baum, ist tot..." (s.u.)

seitdem führt mich mein weg alle paar monate immer wieder nun zu seiner lagerstatt, wie er dort weiter vor sich hin bröselt. und bisher war es meist ein gefühl von trauer, das mich erfüllte, wenn ich ihn da so verrotten liegen sah ...

neues leben aus meinem alten baumfreund
doch nun - nach der "ostersonntags-waldpredigt" im wdr vom waldexperten - sah ich den alten baumrest neben all seine leidensgefährten hier oben auf dem "kahlen asten" mit ganz anderen und hoffnungsvolleren augen.

der 842 meter hohe berg - mehr bergrücken als berggipfel - heißt ja wohl '"kahler" asten' weil wind und wetter hier oben all den bäumen in der hier dominierenden zwergstrauch-hochheide mit heidelbeer- und ginstergesträuch den baum-sprösslingen und sämlingen auch durch die beweidung mit schafen und ziegen immer wieder rasch den garaus machen - und die baumgrenze hier eben durch entsprechende beweidung und rückschnitte unterhalb künstlich auf ca. 800 meter gedrückt wurde. 

nun aber - sensibilisiert durch die worte des waldexperten im radio zuvor - hatte ich plötzlich meinen österlich fokussierten und selektierenden blick auf all die jungen sprösslinge und triebe, die sich aus dem oft vermoosten und mit heide durchwirkten wurzelwerk des altholzes der baumstümpfe dennoch kraftvoll einen weg bahnten und noch nicht von den weideschafen und -ziegen verbissen wurden.

  • nochmal: aus dem "totholz" entwickelt sich also neues leben - immer wieder neues sterben und erneutes sprießen - und am besten passiert dieser ganz natürliche "gottgegebene" kreislauf von tod und leben im wald und wohl auch anderswo dann, wenn er vom menschen einfach in ruhe und sich selbst überlassen wird, ohne beweidung durch schafe und ziegen, die ja hier aufs hochheide-"naturschutzgebiet" aus landschafts"schutz"gründen hochgetrieben werden.
das ist ja die alte diskrepanz: ob die natur"schützer" es besser machen als der/die/das natur"schöpfer"...

Diesen Baum-Krüppel besuchte ich seit Jahren oben auf dem Kahlen Asten. Vor einiger Zeit nun war er gewaltsam umgekippt worden - von Menschen, die  seine Eigenart und sein Alter nicht achteten ... - Wenn Du auf das Bild clickst beginnt eine Nachruf-Slideshow ...






Erfolgsgenre Naturliteratur
Mein Freund, der Baum

Über den Boom der Bücher, die „geheime“ Natur als funktionierendes soziales Gefüge feiern.


Von Arno Frank | taz 

Während ich diesen Text schreibe, vertrocknet draußen auf dem Balkon der Pfennigbaum. Ich lasse ihn seit Wochen leiden, vermutlich. Ansehen kann ich ihm seine Qualen noch nicht, er speichert das Wasser in seinen dicken Blättern und wirkt ganz zufrieden. Könnte er aber reden, er würde mich sicher ansprechen: „Sorry, Alter, wie wär’s mal wieder mit der Gießkanne? Außerdem kitzeln mich die Ameisen!“

Die Insekten sind in der gleichen Erde, in die er seine Wurzeln geschlagen hat, und schicken bisweilen Scouts auf der Suche nach Süßem in die Wohnung. Was sie sonst noch treiben, entzieht sich meiner Kenntnis. Möglicherweise leben sie in Symbiose mit dem Pfennigbaum oder anderen Pflanzen da draußen.

Wollte ich das alles genau wissen, hätte ich es wesentlich leichter als noch vor ein paar Jahren. Auf der Suche nach entsprechender Literatur über Insekten, Pflanzen, ihre Befindlichkeiten und Wechselwirkungen würde ich im Buchladen nicht mehr gemustert wie ein wunderlicher Kauz. Im Gegenteil. Natur hat Konjunktur.

Bestseller Baumbuch

In Deutschland hat der Förster Peter Wohlleben den Wald und seine Bewohner wieder in Erinnerung gebracht – in seinem Erfolg nur noch vergleichbar mit Sabine Bode, die den Bewohnern der zerbombten deutschen Städte eine Stimme gegeben hat. Bücher wie Wald ohne Hüter, Bäume verstehen oder Mein Wald erscheinen noch weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. 2015 landete er mit Das geheime Leben der Bäume. Was sie fühlen, wie sie kommunizieren – die Entdeckung einer verborgenen Welt einen Bestseller.

Es ist kein trockenes Bestimmungsbuch und keine Anthologie. Hier kleidet der Fachmann seine Begeisterung in eine Sprache, für die seine Leserschaft empfänglich ist. Gerade so, wie Stephen Hawking in Eine kurze Geschichte der Zeit astrophysikalische Phänomene wie die Quantenmechanik oder Schwarze Löcher einem Laienpublikum erklärte, bringt Wohlleben forstwirtschaftliche Erkenntnisse unter die Leute. Er tut dies „augenzwinkernd“ und in Anlehnung an eine märchenhafte Sprache, vor allem aber mit hemmungslosen Anthropomorphismen.

Wenn Altes vergeht und Neues wird, klingt das bei ihm so: „Eines Tages ist es endlich so weit. Der Mutterbaum hat die Altersgrenze erreicht oder ist krank geworden. Im prasselnden Platzregen hält der morsche Stamm die schwere Krone nicht mehr und bricht splitternd auseinander. Wenn der Baum auf den Boden aufprallt, erwischt es auch ein paar wartende Sämlinge. Der Rest des Kindergartens bekommt durch die entstandene Lücke ein Startsignal, denn nun können sie nach Herzenslust Fotosynthese betreiben.“

Die Reromantisierung von Natur

Dergleichen wärmt das Herz und nährt den Verstand. Vor allem vermittelt es eine Vorstellung von der Natur als soziales Gefüge, von dem wir entfremdeten Menschen uns eine Scheibe von abschneiden sollten. Mit neuen Enthüllungen über Das geheime Netzwerk der Natur. Wie Wolken Bäume machen und Regenwürmer Wildschweine steuern erweitert der schreibende Förster nun die Bresche, die er in den deutschen Buchmarkt geschlagen hat – der nun von vergleichbaren Werken geflutet wird. Es ist eine Reromantisierung im Gange.

In Der Gesang der Bäume schlägt der US-Biologe David G. Haskell in die gleiche Kerbe, zugleich aber einen noch poetischeren Ton an. Wie ein Pilger nähert er sich einem Pfirsichbaum in Manhattan, einem Olivenbaum in Jerusalem oder einer Pappel in Denver. Pflanzen treten hier als Persönlichkeiten auf, denen der Spezialist ökologische Botschaften über „die verborgenen Netzwerke der Natur“ ablauschen kann.

Sachlichere Literatur erklärt uns, wie wir mit Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten wieder zu Selbstversorgern werden können, welche Kräuter am Wegesrand welche Krankheiten heilen und wie leicht es ist, auch in der Stadt unter die Imker zu gehen. Nebenbei sickert ökologisches Bewusstsein bereits in die Literatur, beschwört ein aktueller Bestseller wie Die Geschichte der Bienen (Maja Lunde) ebenfalls exakt jene schicksalhafte Vernetzung von Mensch und Natur, die augenscheinlich gerade in Auflösung begriffen ist.

Sehnsucht nach dem Magischen

Dabei steht diese Sehnsucht nach einer Wiederverzauberung der Welt in einer langen Tradition. Jeder Fortschritt ist ein Stolpern nach vorne, ins Ungewisse, und weckt das Bedürfnis nach Rückversicherung. So war bereits die ursprüngliche Romantik eine Abwendung von den klassischen Idealen der Aufklärung, eine Besinnung auf Märchen und Mythen einer „eigenen“ Kultur, im Hinblick auf eine „beseelte“ Natur noch verstärkt durch die Verheerungen der beginnenden Industrialisierung ab dem späten 18. Jahrhundert.

Auf die industrialisierten und globalisierten Gemetzel des „Großen Krieges“ folgten Lebensreform und „Luftbäder“, und der Nobelpreisträger Maurice Maeterlinck empfahl Das Leben der Bienen, Das Leben der Ameisen oder Das Leben der Termiten als Vorbilder für ein gedeihliches Miteinander auch der Menschen – sozusagen ein erweiterter Völkerbund und Einbeziehung der Insektenvölker, ergänzt um die vegetative Intelligenz der Blumen.

Die New-Age-Bewegung als Reaktion auf das Atom- und Raumfahrtzeitalter hat nur Gesänge euphorischer Laien hervorgebracht. Damit ist es heute nicht getan. Der aktuelle Fortschrittsschock ist von Globalisierung, Digitalisierung und Virtualisierung verursacht. Das Gefühl der allgemeinen Entgrenzung bei gleichzeitiger Vernetzung erzeugt keine Euphorie mehr, sondern Agoraphobie. Bücher wie Das geheime Netzwerk der Natur oder Der Gesang der Bäume knüpfen in ihrem zärtlichen, beschwörenden und Achtsamkeit gegenüber der Schöpfung einfordernden Ton direkt an Maurice Maeterlinck an.

Aufklärer als Esoteriker

Hier schreiben Experten. Es sind die Aufklärer selbst, die sich als ganz unverhohlen als charismatische Esoteriker anbieten – also als Eingeweihte, die ihr „Geheimwissen“ vermitteln, bei aller Neoromantik freilich befreit von übersinnlichem Brimborium. Ihr wissenschaftlicher Blick auf das Kleine, Analoge und Greifbare suggeriert eine Übersichtlichkeit, die in unübersichtlichen Zeiten ungeheuer erholsam wirken kann.

Der eigentliche Trost allerdings ist ausgerechnet in den rituellen Ermahnungen zu Einfühlung, Achtsamkeit und Demut verborgen. In ihnen steckt die Botschaft, dass es doch noch eine Wende zum Guten geben könnte, dass wir selbst es in der Hand haben, dem Fortschritt eben nicht hilflos ausgeliefert sind.

Zu diesem Zweck müssen wir nicht einmal unser Leben ändern. Es genügt, wenn wir uns „entselbsten“, wie David Haskell schreibt, und unsere bescheidene Rolle im geheimen Netzwerk annehmen. Es genügt, wenn wir den Pfennigbaum gießen.

  • Peter Wohlleben: Das geheime Netzwerk der Natur. Ludwig, 2017. – 224 Seiten., 19,99 Euro.
  • David G. Haskell: Der Gesang der Bäume. Kunstmann, 2017 – . 288 Seiten., 22,99 Euro.



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